In einer Schule eines demokratischen Landes gehört die Frage nach dem Warum zu den grundlegenden Tugenden. Der Grad an Transparenz bei Entscheidungen gerät zum Gradmesser für sie als demokratisches Vorbild. Das schließt sehr wohl die Frage nach einer medienkritischen Bildung ein – und vorab die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Im Kontext einer (medien)kritischen Diskussion existieren keine Tabus. Blinde Flecken darf es nicht geben, auch und gerade in Bezug auf den Nutzen und Schaden von Monopolen, Datenschutz, Dateiformaten und den gesellschaftlichen Hintergrund von quelloffener Software.

Keine Diskussion

Dass es genau diese Diskussion zur Zeit gar nicht gibt, sollte kein Hindernis sein. Es hat nämlich seine Gründe. Seit einigen Jahren hat sich der PC bei vielen Lehrern als Arbeitsgerät durchgesetzt. Diese schätzen den Komfort der schnellen Verfügbarkeit von Informationen zum Planen und Unterrichten auf zeitgemäßen Niveau. Nichtsdestotrotz behält der Unterricht ohne PC und ohne Laptop seinen Reiz und seinen festen Platz im Lehrplan.

Jedes Bundesland fordert zudem inzwischen, dass die Schulen einen kritischen Umgang mit den digitalen Medien lehren; die Voraussetzungen seien in der Universität und im Vorbereitungsdienst zu schaffen. Und längst gibt es eine breite Diskussion um den Einsatz und die obligatorische Nutzung digitaler Medien in den Schulen. Nur findet diese Diskussion vor dem Hintergrund einer weitgehend alternativlose Systemlandschaft und unter Berücksichtigung einzelner Verlagsinteressen statt.

In beiden Fällen verweisen die Akteure auf legitime Interessen. Ein wesentlicher Kernpunkt der Medienkritik besteht daher darin, dass die äußerst erfolgreiche Strategie von Microsoft, Rechner immer nur mit dem entsprechenden Konzern-Betriebssystem und darauf basierender Anwendersoftware zu vertreiben, zu einer Dominanz von Microsoft-Betriebssystemen und -Anwendungen auf den allermeisten Rechnern und damit auch den Privatrechnern von Lehrerinnen und Lehrern geführt hat.

Monokultur Lehrplan

Entsprechend fallen Schulungsmaßnahmen ("Intel I" und "Intel II") wie reine Produktschulungen für Microsoft-Applikationen aus. Dies führt bis heute dazu, dass eine Präsentations-Software unter Lehrern wie selbstverständlich "Powerpoint" heißt. Für die Ausbilder mit einem Anliegen in Sachen kritischer Medienbildung erweist sich die Allgegenwart der Microsoft-Produkte insofern eine große Hürde, als im Alltag erprobte Alternativen nicht bekannt sind oder nur marginal vorhanden.

Regierungsvertreter in den verschiedenen Bundesländern nennen diese freiwillig eingegangene Abhängigkeit gerne "Partnerschaft mit Microsoft" und übersehen dabei die – und das gilt es deutlich zu unterstreichen – enorme finanzielle Folgen sowie die mittlerweile unter einigen Nutzern steigende Bereitschaft, Urheberrechte durch illegal kopierte Software zu verletzen. Das Risiko, soziale Barrieren zu errichten oder zu zementieren, fällt dabei zusätzlich ins Auge.

Alternativen vorhanden

Dieser Tendenz ließe sich äußerst wirksam begegnen, wenn grundsätzlich und ausschließlich lizenzkostenfreie Betriebssysteme und Anwendungen in Schule und Ausbildung flächendeckend zum Einsatz kämen. Tatsächlich gibt es im Bereich Anwendersoftware für den Einsatz in den Schulen inzwischen zahllose lizenzkostenfreie Angebote. Auf der Ebene der Betriebssysteme stehen leistungsstarke und zuverlässige Alternativen bereit.

Ein großer Teil lizenzkostenfreier Anwendungen eignet sich selbstverständlich für Ausbildungszwecke. Umfassende und kommentierte Sammlungen solcher Programme und Anwendungen für die Ausbildung stehen unter dem Schlagwort Seminar-CD (Ausbildung) [1] für Leherer oder in einer Variante für Schüler [2] bereit.

Dies wäre ein erster Schritt, ohne sozialer Barrieren allen Schülerinnen und Schülern wie auch dem Lehr- und Ausbildungspersonal auf breiter Basis gut anwendbare Programme zur Verfügung zu stellen. Angesichts der Ausgabefreudigkeit mancher Länder für proprietäre Software und den Verlagsinteressen, ihr proprietären Produkte abzusetzen – wohl wissend, dass hinter jeder gekauften Lizenz eine Anzahl an Raubkopien stehen – erweist sich jedoch der Mangel an Lizenzkosten als echtes Hinderniss.

Bei einer aktiven und eigenverantwortlichen Mediengestaltung muss es darum gehen, Produktionsbedingungen von Medien erkennen und einsehen zu können. Es muss zum Beispiel möglich werden, selbst etwa einen Beitrag zu einem Lokalradio zu entwickeln und zu gestalten. Und selbstverständlich werden sich Mediengestalter mit der Frage quälen müssen, weshalb eigentlich jeder Hersteller einer Videokamera sein eigenes Format schreiben muss und wie dieses Format in ein anderes umgewandelt und lizenzrechtlich korrekt abzuwickeln ist.

Urheberrecht

Und natürlich stellen sich im Rahmen einer medienpädagogischen Qualifizikation Fragen nach den Urheberrechten an Bild- und Textmaterial, die nach kompetenten Antworten verlangen. Es darf nicht angehen, dass eine Lehrperson zu Beispiel ein präsentationsgestütztes Referat aufgibt, ohne sich um die dazu notwendigen Voraussetzungen (beispielsweise das zu verwendende Programm) zu kümmern.

Konsequent zu Ende gedacht drängt sich die Erkenntnis auf, dass das Lernen an und mit Alternativen zwingend für den Aufbau eines medienkritischen Bewusstseins ist. Im Bereich der Software geben quelloffene Anwendungen viele und professionelle Antworten. Auch im Bereich des Betriebssystems bedarf es der Alternativen. Eine davon ist mit dem Begriff "Seminarix" [3] verbunden.

Aus den oben skizzierten Überlegungen heraus ergibt sich für die Frage nach dem Betriebssystem, für den Bereich der Anwendungen sowie die bereit gestellten Materialien (Freie Projekte), dass Lehrer und Ausbilder konsequent auf Quelloffenheit und eine passende Lizenz achten (CCL) sollten, die jedem Interessierten die umfängliche und (im Rahmen der CCL) uneingeschränkte Nutzung erlaubt. Geht es gar um ganze Schulnetze, gibt Skolelinux [4] reichlich Antworten (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Herzog-Tassilo-Realschule in Erding bei München betreibt mit Skolelinux seit 2005 zwei Rechnerräume mit je 25 Arbeitsplätzen.

Fazit

Der Mangel an Alternativen zwingt dazu, sich selbst welche zu schaffen. Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit kommt dabei ausschließlich Software in Frage, die jedem Auszubildende, jedem Lehrer und in festgelegten Fällen jedem Schüler in der Schule wie zu Hause ohne Probleme bereit steht. Alle anderen Vorgaben führen entweder zu vermehrten Ausgaben oder zu sozial bedingten Barrieren. Dann schafft sich nur der die Software an, der es sich leisten kann.

Das allgemeine Nachdenken von Entscheidungsträgern über Produktionsbedingungen von Software, über Monopole, Dateiformate und Quelloffenheit gehört innerhalb und außerhalb von Schulen unbedingt unterstützt. Diesen Beitrag kann Seminarix leisten.

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Kommentare
Lautstark trommeln!
Linuxfreund (unangemeldet), Dienstag, 08. Dezember 2009 19:55:55
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Hallo an die Interessenten,

das Thema scheint in Österreich wesentlich professioneller angegangen zu werden. Da sorgt Vater Staat teilweise schon dafür, daß für Windows Lizenzkosten grundsätzlich nicht mehr übernommen werden.

Daß freie Software auch für sogenannte "unbetuchte" nutzbar ist, ist das beste und demokratischste an der Sache. Und werden Schüler erst einmal an den Umgang mit der Software gewöhnt, transportieren sie die Idee schneller weiter als jede Community... Der Grund, daß Schüler unbedingt an MS herangeführt werden müssen, weil die Wirtschaft das zwingend verlangt, ist das albernste, was man sich denken kann; jedoch: eine der geschicktesten Marketingstrategien überhaupt auf der Welt.

Jedenfalls können Schüler, die mit freien Programmen umgehen können, das "simple" Windows sehr schnell erlernen mit Kursen in den Firmen; umgekehrt sieht's leider schlecht aus. Und daß der Staat dafür sorgen muß, daß erheblich zu teure Software von einem fremdländischen Weltmonopolunternehmen mit restriktiver Vertriebspolitik auf Staatskosten verkauft werden muß, ist eine Glanzidee.
Sofort ließen sich einige Milliarden in D einsparen, wenn der Lizenzwahnsinn entfiele. Vor allem Kommunen könnten entlastet werden, weil alle Schulrechner ausforschungs- und fast kostenfrei arbeiten könnten. Updates kommen sehr schnell und auch völlig ohne Kostenanträge; also können die Ausbildungsstätten ständig auf dem neusten Stand sein.
Daß man die meisten CD für MS unter Linux nicht zum laufen bekommt, ist ein Märchen; man braucht allerdings wine oder eine virtuelle Maschine und muß sich ein paar Gedanken machen...
Mit viel Glück erreicht die Finanzkrise ein schnelles Umdenken. Städte unter Finanzaufsicht können da sofort Millionen einsparen (jede für sich). Und die vorhandenen Rechner sind mit Leichtigkeit umrüstbar, vor allem, wenn sie den Unfug WIN Vista verdauen konnten.

Alle, die für freie Software in Schulen sind, müssen intensiv werben. Hier sind vor allem Eltern in den Schulvertretungen angesprochen. Ein weiteres Mittel dazu sind ständige Anträge an die Gemeinde- und Landräte, sich endlich mal Gedanken dazu zu machen.

Nette Grüße

ein Andersgläubiger...


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Die Schule ist der Anfang
Der Besserwisser (unangemeldet), Freitag, 20. November 2009 22:19:34
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Die Schule ist der Anfang, denn wenn hier der Umgang mit Windows gelernt wir, verwendet dieses meist auch zu Hause.

Eines soll denn noch klar sein, jeder Schule soll selbst wählen dürfen.
Doch der Staat soll Schulen welche ausschließlich Quell offene Software verwenden Finanziell unterstützen, auch müsste der Staat für geeignete Schulungen sorgen, zuletzt noch darf nicht auf Spezialisten ,welche bei eventuelle Inkompatibilität von Software helfen, vergessen werden.
Schulen welche nicht umsteigen wollen bekommen eben keine Unterstützung.
Die Verlage sind bloß kleine Hunde, welche nur auf Gewinn aus sind, geeignete Software kommt sobald sie Geld riechen.


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Wunderbare Sache jedoch...
buzzbuzz (unangemeldet), Freitag, 20. November 2009 12:06:03
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Eine wunderbare Sache Linux endlich in der Schule zu verwenden. An vielen Orten u. Ländern wird dies ja mittlerweile sehr erfolgreich durchgeführt.

Jedoch ein Hinweis dazu.
Dies kann in Deutschland nur zum Teil geleingen solange sich die Verlage sträuben ihre Lehrmittel (interakt. CD-Rom's etc,) ausschließlich für Windows anzubieten. Die meisten Cd's bekommt man unter Linux nicht zum laufen. Der Klett Verlag ist hier nur ein Beispiel. Die meisten Lehrer sind auf Windows total eingeschossen und sträuben sich bei den ersten Problemen und Inkompatibilitäten sich weiter mit Linux auseinanderzusetzen. Auch mit der software sieht es ähnlich aus.

Hier muss noch vieles vereinfacht werden. Noch viel Überzeugungsarbeit steht hier an.


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Re: Wunderbare Sache jedoch...
August Meier (unangemeldet), Freitag, 20. November 2009 13:32:47
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... solange sich die Verlage sträuben ihre Lehrmittel (interakt. CD-Rom's etc,) ausschließlich für Windows anzubieten.

Die sollen also unbedingt nur Software für Windows anbieten???

Hier fehlt wohl ein "nicht": ... solange siche die Verlage sträuben, ihre Lehrmittel (...) NICHT ausschliesslich für Windows anzubieten.

Freundliche Grüsse


August Meier


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