Zeitlos mit Gnome Zeitgeist

Beim täglichen Umgang mit dem Datenchaos auf der Festplatte führt Gnome ebenfalls ein neues Konzept ein. Die Idee zu dem neuen Dateimanager mit dem passenden Namen Gnome Zeitgeist ([6], Abbildung 9) entstand 2008 auf dem Hackfest in Boston [7]. Anstatt das hierarchische Dateisystem direkt abzubilden, zieht das neue Konzept eine Zeitlinie heran. Die zuletzt verwendeten Dateien tauchen als erste im Dateimanager auf. So rufen Sie schnell und recht effizient die wichtigsten Dokumente ab, wenn auch auf etwas ungewohnte Weise.

Abbildung 9: Gnome Zeitgeist macht Schluss mit dem Datenchaos und ordnet die Dateien nach dem Datum.

Haben Sie den genauen Namen eines Dokuments vergessen? Kein Problem: Mit Hilfe von Filtern (Abbildung 10) und einem Suchfeld finden Sie die gewünschte Datei schnell wieder. Aktuell indiziert Gnome Zeitgeist dazu die Firefox- und Epiphany-Chronik, Tomboy-Notizen, gesendete E-Mails aus Evolution und kürzlich geöffnete Dokumente.

Abbildung 10: Die Suchergebnisse in Gnome Zeitgeist lassen sich mit Filtern einschränken.

Ein weiteres hilfreiches Feature stellt das automatische Tagging von Dokumenten dar. Dabei holt das Programm selbsttätig bestimmte Schlagwörter aus Dateien und markiert die Dokumente vollautomatisch ohne Zutun des Benutzers. Selbstverständlich dürfen Sie auch manuell Tags vergeben (Abbildung 11). Lesezeichen (Abbildung 12) gibt ebenfalls, signalisiert durch einen Stern am Dateisymbol. So haben Sie Wichtiges stets griffbereit. Zeitgeist gruppiert die Lesezeichen nach Typen (etwa Bilder, Videos und Dokumente) was besonders bei vielen Lesezeichen die Übersicht erhöht.

Abbildung 11: Gnome Zeitgeist verschlagwortet Dateien vollkommen automatisch. Bei Bedarf passen Sie die Tags selbst an.
Abbildung 12: Lesezeichen in Gnome Zeitgeist helfen, wichtige Dokumente schneller zu finden.

Noch steht nicht fest, ob Gnome Zeitgeist in Form einer neuen Ansicht in den Dateimanager Nautilus wandert oder als separates Programm weiter existiert. Derzeit liegt die Software noch nicht im Gnome-Repository, sondern auf den Servern von Canonical in Launchpad [8], was sich aber in Zukunft sicherlich noch ändert.

Ausblick

Bis zur endgültigen Version von Gnome 3.0 geht noch etwas Zeit ins Land: Die Entwickler streben als Termin März/April 2010 an, verschieben das Major-Release allerdings auf den Herbst, falls sich absehen lässt, dass die Komponenten bis dahin nicht oder nur unzureichend fertiggestellt sind.

Mit dem neuen Gnome geht das Team einen interessanten Weg vom alten WIMP-Konzept. Der Schritt zu einem logischer aufgebauten Desktop erscheint mutig – auf der anderen Seite hebt sich Gnome damit auch stark von der Konkurrenz ab, die im Wesentlichen nicht viel Neues bietet. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es allerorten: Den momentan noch recht spartanischen Anwendungsstartdialog könnten die Programmierer mit Features aus Gnome Do [9] bereichern. An der Leiste [10] und generell an der Shell arbeiten die Entwickler momentan, und es gibt schon erste Ansätze, wie dieser Bereich zukünftig aussehen könnte [11].

Die Hürde, Gnome Shell selbst zu übersetzen und zu testen, ist mit dem Buildscript relativ gering. Das macht sich jetzt schon bezahlt: Zahlreiche Vorschläge seitens der Community flossen bereits in die Shell ein oder befinden sich derzeit in Diskussion. Auch die Lernkurve, was die Programmierung betrifft, erscheint lange nicht mehr so steil, hat man mit der Wahl von Javascript als eine der Kernsprachen doch auf ein gutes Pferd gesetzt. Selbst Webentwicklern bietet sich damit die Möglichkeit, an Gnome mitzuwirken.

Am spannendsten aber bleibt die Frage: Wie reagieren die alte Gnome-Hasen, mögliche Konvertiten von anderen Desktops und Linux-Interessierte nächstes Jahr auf die neue Oberfläche?

WIMP

Das Akronym steht für Windows, Icons, Genus, Pointers. Dieses Desktop-Grundkonzept hat sich in den letzten 25 Jahren im Wesentlichen nicht geändert.

Git

Ein von Linus Torvalds gestartetes verteiltes Versionskontrollsystem. Anders als bei CVS oder SVN nutzt hier jeder Entwickler sein eigenes kleines Repository, das er mit dem Hauptrepository bei Bedarf abgleicht.

Javascript

Programmiersprache, die hauptsächlich im Internet, neuerdings auch PDF-Dokumenten Verwendung findet. Die Syntax lehnt sich an C oder Java an und ist recht leicht zu erlernen.

OpenGL

Ein Standard für eine plattformunabhängige Programmierschnittstelle, mit der die Entwicklung von dreidimensionalen Grafiken ermöglicht wird. OpenGL wurde ursprünglich von der Firma SGI entwickelt, die für ihre Grafikcomputer auf Basis von Unix bekannt sind.

[1] Gnome Shell: http://live.gnome.org/GnomeShell

[2] Gjs: http://live.gnome.org/Gjs

[3] Xulrunner: https://developer.mozilla.org/de/XULRunner

[4] Build-Script: http://git.gnome.org/cgit/gnome-shell/plain/tools/build/gnome-shell-build-setup.sh

[5] Gnome-Shell-Screencasts: http://live.gnome.org/GnomeShell/Screencasts

[6] Gnome Zeitgeist: http://live.gnome.org/GnomeZeitgeist

[7] GUI Hackfest in Boston 2008: http://live.gnome.org/Boston2008/GUIHackfest/FileManagement/

[8] Gnome Zeitgeist auf Launchpad: https://launchpad.net/gnome-zeitgeist

[9] Gnome Do: Christoph Langner, "Zentrale Schaltstelle", LinuxUser 07/2008, S.52, http://www.linux-community.de/artikel/15859/

[10] Verbesserungen für die Leiste: http://live.gnome.org/GnomeShell/DesignerPlayground/BreadcrumbsEtc

[11] Verbesserungsvorschläge für die Shell: http://live.gnome.org/action/diff/GnomeShell/DesignerPlayground

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