Full Disclosure

Editorial

16.09.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

eine der gängigen und nicht umzubringenden Mythen über Linux lautet, bei dem freien Betriebssystem handle es sich um ein immanent sicheres Stück Software. Um es klar und deutlich zu sagen: So etwas wie von Haus aus sichere Software gibt es nicht. Jedes Betriebssystem und jede umfangreichere Anwendung enthalten Fehler, die sich ein Angreifer zunutze machen kann, um Systeme zu blockieren, zu infiltrieren oder seine Rechte auszuweiten. Open Source im Allgemeinen und Linux im Speziellen bilden da keine Ausnahme.

Trotzdem glauben offenbar nach wie vor viele Anwender an die Mär vom grundsätzlich wasserdichten Betriebssystem. Anders ist es nicht zu erklären, dass Mitte August ein wahrer Mediensturm losbrach, als ein Null-Pointer-Bug [1] im Kernel entdeckt wurde, über den sich ein Angreifer Root-Rechte auf dem attackierten System verschaffen konnte (nähere Details dazu auf Seite 17). Die Reaktionen reichten stilistisch vom entsetzten "Wir werden alle sterben!" der Märchengläubigen bis zum befriedigten "Haben wir doch schon immer gewusst …" der Redmond-Fraktion.

Schön, der auslösende Bug existiert schon recht lange – acht Jahre, sodass er alle Kernel-Versionen seit 2001 betrifft. Da lässt sich nun trefflich drüber streiten, ob quelloffene Software das Auffinden von Sicherheitslücken gegenüber Closed Source wirklich erleichtert. Der Bug an sich aber war ein solches Getöse gar nicht wert, setzt sein Ausnutzen doch voraus, dass der Angreifer auf dem attackierten System bereits das Recht zum Ausführen von Code besitzt. Grob gesagt können also nur lokale Benutzer über die Sicherheitslücke ihre Rechte ausweiten, ein Angriff aus der Ferne funktioniert nicht.

Das ist aber gar nicht der springende Punkt an der Angelegenheit. Der liegt darin, dass die Sicherheitslücke noch am Tag des Bekanntwerdens gefixt wurde – Linux Torvalds selbst nahm sich der Sache an. Hier sehen wir beste Open-Source-Tradition: Die Programmierer nehmen Probleme sofort in Angriff, veröffentlichen schnell Lösungen und halten so das Verwundbarkeitsfenster extrem klein. Darin liegt eine der Wurzeln der eingangs erwähnten Mär vom "sicheren Betriebssystem". Die andere entspringt der Tradition des so genannten Full Disclosure [2] – dass man also sicherheitsrelevante Bugs sofort und umfassend publik macht, sodass der Anwender sich vorsehen und durch Workarounds schützen kann, bis ein Patch vorliegt.

Hier unterscheiden sich Linux und Open Source wesentlich von der Windows- und Closed-Source-Welt: Dort halten Softwarehersteller regelmäßig Sicherheitslücken ungeachtet ihrer Gefährlichkeit vor den Benutzern geheim, bis sie sich nach Wochen ("Microsoft Patch Day", [3]), Monaten oder in manchen Fällen sogar Jahren bequemen, sie endlich einmal zu beseitigen. Gelegentlich bleiben die Lücken, obschon längst bekannt, auch so lange offen stehen, bis der schlimmste Fall eintritt und darauf basierende Schadsoftware tausende Rechner infiziert [4].

Das gibt es unter Linux nicht – insofern enthält die Legende von "sicheren Betriebssystem" dann doch das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit. Der schnellste Bugfix aber hilft nichts, wenn Sie ihn nicht auch umgehend einspielen. Alle gängigen Distributionen informieren Sie mithilfe entsprechender Applets über das Vorliegen neuer Software-Aktualisierungen und bieten deren automatische Installation an. Nutzen Sie diese Möglichkeit – dann dürfen Sie sich zurecht entspannt im Bürostuhl zurücklehnen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 08/2015: Cloud-Speicher

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Grammatikprüfung in LibreOffice nachrüsten
Grammatikprüfung in LibreOffice nachrüsten
Tim Schürmann, 24.04.2015 19:36, 0 Kommentare

LibreOffice kommt zwar mit einer deutschen Rechtschreibprüfung und einem guten Thesaurus, eine Grammatikprüfung fehlt jedoch. In ältere 32-Bit-Versionen ...

Aktuelle Fragen

Plugins bei OPERA - Linux Mint 17.1
Christoph-J. Walter, 23.07.2015 08:32, 2 Antworten
Beim Versuch Video-Sequenzen an zu schauen kommt die Meldung -Plug-ins und Shockwave abgestürzt-....
Wird Windows 10 update/upgrade mein Grub zerstören ?
daniel s, 22.07.2015 08:31, 5 Antworten
oder rührt Windows den Bootloader nicht an? das ist auch alles was Google mir nicht beantw...
Z FUER Y UND ANDERE EINGABEFEHLER AUF DER TASTATUR
heide marie voigt, 10.07.2015 13:53, 2 Antworten
BISHER konnte ich fehlerfrei schreiben ... nun ist einiges drucheinander geraten ... ich war bei...
PCLinuxOS lässt sich nicht installieren
Arth Lübkemann, 09.07.2015 18:53, 6 Antworten
Hallo Leute, ich versuche seit geraumer Zeit das aktuelle PCLinuxOS KDE per USB Stick zu insta...
Fernwartung oder wartung im haus
heide marie voigt, 29.06.2015 10:37, 2 Antworten
gerne hätte ich jemanden in Bremen nord, der mir weiter hilft - angebote bitte mit preis HMVoigt