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Volle Kontrolle

Ubuntu ausreizen

11.09.2009
Es gibt nichts, was nicht noch verbessert werden kann. Ubuntu Tweak entlockt der südafrikanischen Distribution einige zusätzliche Funktionalität.

Freie Software bietet ihren Nutzern "ab Werk" weitestgehende Konfigurations- und Modifikationsoptionen. Auch Linux als freies Betriebssystem punktet mit nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten, das gesamte System den individuellen Wünschen und Bedürfnissen des Anwenders anzupassen. Oft braucht man dazu jedoch detaillierte Kenntnisse der entsprechenden Konfigurationsdateien, und wer gar den heimischen Desktop in ein optisches Unikat verwandeln möchte, steht insbesondere als Newcomer schnell vor dem Problem, kryptisch anmutende Einträge in den Einstellungsdateien bearbeiten zu müssen.

Diesen vor allem für Einsteiger unerfreulichen Zustand beendet das kleine Programm Ubuntu Tweak, das speziell für die Distribution gleichen Namens entwickelt wurde. Ubuntu Tweak vereint unter einer einfach zu bedienenden grafischen Oberfläche eine stattliche Anzahl von Modifikationsmöglichkeiten für den Gnome-Desktop, die man sonst nur umständlich per Hand mit dem in Gnome integrierten Konfigurationseditor erreichen könnte. Außerdem lässt sich mit der Software die Funktionalität des Desktops erweitern.

Erste Schritte

Die Applikation steht in ihrer aktuellen Version als vorkompiliertes DEB-Paket auf der Homepage des Projekts zum Download bereit [1]. Das Paket funktioniert – obwohl der Dateiname auf die neueste Ubuntu-Variante 9.04 "Jaunty" verweist-- auch problemlos unter den beiden nächstälteren Versionen 8.10 "Intrepid" und 8.04 "Hardy".

Nach der bequemen grafischen Installation mithilfe eines Mausklicks auf das Paket befindet sich im Menü Anwendungen | Systemwerkzeuge ein Eintrag Ubuntu Tweak. Ein Klick darauf öffnet ein schlichtes zweigeteiltes Fenster, in dessen linkem Bereich das Tool verschiedene Einstellungsoptionen zu Gruppen zusammenfasst. Im deutlich größeren rechten Bereich nehmen Sie die eigentlichen Einstellungen vor. Dabei liefern die ersten beiden Auswahlfelder von oben im linken Rahmen neben einer generellen Funktionsübersicht auch grundlegende Informationen zum System, unter anderem Daten über den Kernel, den Windowmanager, den Speicher und die CPU(s) (Abbildung 1).

Abbildung 1: Im Einstiegsbildschirm liefert Ubuntu Tweak grundlegende Informationen zum System.

Ubuntu Tweak einrichten

Am einfachsten installieren Sie Ubuntu-Tweak über den Download des DEB-Pakets und dessen Einrichtung mithilfe von Gdebi. Wollen Sie jedoch später auch von Aktualisierungen des Pakets profitieren, fügen Sie stattdessen besser das PPA-Repository der Anwendung dem Paketmanagementsystem hinzu. Dazu importieren Sie zunächst den Schlüssel:

$ sudo apt-key adv --recv-keys --keyserver keyserver.ubuntu.com FE85409EEAB40ECCB65740816AF0E1940624A220

Nun fügen Sie mit administrativen Rechten im Editor Ihrer Wahl der Datei /etc/apt/sources.list folgende beide Zeilen hinzu, wobei Sie Version je nach der von Ihnen eingesetzten Ubuntu-Release durch jaunty, intrepid beziehungsweise hardy ersetzen:

deb http://ppa.launchpad.net/tualatrix/ppa/ubuntu hardy main
deb-src http://ppa.launchpad.net/tualatrix/ppa/ubuntu hardy main

Nun starten Sie den Paketmanager Synaptic und aktualisieren die Paketquellen über die Schaltfläche Neu laden. Anschließend finden Sie Ubuntu Tweak in der Status-Gruppe Neu in den Paketquellen bereit zur Installation.

Etwas schneller geht es auf der Konsole, wo die beiden Kommandos

$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install ubuntu-tweak

die Paketquellen aktualisieren und Ubuntu Tweak direkt einrichten. Ob nun via Konsole oder Synaptic installiert: Ein so eingerichtetes Ubuntu Tweak bringt das Paketverwaltungssystem bei späteren Aktualisierungen automatisch stets auf den neuesten Stand. Eine ausführliche englischsprachige Darstellung des Prozederes finden Sie auch auf der Download-Seite von Ubuntu Tweak [3].

Eingemachtes

Ab der dritten Gruppe Anwendungen können Sie individuelle Modifikationen am System vornehmen werden. Zunächst bietet ein vereinfachter Dialog die Option, Software hinzuzufügen oder zu entfernen. Das erfolgt geschieht mithilfe eines zu aktivierenden Häkchens vor dem gewünschten Programm im rechten Fensterbereich und einem anschließenden Klick auf die Schaltfläche Anwenden.

Da sich nach der Erstinstallation der Applikation nur relativ wenige Programme im Hinzufügen/Entfernen-Menü befinden, empfiehlt es sich, zunächst den Quellen-Editor im gleichnamigen Menü aufzurufen und hier entsprechende Repositories hinzuzufügen. Um Software von Drittanbietern jeweils auf dem aktuellen Stand zu halten, empfiehlt sich zudem ein Blick in das Menü Software-Quellen. Ubuntu Tweak bietet hier die Möglichkeit, ebenfalls bequem per Mausklick auch ältere Distributionsversionen mit aktuellen Programmen zu versorgen.

So bereichern Sie beispielsweise die Version 8.04 LTS mit wenigen Mausklicks um die nagelneue OpenOffice-Version 3.1 oder Firefox 3.5.2, wozu sonst manuelle Einrichtungsläufe notwendig sind. Doch Vorsicht: An dieser Stelle bietet Ubuntu Tweak auch brandneue Entwicklerversionen zur Installation an, die gelegentlich noch Fehler beinhalten und daher auf Produktivsystemen eigentlich nicht zum Einsatz kommen sollten.

Gnadenloser Saubermann

Ähnlich wie das beliebte Programm Bleachbit [2] bietet auch auch Ubuntu Tweak die Option, das System von unnötigem Dateiballast zu befreien. Ein Klick auf den etwas verwirrend benannten Menüpunkt Anwendungen | Pakete aufräumen öffnet eine Auswahlliste mit vier rechts daneben angeordneten zusätzlichen Optionen. Nachdem Sie das Fenster mit einem Klick auf den Button Entsperren und Eingabe des Passworts aktiviert haben, markieren Sie hier durch Setzen entsprechender Häkchen vor den zu löschenden Dateien diese zum Entfernen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Sehr löschfreudig ist der Dialog im Menü Pakete aufräumen.

Doch an dieser Stelle ist erneut besondere Vorsicht geboten: Ubuntu Tweak löscht hier gern auch Software, die Sie noch benötigen und die keinesfalls überflüssig ist. Dieses Manko resultiert aus der Tatsache, dass die Applikation sich die Informationen über zu entfernende Programme teilweise aus den Indexdateien des Paketverwaltungssystems APT holt. Bei Software, die Sie weder über APT noch dessen grafisches Frontend Synaptic installiert haben, kann es passieren, dass Ubuntu Tweak diese zum Löschen vorsieht – mit unter Umständen fatalen Folgen.

Auch die Schaltfläche Betriebssystemkern säubern kann bei vorschnellen Aktivieren für Unmut sorgen: sieht Ubuntu Tweak sieht – sofern verschiedene Kernel-Versionen auf dem System installiert sind – nassforsch alle älteren Versionen als obsolet an und präsentiert sie zum Exterminieren in der Auswahlliste. Nun genügt ein unvorsichtiger Mausklick, und ein für spezielle Anwendungszwecke eigens kompilierter Kernel verabschiedet sich ins Nirvana. Somit sollten Sie hier nur dann Daten zur Löschung ankreuzen, wenn Sie sich wirklich sicher sind, diese dauerhaft nicht mehr zu benötigen.

Dienstbare Geister

Im Menü Systemstart, das in die beiden Untermenüs Sitzungseinstellungen und Autostart verzweigt, können Sie grundlegende Optionen beim Hochfahren des Rechners modifizieren. Besonders interessant ist hier die Möglichkeit, im Menü Autostart die beim Login zu ladenden Dienste individuell zu konfigurieren. Mit dieser Funktion deaktivieren Sie beispielsweise an spezielle Hardware gebundene Standard-Dienste, wenn die betreffende Hardware nicht im System verbaut ist.

Fensterln gehen

Das Menü Desktop bietet mit seinen nachgeordneten Kategorien Symbole, Fenster, Compiz Fusion und Gnome verschiedene Möglichkeiten, die Arbeitsoberfläche zu verschönern und effizienter in der Bedienung zu gestalten. Dabei bietet Ubuntu Tweak zwar bei weitem nicht die Möglichkeiten, wie sie die entsprechenden Einträge im Gnome-Menü System | Einstellungen vorweisen können, jedoch sind hier Transparenzmodifikationen möglich, und es lassen sich grundlegende Einstellungen zu Compiz Fusion, der Anordnung von Ordnersymbolen, Benachrichtigungstexten sowie der Panelkonfiguration vornehmen.

Persönliches

Im Menü Persönliches bietet Ubuntu Tweak neben individuellen Einstellungen zu Dateipfaden und Skripten für den Gnome-Dateimanager Nautilus auch die Option, über das Untermenü Tastenkürzel wahlfrei Tastenkombinationen zur schnellen Steuerung von Software festzulegen. Diese Funktion erweist sich insbesondere dann als nützlich, wenn Sie zwischen mehreren Applikationen auf dem Desktop schnell hin- und herschalten oder auch primär tastaturgesteuerte Programme effizient nutzen wollen. Zum Hinzufügen einer neuen Tastaturkombination geben Sie lediglich in der Rubrik Befehl den entsprechende Name des zu startenden Skriptes oder der ausführbaren Programmdatei an und legen in der Spalte Schlüssel eine frei wählbare Tastenkombination dafür fest. Hierbei lassen sich auch Sondertasten mit einbeziehen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Mit wenigen Klicks erhalten Tasten über Ubuntu Tweak neue Funktionen.

Systematisches

Im untersten links angeordneten Menü System können Sie einige Sicherheitsfeatures schnell per Mausklick aktivieren (im Untermenü Sicherheit) oder aber aus dem Dateimanager Nautilus zusätzliche Funktionen herauskitzeln. Für Anwender, die ihr Ubuntu auf einem Netbook oder Laptop einsetzen, dürfte das Untermenü Energieverwaltung von Interesse sein. Hier nehmen Sie diverse Einstellungen zur mobilen Hardware bequem grafisch vor und verlängern damit gleichzeitig die Akku-Lebensdauer Ihres mobilen Gerätes. An dieser Stelle erlaubt Ubuntu Tweaks wesentlich detaillierter Modifikationen, als es in den Standard-Einstellungen von Ubuntu möglich ist (Abbildung 4).

Abbildung 4: Seltener an die Steckdose: Auch Notebooks können von Ubuntu Tweak profitieren.

Fazit

Das freie Ubuntu Tweak bietet für die beliebte Distribution eine ganze Reihe von zusätzlichen Features, die sonst in den meisten Fällen nur für versierte Anwender über den Gnome-Konfigurationseditor zugänglich sind. Einige Einstellungen wie die frei wählbaren Tastaturkürzel findet man selbst dort nicht, sodass Ubuntu Tweak das System um nützliche Funktionalität bereichert.

Hervorzuheben ist die einfache Bedienung und die sehr stabile Arbeitsweise der Software. Die Lokalisierung wirkt insgesamt gelungen, erscheint jedoch in einigen Fällen etwas holperig. Das einzige echte Manko des Programms stellt die fehlende Hilfefunktion dar, deren Fehlen insbesondere bei den verschiedenen Löschoptionen für Dateien unangenehm auffällt. Hier sind Linux-Anfänger schnell überfordert und können durch mangelnde Übersicht versehentlich mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Trotz dieser kleineren Ungereimtheiten präsentiert sich Ubuntu Tweak als extrem nützliches und handliches Werkzeug, das auf keinem Ubuntu-Desktop fehlen sollte.

Infos

[1] Ubuntu Tweak: http://ubuntu-tweak.com

[2] BleachBit: Erik Bärwaldt, "Sanfte Reinigung", LinuxUser 08/2009, S. 64, http://www.linux-community.de/artikel/18942/.

[3] Ubuntu Tweak via APT einrichten: http://ubuntu-tweak.com/downloads

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