Audio/Videochats verdrängen mehr und mehr das konventionelle Telefon. Allerdings befindet sich diese populäre Anwendung fest in der Hand einiger weniger proprietärer Dienste, von denen sich Skype den größten Teil des Kuchens gesichert hat. Aber auch die "klassischen" IM-Dienste wie ICQ und MSN haben multimediale Funktionen nachgerüstet, sodass auch diese Unternehmen kräftig im Markt mitmischen. Als einzige Möglichkeit, mit freier Software zu über das Internet zu kommunizieren, hat sich SIP über Clients wie Ekiga oder Wengophone etabliert. Doch die oft aufwändige Einrichtung und Bedienung verschreckt interessierte Laien und beschränkt den Kreis der SIP-Anwender auf Unternehmen und einzelne Spezialisten.

Immerhin mausert sich inzwischen still und heimlich der offene Standard Jabber zu einem ernsthaften Konkurrenten für diese Dienste. Viele Anwender wissen gar nicht, dass sie letzten Endes Jabber verwenden, denn Dienste wie Google Talk oder der GMX/Web.de-Multimessenger hängen es nicht an die große Glocke, dass sie auf Jabber basieren. Besitzt man ein Konto bei solchen Diensten, so kann man zum einen mit jedem anderen Jabber-Account kommunizieren und zum anderen auch einen der vielen freien Jabber-Clients nutzen. So ist man weder auf den Client des jeweiligen Anbieters festgenagelt, noch besteht auch nicht die Gefahr, dass der Anbieter alle paar Wochen sein Protokoll ändert, so dass alternative Client-Programme vor verschlossenen Türen stehen.

Es klingelt

In den vergangenen Jahren wurde Jabber stark erweitert. Mit Jingle [1] entstand eine Erweiterung, mit der sich neben Texten auch Daten von Client zu Client übertragen lassen. Das vereinfacht nicht nur den Dateiversand über Jabber, sondern schafft auch die Möglichkeit, Audio- und Videochats über das Protokoll zu realisieren. Telefonate oder Videochats funktionieren auch dann, wenn man hinter einem Router sitzt – das Weiterleiten von Ports vom Router auf den Rechner ist nicht nötig.

Die Technik dazu entstand ursprünglich bei Google geschaffen und kam erstmals im Rahmen von Google Talk [2] zum Einsatz. Anfangs hielt Google den Quellcode geschlossen, doch Ende 2005 veröffentlichte es die Erweiterung unter dem Namen Jingle [3]. Nun, mehr als drei Jahre später, wachsen die Welten langsam zusammen. Mit dem Instant-Messenger Empathy [4], der auf dem Telepathy-Framework ([5], siehe Kasten "Telepathische Kommunikation") basiert, gibt es jetzt erstmals eine vollständige Jingle-Implementierung, die (Video-)Telefonate über Jabber ermöglicht (Abbildung 1). Mit der aktuellen Version von Empathy, wie sie beispielsweise das brandneue Ubuntu 9.04 "Jaunty Jackalope" enthält, lassen sich jetzt auch unter Linux ohne aufwändige Installation Audio/Video-Gespräche via Jabber führen.

Abbildung 1: Ein Videogespräch über Empathy – Das funktioniert momentan aber nur, wenn beide Seiten den Instant-Messenger benutzen.

Telepathische Kommunikation

Bei Telepathy handelt es sich um eine formale Beschreibung des Freedesktop.org-Projekts. Sie beschreibt die Kommunikation zwischen Computerprogrammen aus dem Bereich Internettelefonie, Instant Messaging und Videotelefonie. Die Telepathy-Spezifikation sieht zwei Arten von Software vor: So genannte Verbindungsmanager sowie Clients. Die Verbindungsmanager stellen dem System Dienste zur Übertragung von Bild, Ton sowie anderen Daten über Protokolle und Dienste wie XMPP, IRC, SIP oder MSN bereit. Somit lassen sich recht einfach Instant-Messaging-Programme auf Basis von Telepathy realisieren. Empathy stellt das Referenzprojekt eines auf Telepathy basierenden Instant-Messengers dar.

Verwenden beide Gesprächspartner Empathy, so funktionieren Telefonate und Videogespräche ohne Probleme. In der Kontaktliste erscheint neben dem Kontakt ein kleines Telefon, das die Fähigkeit des Gegenübers zu Audio/Videogesprächen symbolisiert. Mit einem Mausklick auf dieses Icon starten Sie dann ein Telefonat; je nach Bedarf aktivieren Sie zusätzlich die Webcam.

Auch sonst macht Empathy keine schlechte Figur: So kooperierte es mit den üblichen Instant-Messaging-Protokollen und stellt so eine gute Alternative zu Pidgin da. Als offizielles Gnome-Projekt integriert sich Empathy perfekt in die Desktopumgebung. So speichert es etwa die Zugangsdaten im Gnome-Schlüsselbund, statt wie Pidgin im Klartext auf der Festplatte.

Das bislang größte Manko des Programms: Es gibt noch keinen Weg, Videochats oder Gespräche via Empathy zu verschlüsseln. Laut diversen Aussagen in Blogs [6] und über IRC arbeiten die Entwickler jedoch an dem Problem.

Anschlussfragen

Wie erwähnt funktioniert die Kommunikation via Empathy nur so lange problemlos, wie beide Gesprächspartner einen auf Telepathy basierenden Client verwenden. Aktuell ist die Auswahl entsprechender Anwendungen jedoch recht klein – noch hat kein anderer Jabber-Client die Jingle-Erweiterungen so weit implementiert wie Telepathy. Aber andere Entwickler bleiben nicht rastlos: Laut der KDE-4-Roadmap [7] soll KDE 4.3 Unterstützung für Videogespräche über Jabber mitbringen. So scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis andere Clients die nun gelegten Grundlagen aufgreifen.

Die spannendste Frage: Wie gut kommt Empathy mit Google Talk zurecht? Die Antwort darauf fällt ungewiss aus: Auf der einen Seite funktionieren Telefonate zu Kontakten, die Google Talk (also die alleinstehende Anwendung) verwenden, sehr gut. Auch hier signalisiert wieder ein kleines Icon (Abbildung 2) neben dem Kontakt in Google Talk, dass der Gesprächspartner Audio/Video beherrscht.

Abbildung 2: Google Talk im Gespräch mit einem Kontakt, der Empathy benutzt. Das kleine Telefon symbolisiert, dass der Kontakt in der Lage ist, via Jabber ein Telefonat zu führen.

Andererseits beherrscht Google Talk noch keine Videogespräche. Die bleiben bislang der in Google Mail integrierten Chat-Funktion vorbehalten, und auch hier zeigen sich noch ein paar Probleme. So realisiert Google Chat nicht, dass Empathy-Kontakte über Audio/Video-Fähigkeiten verfügen. Daher lassen sich über Google Chat keine Telefonate zu Empathy-Clients starten, obwohl man umgekehrt mit Empathy problemlos bei Kommunikationspartnern anrufen kann, die über Google Chat eingeloggt sind. Die Entwickler von Empathy arbeiten jedoch nach eigenen Angaben daran, Audio/Video zu Google Talk vollständig zu unterstützen.

Ferne Welten

Bei anderen Jabber-Clients steht es um die Integration von Jingle nicht gut. Pidgin peilt schon seit Jahren die Implementation von Audio/Video-Gesprächen an, doch die Entwickler weisen in ihrer FAQ [8] darauf hin, dass das Programm entsprechenden multimediale Fähigkeiten erst dann bereitstellt, "wenn sie fertig sind". Ob das nun morgen oder im Jahr 2019 der Fall sein wird, da möchte man sich nicht festlegen.

In der Windows-Welt sieht es aktuell für Jingle nicht gut aus. Das einzige wirklich funktionsfähige Programm mit entsprechender Unterstützung ist Google Talk. Alternative Jabber-Clients für Windows mit Jingle-Support gibt es kaum. Eine Ausnahmen: der IM-Client Spark [9]. Allerdings unterstützt der bei Telefonaten nur Verbindungen von Spark zu Spark, Videotelefonate fallen ganz flach.

Für Miranda gibt es eine Erweiterung [10], die Jingle bei dessen Jabber-Plugin nachrüstet. Allerdings scheint die Arbeit schon länger eingeschlafen zu sein. Das Plugin benötigt einen Fork des originalen Jabber-Plugins, doch der hinkt der aktuellen Entwicklung des originalen Jabber-Plugins von Miranda meilenweit nach. Tests ergaben, dass Telefonate sich damit nicht führen ließen.

Fazit

Empathy setzt mit Telepathy und Jingle auf einem guten Weg. Endlich kann jedermann plattformübergreifende, auf freier Software basierende Audio/Video-Gespräche führen. Noch gibt es ein paar Hürden zu nehmen. So bleibt Empathy bislang unter Linux der einzige Client mit kompletter Jingle-Implementation, unter Windows gibt es bislang kein brauchbares Pendant. Diese Situation dürfte sich aber sicherlich schnell ändern: Die Entwickler sowohl von Empathy als auch von KDE arbeiten intensiv daran, ihre Programme auf Windows zu portieren. Auch die Entwicklung der anderen freien Jabber-Clients bleibt sicherlich nicht stehen.

Glossar

SIP

Session Initiation Protocol (RFC 3261). Ein in der IP-Telefonie häufig verwendetes Netzprotokoll zum Ablaufsteuerung von Kommunikationssitzungen zwischen zwei und mehr Teilnehmern.

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Psi nicht vergessen
SMP (unangemeldet), Freitag, 07. August 2009 01:16:09
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Die Ende Juli erschienene Version 0.13 von Psi (http://psi-im.org/ – Qt-basiert, für POSIX/X11, Windows und Mac) unterstützt ebenfalls Audio via Jingle – Video dürfte in naher Zukunft hinzukommen, die Windows-Version installiert auch schon entsprechende DLLs. Es wird allerdings nur der offizielle Jingle-XEP unterstützt, nicht die alte Variante die noch von GoogleTalk verwendet wird, sodass Gespräche mit GoogleTalk nicht möglich sind.


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