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Nachholbedarf

Interview mit Karsten Gerloff, Präsident der FSFE

20.08.2009 Karsten Gerloff engagiert sich seit Jahren in verschiedenen Gremien und Institutionen aktiv für freie Software. Vor kurzem löste er Georg Greve als Präsident der Free Software Foundation Europe ab. Wir sprachen mit ihm über die Rolle freier Software in der Bildungspolitik und die Aufgaben der FSFE in dieser Hinsicht.

LinuxUser: Herr Gerloff, wie sieht die FSFE [1] als europäischer Ableger der Free Software Foundation FSF [2] ihre generelle Aufgabenstellung?

Karsten Gerloff: Der Zugang zu Software bestimmt, wer an einer digitalen Gesellschaft teilnehmen kann. Nur Freiheit der Nutzung, Vervielfältigung, Veränderung und Weitergabe von Software – beschrieben in der Definition freier Software – erlaubt eine gleichberechtigte Teilnahme am Informationszeitalter. Die Vision freier Software ist, ein stabiles Fundament für die Freiheit in einer digitalen Welt zu bilden. Sie bildet einen der Grundpfeiler für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Entwicklung in einer digitalen Gesellschaft.

Die FSFE widmet sich allen Aspekten der freien Software in Europa. Zentrale Aufgaben der FSFE sind, das Bewusstsein für diese Gedanken zu erzeugen, freie Software politisch und juristisch zu unterstützen sowie den Menschen Freiheit durch die Hilfe bei deren Entwicklung zu geben. Aus diesen Gründen wurde die FSFE 2001 als europäische Schwesterorganisation der Free Software Foundation in Boston (USA) gegründet. Die FSF und die FSFE operieren finanziell, rechtlich und personell unabhängig voneinander als Teil des Free Software Foundation Netzwerks.

LU: Wie sieht die FSFE in Europa ihren Auftrag in Hinsicht auf freie Software im Bildungsbereich, und welche Strategien verfolgt die FSFE hier?

Karsten Gerloff: Der Auftrag, freie Software in die Bildung zu bringen, ist in der Satzung der FSFE verankert [3]. Nur freie Software macht es Schülern möglich, wirklich zu lernen, wie Computer funktionieren. Wir wollen, dass Schüler lernen, Aufgaben mit Hilfe von Computern zu lösen, und nicht bloß bestimmte Programme zu bedienen. Es ist wichtig, dass Gruppen wie Skolelinux die eigentliche Software verfügbar machen, die in Schulen zum Einsatz kommen soll.

Die FSFE ergänzt deren Arbeit dann auf verschiedenen Ebenen. Wir stehen bereit, um mit interessierten Lehrern und Schulbehörden zu sprechen, und sie beim Einsatz freier Software zu unterstützen. Wir bringen das Thema in Deutschland und Europa immer wieder auf den Tisch. Und wir arbeiten daran, ein gutes Umfeld für freie Software zu schaffen, damit es Schulen leichter fällt, diese Software auch einzusetzen.

LU: In Deutschland gibt es vereinzelt Initiativen, Linux an Schulen einzusetzen, und viele Lehrer, die freie Software als "Einzelkämpfer" an Ihren Schulen propagieren. Wie sieht es im Vergleich dazu in anderen europäischen Ländern aus?

Karsten Gerloff: Diese Lehrer leisten oft hervorragende Arbeit, nicht selten unter schwierigen Bedingungen. Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland aber hinterher, wenn es um den Einsatz freier Software in Schulen geht. Zwar fehlt es nicht an kompetenten und motivierten Leuten, aber die Rahmenbedingungen sind zu schlecht. Seitens der Schulträger – meist also der Bundesländer – gibt es kaum nennenswerte Initiativen für den Einsatz freier Software in der Bildung. In anderen europäischen Ländern sieht das ganz anders aus.

Einige Beispiele dazu: In Österreich hat Bildungsministerium mittlerweile die dritte Ausgabe einer GNU/Linux-Distribution für Schulen veröffentlicht [4]. Von 2010 an werden Schulen kein Geld mehr für Lizenzen proprietärer Office-Software erhalten. Ab 2012 gilt die selbe Regel auch für Betriebssysteme. In Polen empfiehlt das Bildungsministerium allen Schulen, OpenOffice einzusetzen [5]. In Spanien haben viele Regionen eigene GNU/Linux-Distributionen für den Einsatz in Schulen entwickelt. Wohl am bekanntesten sind gnuLinEx in Extremadura und Guadalinex in Andalusien. Beide Systeme kommen flächendeckend in den Schulen der jeweiligen Regionen zum Einsatz – wir reden hier über mehrere hunderttausend Nutzer.

In Italien hat das FUSS-Projekt in Bozen mit Unterstützung der Regionalregierung Debian adaptiert und setzt es in mehr als 70 Schulen erfolgreich ein. Der vielleicht innovativste Aspekt des Projekts ist ein Team aus technisch geschulten Lehrern, die ihren Kollegen helfen, die neue Software kreativ und produktiv im Unterricht einzusetzen [6]. In Großbritannien hat die für Software-Beschaffung zuständige Regierungsbehörde endlich einen Anbieter freier Software in die Liste der bevorzugten Lieferanten für Schulen aufgenommen. Das macht es den Schulen sehr viel leichter, freie Software über ihre regulären Kanäle zu beschaffen [7].

Einzelkämpfer können nicht alles leisten: Hier stehen die Schulträger, und hier vor allem die Bundesländer, in der Pflicht. Netbooks ermöglichen eine Infrastruktur ohne Computerraum in der Schule und kommen mit Linux günstiger. Eine Umstellung der Schulinfrastruktur auf Netbooks erspart den Schulträgern viel Geld und den Systemadministratoren an den Schulen viel Arbeit. Ich hielte es daher für sinnvoll, ein entsprechendes Konzept unter Linux auszuarbeiten.

LU: Warum ist freie Software im Bildungssektor so wichtig?

KG: Wenn freie Software in der Bildung zum Einsatz kommt, lernen Schüler nicht bloß, eine bestimmte Version eines bestimmten Programms zu bedienen: Sie haben dann die Chance, Informationstechnologie grundlegend zu verstehen. Sie lernen auch, ähnliche Programme und Anwendungen miteinander zu vergleichen. All das sind wertvolle Fähigkeiten, die es den Schülern möglich machen, in der sich rasch wandelnden Programmlandschaft den Überblick zu behalten.

Freie Software bietet Möglichkeiten für Kreativität, bei denen proprietäre Programme nicht mithalten können. Die Programme lassen sich verändern, verbessern und neu kombinieren. Dazu braucht es allerdings auch qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer, die es verstehen, diese Möglichkeiten auszunutzen. Ihnen muss der Schulträger die nötigen Weiterbildungen anbieten, zusammen mit einem Anreiz, diese auch wahrzunehmen.

Nur freie Software erlaubt es Schülern und Studenten, zu Hause die selbe Software wie in der Schule oder Universität einzusetzen, ohne dafür eine teuere Lizenz erwerben zu müssen. Auf diese Weise kann freie Software auch dabei helfen, den Bildungserfolg vom sozialen Status des Elternhauses zu entkoppeln.

LU: Herr Gerloff, vielen Dank für das Interview.

Infos

[1] FSFE-Homepage: http://fsfe.org

[2] FSF bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Free_Software_Foundation

[3] Satzung der FSFE: http://fsfe.org/about/legal/constitution.de.html

[4] Desktop4Education: http://d4e.at

[5] OpenOffice in Polen: http://tinyurl.com/lu0909-edu-pl

[6] FUSS in Bozen: http://tinyurl.com/lu0909-edu-it

[7] Empfehlung in Großbritannien: http://tinyurl.com/lu0909-edu-gb

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Infos zum Autor

Ferdinand  Thommes

Ferdinand Thommes

Ich schreibe für verschiedene Linuxmagazine Artikel über Debian, Linux allgemein und Linux im Bildungssektor ebenso wie über Hardware allgemein. In der verbleibenden Zeit bin ich Stadtführer in Berlin.

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