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Interessenskonflikte

Editorial

20.08.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass immer mehr Open-Source-Projekte unter die Kontrolle einzelner kommerzieller Anbieter geraten? Die Marktforscher von Gartner haben es bemerkt [1], und sagen voraus, dass in drei Jahren mehr als 50 Prozent des Umsatzes mit Open-Source-Software aus dem Vertrieb von Produkten stammen wird, die unter der Kontrolle eines einzelnen Anbieters stehen.

Ist Ihnen doch egal, meinen Sie – Sie kaufen ohnehin weder Lizenzen noch Support? Wenn es nur so einfach wäre … Tatsächlich verdienen viele Open-Source-Entwickler – und gerade solche, die an besonders wichtigen Projekten arbeiten – ihre Brötchen bei großen kommerziellen Anbietern. Hier zeigt sich zunehmend ein (vorsichtig ausgedrückt) unschöner Zug, der sich mit dem alten Sprichwort "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" umschreiben lässt: Wenn es zwischen den Interessen der Community und denen des Arbeitgebers zu entscheiden gilt, kommt der Kommerz zum Zug und die Community hat das Nachsehen.

Nehmen wir mal OpenOffice, mit dessen kommerzieller Variante StarOffice der Hersteller Sun Microsystems gern Microsoft Office Markanteile abknöpfen würde. Seit langem beschweren sich die Anwender des freien Büropakets über das krude Benutzerinterface und fordern Abhilfe. Tatsächlich beschäftigt sich seit einer Weile das OOo-Projekt Renaissance mit einer optischen Renovierung der Bürosuite. Nun liegt der erste Prototyp auf dem Tisch [2] – und erweist sich als billige Kopie des berüchtigten Ribbon-Interfaces von Microsoft Office. Das muss einen nicht wundern, denn bis auf eine einzige Ausnahme besteht das gesamte Renaissance-Projekt aus – Sun-Angestellten. Klar, dass hier keine intelligenten, aber ungewöhnlichen Lösungen zum Zug kamen, sondern eine Oberfläche, mit der man die als Kunden angepeilten MS-Office-User nicht verschreckt. Der OpenOffice-Anwender wird's dann schon fressen …

Besondere Bauchschmerzen macht mir persönlich, wenn sich extrem wichtige Projekte an einer Stelle bündeln: beispielsweise bei Novell die Distribution (Open)Suse, die beiden Desktops Gnome und KDE plus ein guter Teil der Kernelentwicklung. Da müssen die OpenSuse-Anwender darum betteln, den von zwei Dritteln von ihnen benutzten KDE-Desktop als Standard installiert zu bekommen [3], weil Novell in Unternehmen Gnome besser verkauft. In Gnome wiederum injiziert der Novell-Angestellte Miguel de Icaza fleißig über Mono Technologien, die von Microsoft patentiert sind. Kein Problem für Novell, das ja über seinen Deal mit Microsoft körbeweise Geld verdient und dessen Kunden vor Klagen geschützt sind, wohl aber ein Problem für die Community [4].

Ein noch schrägeres Licht auf die unselige Verflechtung zwischen freier Software und Geschäftsinteressen wirft die Geschichte der kürzlich von Microsoft unter der GPL veröffentlichten Virtualisierungstreiber [5]. Im Nachhinein stellte sich heraus, das Microsoft mit den Treibern die GPL verletzt hatte [6] und sie erst unter die freie Lizenz stellte, als das bekannt zu werden drohte. Bis es soweit war, hielt jedoch der Kernel-Entwickler Greg Kroah-Hartman, der von Microsofts Lizenzverstoß informiert worden war, wochenlang den Deckel auf der Geschichte [7].

Im Interesse der Open-Source-Community hätte es stattdessen ganz offensichtlich gelegen, dem ständig über angebliche Patentverstöße von Linux schwadronierenden Microsoft einmal konkret den Spiegel vorzuhalten. Herr Kroah-Hartman ist übrigens Angestellter von – sie erraten es wahrscheinlich: Novell. Ein Schelm, wer da jetzt Schlechtes denkt, oder?

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Gartner, "Predicts 2009 – The Evolving OSS Model": http://mediaproducts.gartner.com/reprints/microsoft/164057.html

[2] Prototyp der neuen OOo-Oberfläche: http://blogs.sun.com/GullFOSS/entry/prototyping_a_new_ui_july

[3] KDE als OpenSuse-Standard: http://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/OpenSuse-Nutzer-fordern-KDE-als-Standarddesktop

[4] Stallman warnt vor Mono: http://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/Stallman-sieht-Mono-Aufnahme-in-Debian-kritisch

[5] Microsoft veröffentlicht Treiber unter GPL: http://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/Microsoft-veroeffentlicht-20000-Zeile-Code-als-Linux-Treiber-unter-der-GPLv2

[6] SFLC bestätigt Microsofts GPL-Verletzung: http://www.softwarefreedom.org/blog/2009/jul/29/microsoft-gpl/

[7] Kroah-Hartmann schwieg von März bis Juli: http://linux-network-plumber.blogspot.com/2009/07/congratulations-microsoft.html

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Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

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