Das Transferieren von Dateien innerhalb von lokalen Netzwerken benötigt immer irgendeine Art von Konfiguration – so muss man IP-Adressen gezielt vergeben oder Freigaben einrichten. Das benötigt Zeit sowie Wissen und muss, sofern nur spontan Daten auszutauschen sind, anschließend wieder rückgängig gemacht werden. So eignen sich die üblichen Protokolle wie Samba, Windows-Netzwerkfreigaben oder NFS nicht wirklich, um einem Kollegen auf einer Konferenz schnell mal ein dringend benötigtes PDF-Dokument zukommen zu lassen. Am Ende kopiert man die Datei dann meist über einen USB-Stick.

Das muss nicht sein: Um schnell und einfach Dateien innerhalb eines lokalen Netzwerks von einem Rechner zu einem anderen zu übertragen, gibt es Programme und Protokolle, die den Aufwand deutlich reduzieren oder sogar auf Null senken. Die Technik dazu hat sich seit Jahren entwickelt, doch sie fristet oft noch ein Schattendasein oder kommt überhaupt nicht zum Einsatz – und das, obwohl Mac OS X sowie viele Linux-Distributionen sie von Haus aus unterstützen.

Konfigurationsfrei netzeln

Die zwei dafür verantwortlichen Dienste heißen Avahi (Linux) und Bonjour (Apple). Bei beiden handelt es sich um Implementationen von Zeroconf, einer Technik zur konfigurationslosen Vernetzung von Geräten in einem lokalen Netzwerk. Avahi [1] ist heutzutage in allen größeren Linux-Distributionen Standard und arbeitet voll kompatibel zu Bonjour, das Apple auch für Microsoft Windows anbietet [2].

Am häufigsten kommt Avahi/Bonjour zum Einsatz, um Musik oder andere Medien zu streamen. iTunes und viele andere Mediacenter-Programme nutzen die Technik, um Musik oder Filme von einem Rechner zum anderen zu befördern, ohne dass der Anwender dafür explizit einen Server einrichten müssten.

Doch Avahi/Bonjour kann viel mehr: So schließt es etwa Computer mit den drei am weitesten verbreiteten Betriebssysteme Windows, Mac OS X und Linux recht problemlos zu einem Netzwerk zusammen. Das manuelle Vergeben von IPs oder das Vorhandensein eines DHCP-Servers sind dafür nicht nötig. Dank Zeroconf finden sich die Computer über ihren Rechnernamen. Heißt ein Rechner beispielsweise rechenknecht, so kann man diesen Rechner über ping rechenknecht.local anpingen.

Die Namensauflösung übernimmt dabei Avahi/Bonjour, es muss also kein DNS-Server im Netzwerk vorhanden sein. Jedes Protokoll lässt sich über die so genannte Link-Local-Adresse nutzten. Gibt es auf dem Rechner zum Beispiel einen SSH-Server, so greift man über ssh rechenknecht.local auf ihn zu, via http://rechenknecht.local erreicht man den Webserver auf der Maschine.

Kommunizieren ohne Server

Dies ermöglicht dann auch weitere Dienste. So können viele Chat-Programme mittels Avahi/Bonjour im lokalen Netzwerk miteinander kommunizieren, ohne die Daten dazu über einen Server im Internet zu schicken müssen. Dateien lassen sich von einem Rechner zum anderen mit der vollen Geschwindigkeit des lokalen Netzwerks kopieren.

Die meisten populären Instant-Messaging Programme bieten diese Funktion von Haus aus an. In Pidgin [3] etwa richten Sie Avahi/Bonjour über Konten | Konten verwalten | Hinzufügen als eigenständiges Konto ein. Danach erscheinen weitere im Netzwerk verfügbare Clients automatisch in der Gruppe "Bonjour".

In Gajim [4] versteckt sich Avahi/Bonjour hinter den Einstellungen Ändern | Konten | Kontakte im LAN anzeigen. Sollte dieser Eintrag ausgegraut sein, so müssen Sie auf Linux-Systemen mit Debian oder Ubuntu das Paket python-avahi nachinstallieren. Auch hier erscheinen weitere Clients dann umgehend in der Kontaktliste.

Auch die Windows-Rechner im Netzwerk können an Avahi/Bonjour teilhaben. Wie eingangs erwähnt, stellt Apple Bonjour auch für Windows zur Verfügung [2]. Nach der Installation des Programms kann man beispielsweise mit Pidgin oder Gajim, die es auch für Windows gibt, via Bonjour chatten und Daten austauschen. Selbst für den unter Windows-Anwendern sehr populären Multimessenger Miranda [5] gibt es mit iChat [6] ein Plugin für Bonjour.

Abbildung 1: Pidgin, Gajim und Miranda als "kopflose" Chat-Clients im lokalen Netzwerk.

Haben Sie die Programme für Bonjour eingerichtet, so verhalten sie sich genauso, wie Sie es von ICQ, MSN oder anderen Instant-Messaging-Protokollen gewohnt sind. Die im LAN verfügbaren Kontakte erscheinen in der Kontaktliste (Abbildung 1), Chats initiieren Sie einfach durch einen Doppelklick auf den Kontakt, und Dateitransfers starten Sie über Drag & Drop der Datei auf den Kontakt.

Datenspezialist Giver

Einen Spezialfall stellt das Programm Giver [7] da. Es basiert letztendlich auf den selben Prinzipien wie Bonjour bei Gajim oder Pidgin, bietet jedoch keine Option zum Chatten, sondern dient ausschließlich dem Datentausch. Dabei ist der Transfer nur von Giver-Client zu Giver-Client möglich.

Abbildung 2: Giver reduziert Instant-Messaging auf den Transfer von Daten im lokalen Netzwerk.

Giver lässt sich in aktuellen Linux-Distributionen (Ubuntu ab "Intrepid Ibex", Debian ab "Lenny", OpenSuse ab Version 11.0) über das gleichnamige Paket aus der Paketverwaltung heraus installieren. Setzen Sie eine ältere Distribution ein, finden Sie Giver wahrscheinlich nicht in den Repositories. Der Kasten "Giver aus dem Quellcode kompilieren" zeigt, wie sie Giver von Hand einrichten. Seit kurzem gibt es Giver auch für Microsoft Windows [8], doch ist das Programm dort noch nicht anwenderfreundlich paketiert. Für andere Betriebssysteme existiert derzeit noch kein Giver-Client.

Giver aus dem Quellcode kompilieren

Finden Sie Giver nicht in den Paketquellen Ihrer Distribution, übersetzen Sie es aus den Quellen selbst. Zu den benötigten Abhängigkeiten zählen mono-complete sowie mono-devel, avahi-mono sowie eine aktuelle Version von notify-sharp. Detaillierte Hinweise zur Installation von Giver auf OpenSuse 10.1 gibt das Giver-Wiki [9].

Nach dem Start von Giver können Sie sofort Daten oder Verzeichnisse tauschen. Dazu müssen (und können) Sie rein gar nichts einstellen. Dateien ziehen Sie einfach per Drag & Drop auf einen Kontakt (Abbildung 2). Nachdem der Empfänger den Empfang autorisiert hat, beginnt Giver unverzüglich mit dem Übertragen der Daten.

Fazit

Avahi/Bonjour und die durch diese Technik gegebenen Möglichkeiten sind mehr als nur einen Blick wert. Gerade, wenn es schnell gehen soll, bietet sich das konfigurationslose Netzwerken an. Wer möchte schon in einer Konferenz sitzen und Samba administrieren, nur um den Nachbarn eine Datei zukommen zu lassen?

Der Autor

Christoph Langner arbeitet für die PTV AG in Karlsruhe im Bereich des Testmanagements und ist seit Jahren im Bereich der Open-Source-Software aktiv.

[1] Projektseite von Avahi: http://avahi.org

[2] Bonjour für Windows: http://support.apple.com/downloads/Bonjour_for_Windows

[3] Pidgin für Linux und Windows: http://www.pidgin.im/

[4] Jabber-Client Gajim: http://www.gajim.org/

[5] Miranda für Windows: http://miranda-im.de

[6] iChat für Miranda: http://xurble.org/projects/iChatMiranda

[7] Projektseite von Giver: http://code.google.com/p/giver/

[8] Giver für Windows: http://ankitjain.org/blog/giver-on-windows

[9] Giver aus dem Quellcode installieren: http://code.google.com/p/giver/wiki/GiverOnOpensuseTenDotTwo

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