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© Ilco, sxc.hu

Das große Murmeln

Mit dem digitalen Globus Marble die Welt erkunden

01.10.2009
In den Repositories fast aller Distributionen schlummert ein kleiner Schreibtischglobus namens Marble. Fast unbemerkt ist er im Laufe der Zeit zu einer interessanten Alternative zu Google Earth herangewachsen.

Marble gehört zum KDE-Edutainment-Project, das verschiedene Bildungsprogramme für den KDE-Desktop entwickelt. Dessen Benutzer haben deshalb den Globus eventuell schon auf der Festplatte liegen. Gewissheit verschafft ein Blick ins Startmenü, wo Marble für gewöhnlich in der Gruppe Lernprogramme liegt. Wer es dort noch vermisst, wirft einen kurzen Blick in seinen Paketmanager: Je nach Distribution steckt der Globus entweder im Paket marble oder gemeinsam mit den anderen Bildungsprogrammen im Archiv kdeedu.

Marble selbst basiert mittlerweile voll auf KDE 4. Für die Nutzer anderer Desktopsysteme, wie etwa Gnome oder des alten KDE 3.5, haben die Entwickler eine spezielle Programmvariante gestrickt. Wie deren Name Marble-Qt bereits andeutet, benötigt sie lediglich die Qt4-Bibliotheken.

Im Gegenzug fehlen ihr allerdings ein paar interessante Funktionen, wie etwa der automatische Download von Karten via GHNS [2]. Wer den vollen Funktionsumfang möchte, der kommt an einer parallelen KDE-4-Installation nicht vorbei. Möchten Sie vorher sehen, welche Funktionen die komplette Marble-Version bietet, dann haben Sie die Möglichkeit, mit einer Live-CD die Software zu testen (siehe Kasten "Marble in a Box").

Marble in a Box

Mit der Live-CD "Marble in a Box" testen Sie den digitalen Globus, ohne Datenmengen im Gigabyte-Bereich zu installieren. Die auf OpenSuse basierende Scheibe eignet sich damit auch für eine Demonstration bei Windows-affinen Bekannten oder für einen Einsatz in Klassenräumen. Allerdings hinkt sie der Versionsnummer etwas hinterher: So gab es zum Redaktionsschluss nur die Version 0.7.1 anstelle der aktuellen 0.8.

Die Live-CD selbst gibt es in zwei Varianten: Einmal in einer schlanken, nur 350 MByte großen Version und ein weiteres Mal mit den Blue-Marble-Satellitenbilder (so auf unserer Heft-DVD). Letztere machen die ISO-Datei zwar fast doppelt so groß, dafür brauchen Sie die Daten später nicht mehr aus dem Internet zu saugen. Insbesondere in Klassenzimmern mit mehreren PCs vermeiden Sie so akute Engpässe beim Netzwerk.

Steuermann

Nach dem ersten Start präsentiert Marble wie in Abbildung 1 einen Globus. Das etwas schlecht erkennbare Fadenkreuz in der Bildmitte zeigt dabei auf Europa. Per Drag & Drop rotieren Sie die künstliche Erde um ihre Achsen. Macht Sie diese Steuerungsmethode schwindlig, platzieren Sie einfach den Mauszeiger an einem der Fensterränder. Bei jedem Mausklick bewegt Marble dann die Karte in die entsprechende Richtung, die ein kleiner, weißer Pfeil anzeigt.

Abbildung 1: Marble zeigt nach dem Start den Globus, hier in der Atlas-Ansicht mit der Stadt Dortmund als angepeiltes Ziel.

Bei der Navigation hilft die gleichnamige Leiste am linken Bildschirmrand. Über die Knöpfe mit den Pfeilen rotieren Sie die virtuelle Erde in die gewünschte Richtung, über den Knopf mit dem Häuschen-Symbol springen Sie wieder zur Ausgangsansicht zurück. Mit der Lupen-Funktion zoomen in die jeweilige Ansicht hinein hinein beziehungsweise wieder heraus. Letzteres erledigen Sie noch etwas schneller über das Mausrad. Abhängig von der Auflösung des vorhandenen Kartenmaterials enden hohe Zoomstufen allerdings in einer ziemlich matschigen Darstellung.

TIPP

Einen neuen Heimatpunkt setzen Sie, indem Sie auf die gewünschte Stelle in der Karte mit der rechten Maustaste klicken und aus dem Kontextmenü den Punkt Heimatort setzen auswählen.

Möchten Sie zu einem bestimmten Ort navigieren, wählen Sie diesen entweder aus der Liste aus oder tippen den Namen in das Feld Suchen ein. Marble dreht die virtuelle Erde automatisch in die korrekte Position und markiert die gefundene Stadt. Sobald Sie die markierte Stelle anklicken, erscheint ein kleines Kontextmenü. Hier finden Sie nicht nur die exakten Koordinaten, sondern gelangen auch mit einem Klick auf den Städtenamen zu vielen weiteren Informationen, wie etwa der Einwohnerzahl – vorausgesetzt Marble kennt die entsprechenden Informationen. Das Register Wikipedia liefert gleich noch den passenden Enzyklopädie-Eintrag.

Ergänzend zapft Marble den Bilderdienst Flickr an: Sobald Sie diesen über Ansicht | Online-Dienste | Fotos aktiviert haben, erscheinen Bilder, die andere User in der dargestellten Region aufgenommen haben. Darunter finden sich allerdings auch zuweilen niedliche Hundefotos oder Blütenblätter. Mit Ansicht | Online-Dienste | Wikipedia aktivieren Sie die Abfrage der Online-Enzyklopädie. Danach markiert Marble alle Orte mit einem W, für die ein Wikipedia-Eintrag existiert. Ein Mausklick auf ein Foto oder W zaubert wieder ein entsprechendes Optionsmenü hervor.

Zollstock

Um den Abstand zwischen zwei Punkten zu ermitteln, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Startpunkt, wählen Messpunkt hinzufügen und wiederholen das beim Endpunkt. Marble zeichnet eine rote Linie und nennt links oben die Gesamtdistanz (Abbildung 2). Bei Bedarf fügen Sie noch weitere Messpunkte hinzu. Auf diese Weise berechnen Sie beispielsweise die Strecke von Dortmund nach München und weiter nach Berlin. Ebenfalls per Rechtsklick entfernen Sie unerwünschte Messpunkte wieder.

Abbildung 2: Wie die Messung per Marble zeigt, liegt München 487.071 Kilometer Luftlinie von Dortmund entfernt.

Die Bedeutung der anderen bunten Punkte und Symbole auf der Karte verrät die Seitenleiste auf dem Reiter Legende. Marble zeigt eine Information an, sofern das zugehörige Kästchen abgehakt wurde. Ganz unten in der Liste lässt sich übrigens auch das gerade bei einer hohen Vergrößerung schnell nervende Koordinatensystem abschalten.

TIPP

Über Ansicht | Informationskästen blenden Sie weitere Bedienelemente auf der Karte ein und aus, darunter beispielsweise die Windrose rechts oben in der Ecke.

Kartograph

Die Seitenleiste am linken Rand kennt noch das Register Kartenansicht. Hier schalten Sie unter Design auf einen anderen Kartentyp um. Marble bietet neben der klassischen topografischen Karte, wie Sie sie aus dem Schulunterricht kennen, noch die Satellitenansicht (Abbildung 3), die Erde bei Nacht, Temperatur und Niederschlagskarten sowie eine Straßenkarte (Abbildung 4).

Abbildung 3: Die Satellitenansicht liefert auf Wunsch auch eine Wolkensimulation mit echten Wetterdaten.
Abbildung 4: Die Straßenkarte der Dortmunder Innenstadt stammt aus dem Openstreetmap-Projekt.

Welche Karten hier in welcher Genauigkeit bereitstehen, hängt vom installierten Material ab. Standardmäßig bringt Marble einen etwa 15 MByte großen Datensatz mit. Weitere Karten integrieren Sie über Datei | Karten herunterladen ... (Abbildung 5). So gelangen auch virtuelle Ansichten von anderen Himmelskörpern, wie Mars oder Venus, auf die Festplatte. Marble zapft dabei ausschließlich freie Quellen an, darunter das Openstreetmap-Projekt [3] sowie Server mit Satellitenfotos der NASA. Zusätzlich haben Sie die Möglichkeit, eigene Karten im KML-Format einzubinden.

Abbildung 5: Bei Bedarf laden Sie weitere Karten ins Programm. Neben anderen Himmelskörpern findet sich darunter auch eine Karte mit Fahrradwegen des Openstreetmap-Projekts.

Um auf die Ansicht der Mondoberfläche (Abbildung 6) oder die nachinstallierten Satellitenbilder von der Venus umzuschalten, verwenden Sie in der Kartenansicht die Ausklappliste Himmelskörper. Der darüber liegende Punkt Projektion bestimmt, wie Marble die Daten für den jeweiligen Planeten auf dem Monitor darstellt. Neben der Kugel und einer flachen Karte steht hier eine Mercator-Projektion bereit.

Abbildung 6: Auf dem Kartenmaterial zum Erdenmond finden sich sogar die Landestellen der Apollo-Missionen als Markierungen.

Sauwetter

In einigen Darstellungen lädt Marble das aktuelle Wolkenbild aus dem Internet und legt es über die Karte. Das klappt allerdings nur für höhere Zoom-Stufen; das aktuelle Wolkenbild am Heimathimmel zeigt Marble derzeit nicht an. Sofern die Wolkendecke stört, schaltet sie der Menüpunkt Ansicht | Wolken ab.

Wer wissen möchte, wo auf der Welt gerade Nacht ist, nutzt die Ansicht Sonneneinstellung. Damit tauchen Sie eine Seite der Erde in tiefste Finsternis. Über den Regler Zeit verschieben Sie die Tag/Nacht-Grenze. Steht die Einstellung Sonnenschatten auf Karte bei Nacht nutzt Marble für die Nachtseite die entsprechende Lichterkarte – der Bildaufbau dauert in diesem Fall entsprechend länger.

Abbildung 7: Die Tag- und Nachtgrenze verschiebt Marble ohne Verzögerung, sobald Sie am entsprechenden Regler drehen.

Daten exportieren

Haben Sie einen passenden Bildausschnitt gefunden, speichern Sie ihn über Datei | Karte exportieren ... als Bilddatei. Doch Vorsicht: Das Ergebnis dürfen Sie nicht in jeder Weise weiterverarbeiten oder auf eine Homepage stellen. Beispielsweise verlangt das Openstreetmap-Projekt bei der Publikation seiner Straßenkarten einen entsprechenden Quellennachweis. Weitere Informationen liefert die Marble-FAQ [4].

Fazit

Eine Erkundungstour mit Marble macht einfach Spaß. Obwohl es keine 3D-Grafikkarte voraussetzt, reagiert der Globus erfreulich schnell auf Benutzereingaben. Da das Kartenmaterial in vielen Fällen auf der Festplatte liegt, brauchen Sie noch nicht einmal eine Internetverbindung aufzubauen.

Eine Ausnahme bilden allerdings die Straßenkarten von Openstreetmap. Daher eignet sich das Programm (noch) nicht als Navi-Ersatz auf einem Netbook. Beim Funktionsumfang liegt Marble ebenfalls hinter dem Konkurrenten Google Earth zurück, holt aber in beachtlichem Tempo auf. Die Zukunft des kleinen Globus bleibt somit äußerst spannend. Gerade die Skripting-Funktionen (siehe Kasten "Murmel für Programmierer") eröffnen über die Standardfunktionen hinaus eine Vielzahl an Möglichkeiten.

Murmel für Programmierer

Marble lässt sich rasch und unkompliziert in eigene Anwendungen integrieren. Der Globus steht dabei als Bibliothek, QWidget und KDE-4-KPart bereit. Dank Schnittstelle zum D-Bus steuern Sie die Elemente sogar aus einem Shell-Skript. So sorgt beispielsweise der folgende Befehl für einen größeren Zoomfaktor im geöffneten Fenster:

$ qdbus org.kde.marble-$(pidof marble) /MarbleWidget org.kde.MarbleWidget.zoomIn

Weitere Informationen sowie Beispiele zu allen unterstützten Programmiersprachen finden Sie im Web [5].

Infos

[1] Homepage: http://edu.kde.org/marble

[2] Download: http://edu.kde.org/marble/download.php

[3] Openstreetmap: http://www.openstreetmap.de

[4] Marble-FAQ: http://techbase.kde.org/Projects/Marble/FAQ

[5] Technische Dokumentation zu Marble: http://techbase.kde.org/Projects/Marble

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Kommentare
Marble In A Box - 0.8.1
Torsten Rahn (unangemeldet), Sonntag, 11. Oktober 2009 14:20:23
Ein/Ausklappen

Hallo,

Ab sofort gibt es "Marble In A Box" auch mit der aktuellen stabilen Version 0.8.1.
Viel Spaß beim murmeln ;-)

Grüße,
Torsten Rahn


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