Die moderne Arbeitswelt mit ihren monotonen Bewegungsabläufen beschert uns manch hartnäckige Plage. Während eine chronische Sehnenscheidenentzündung früher vornehmlich ein Sekretärinnenleiden war, haben sich derartige Übel heute durch den PC systematisch auf einen Großteil unserer Arbeitsplätze ausgeweitet. Dabei bringen viele Benutzer ihre Symptome zunächst gar nicht mit der Computerarbeit in Zusammenhang – am wenigsten mit der Tastatur.
Vermutlich aus diesem Grund hat sich daher an deren Belegung seit 1868 nichts Wesentliches verändert, obwohl es einige sinnvolle Anläufe gab (siehe Kasten "Alternativen"). Ein deutsches Open-Source-Projekt versucht sich nun ein weiteres Mal an diesem Problem – mit guten Argumenten, rechnergestützten Statistiken und einer breiten Gruppe an Mithelfern.
Historisch gewachsen
Als der US-amerikanische Buchhalter Christopher Latham Sholes im Jahr 1868 die erste serienmäßig produzierte Schreibmaschine entwarf (Abbildung 1), ahnte er noch nicht, welch dauerhaften Einfluss er mit seiner Tastaturbelegung auf nachfolgende Generationen haben würde.
Folgte auf den früheren Modellen die Belegung noch stets dem Alphabet, hatte Sholes die häufigsten Buchstaben der englischen Sprache halbkreisförmig auf dem Tastenfeld verteilt. Die übrigen Tasten füllte er willkürlich mit den verbliebenen Buchstaben auf – blindes 10-Finger-Tippen war damals noch unbekannt. Regelmäßig auftretende Bigramme entfernte er darüberhinaus möglichst weit voneinander. Beide Maßnahmen sollten vor allem verhindern, dass sich die Hebel der Maschine beim Schreiben verhakten.
Bis heute hält sich das Gerücht, Sholes habe damals die Buchstaben der oberen Tastenreihe eigennützig so gewählt, dass sich zu Werbezwecken der Schriftzug seiner patentierten Erfindung leichter tippen ließ: Typewriter. Sholes' Tastaturbelegung bezeichnen wir heute als QWERTY (nach ihren ersten sechs Buchstaben), und die deutsche Variante, bei der von den 26 Grundbuchstaben des Alphabets lediglich Z und Y vertauscht sind, als QWERTZ.
Im Nachhinein zeigt sich Sholes' QWERTY-Belegung jedoch nicht als Glücksgriff. Deutschsprachige Tippstatistiken zeigen, dass sie beispielsweise die linke Hand stärker belastet als die rechte und die Hände viel häufiger als nötig zum Verlassen der Grundlinie zwingt (siehe Abbildung 2, nach [1], und Abbildung 3). Die Mediziner Joan Duncan und David Ferguson von der Universität Sydney kamen 1974 zu dem Ergebnis, dass die bestehende Zeichenbelegung die Arbeitsstellung beeinflusst und Symptome wie Muskelkrämpfe und -schmerzen fördert [2].
Alternativen
August Dvorak entwickelt in den 1930er Jahren fürs Amerikanische eine verbesserte Tastaturbelegung, wobei er die im Text erwähnten Probleme angehen wollte. Heute ist das Dvorak-Layout ISO-zertifiziert und praktisch auf jedem gängigen Betriebssystem vorhanden – es hat sich aber nicht durchgesetzt.
Die erste ergonomische Tastaturbelegung war jedoch bereits im Jahr 1907 vom Stenographen Teodor Galabov und seinen Kollegen fürs Bulgarische entwickelt worden [8]. Die kyrillische Belegung erschien 1908 zusammen mit einem kleinen Handbuch, das als erstes professionell das 10-Finger-Tippen beschrieb. Die Galabov-Tastatur ist seit 1978 offizieller nationaler Standard in Bulgarien.
Für das deutsche Tastenfeld versucht sich in den 60er Jahren Helmut Meier, ein deutscher Germanist und Statistiker, an einer besseren Belegung, nachdem er die Häufigkeiten von Buchstaben und Wörtern der deutschen Sprache eingehend quantifiziert hatte.
Die NEO-Belegung
Das Projekt NEO [3] (ein rekursives Akronym für NEO Ergonomisch Optimiert) hat neben der Ergonomie noch weitere Ziele und eine wachsende Community. Die ersten Ideen und Tippversuche für NEO entwickelte Hanno Behrens im Jahr 2004. Dazu definiert er mehrere Ausgangsvoraussetzungen für seine Belegung:
- Die häufigsten Buchstaben müssen auf der Grundlinie liegen.
- Gängige Bigramme, also Buchstabenpaare wie
en,er,chunddesollen möglichst mit wechselnden Händen getippt werden. Bei NEO liegen daher die Vokale komplett auf der Grundreihe der linken Hand, denn Konsonanten und Vokale wechseln sich systematisch ab. - Bigramme, für die man die Grundlinie verlassen muss, sollen nicht von direkt benachbarten oder gar demselben Finger getätigt werden.
- Der geschwindigkeitsrelevante Fall, bei dem ein Finger zwei unterschiedliche Tasten hintereinander drücken muss, wird als schlecht angesehen und explizit vermieden.
Abbildung 3 zeigt das klassische QWERTZ- und das NEO-Layout, wobei häufig genutzte Buchstaben verhältnismäßig größer erscheinen. Die Tastengrundfarbe soll die Qualität der Tastenerreichbarkeit verdeutlichen. Auf den dunkelgrün gefärbten Tasten mit weißer Schrift liegen die Finger in der Grundstellung. Daher ermöglichen sie eine direkte Eingabe ohne Umpositionieren.
Die Zeigefinger erreichen weiterhin vergleichsweise einfach die innenliegende Taste (hellgrün). Gemeinsam mit dem Mittelfinger lassen sich auch noch die direkt über und unter den Fingern befindlichen Tasten gut oder mäßig gut erreichen (gelb und orange). So erschließt sich leicht, dass das klassische Layout besonders bei [E],[N],[I] und [R] Schwächen aufweist. Bei NEO liegen diese auf den starken Tasten, während die selten gebrauchten [X],[Y] und [Q] auf schwachen Positionen stehen.
In der aktuellen Entwicklerversion NEO 2.0 haben die Entwickler neue Ebenen definiert, um die Beschränkungen des alten Tastaturlayouts aufzuheben. Während bei in den frühen Jahren des PCs mit [Alt Gr] bereits eine zweite Umschalttaste im Einsatz war, gibt es bei NEO eine dritte Umschalttaste, die Sie auf der linken Tastaturseite durch [Umschalt-feststellen] und auf der rechten durch [#] nutzen. Durch die Kombination der Umschalttasten (in Abbildung 4 weiß, gelb und braun dargestellt) erreichen Sie insgesamt sechs Ebenen.
Durch die neuen Ebenen von NEO 2.0 erreichen Sie nun diese und andere sinnvolle Sonderzeichen schnell und einfach. Dazu gehören etwa nicht umbrechbare Leerzeichen, der echte Apostroph, griechische Buchstaben, Pfeile, Guillemets (»«) sowie das jüngst standardisierte große Eszett. Durch eine Kombinationstaste haben Sie außerdem die Möglichkeit, Zeichen zusammenzusetzen, die aus erkennbaren Einzelteilen bestehen. Das Zeichen æ entsteht zum Beispiel durch [Kombinationstaste]+[A]+[E].
Die deutsche QWERTZ-Belegung wirkt sich auch für Programmierer nachteilig aus. Die vorwiegend in den USA entworfenen Programmiersprachen verwenden meist Sonderzeichen, die sich auf dem deutschen Tastenfeld nur umständlich eingeben lassen (\[]{}$&). Als Konsequenz bringt die aktuelle NEO-Entwicklerversion eine Programmierebene mit, über die Sie alle gängigen Zeichen praktisch im Schreibfluss eingeben. Von den anderen neuen Ebenen profitieren besonders die Natur- und Ingenieurswissenschaften.
Welche Zeichen auf eine Tastatur gehören, diskutiert die NEO-Community auf der Mailingliste [4]. Dort berichten Interessierte auch von ihren Tipperfahrungen und Umstellungsproblemen oder machen Verbesserungsvorschläge. Laut den Nachrichten auf der Liste steht NEO 2.0 kurz vor dem Feature-Freeze.



