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Fünfkampf

Aktuelle Browser im Vergleich

07.09.2009
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Zu den wichtigsten Komponenten auf dem Desktop zählt mittlerweile der Webbrowser. Firefox, Opera, Konqueror, Epiphany und Google Chrome müssen im Vergleichstest ihre Qualitäten demonstrieren.

Zu den wichtigsten Desktop-Komponenten gehört heute zweifellos der Webbrowser. Längst dient er nicht mehr nur als Informationszentrale für den Zugriff auf im Netz gespeicherte Informationen, sondern übernimmt mehr und mehr auch die Rolle eines Desktops im Desktop für Web-2.0-Anwendungen. Manche unken gar schon, im Zeitalter der Cloud entspreche der Browser dem Betriebssystem, und was darunter liege, sei kaum mehr von Belang.

Tatsächlich beschäftigt die Frage, wer womit surft, inzwischen sogar die Politik. So toleriert etwa die EU ohne weiteres, dass Hardwarehersteller ihre Rechner ausschließlich mit Vorinstalliertem aus Redmond anbieten, jedoch nicht ohne oder mit alternativem Betriebssystem. Während diese von Kritikern treffend als Microsoft-Steuer apostrophierte Praxis in Brüssel nicht unangenehm aufzustoßen scheint, zicken die Eurokraten, wenn auf dem Windows-Desktop lediglich ein Internet-Explorer-Logo zu sehen ist.

Der Linux-Anwender hat es da schon immer besser, ihm bietet sich in Sachen Webbrowser von jeher eine reiche Auswahl sowohl auf der Kommandozeile als auch auf dem grafischen Desktop. Links, Lynx, Dillo und Konsorten treten aber in ihrer Bedeutung gegenüber der GUI-Konkurrenz zunehmend zurück. Auch auf dem grafischen Desktop konzentriert sich das Interesse der User auf eine Handvoll Browser.

Die von von KDEs Standardbrowser Konqueror entlehnte Webkit-Engine macht inzwischen auch auch Googles Chrome flott – und daneben auch Apples Safari auf Mac OS X. Auch dem Galeon-Nachfolger Epiphany, der für Gnome das sein möchte, was Konqueror für KDE ist, soll Webkit neues Leben einhauchen – so hofft jedenfalls das Projekt.

Der norwegische Hersteller Opera legt zwar den Quelltext seines Browsers nicht offen, gibt sich bei dessen Linux-Versionen aber richtig Mühe. Als unumstrittener Platzhirsch unter den Linux-Browsern aber residiert auf dem freien Desktop momentan Mozillas Firefox, der bei keiner Distribution fehlt. Mit Google Chrome und dessen Ablegern könnte dem Mozilla-Browser aber schon bald ernsthafte Konkurrenz erwachsen.

Zeit für eine Bestandsaufnahme, wie wir finden. Wir haben daher Chrome 3.0b, Epiphany 2.26.1, Firefox 3.5.2, Konqueror 4.2.2 und Opera 9.64 auf ihre Leistung, Funktionsvielfalt, Kompatibilität und Benutzerfreundlichkeit hin untersucht. Als Testplattform diente uns dabei ein System mit einem Prozessor des Typs AMD Athlon X2 4600+ unter Ubuntu 9.04 "Jaunty Jackalope" in der 32-Bit-Version. Daher vorab noch die Anmerkung, dass sich gewisse Parameter – wie etwa das Drag&Drop-Verhalten, die Zwischenablage oder die Kaltstartzeit – naturbedingt auf KDE-Systemen etwas anders darstellen können. Eine übersichtliche Zusammenfassung aller Testergebnisse finden Sie in der Tabelle "Aktuelle Webbrowser im Vergleich" am Ende des Artikels.

Firefox 3.5.2

Firefox (Abbildung 1) nimmt unter Linux in etwa denjenigen Platz ein, den der Internet Explorer unter Windows besetzt. Der Browser zählt bei jeder gängigen Distribution zum Lieferumfang, unabhängig von deren Desktop. Selbst KDE-basierenden Distributionen liegt er bei – und das, obwohl KDE in Konqueror seinen eigenen Browser mitbringt. Der Erfolg von Firefox gründet sich auf seinen Ruf, stabil, schnell, beliebig erweiterbar und standardkonform zu sein – und diesen Ruf trägt er nicht zu unrecht.

Abbildung 1: Firefox 3.5.2 bietet viel Neues.

Die Erweiterbarkeit durch zahllose Addons und deren problemlose Installation haben dazu geführt, dass der Browser selbst sich im Auslieferungszustand etwas spartanisch gibt. Bei jeder frischen Linux-Installation gilt es erst mühsam einzeln sämtliche liebgewonnenen Addons nachzuziehen. Immerhin gestaltet sich der Prozess sehr einfach, Firefox integriert im Erweiterungsmanager sogar einen Addon-Browser, mit dem man direkt in den Erweiterungen stöbern kann, ohne erst explizit die entsprechende Website ansurfen zu müssen. Störend fällt hier nur auf, dass die Suche Erweiterungen nur findet, wenn man den Namen exakt angibt – etwas "fuzzy logic" würde der Addon-Suche gut zu Gesicht stehen.

Ein nützliches Feature des Browsers stellt die Fehler-Konsole dar, die Bericht darüber erstattet, wie sauber der dargestellte Webcode ausfällt. Leider ist das integrierte Quelltext-Anzeigeprogramm wirklich nur ein solches und erlaubt keine Änderungen am Code. Entwickler können also nicht schnell einen von Firefox bemängelten Bug direkt im Browser fixen, ohne einen externen Editor zu bemühen – aber auch hier gibt es Addons, die in die Bresche springen, wie etwa Firebug oder Web Developer.

Praktisch ist auch das Seiten-Informationsfenster: Hier kann man sich nicht nur alle Passwörter, Cookies oder Einzelelemente einer Seite und deren Eigenschaften anzeigen lassen, sondern auch individuelle Seiten-Profile erstellen. Für jede Seite legen Sie so einzeln fest, ob sie Cookies setzen, Popup-Fenster öffnen oder Grafiken laden darf. Das Hilfe-Menü bietet umfangreiche Feedback-Möglichkeiten: Phishing-Seiten lassen sich ebenso direkt aus dem Programm meldet wie Bugs im Browser oder Seiten, die falsch oder überhaupt nicht dargestellt werden.

Firefox verfügt über eine gute Lesezeichen-Verwaltung, die auch die Suche in den Bookmarks erlaubt. Das Verschlagwortungsfeature, das helfen soll, im Bookmark-Dschungel den Überblick zu behalten, kann nicht so recht begeistern: Es zeigt nur Wirkung, wenn man es konsequent umsetzt und alle Bookmarks höchstselbst verschlagwortet. Haben Sie also sehr viele Bookmarks in petto, müssen Sie für die Verschlagwortung ihrer Sammlung schon mal einige Stunden einplanen. Auch die Browserchronik lässt Komfort vermissen: Im zugehörigen Pulldownmenü finden sich nur die letzten zehn Seiten – wer weiter zurück will, muss entweder das gesonderte Chronik-Fenster oder die entsprechende Seitenleiste bemühen.

In Sachen Sicherheit und Privatsphäre brilliert Firefox dagegen: Mit dem "privaten Modus" ahmt Firefox 3.5 nun die von Chrome erfundenen Incognito-Arbeitsweise nach. Der Browser hinterlässt in diesem Modus keine verräterischen Surfspuren auf der Festplatte. Beim Aufruf übelwollender Sites, wie etwa Malware- oder Phishing-Seiten, warnt Firefox.

Als sehr praktisch erweist sich die 1:1 von Mac OS übernommene Funktion Symbolleisten anpassen, mit dem Sie je nach Gusto die Symbolleiste abspecken oder neu arrangieren. Der Fullscreenmodus ist für Geräte mit kleinem Bildschirm äußerst praktisch – Firefox blendet sogar die Bedienleiste oben aus, solange man nicht mit dem Mauspfeil darüber schwebt. Zu den Highlights des Mozilla-Browsers zählt auch den Plugin-Manager für MIME-Types: Hier stellen Sie für jeden Dateityp per Pulldownmenü das gewünschte Programm ein. Schön gelöst haben die Entwickler das Einbinden eigener Suchkürzel (siehe Kasten "Suchkürzel"): Man klickt dazu einfach mit der rechten Maustaste auf das Suchfeld und wählt Ein Schlüsselwort für diese Suche hinzufügen aus.

Suchkürzel

Suchkürzel erleichtern das Online-Leben sehr: Statt Bookmarks aufzurufen, Seiten zu laden und Suchfelder zu klicken gibt man einfach in der URL-Zeile das Suchkürzel und den gewünschten Begriff ein (beispielsweise sf Programm für die Suche auf Sourceforge), und der Browser zeigt sofort das Suchergebnis an. Bei Firefox, Opera und Konqueror erledigen Sie dies am einfachsten durch einen Rechtsklick auf ein Suchfeld und Auswahl der entsprechenden Option. Epiphany und Chrome bieten diese praktische Funktion nicht an.

Die Firefox-Entwickler haben in Version 3.5.2 die Standardkonformität und die Javascript-Engine verbessert, Unterstützung für Ogg-Vorbis/Theora, HTML5 und CSS3 hinzugefügt, den privaten Modus eingeführt und daneben auch beliebte Features aufgebohrt. So können Sie nun beispielsweise Tabs per Drag & Drop verschieben, wobei Firefox diese dabei als Thumbnail darstellt. Den vorgeblich reduzierten Speicherverbrauch konnten wir im Test allerdings nicht nachvollziehen, hier erwies sich Firefox 3.5.2 sogar als etwas speicherhungriger. Eine vollständige Liste aller Neuerungen und Verbesserungen finden Sie unter [1].

Opera 9.64

Die norwegische Softwareschmiede Opera bietet ihren Browser (Abbildung 2) für zahlreiche Plattformen vom Windows-PC über Spielekonsolen bis zu Smartphone an. Für Linux gibt es Releases für 32- und 64-Bit-PC sowie PowerPC. Wir testen Opera in der zu Redaktionsschluss aktuellen Version 9.64. Dem Browser liegen eine Reihe von Zusatzprogrammen bei, wie IRC- und Bittorrent-Clients, ein Mailprogramm und eine Notizbuchanwendung. Wir konzentrieren uns beim Test auf den Browser, der für das Userinterface Qt nutzt und sich daher in Gnome-Desktops etwas fremd anfühlt.

Abbildung 2: Opera 9.64 ist üppig ausgestattet.

Operas bewirbt sein Produkt als "the fastest Browser on Earth". Das mag auf anderen Plattformen durchaus stimmen, unter Linux trifft es aber nicht zu (siehe Abschnitt "Geschwindigkeit & Ressourcenverbrauch"). Dennoch kann der Browser als stimmiges Gesamtpaket überzeugen. Von allen Kandidaten im Test bietet Opera den üppigsten Lieferumfang und bringt die beste Grundausstattung mit. Das Speed Dial genannte Schnellwahlfenster wird (im Gegensatz zu dem von Chrome) nicht automatisch vom Browser generiert, sondern lässt sich vom Anwender per Drag & Drop bestücken. Über das praktische Feature Opera Link synchronisiert der Browser nicht nur die Bookmarks, sondern auch die komplette History, das Speed Dial, alle Notizen und selbstdefinierten Suchmaschinen online mit dem Opera-Server. So browsen Sie problemlos mit mehreren Rechnern (oder auch Mobilgeräten) mit identischer Bestückung. Über das zugehörige Web-Frontend nutzen Sie die Opera-Bookmarks sogar mit anderen Browsern. Allerdings setzt Opera Link eine (kostenlosen) Registrierung auf http://http.//my.opera.com voraus. My.opera.com bietet nicht nur Sync-Möglichkeiten, Sie erhalten damit auch von Opera das gesamte Web-2.0-Komplettpaket – inklusive Blog, Bildergalerien und Social Network.

Dank frei konfigurierbarer Tastaturkürzel – hier gibt es sogar ein eigenes Kürzel-Profil für Unix – lässt sich Opera auch mit der Tastatur bestens bedienen. Suchkürzel definieren Sie über einen Rechtsklick auf ein Suchfeld. Als nützlich erweisen sich auch die Thumbnail-Previews der Webseiten, die Opera beim Schweben mit dem Mauspfeil (englisch "hover", im Einstellungsdialog fälschlich als "hoovern" – also staubsaugen – bezeichnet) über dem jeweiligen Tab einblendet. Das Programm bietet einen brauchbaren Quelltexteditor, der den veränderten Code dann auch gleich darstellt, sowie eine Fehler- und Java-Konsole sowie einen integrierten Skript-Debugger. Beim Doppelklick auf ein Wort (oder Rechtsklick auf eine markierte Textpassage) ermöglicht Opera als Optionen das Suchen in Google, das Nachschlagen in Wiktionary/Wikipedia oder auch das Übersetzen in andere Sprachen mittels Babelfish.

Passwörter und vorausgefüllte Web-Formulare speichert Opera im programmeigenen Wand (englisch für Zauberstab). Opera kann unliebsame Inhalte per Kontextmenü blockieren, warnt vor Phishing-Seiten und ermöglicht auch, verdächtige Seiten zu melden. Im Menü Extras lassen sich auf Wunsch sämtliche Spuren einer Surftour löschen.

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