Der Start von KDE 4 verlief alles andere als flott: Der komplett renovierte Unterbau stand zwar bereits weitgehend, an dem für die Anwender sichtbaren Überbau werkelten die Entwickler jedoch noch fleißig. Die meisten Anwender waren denn auch von der Version 4.0 – eigentlich nur für Entwickler gedacht – herb enttäuscht. Erst die Releases 4.1 und 4.2 eigneten sich für den täglichen Einsatz, allerdings mussten die Nutzer auch hier einige Abstriche gegenüber KDE 3 in Kauf nehmen.
Mit Version 4.3 alias "Caizen" kommt KDE 4 wieder in einem ruhigeren Fahrwasser an [1]. Der Codename steht für eine aus Japan stammende philosophische Richtung, die sich die allmähliche, kontinuierliche Verbesserung in allen Bereichen des Lebens zum Ziel setzt [2].
Installation
Um einen ersten Blick auf das neue KDE-4-Release zu werfen, eignen sich Live-CDs recht gut. Die von Stephan Binner zusammengestellte und auf OpenSuse 11.1 basierende KDE Four Live[3] und die von David Palacio kompilierte Debian KDE 4.3.0 Live[4] finden Sie bootfähig auf der Heft-DVD dieser Ausgabe.
Viele Distributionen bieten bereits fertige Pakete für KDE 4.3 an. Die Installation detailliert zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Der Artikel beschränkt sich deshalb auf OpenSuse, Kubuntu und Debian.
Für OpenSuse stellt http://de.opensuse.org/KDE4 Links für die praktische Ein-Klick-Installation über YaST bereit. Akzeptieren Sie die Signatur-Schlüssel der neuen Paketquellen. Einige Konflikte müssen Sie manuell auflösen: Wählen Sie für Qt 4.5.2 und die meisten anderen Pakete den openSUSE Build Service als Anbieter. Für einige Pakete bietet YaST einen anderweitigen Ersatz.
Allerdings aktualisiert die Ein-Klick-Installation die deutsche Übersetzung nicht: Starten Sie dazu die Paketverwaltung via YaST und wählen Sie Sprachen als Filter. Unter de - Deutsch finden Sie die Pakete kde4-l10n-de und kde4-l10n-de-data. Aktualisieren Sie beide auf die neueste Version. Alternativ nehmen Sie die Installation der Sprachpakete auf der Kommandozeile über folgenden Befehl vor:
$ sudo zypper install kde4-l10n-de
KDE-4-Pakete für Kubuntu 9.04 finden sich im PPA-Repository Kubuntu Backports. Fügen Sie mit einem Editor in /etc/apt/sources.lst oder via kpackagekit unter Settings | Edit Software Sources bei Third Party Software die Paketquelle
deb http://ppa.launchpad.net/kubuntu-ppa/backports/ubuntu jaunty main
hinzu. Den passenden Schlüssel laden Sie unter http://www.kubuntu.org/news/kde-4.3 über den Link this page herunter. Fügen Sie ihn bei Authentification mit Import Key File... hinzu. Wechseln Sie im Datei-Dialog explizit in Ihr Homeverzeichnis und geben Sie * als Filter an, um die Schlüsseldatei zu finden. Alternativ verwenden Sie einfach den Befehl
$ sudo apt-key adv --keyserver keyserver.ubuntu.com --recv-keys 8AC93F7A
Die Installation nehmen Sie anschließend auf der Kommandozeile über folgende Befehlsfolge vor:
$ sudo aptitude update $ sudo aptitude full-upgrade
Das Paket kde-l10n-de mit der deutschen Lokalisierung lag zum Testzeitpunkt jedoch lediglich in der Version 4.2.2 vor.
Erfahrene Debian-Anwender, die Debian unstable verwenden, installieren mindestens das Paket kde-minimal[5]. Möchten Sie den kompletten KDE-Desktop einrichten, installieren Sie zusätzlich kde-full. Die deutsche Übersetzung befindet sich in kde-l10n-de. Anwender von Debian testing alias "Squeeze" müssen noch warten. Backports für Debian "Lenny" lagen zu Redaktionsschluss nicht vor.
Plasma on Air
KDE 4.3 kommt mit dem helleren, leichteren "Air" als neuem Standard-Theme für Plasma. Überall sonst kommt weiterhin "Oxygen" zum Einsatz. Wer Oxygen lieber mag, stellt es per Rechtsklick auf den Desktop in den Einstellungen zur Arbeitsfläche wieder ein. Plasma bietet eine Fülle an Neuerungen: So lassen sich einzelne Arbeitsflächen als sogenannte Aktivitäten mit unterschiedlichen Plasmoiden versehen (siehe dazu auch den separaten Plasma-Artikel in dieser Ausgabe, [6]).
Abstandshalter sorgen für mehr Flexibilität beim Gestalten von Panels. Zudem können Sie Plasmoiden überall hin verschieben. So lässt sich ein auch ein großes Plasmoid vom Desktop in das Panel befördern, wo es sich auf einen Klick hin in einem so genannten Extender öffnet. Fällt das Panel jedoch zu hoch oder zu breit aus, versucht das Plasmoid mitunter seine Anzeige dort unterzubringen, was nicht immer gelingt.
Neue und verbesserte Plasmoiden machen die tägliche Arbeit noch komfortabler. Der neue Systemmonitor Bubblemon stellt Sensordaten als mehr oder weniger gefüllte Murmel dar. Zahlreiche Sensoren stehen zur Auswahl, darunter Akku-Ladestand, Frequenz und Auslastung der CPU sowie Hauptspeicherverbrauch. Der Monitor fiel im Test allerdings durch eine ungewöhnlich hohe CPU-Auslastung auf – Vorsicht also vor allem beim Größerziehen der Murmel.
Das neue Opendesktop-Plasmoid erleichtert, mit anderen KDE-Anwendern in der Umgebung Kontakte zu knüpfen. Es setzt ein Benutzerkonto bei Opendesktop.org voraus, der Dachorganisation für KDE-Look.org, GNOME-Look.org und weitere desktopbezogene Community-Websites. Das Plasmoid ermittelt via Geolocation-Dienst alle KDE-Anwender, die in der Nähe wohnen. Der Schalter Registrieren öffnet die Webseite mit dem Anmeldeformular – jedoch über eine unverschlüsselte HTTP-Verbindung. Ändern Sie unbedingt die URL im Browser von http: zu https:, um ihre Daten verschlüsselt zu übertragen. Allerdings verwendet das Applet auch intern unverschlüsselte Verbindungen. Das Problem ist im aktuellen Entwicklerzweig bereits behoben, ab KDE 4.3.1 kommt nur noch HTTPS zum Einsatz.
Der Aufgabenplaner Remember The Milk interagiert ebenfalls mit einem Online-Dienst. Auch dieses Applet nutzt das HTTP-Protokoll unverschlüsselt. Neue Aufgaben legen Sie im Handumdrehen an, Aufgabennamen mit Umlauten akzeptiert das Tool jedoch nicht. Zudem erwies sich das Applet im Test als recht absturzfreudig. Warten Sie besser auf einen Bugfix, da Plasmoiden im Kontext des Plasma-Prozesses laufen und der Absturz eines Applets daher den ganzen Desktop betrifft. Sollte Plasma sich nach einem Absturz nicht automatisch neustarten, so hilft der manuelle Neustart von plasma-desktop via [Alt]+[F2].
Die Ordneransicht zeigt zum jeweils unter dem Mauszeiger befindlichen Objekt eine Vorschau. Für welche Dateitypen sie das tut, lässt sich einstellen. Bei Verzeichnissen zeigt sie den Inhalt und ermöglicht so die schnelle, klicklose Navigation im Dateisystem (Abbildung 1). Zudem enthält das Kontextmenü Einträge zum Steuern der Arbeitsfläche. Möchten Sie sich schnell einen Textschnipsel für später merken, markieren Sie ihn und fügen ihn mit der mittleren Maustaste als Notiz auf dem Desktop ein. Mit einem Klick auf das T-Symbol stellt das Notiz-Plasmoid weitergehende Formatierungsmöglichkeiten bereit. Zudem bietet Plasma nun animierte Hintergrund-Bilder (Abbildung 2) – Mandelbrot-Fraktale, den Marble-Globus oder ein Virus, das den Desktop auffrisst.
Ein rund drei Minuten langes Video des KDE-Entwicklers Jos Poortvliet [7], das die wichtigsten Neuerungen des Plasma-Desktops unter KDE 4.3 zeigt, finden Sie auf der Heft-DVD im Verzeichnis LinuxUser/kde43.



