Bildung ist eins unserer höchsten Güter. Was in der Schule versäumt wird, muss man später mühsam nachholen. Das gilt auch und gerade für den Informatikunterricht und den Umgang mit Computern generell. Die Beschränkung auf ein Betriebssystem – heute üblicherweise Microsoft Windows – fördert die überall geforderte Medienkompetenz nicht. Ein Grundrecht der heutigen Zeit muss also lauten: freier Zugang zu digitalen Medien und Inhalten.

Unsere Verfassung schreibt in Artikel 72 die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse als Aufgabe des Staates fest. Diese Pflicht wird jedoch verletzt, wenn der Staat Bürger zwingt, beispielsweise für ihre Steuererklärung ein Produkt eines kommerziellen Anbieters verwenden zu müssen. Das gilt erst recht, wenn Schülerinnen und Schüler mit proprietärer Software arbeiten müssen, die sie sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht legal beschaffen können. Neben den schlichten Kosten spielt auch und gerade in der Schule die Freiheit der Software eine wichtige Rolle: Der Quellcode der eingesetzten Anwendungen sowie die Datenformate sollten frei zugänglich, veränderbar und redistribuierbar sein.

Linux und freie Software erfüllen all diese Anforderungen und eignen sich damit perfekt, um Jugendliche auf die stetig wachsenden Anforderungen des Berufslebens vorbereiten. Des weiteren erscheint es gerade angesichts der Wirtschaftskrise als Gebot der Vernunft, Geld zu sparen. Auch hier bietet die lizenzkostenfrei Open-Source-Software eine mögliche Lösung. So verwundert es nicht, dass sich in den Medien wöchentlich Meldungen aus aller Welt finden, dass Behörden und Schulverwaltungen auf Linux umstellen. Dieser Artikel soll beleuchten, was Linux im Schulunterricht, für das Studium sowie bei Lernen und Hobby leisten kann und welche Initiativen und Projekte es gibt.

Schulträger

In Deutschland fungieren die Gemeinden als Schulträger. Die Rahmenbedingungen dazu setzen jedoch die Kultusministerien der 16 Bundesländer. In einigen davon gibt es Modelle der Schulvernetzung auf der Basis von Linux – so etwa in Baden-Württemberg, Hamburg und Rheinland-Pfalz – die aber lediglich alternativ zu anderen Modellen angeboten werden. In den meisten Bundesländern jedoch gibt noch nicht einmal alternativ derartige Angebote.

Die Schulvernetzung liegt dann konkret in der Hand der lokalen "Netzwerkadministratoren", sprich: Lehrer, die hier oft als Einzelkämpfer auftreten müssen. Selbst wenn Linux als Basis der Schulvernetzung zum Einsatz kommt, läuft letzten Endes auf dem Desktops in aller Regel Windows. Die gängige Begründung: "Die Lernsoftware XYZ läuft nicht unter Linux". Dass auch Linux ein breites Spektrum an Lernsoftware bietet, wissen die wenigsten Verantwortlichen.

Bestandsaufnahme

Wie nicht anders zu erwarten, dominiert in Deutschland wie anderswo im Bildungsbereich der Marktführer Microsoft mit seinen Produkten. Anders als in der dritten Welt, wo auch in vielen Schulen überwiegend Raubkopien zum Einsatz kommen, beruht die Zusammenarbeit in Deutschland auf langfristigen Verträgen der Behörden mit Microsoft, für die pro Jahr immense Summen an Lizenzkosten anfallen. Diese Verträge gehen teilweise so weit, dass Microsoft die Schulserver fernadministriert – als ob die Schulserver nicht unter die Obhut der Schulämter oder der jeweiligen Verantwortlichen vor Ort gehörten.

Wie sieht es nun mit dem Einsatz von Open Source und freier Software in unserem Bildungssystem? An verlässliche Zahlen ist schwer heranzukommen und, was es an Statistiken gibt, stimmt eher traurig. Offizielle Initiativen seitens der Schulämter und Bildungsministerien bleiben die Ausnahme. Immerhin unterstützen die Bundesländer Hamburg und Rheinland-Pfalz das Projekt Skolelinux, in Brandenburg soll es eventuell noch in diesem Jahr eine Zusammenarbeit mit einem anderen Projekt geben. Ansonsten engagieren sich in vielen Schulen Lehrer, die Linux fördern und administrieren. Hier tut mehr Initiative der betreffenden öffentlich Verantwortlichen sowie Zusammenarbeit mit den bestehenden Distributionen und Initiativen Not. Allerdings besteht die Hoffnung, dass insbesondere die leeren Kassen zum verstärkten Einsatz freier Software führen – auch wenn das eigentlich der falsche Beweggrund ist.

Tatsächlich bietet Linux neben zahlreichen Anwendungen, die sich von der Vorschule bis hin zur Universität einsetzen lassen, auch eine Reihe speziell für die Anforderungen des Bildungsbereich ausgelegte Basissysteme. Alle großen Distributionen pflegen auch einen Bildungszweig, die wohl prominentesten Vertreter sind Debian-Edu, Edubuntu und OpenSuse-Edu.

Skolelinux

Debian-Edu und Skolelinux [1] entstanden beide etwa zeitgleich 2001 und gehen seit 2003 einen gemeinsamen Weg. Bei Skolelinux handelt es sich um eine speziell auf schulische Bedürfnisse abgestimmte Distribution, mit der auch ungeübte Administratoren und Anwender mit wenig Aufwand ein Schulnetz samt Terminalserver, Arbeitsstationen und Notebooks schnell aufsetzen. Hierbei kommt nur auf Debian basierende freie Software zum Einsatz.

Skolelinux / Debian-Edu ist weltweit an mehr als 600 Schulen installiert. Das multilinguale System unterstützt mehr als 40 Sprachen, das Skolelinux-Wiki [2] umfasst 4000 Seiten. Mehr Informationen zu Skolelinux bieten auf den folgenden Seiten ein Interview mit dem deutschen Projektleiter Kurt Gramlich [3] sowie ein Artikel zu Skolelinux im Schuleinsatz [4] mit einigen Anwendungsbeispiele aus dem Alltag.

Arktur

In die selbe Richtung wie Skolelinux zielt das Arktur-Schulserver-Projekt. Arktur [5] wird seit 1996 entwickelt und seit 1997 vom Verein Schulen ans Netz, dem Offenen Deutschen Schulnetz (ODS) und der Zeitschrift c't gefördert und verteilt. Arktur basiert auf Suse und Slackware und umfasst ausschließlich freie Software. Auch hier liegt das Hauptaugenmerk auf einfacher Installation von Workstations, Datei-, Mail- und Newsserver sowie Webserver, wobei sich weitere Server unter Windows und Mac OS X leicht anbinden lassen. Nach aktuellen Schätzungen verwenden etwa 2000 Schulen in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland den Arktur-Server.

Seminarix

Einen etwas anderen Ansatz hat das noch recht junge Projekt Seminarix [6]: Es zielt in erster Linie darauf ab, Lehrern, Lehramtskandidaten und Schülern die Fülle an Software aus dem Bildungsbereich in einer leicht bedienbaren Oberfläche näherzubringen (Abbildung 1), um Berührungsängste mit dem noch fremden Betriebssystem Linux abzubauen. Entwickelt wird es derzeit vom Sidux e.V. in Zusammenarbeit mit dem Initiator des Projekts, Wolf-Dieter Zimmermann, dem Leiter des Studienseminars Neuss.

Abbildung 1: Überblick über die Kategorien in Seminarix.

Bei Seminarix handelt es sich um die konsequente Verlängerung eines anderen Projekts, nämlich den Auszubildenden am Studienseminar eine CD zur Verfügung zu stellen, auf der sie für ihren Beruf als Lehrer alle wichtigen Anwendungen und Hintergrundinformationen zum Thema "freie Software und freie Formate" finden. Dieses Projekt (die "Seminar-CD", inzwischen in Version 3) war von drei Studienseminaren (unter anderen dem in Neuss) angeschoben worden. Die Seminar-CD fußt allerdings auf der Basis des proprietären Betriebssystems Microsoft Windows. Dies ist unter anderem auch deshalb nachvollziehbar, als die meisten Schulen eben dieses proprietäre System verwenden. Insofern bestand der konsequente nächste Schritt nun darin, auch das Betriebssystem des Gemeinschaftsprojekts zu "befreien".

Die erste Ausgabe von Seminarix baute auf Kubuntu auf, da KDE die volle Unterstützung für KDE-Edu bietet und der KDE-Desktop für Umsteiger wohl die am wenigsten fremde Umgebung ist. Die zweite Version von Seminarix setzte 2008 nach Gesprächen mit dem Sidux e.V. auf der Grundlage des auf Debian "Sid" basierenden Sidux [7] auf. Der Vorzug dieser Umsetzung stellen die problemlos aktuell zu haltende Installation und der feste Releasezyklus dar. Mithilfe von Eduversum, der von Sidux für Seminarix entwickelten Oberfläche für das Paketmanagement, installieren auch weniger versierte Nutzer problemlos benötigte Software nach (Abbildung 3).

Dies ist die derzeit aktuellste Version. Im Herbst 2009 soll eine neue DVD erscheinen, die viele für die Ausbildung brauchbare Anwendungen sowie Hintergrundinformationen und Dokumentation zu einer Reihe von Bildungsprojekten mitbringt, die zum Nachmachen einladen.

Abbildung 2: Eduversum liefert für alle Programme eine detaillierte Beschreibung.

Pinguin für Kinder

Seit 2003 gibt es mit "Jux – Linux for the Young" [8] eine Distribution als Live-CD speziell für Jugendliche. Das Programmspektrum orientiert sich speziell an den Interessen dieser Zielgruppe: Neben einer Menge an freien Spielen bringt Jux viele Angebote aus den Bereichen Grafik, Musik, Lernprogramme und Internet-Tools mit. Diese Auswahl fasst es unter einer einfachen Oberfläche zusammen, die vor allem Windows-Umsteiger ansprechen soll. Parallel dazu existiert unter dem Namen Juxlala ([8],[9]) eine Umsetzung für Vorschulkinder, um diese kreativ in den Umgang mit dem PC einzuführen (Abbildung 3). Etwas aktueller als Jux, aber noch nicht so bekannt, ist Lerntux [10]. Es richtet sich ebenfalls hauptsächlich an Kinder und Jugendliche. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf dem einfachen Zugang und eine kind- und jugendgerechte Auswahl der Anwendungen.

Abbildung 3: Juxlala bietet eine kindgerechte Oberfläche.

Was gibt es sonst noch?

In Deutschland gibt es eine ganze Reihe von Initiativen und Vereinen, die sich mit dem Thema Linux und Bildung befassen. Eine der bekanntesten ist der Freie Software und Bildung e.V. (fsub, [11]). Dort finden Sie eine große Zahl an weiterführenden Links, um das Thema zu vertiefen. Ebenfalls als Einstiegspunkt in das Thema eignen sich der Deutsche Bildungsserver [12] und Hradetzky.de [13].

Einen Überblick über die verfügbaren Schulserver-Distributionen gibt die Seite Linux-Schulserver [14]. Das OpenSuse-Projekt offeriert eine gut strukturierte Übersicht über verfügbare Software [15]. Wer mit dem Thema Open Source noch gar nicht vertraut ist, lädt die aktuelle Ausgabe der Open-Source-CD/DVD [16] herunter, um sich unter Windows einen ersten Überblick über die Fülle und Qualität freier Software zu machen.

Was bleibt zu tun?

Im Bildungssektor stehen dem Einsatz von Linux keine ernsthaften Hindernisse mehr im Weg: Es gibt nicht nur einen großen Software-Pool, sondern auch viele Entwickler und Unterstützer, die sich dafür einsetzen, Kindern, Jugendlichen sowie den Entscheidungsträgern Linux als freie, quelloffene kostengünstige und qualitativ mindestens gleichwertige Alternative nahezubringen.

Die Lehrer und Administratoren, die an ihren Schulen als Einzelkämpfer Linux durchsetzen, sind das Salz in der Suppe – angerührt werden muss die Mahlzeit aber andernorts. Die mit Linux befassten Bildungsinitiativen können nur über das Angebot informieren. Interessierte Lehrer, Eltern und Erzieher müssen bei den entsprechenden Verantwortlichen in den Schulämtern und Bildungsministerien Druck aufbauen, damit ihre Kinder in dem aus Steuergeldern finanzierten Schulsystem eine Alternative zu den proprietären Systemen von marktbeherrschenden Firmen erhalten.

Zum Schluss hier noch ein Beispiel, das Mut macht: Die Region Extremadura, eine der ärmsten Gegenden in Spanien, beschloss 2004, das Schulsystem komplett auf Linux umzustellen. 2006 entschied sich die Verwaltung der Region, innerhalb eines Jahres auch die gesamte Administration ausnahmslos auf freie Software und offene Formate umzustellen. Dazu entwickelte man GnuLinEx [17], ein angepasstes Debian. Seither finden in Extremadura jährlich mehrere Debian-Edu-Entwicklertreffen statt. Im Juli 2009 fand dort im Städtchen Cáceres auch die Debian-Konferenz Debconf9 [18] statt, mit der das Debian-Projekt der Region den Rücken stärkte.

Infos

[1] Homepage von Skolelinux: http://www.skolelinux.de

[2] Skolelinux-Wiki: http://wiki.skolelinux.de/EinstiegsHilfen

[3] Interview mit Kurt Gramlich: "Erfolgsfaktor Lehrer", LinuxUser 09/2009, S. 26, http://www.linux-community.de/artikel/19238/

[4] Skolelinux-Praxis: Ferdinand Thommes, "Nachholbedarf", LinuxUser 09/2009, S. 27, http://www.linux-community.de/artikel/19242/

[5] Schulserver Arktur: http://www.arktur.de

[6] Seminarix: http://www.seminarix.org

[7] Sidux: http://sidux.com

[8] Jux und Juxlala: http://www.jux-net.info

[9] Juxlala 2.0: Erik Bärwaldt, "Spielen und Lernen", LinuxUser 08/2009, S. 62, http://www.linux-community.de/artikel/18824/

[10] Lerntux: http://www.lerntux.de

[11] fsub e.V.: http://fsub.schule.de/home/sitemap.htm

[12] Deutscher Bildungsserver: http://www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=288

[13] Hradezky.de: http://www.hradetzkys.de/pcweb_linuxschule.php

[14] Linux-Schulserver: http://www.linux-schulserver.de

[15] Schulanwendungen bei OpenSuse: http://de.opensuse.org/Bildungswesen/Anwendungen/Desktop

[16] Open-Source-CD/DVD: http://www.opensource-dvd.de

[17] GnuLinEx: http://www.debian.org/News/2006/20060803

[18] Debconf9: http://www.debian.org/News/2009/20090722

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