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Erfolgsfaktor Lehrer

Interview mit Kurt Gramlich von Skolelinux

19.08.2009 Der Diplomsoziologe Kurt Gramlich arbeitet hauptamtlich als pädagogischer Mitarbeiter an der Volksschule Ravensberg. Als engagierter Linux-Anwender und Insider im Bildungssystem gründete er 2002 das Skolelinux.de-Team, über das er regelmäßig in Vorträgen auf Linux-Events berichtet.

LinuxUser: Herr Gramlich, Sie sind der Projektleiter für Skolelinux [1] in Deutschland. Geben Sie uns doch bitte einen kurzen Überblick darüber, was Skolelinux ist.

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Kurt Gramlich: Bei Skolelinux/Debian-Edu handelt es sich um eine Pure-Blend-Debian-Distribution, ein internationales Projekt, das die Anforderungen von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen an freier Software erfüllt. Skolelinux ist also ein angepasstes Debian GNU/Linux, das Lehrer und Schüler in der Schule und zu Hause ohne Lizenzeinschränkungen nutzen können. Der Name Skole stammt aus dem Norwegischen und bedeutet Schule. Inzwischen befindet sich Debian-Edu/Skolelinux in vielen Ländern weltweit im Einsatz.

Skolelinux hat die Anzahl der Fragen, die ein Administrator bei der Installation der zahlreichen Programme beantworten müsste, auf sieben reduziert. Ohne Konflikte lassen sich damit mehr als 500 Computer in einem Schulnetzwerk einrichten. Manche Schulen verwenden nur den Server von Skolelinux, andere nutzen ein komplettes Skolelinux-Netzwerk aus verschiedenen Arten von Computern.

Wie eine Maschine eingerichtet werden soll, das wählen Sie als so genanntes Profil bei der Installation aus. Die wichtigsten Profile neben dem des Hauptservers sind die Workstation und der Terminalserver. Terminalserver vereinfachen die Wartungsarbeiten und erlauben, alte Rechner als Thin Clients wiederzuverwenden. Ein weiteres Profil nennt sich Workstation (standalone) und dient für den Rechner zu Hause. Skolelinux bringt in der Standardlösung sehr viel Lernsoftware [2] mit, insbesondere aus dem KDE-Edu-Projekt.

LU: Skolelinux gibt es bereits seit acht Jahren. Was hat das Projekt in Deutschland bisher im schulischen Umfeld erreicht?

Kurt Gramlich: Skolelinux wurde in Norwegen 2001 von Knut Irvin und Petter Reinholdtsen gestartet und basiert, wie schon gesagt, auf Debian. Heute zeigt sich, wie wichtig und richtig die damalige Entscheidung war, auf diese Distribution zu setzen. Viele der deutschen Schulserver-Lösungen, die es noch 2002 gab, existieren nicht mehr. Bei Linux-Umgebungen an Schulen handelt es sich auch heute noch oft um Insellösungen, die von engagierten Lehrern selbst zusammengestellt wurden und sich nur schwer nachhaltig pflegen lassen. In Deutschland setzten die ersten Schulen 2002 Skolelinux ein. Bereits 2004 gewann Skolelinux in Hamburg ein Auswahlverfahren für Schulserver und erzielte den Status der Standard-Linux-Lösung für Hamburger Schulen. In einem weiteren Entscheidungsprozess wählte 2007 das Bildungsministerium von Rheinland-Pfalz Skolelinux als Linux-Lösung für das Bundesland.

LU: Auf welchem Stand befindet sich denn derzeit das Projekt in Rheinland-Pfalz?

Kurt Gramlich: An den 11 Pilotschulen wurde Skolelinux bereits installiert, die ersten Feedbacks liegen vor und fließen direkt in die Weiterentwicklung ein. Klaus Knopper wurde von der Universität Kaiserslautern mit der technischen Leitung der Weiterentwicklung von Skolelinux für Rheinland-Pfalz beauftragt. In einer zweiten Runde werden Ende diese Jahres 37 weitere Schulen Skolelinux erhalten.

LU: Kooperiert Skolelinux auch mit anderen Projekten aus dem Bildungsbereich?

Kurt Gramlich: Skolelinux arbeitet international mit den verschiedensten Projekten zusammen. Das deutsche Team unterstützt beispielsweise die Entwicklung und Verbreitung von Seminarix [3] und hat mit Linux4Afrika [4] beim Linuxtag 2009 eine offizielle Zusammenarbeit vereinbart. Linux4Afrika sammelt Hardware, bereitet diese auf, und gibt sie – meist als Terminalserver-Lösung – an ausgewählte Schulen in Afrika weiter. Deutsche Skolelinux-Schulen werden jetzt zusammen mit Linux4Afrika nicht nur Hardware-Spenden sammeln, sondern mit Skolelinux-Schulen in Afrika eine Patenschaft und einen Schüler- und Lehreraustausch organisieren.

LU: Trotz der offensichtlich guten Gründe für freie Software im Bildungsbereich gilt es Widerstände zu überwinden. Was sind nach Ihren Erfahrungen die Ansatzpunkte, um freier Software und offenen Formaten zu mehr Verbreitung zu verhelfen?

Kurt Gramlich: Ein wichtiger Erfolgsfaktor für den Einsatz freier Software sind engagierte Lehrer, die sich frühzeitig vernetzen. Noch immer muss man in Deutschland teilweise sehr viel Geduld mitbringen, wenn man freie Software in der Schule einsetzen will. Die unumgängliche Überzeugungsarbeit kostet Energie, die Wenige alleine aufbringen und durchhalten können.

Die Untersuchungen in Norwegen zur Akzeptanz von Skolelinux in den Schulen bestätigen auch meinen Eindruck, dass die Freiheit das entscheidende Argument für eine gute, dauerhafte Lösung darstellt. Wo dieser Gedanke präsent ist, wird das System erfolgreich eingesetzt. Wo aber Schulverwaltungen von oben herab aus Kostengründen den Schulen ein Linux-System aufdrücken, wird es abgelehnt und als "billige" Lösung wahrgenommen.

LU: Herr Gramlich, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

IT-Bildungswüste Deutschland

Im Mai 2009 führte das Marktforschungsunternehmen Redshift im Auftrag von Intel eine Befragung von mehr als 5200 Eltern in elf EMEA-Ländern ("Europe, Middle East, Africa") zum Thema IT in der Bildung vor.

Unter den Interviewten befanden sich auch 510 Eltern aus Deutschland. Praktisch alle (97 Prozent) glauben, dass sich die PC-Kenntnisse ihres Kindes zu einem "großen Anteil" (57 Prozent) oder zu einem "bestimmten Anteil" (40 Prozent) auf die späteren Berufschancen ihres Kindes auswirken. Neun von zehn Eltern halten eine kompetente PC-Nutzung ihrer Kinder für "essenziell" (55 Prozent) oder "sehr wichtig" (33 Prozent) und gewähren ihnen zu Hause Zugang zum Computer.

An den Schulen hingegen sehen die deutschen Eltern Handlungsbedarf: Jedes fünfte Kind (19 Prozent) hat laut der Befragung an der Schule keinerlei Zugang zu einem Rechner, nur jedes dritte (32 Prozent) bekommt an der Schule Informatikunterricht angeboten. Die befragten Eltern sehen daher Regierung (54 Prozent) und Schulen (38 Prozent) in der Pflicht, den Zugang zum PC als Lernmittel zu fördern. Dies erscheint um so drängender, weil jedes achte Kind (13 Prozent) auch zu Hause keinen Zugang zu einem PC hat.

Allerdings agieren deutsche Eltern zögerlicher als Väter und Mütter in anderen EMEA-Ländern, wenn es um das Alter geht, mit dem ihr Kind Zugriff auf den PC erhalten sollte: Nur 46 Prozent sind der Meinung, dass Kinder bereits vor dem 8. Lebensjahr Zugang zu einem PC haben sollten – im EMEA-Durchschnitt sind es 65 Prozent. (jlu)

Infos

[1] Skolelinux in Deutschland: http://skolelinux.de

[2] Lernsoftware in Skolelinux: http://wiki.skolelinux.de/LernSoftware

[3] Seminarix: http://www.seminarix.org

[4] Linux4Afrika: http://www.linux4afrika.de

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