Quo vadis, Linux?

23.07.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Über einen Abschied zu schreiben, fällt schwer – schwerer als der Abschied selbst sein kann. Ich habe zwölf Jahre lang mit Linux gearbeitet, es gehasst – und geliebt. Gehasst, weil vieles so anders war als bei Windows. Geliebt, weil es wirklich ein Super-Betriebssystem war. Aber eben "war" …

Meine erste Linux-Distribution war Suse 4.4.2, und für mich als Windows-Umsteiger war so vieles anders und neu. Wie viele Stunden, Tage, Monate habe ich vor meinem PC gesessen, weil dies oder jenes nicht funktionierte. Und immer wieder habe ich dazu gelernt, probiert, gegoogelt. Und habe mir geschworen: Nie wieder Windows! Auf Suse folgten viele andere Distributionen – Slackware, Debian, Mandriva, CentOS, Linux Mint, Ubuntu oder auch Elive, um nur einige zu nennen.

Doch fast jede Distribution wurde mit der Zeit immer Windows-ähnlicher: Ob es nun das kastenförmige Startmenü unter KDE 4 ist, das mich an Windows erinnert, oder einfach nur die Tatsache, das man heute schon sehr viele Windows-Programme unter Linux auszuführen kann – ich werde den Eindruck nicht los, das sich Linux mehr und mehr an Windows annähert. Ein gutes Beispiel dafür sind Toorox [1], dessen Desktop mich doch sehr stark an den von Windows Vista erinnert, wenn auch die Plasmoids nicht so exakt am Bildschirmrand angeordnet sind, oder Logene [2], bei dem der Linux-Kernel kompatibel zu Treibern und Anwendungen von Windows gemacht werden soll. Wie heißt das neue System dann – vielleicht "Winux"?

Man fragt sich, was die Entwickler mit so etwas bezwecken. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass auch Viren, Würmer und Trojaner "Windows-Anwendungen" sind. Ich warte eigentlich nur noch auf den Tag, an dem sich Linux mit einem Bluescreen verabschiedet. Wozu noch Sicherheit – Hauptsache bunt und kompatibel …

Dabei meine ich jedoch nicht nur grafische Effekte oder Spielereien á la Compiz. Ganz im Gegenteil: Manche Effekte unter Compiz finde ich vorteilhaft – die jedoch haben für mich eher einen Bezug zu Mac OS X. Weshalb man allerdings als Bildschirmschoner einen 3D-Würfel oder eine rotierende Kugel benötigt, die Ressourcen fressen, ist mir ein Rätsel. Schön anzusehen, aber eben Spielerei.

Als ernsthaftes Betriebssystem sollte Linux auf solche oder andere Methoden verzichten, die nur darauf abzielen, Windows-User zum Umstieg zu bewegen. Das hat Linux nicht nötig: Es ist sicher und läuft stabil, und vieles kann man heute auch unter Linux erledigen, dazu braucht es kein Windows. Wer absolut nicht auf Microsofts Betriebssystem verzichten kann, kann ja zur Parallelinstallation greifen: Festplatten sind heute sehr preiswert, und Grub bootet ja auch Windows. Als Alternative gibt es Virtualisierungssoftware ein. Einen Linux-Windows-Mix braucht da kein Mensch. Merkwürdigerweise hat offenbar kaum jemand Interesse daran, Mac-OS-X-Programme unter Linux laufen zu lassen – oder habe ich da etwas verpasst?

Ich mag an dieser Stelle kein Votum für dieses oder jenes Betriebssystem abgeben. Ich finde jedoch, dass sich Linux inzwischen zu sehr an Windows angenähert hat. Deswegen wechsle ich jetzt zu Mac OS X, auch wenn hier bei weitem nicht alles Gold ist, was glänzt. Besonders ein typisches Linux-Feature wird mir hier wohl sehr fehlen: das System nach eigenen Wünschen und Vorstellungen zu kompilieren.

Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt – und wer weiß, vielleicht gibt es in nicht allzu ferner Zukunft wieder ein Linux, das mich so begeistert wie seinerzeit Suse 4.4.2.

Beste Grüße,

Jörg Scheuplein

Ex-Linux-User

Infos

[1] Toorox: http://www.toorox.de

[2] Longene: http://www.longene.org/en/

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Kommentare
Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt...
Phoenix (unangemeldet), Montag, 28. September 2009 17:42:32
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Hallo an die Leser,

ich bin erst spät an diese Reihe gekommen, obwohl ich den Heftbeitrag schon eher gelesen hatte. Ich fasse den Gastbeitrag mehrseitig- und nicht nur negativ- auf:

Zum einen kann man leicht über Linux meckern, wenn man "WIN- verwöhnt" mal an Linux gescheitert ist. Nicht von der Hand zu weisen ist, daß WIN die EDV- Entwicklung immer noch "jagt"; ohne die fast krankhafte Versionitis von MS wären sicher auch die Entwickler anderer BS in sanften Schlummer verfallen (siehe UNIX, was weit älter als jedes WIN ist, aber durchaus immer bei weitem noch nicht nutzerfreundlich ist!). Die Anwender- Vergewaltigung des Hauses Redmond mit Ausforschung, Dirigismus und Vorbestimmung spricht dagegen immer für andere BS. Leider ist da wohl MAC nicht wesentlich weit entfernt von- den Umstieg gerade darauf sehe ich als "von der Traufe in den Regen"...

Natürlich kann man sich seinen Desktop unter Linux weitgehend so gestalten, wie man möchte, ja diesen sogar völlig auswechseln. Und aus der Unzahl angebotener Programme auch mal neue auswählen, wenn einem die anderen nicht mehr gefallen.
Aus eigener Anschauung weiß ich, daß man Wochen bis Monate auf die Konfiguration eines eigenen Linux- Rechners zubringen kann; Mitmenschen mitten in oder auf der Arbeit haben dazu überwiegend keine Zeit. Da ist Einschalten, Einlegen, Starten/ Installieren doch wesentlich angenehmer. In der Richtung kann Linux sich MS durchaus weiter annähern; allerdings sollte das vor/ bei einer Linux- Installation zur Auswahl angeboten werden, ob ich selbst dran arbeiten will oder einen Film ablaufen haben möchte. In der Richtung gibt es ja wohl je nach Distri bereits erhebliche Fortschritte.

Bunte und 3-D- Darstellungen oder Gepfeife und Gedröhne brauche ich sowohl auf dem Desktop als auch bei den Programmen nicht. Hinter dem Quatsch guckt/ hört man ungewollt hinterher und wird nur abgelenkt. Also: so lange fragen und suchen, bis man weiß, wo der Abschaltknopf dazu steckt.

Aber eigentlich finde ich den Gastkommentar eher provozierend- hätte er hier nicht so gestanden, hätte sich niemand über das Thema aufgeregt; möglicherweise hätte sich aber auch niemand dazu Gedanken gemacht. Jedem Tierchen sein Pläsierchen- mit Linux hat man immer noch alle Türen offen; mit MS/ MAC dagegen?? Ob der Ex- Linuxer wirklich ein Ex ist, oder nur so tut?

Mit einem Zwinkern

ein "wieder- Tuxer" (seit fast 3 Jahren)


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Kann die Argumente nicht nachvollziehen
K. R., Freitag, 31. Juli 2009 16:20:09
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Wie ich schon in der Überschrift angedeutet habe, komme ich mit den gebrachten Argumenten - die gegen Linux sprechen sollen - nicht weiter...

Auf der einen Seite wird Linux negativ angelastet, sich immer mehr in Richtung Windows zu bewegen, aus diesem Grund steigt der Herr dann auf Mac OS X um (???), um dann doch Linux wegen der Anpassbarkeit nachzutrauern....

Hab ich das so korrekt verstanden?


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Wie bitte?
samy (unangemeldet), Sonntag, 26. Juli 2009 23:11:49
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Tut mir leid aber ich kann den Kommentar überhaupt nicht nachvollziehen. Mir kommt es so vor, als ob jemand der jetzt zu OS-X umgestiegen ist, und bisher Linux nutzte und sich schwor dabei zu bleiben, eine Rechtfertigung sucht das er jetzt doch Linux untreu wurde.

Was sind das für Argument?
Immer Windows ähnlicher, da jetzt Windowsprogramme unter Linux gestartet werden können. Hallo, das Wine-Projekt das schon 1993, also vor 24 Jahren!!! Wer zwingt dich mit Wine Windowsanwendungen zu starten? Nenn mir eine Distribution die als Standard, Windows-Programme installiert! Es mag zwar spezielle Distrubtionen für Windows-Umsteiger geben, die Windows nachahmen möchten, aber es gibt noch viele andere.

Was stört dich daran, dass Menschen Windowsprogramme mit Wine starten können? Jeder kann sein Risiko selbst einschätzen, und niemand wird zu soetwas gezwungen.

KDE 4.
Es mag für einen immer Windows ähnlicher werden, ich bin nicht der Meinung aber ok. Aber wer zwingt dich KDE zu nehmen? Gnome geht ja mit Gnome 3 in eine völlig andere Richtung.
Fedora und dein OpenSuse setzten ja wie viele per Standard auf Gnome!!

Was dann an Slackware, Debian etc., so Windows ähnlich sein soll, weis ich nicht.

Tut mir leid, aber das ist eher eine Darstellung deiner Gefühle, als ein auf Tatsachen beruhender Bericht.

Wenn sich sowas im Linux-User durchsetzt, war ich mal ein zufriedener Leser.



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Die Hunde bellen...
SIDUX Nutzer (unangemeldet), Sonntag, 26. Juli 2009 13:05:14
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...und die Karawane zieht weiter...

Mal sehen, wie lange OSX und seine bunten Icons und die Apple typische Bevormundung des Users Sie begeistern können, bis Sie festellen, dass das Problem nicht das BS ist, sondern Sie, der User. Ihre oberflächliche Begründung ohne Kernaussage und vorgeschobene UI Probleme lassen diesen Schluss zu. Sie begeistern sich für ein OS auf Grund des Oberfläche? Na dann gute Nacht.


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Nicht müssen, aber können
Fernandéz (unangemeldet), Donnerstag, 23. Juli 2009 22:55:34
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Mich wundert, dass du trotz der großen Auswahl an ausprobierten Distributionen zu dem Schluss kommst, dass Linux Windows ähnlicher wird. Bei KDE4 findet man sicherlich den einen oder anderen Punkt und auch ich rage mich, warum Menues auf einmal dunkelgrau sein müssen.
Aber: Bei Linux hat jeder die Wahl. Muss es den KDE4 sein? Ich selber habe mich - statt von KDE3 auf KDE4 zu wechseln - für GNOME entschieden und da sehe ich keine Ähnlichkeit zu Windows. Und es gibt haufenweise Alternativen: KDE4, GNOME, FLuxbox, LXDE, Enlightment, Ratpoison (für Leute, die keine Maus an ihrem Rechner mögen) und so weiter. Niemand muss demem Mainstream folgen. Unter Windows oder Mac-OS-X gibt es keine Alternativen.

Natürlich kann man viele Windowsprogramme unter Linux ausführen, aber nur mit Hilfe von WINE oder ähnlichem. Und niemand kann dich zwingen, WINE zu installieren.

Hauptsache bunt? Niemand muss das unter Linux in Kauf nehmen. Jeder kann andere Window-Manager verwenden. Alle Effekte lassen sich auch abschalten oder man nimmt Distributionen, die diese mit Absicht ausklammern. Niemand MUSS einen rotierenden Würfel haben, aber jeder KANN.

Hauptsache kompatibel? Nimm z.B. Gnewsense. Da werden keine Abstriche gemacht: Entweder freie Treiber oder gar nicht.

Angst um die Sicherheit? Auch hier gibt es klare Lösungen: Ubuntu schaltet per default alle Serverdienste aus. Wer es noch geheimer mag, Ubuntu Privacy Remix lässt gleich alle Netzwerkdienste außen vor.

Ernsthaftes Betriebssystem? Wie wäre es z.B. mit CentOS? Das ist stabil und ohne Schnickschnack.

Beim Wunsch zu Kompilieren fällt mir noch Gentoo ein...

Linux bietet viele Freiheiten, aber nutzen, muss man sie selber. Wer Vorgekautes nimmt, muss damit leben, dass es vorgekaut ist...

Linux hat aber etwas, was die anderen nicht haben und das ist die Zukunftszugewandtheit des offenen Quellcodes. Jedes andere System lebt und stirbt mit seinem Hersteller. Der offene Quellcode bleibt allen erhalten, egal was mit dem Entwickler passiert. Nur die Offenheit ermöglicht die vollständige Kontrolle über das System. Und das bleibt.




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Quo vadis, Linux? - Linux 7 oder Linux Snow Leopard
Volker S. (unangemeldet), Donnerstag, 23. Juli 2009 15:16:12
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Mit Erschrecken habe ich diesen Kommentar gelesen und kann ihm zustimmen. Wenn ich heute nach 14 Jahren Linux Nutzung mich umsehe, benutze ich lieber OS X und schau aus der Ferne auf die Entwicklung im Linux-Bereich. Doch muss ich dabei zugeben, dass ich heute den Computer lieber benutzen und weniger Zeit zum Spielen / Compilieren von Linux Programmen aufbringen will. Da ändern sich die Prioritäten.
Es wird immer ein Anreiz bleiben, gute Elemente von allen Betriebssystemen in Linux und damit auch in Benutzeroberflächen aufzunehmen. Die Kreativität der Community wird weiterhin neue Dinge selber entwickeln und nicht nur nachempfinden - davon bin ich überzeugt. Deshalb sollten die "alten" Nutzer nicht weglaufen, sondern Freiräume für die nachrückenden Entwickler schaffen. Der Kommentar sieht hier nur zurück und gibt keine Perspektive. Diese gibt es aber ganz gewiss.

Grüße

Volker


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