Moderne Internet-Anwendungen wie Google Maps besitzen zwar eine komfortable und bunte Oberfläche, funktionieren aber ausschließlich im Browser. Diese Fessel möchte Adobe mit seiner Adobe Integrated Runtime [1] AIR sprengen. Auf ihrer Basis entwickelte Webanwendungen laufen wie jede andere lokale Applikation auf dem heimischen PC. So verschwimmen die Grenzen zwischen herkömmlichen Programmen und Webseiten: Der Benutzer merkt im Idealfall gar nicht mehr, ob er im Internet surft oder die Verbindung gerade gekappt wurde.

Wiedersehen macht Freude

Das alles klingt nach einer faszinierenden, neuen Technik. Bei genauerem Hinsehen allerdings stellt sich schnell heraus, dass Adobe lediglich ein Paket aus altbekannten Softwarekomponenten geschnürt hat. In der luftigen Schachtel stecken nichts anderes als ein Flashplayer, ein Browser auf Basis der Webkit-Engine, eine SQLite-Datenbank, die Möglichkeit zum Verarbeiten von PDFs und etwas Kleber, der die vier Komponenten zusammenschweißt und vor den Augen der Nutzer verbirgt.

Was stark nach aufgewärmtem Kaffee riecht, ist tatsächlich ein pfiffiger Schachzug: Da Adobe AIR etablierte und bekannte Standards nutzt, schreiben Webentwickler plötzlich aus dem Stand heraus komplette Desktopanwendungen. An die Stelle kryptischer Programmiersprachen wie C oder C++ tritt das wesentlich schneller zu erlernende Dreigestirn HTML, Javascript und Flash. Die auf Basis von AIR erstellten Programme laufen ohne weitere Anpassungen plattformübergreifend auf Linux, Mac OS X und Windows.

Auch für Linux-Anwender bringt Adobe AIR einige Vorteile: Mit wenigen Mausklicks laden Sie komplette Desktopanwendungen aus dem Internet herunter und installieren sie. Nie wieder müssen Sie ein Programm kompilieren, es in irgendwelchen Repositories suchen oder seine extrem verstrickten Paketabhängigkeiten aufdröseln.

Schattenseiten

Doch es gibt auch einige, mitunter sogar recht hässliche Haken. Zunächst einmal müssen diese Anwendungen explizit mit AIR entwickelt worden sein. Fertige Internet-Seiten wie Google Maps holen Sie nicht einfach per Knopfdruck auf den Desktop.

Da AIR-Anwendungen in einer behüteten Umgebung ablaufen, erreichen sie bei weitem nicht die Geschwindigkeiten einer nativen Linux-Anwendung – Sie kennen das vielleicht von Flash-Applikationen. Es empfiehlt sich der Einsatz eines möglichst flotten Rechners mit mindestens 512 MByte RAM; einige AIR-Programme gieren sogar nach mehr.

Um sich gegen Angriffe und Schadprogramme aus dem Internet zu wappnen, laufen AIR-Anwendungen grundsätzlich in einer Sandbox. Die verbietet unter anderem den direkten Zugriff auf Linux-Treiber und Geräte. Die Wände des Sandkastens fallen jedoch dünner aus als bei einer nur im Browser laufenden, reinen Webanwendung: So darf jede AIR-Applikation in alle angeschlossenen Netzwerke funken und auf das Dateisystem des Wirtscomputers zugreifen. Adobe weist sogar selbst ausdrücklich darauf hin, dass AIR-Anwendungen mit den gleichen Nutzerrechten laufen wie jedes andere native Programm ([2], [3]). Eine AIR-basierte Anwendung könnte folglich unbemerkt Trojaner auf dem heimischen Rechner ablegen oder munter Spam-Mails in alle Welt verschicken.

Aus diesem Grund installiert die AIR-Umgebung ausschließlich vom Hersteller digital signierte Anwendungen. So prüfen Sie als Anwender vor dem ersten Start, ob das Programm tatsächlich von dem angegebenen Erzeuger stammt. Allerdings bleiben die dabei präsentierten Informationen äußerst kryptisch, sodass viele Anwender sie einfach ungelesen wegklicken. Zudem darf jeder Entwickler sein Programm selbst signieren, was schon kurz nach Veröffentlichung der ersten AIR-Version zu zahlreichen Warnungen und Debatten im Internet führte [4].

Unter dem Strich sind AIR-Anwendungen damit genau so (un)sicher, wie andere Linux-Programme aus dem Internet. Folglich müssen Sie dem Anbieter des ins Auge gefassten Pakets blind vertrauen – falls Sie denn ein solches überhaupt finden.

Mangelware

AIR-Anwendungen sind derzeit noch ziemlich rar gesät. Die wenigen Anbieter verstecken ihre Angebote förmlich auf ihren Homepages. Daher eröffnete Adobe Anfang des Jahres den "Adobe AIR Marketplace" [5]. Das Verzeichnis sammelt eifrig existierende AIR-Anwendungen (Abbildung 1) und bietet neben Beschreibungen auch die passenden Download-Links an. Zusätzlich dürfen Nutzer die Anwendungen mit bis zu fünf Sternen bewerten und einen Kommentar hinterlassen.

Abbildung 1: Die beliebtesten und am besten bewerteten AIR-Anwendungen prangen im Adobe AIR Marketplace an prominenter Stelle auf der Einstiegsseite.

TIPP

Im Internet führt eine Google-Suche zu weiteren Hitlisten mit AIR-Anwendungen.

Das Stöbern im Angebot enttäuscht aber: Größere Anwendungen suchen Sie vergebens, meist stolpern Sie über kleinere, spezielle Werkzeuge – und gefühlte zwanzig Mal über den Adobe Media Player (Abbildung 2). Der spielt gestreamte Filmschnipsel, Internet-TV und Video-Podcasts ab – durchweg auf Englisch. Einige Inhalte laufen zudem nur auf Computern, die sich mit einer IP-Adresse aus dem amerikanischen Adressraum empfehlen.

Abbildung 2: Der Adobe Media Player sieht schick aus, spielt aber nur die Videos einiger vorgegebener, englischsprachiger Stationen.

Zu den AIR-Anwendungen der ersten Stunde zählt auch die Desktop-Fassung des Farbmischers und Palettenjongleurs Kuler [6]. Der Dienst hat es mittlerweile sogar bis in Photoshop CS4 geschafft. Allerdings dürfen Sie ausschließlich die Farbpaletten von anderen Kuler-Nutzern durchsuchen und die eigenen nicht mischen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Fehlen Ihnen irgendwann einmal Farben, hilft Kuler schnell aus. Über das Suchfeld am oberen Rand finden Sie schnell eine passende Palette.

Zu den beliebtesten Programmen, die nicht von Adobe kommen, gehört Twhirl, ein Desktop-Client für Microblogging-Dienste wie Twitter, Seesmic, Friendgeed und Identic.ca (Abbildung 4). Er erlaubt es sogar, die Dienste simultan mit Kurzmeldungen zu füttern. Generell scheint Microblogging ein beliebtes Thema für AIR-Entwickler zu sein, was zahlreiche weitere Konkurrenzprodukte belegen.

Abbildung 4: Twhirl bedient gleich mehrere Microblogging-Dienste und stammt nicht von Adobe.

Der kommerzielle Earthbrowser zeigt in Echtzeit einen dreidimensionalen Globus mit den aktuellen Wetterverhältnissen sowie anderen mehr oder weniger nützlichen Daten (Abbildung 5). Die vorbeiziehenden Satelliten befinden sich tatsächlich an den eingezeichneten Orten, die Vollversion mit Upgrades für zwei Jahre kann man käuflich erwerben.

Abbildung 5: Der kommerzielle Earthbrowser zeigt aktuelle Wetterdaten auf einem Globus. Die roten Streifen hier im Bild sind die Flugbahnen von Satelliten.

Kostenpflichtig ist Agile Agenda, mit dem Sie Projekte über Gantt-Diagramme planen. Der Planer Klok jongliert gratis nur mit den eigenen Terminen. Der Komfort und Leistungsumfang der beiden Probanden reicht allerdings noch nicht ganz an korrespondierende, native Linux-Anwendungen heran.

Den meisten Raum im Marketplace nehmen kleine Helfer ein, die sich mit einer Internet-Seite oder einem Portal verbinden: So holt Snackr RSS-Newsfeeds ab, während die Google Analytics Reporting Suite die vom gleichnamigen Dienst erstellten Auswertungen auf den Desktop zaubert.

Einspieler

Um AIR-Anwendungen auf Ihren PC zu holen, benötigen Sie zunächst die AIR-Umgebung selbst. Sie steht kostenlos auf den Downloadseiten von Adobe bereit [1]. Offiziell unterstützt die momentan aktuelle Version 1.5 lediglich die 32-Bit-Versionen der Distributionen Ubuntu, Fedora und Opensuse. Nutzen Sie ein 64-Bit-System, müssen Sie sich entweder noch etwas gedulden oder das vorhandene Paket mit viel Handarbeit und einigen Tricks in Ihre Distribution fummeln [7]. Maßgeblich Schuld an der Misere trägt übrigens ein noch nicht portierter Flashplayer 10 – proprietärem Code sei Dank.

TIPP

Einige AIR-Anwendungen prüfen vor dem Download, ob die passende Umgebung auf dem Zielcomputer vorhanden ist, und stoßen falls nötig deren Installation automatisch an ("Badge Install").

Sobald das AIR-Paket auf der Festplatte liegt, verwandeln Sie es in eine ausführbare Datei. Dazu klicken Sie es mit der rechten Maustaste an, wählen im Kontextmenü Eigenschaften und setzen dann die Zugriffsrechte beziehungsweise Berechtigungen auf ausführbar. Anschließend genügt ein Doppelklick auf das Paket, um einen grafischen Installationsassistenten zu starten. Verweigert er den Start, streichen Sie die Endung .bin aus dem Dateinamen, indem Sie die Datei umbenennen.

Der Lizenz stimmen Sie einfach zu und geben auf Nachfrage das Passwort eines User mit administrativen Rechten preis, beispielsweise des Benutzers root. Dann warten Sie einen Moment ab. Bricht der Installationsassistent mit einer Fehlermeldung ab, prüfen Sie, ob im Hintergrund der Paketmanager läuft. Bei einigen Distributionen nimmt er gern mal die Gestalt des Aktualisierungs- beziehungsweise Update-Assistenten an.

Besiedlung

AIR enthält zwar einen Flashplayer, jedoch kein Plugin für den Browser. Das brauchen Sie zusätzlich (und in der neuesten Version 10), da Sie ansonsten die meisten AIR-Anwendungen schlichtweg nicht herunterladen können. Ubuntu-Nutzer finden einen aktuellen Flashplayer für Firefox beispielsweise im Paket flashplugin-nonfree, alternativ schnappen Sie ihn sich direkt von der Adobe-Webseite [8].

Mit dem installierten Flashplayer im Rücken steuern Sie nun zum Beispiel den Adobe Marketplace an. Sobald Sie auf den Download-Link klicken, lädt die AIR-Umgebung das Paket herunter und fragt nach, ob Sie es öffnen (also installieren) oder doch lieber erst auf der Festplatte speichern möchten (Abbildung 6). Sofern möglich, sollten Sie immer den zweiten Weg wählen. Warum, erfahren Sie weiter unten.

Abbildung 6: Nach dem Download einer Software bietet AIR Ihnen an, diese zu öffnen oder zu speichern. Wählen Sie besser den letzteren Weg.

Klicken Sie das Paket auf der Platte doppelt an, übernimmt die AIR-Umgebung und vergewissert sich, ob Sie die Anwendung auch tatsächlich installieren möchten. Werfen Sie hier im oberen Bereich unbedingt einen Blick auf die Einträge Veröffentlicher und Anwendung. Nur wenn diese mit den von Ihnen erwarteten Daten übereinstimmen, installieren Sie das Paket.

Im nächsten Schritt möchte AIR wissen, in welches Verzeichnis die Anwendung gehört und ob Sie eine Desktop-Verknüpfung wollen – klicken Sie einfach auf Weiter. AIR verlangt dann noch einmal nach dem Root-Passwort, und schon steht die AIR-Anwendung Gewehr bei Fuß. Später erreichen Sie diese bequem über einen eigenen Eintrag im Startmenü.

Das Archiv der gerade installierten AIR-Anwendung sollten Sie unbedingt gut aufbewahren: Um das Programm später wieder loszuwerden, klicken Sie noch einmal doppelt auf die Datei. Ein kleines Fenster bietet Ihnen dann an, die Anwendung zu starten oder aber zu Deinstallieren. Haben Sie das Archiv bereits entsorgt, helfen die Tipps aus dem Kasten "Hinter den Kulissen" weiter.

Hinter den Kulissen

Soll die AIR-Umgebung eine Anwendung installieren, so entpackt sie zunächst das Paket, schnürt daraus ein zur Distribution passendes RPM- oder DEB-Archiv und spielt dieses mit Hilfe des systemeigenen Paketmanagers ein. In dessen Oberfläche finden Sie dann die AIR-Anwendung unter einem recht komplex aufgebauten Namen, der mit der Domain des Herstellers beginnt. Daran hängen der Programmname sowie einen Rattenschwanz aus Ziffern und Buchstaben. So firmiert das kleine Jigsawlight-Puzzle beispielsweise als net.watype.puzzle.jigsawlite.<§§I>Zeichenfolge<§§I>. Haben Sie aus Versehen das .air-Paket einer Anwendung weggeworfen oder möchten den ganzen AIR-Freundeskreis in einem Rutsch wieder loswerden, befördern Sie einfach mit ihrem Paketmanager alle Anwendungen wie gewohnt rückstandsfrei ins Nirwana.

Im Paketmanager finden Sie übrigens auch die AIR-Umgebung. Das zugehörige Paket trägt den Namen adobeair1.0. Lassen Sie sich dabei nicht von der Zahl irritieren: Die wahre Versionsnummer zeigt Ihr Paketmanager in der entsprechenden Spalte an, derzeit sollte sie 1.5 lauten. Wie die Liste der installierten Dateien zeigt, residiert die AIR-Umgebung grundsätzlich im Verzeichnis /opt/Adobe AIR. Wo die einzelnen Anwendungen liegen, bestimmt hingegen der Anwender bei der jeweiligen Installation.

Um die gesamte AIR-Umgebung über Bord zu werfen, rufen Sie den Punkt Adobe AIR Uninstaller auf, der sich irgendwo in Ihrem Startmenü versteckt – unter Ubuntu beispielsweise hinter Anwendungen | Zubehör. Doch Vorsicht: Hiermit entfernen Sie ausschließlich die komplette Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt noch installierte AIR-Anwendungen bleiben als Datenmüll auf der Festplatte zurück.

Steht eine aktualisierte Version einer AIR-Anwendung bereit, erhalten Sie eine entsprechende Nachricht. Entscheiden Sie sich für ein Update, lädt die AIR-Umgebung das aktualisierte Paket automatisch herunter, spielt es ein und startet die Anwendung neu. Damit das reibungslos klappt, muss der Anwendungsentwickler allerdings die entsprechenden, in AIR enthaltenen Mechanismen nutzen.

Zukunft ungewiss

Adobe bietet mit AIR ein bestechendes Konzept: Wer interaktive Internet-Seiten erstellen kann, hebt in kurzer Zeit auch komplette Desktopanwendungen aus der Taufe. Mit ganz ähnlichen Ideen stehen jedoch auch schon Microsofts Silverlight [9] und Mozilla Prism [10] in den Startlöchern. Im Gegensatz zu den beiden Kontrahenten setzt Adobe auf proprietäre Dateiformate aus dem eigenem Haus, wie etwa Flash. Es entsteht so der Eindruck, dass der Photoshop-Hersteller über AIR die Vormachtstellung von Flash festigen und ganz nebenbei noch den Absatz seiner übrigen Produkte ankurbeln möchte.

Ob Adobe mit dieser Strategie Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Derzeit existieren erst wenige Anwendungen, die sich zudem meist auf kleinere Werkzeuge, Spielchen oder Clients für bestehende Portale beschränken. Zumindest für Endanwender gibt es deshalb noch keinen triftigen Grund, sich das laue Lüftchen auf seinen PC zu holen: Die wenigen interessanten Programme leiden noch am dürftigen Funktionsumfang oder konkurrieren mit besseren, nativen Linux-Anwendungen. Wer selbst in die Programmierung von AIR-Anwendung einsteigen möchte, findet kostenlose Werkzeuge und eine umfangreiche Dokumentation auf den Adobe-Seiten [1].

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