Prioritäten

19.03.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

für Bestürzung in der Community sorgt dieser Tage die Entlassungswelle [1] bei der Suse Linux Products GmbH in Nürnberg: Novell schickte Mitte Februar quasi über Nacht 25 OpenSuse-Entwickler in die Wüste, darunter bekannte Gesichter wie OpenSuse-Evangelist Martin Lasarsch, den wohl jeder kennt, der auf irgendeinem Linux-Event schon einmal einen Vortrag über OpenSuse gehört hat. Darunter ist der KDE-Entwickler Stephan Binner, dessen KDE-Four-Live-CDs wohl die meisten schon einmal gebootet haben. Darunter ist der Kernel-Entwickler Karsten Keil, gerade deutschen Linuxern noch aus ISDN-Zeiten bestens als bekannt und zuletzt federführend bei der Beseitigung des berüchtigten e1000-Bugs. Die Liste ließe sich so fortsetzen.

Novell hat zu dem Vorgang keinerlei Zahlen oder Informationen verlautet lassen, doch wer genau hinhört, der erfährt aus dem Umfeld des Unternehmens das ein oder andere Detail. So hat man nicht etwa gezielt überzähliges Personal abgebaut, sondern "mit der Heckenschere" eine vorgegebene Zielsumme eingespart – quer über alle Teams von Kernel über Gnome und KDE bis hin zu Packaging. Die Betroffenen wurden meist mit sofortiger Wirkung freigestellt, obwohl viele offiziell noch bis Ende Juni bei Novell arbeiten. Der Grund: So lassen sich die noch auflaufenden Gehaltskosten buchungstechnisch schöner unterbringen. Die Folge: Hunderte von Bugreports bleiben jetzt unerledigt liegen. Warum dieser Aderlass in Nürnberg, so fragen sich viele, wo doch Novell gleichzeitig Quartalszahlen veröffentlicht hat, die den Linux-Produkten einen Umsatzzuwachs von satten 24 Prozent allein im letzten Quartal bescheinigen, und einen operativen Gewinn von 19,5 Millionen US-Dollar? Die Antwort darauf findet man an zwei Stellen.

Lesen Sie doch zum einen mal das Transkript der Telefon-Pressekonferenz [2], die Novell am 26. Februar zu den aktuellen Quartalszahlen gegeben hat. Unter den Unternehmensprioritäten, die CEO Ron Hovsepian da aufzählt, rangiert Suse Linux als "targeted innovation" an allerletzter Stelle. Ja, gebrauchen könne man das schon, plaudert da der Novell-Vorsitzende aus der Schule, aber nur als Türöffner für die wirklich wichtigen Produkte aus den Identity/Security-, Management- und Workgroup-Portfolios. Genau, denn Cashflow und Profitabilität seien schließlich auf diese Unternehmensbereiche hin ausgerichtet, assistiert auch gleich Novell-Finanzchef Dana Russell. Die Linux-Ergebnisse dagegen, so Hovsepian, hätten im letzten Quartal nicht die Erwartungen des Unternehmens erfüllt. Damit meint er, dass nicht genügend Microsoft-Kunden die aus dem berüchtigten Abkommen Novells mit den Redmondern stammenden Linux-Zertifikate auch nutzen und aus der Summe des ursprünglichen Deals noch 41 Millionen US-Dollar offen stehen. (Übrigens: Microsoft hat inzwischen trotzdem gerade eben 25 Millionen Dollar nachgeschossen, um das schwächelnde Agreement am Leben zu erhalten.)

Studieren Sie zum anderen kurz Blatt 9 der offiziellen Novell-Pressemitteilung zu den aktuellen Quartalszahlen [3]. Dort lässt sich nachlesen, dass die Entwicklung der "Open Plattform Solutions" – sprich: Suse Linux Enterprise (SLE) und OpenSuse – Novell im letzten Quartal gut 14 Millionen Dollar gekostet hat. Die Entwicklungsausgaben für die anderen Geschäftsbereiche liegen deutlich niedriger. Aus Open-Source-Sicht liegt das auf der Hand, schließlich handelt es sich bei Linux um eine sich ständig weiterentwickelnde Technologie: Innovation heißt der Name des Spiels. Das ist kein klassisches Produkt, das man einmal aus der Taufe hebt, um es dann nur noch notdürftig gepflegt jahrelang den Kunden zu verkaufen. Müsste das aber nicht auch Novell klar sein, einer Open-Source-Company?

Da liegt das Missverständnis – Novell ist keine Open-Source-Company. Es ist, wie Microsoft, eine Werbe- und Verkaufsmaschine: Wo 14 Millionen Dollar Entwicklungskosten offenbar zu viel waren, gab das Unternehmen gleichzeitig 77 Millionen Dollar für Sales und Marketing aus – und will hier laut CEO Hovsepian weiter zulegen, um noch gezielter an Microsofts Kunden herantreten zu können. Open Source im Allgemeinen und OpenSuse im Besonderen interessieren Novell dabei nicht die Bohne, wenn man darüber nicht die eigentlichen Unternehmensprodukte wie eDirectory, ZENworks oder Groupwise an den Mann bringen kann. Diesen Fakt sollte man weder als SLE-Kunde noch als OpenSuse-Anwender aus dem Augenwinkel verlieren.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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