Nach dem ersten Start einer Snapshot-Version von Zenwalk Linux, die die frischeste Beta des XFCE-Desktops [1] an Bord hat, lassen sich auf den ersten Blick kaum Neuerungen entdecken. Anwendungsstarter auf der unteren Leiste, Taskliste und Startmenü nebst Uhr und Desktopumschalter am oberen Bildschirmrand reißen niemanden vom Hocker. Die neuen Features von XFCE, die einen Versionssprung legitimieren, müssen also unter der Haube schlummern.

Registry ahoi!

Die wichtigste Neuerung stellt die zentrale Verwaltung der Desktopeinstellungen mit Daemon, Kommandozeilentool und grafischer Oberfläche dar. Die Entwickler schielten dabei auf Gnome und Windows und bauten ein der Windows-Registry ähnliches System auf: Der XFCE Settings Daemon greift auf diverse XML-Dateien im .config Ordner des Benutzer-Verzeichnisses zurück und bezieht daraus Konfigurationsdaten. Diese wendet er auf die verschiedenen Anwendungen von XFCE bei deren Start an.

Einzelne XML-Dateien nennt man dabei Channels. Sie enthalten die Einstellungen jeweils einer Anwendung oder der aktuellen Sitzung. Hier liegt der Unterschied zur Windows-Registry: nicht eine große Registrierungsdatei für alles, sondern eine je Programm. Die grafische Oberfläche namens Einstellungseditor (Abbildung 1) bietet links die vorhandenen Channels zur Auswahl. Rechts klappen Sie die zugehörige Baumstruktur aus, bis Sie den zu verändernden Punkt gefunden haben. Ein Klick auf den Editier-Button in der Werkzeugleiste öffnet dann den Dialog zur Änderung des gewünschten Wertes.

Abbildung 1: Im Einstellungseditor vorgenommene Änderungen finden Sie in der zugehörigen XML-Datei wieder.

Clever gelöst

Die Architektur dieses Systems ist gut durchdacht und würde sich sogar zum Verwalten der Einstellungen einer kompletten Linux-Distro samt Paketmanagement eignen. Allerdings scheiterten schon diverse Ansätze dieser Art, da alle Programme das Verwaltungsinterface ansprechen müssten, statt ihre eigenen Konfigurationsdateien abzufragen. Dieser immense Organisations- und Programmieraufwand lässt sich in der Open-Source-Welt voller Individualisten kaum umsetzen – im Rahmen eines Projekts wie XFCE aber schon.

Besonders gelungen erscheint wir das Kommandozeilentool xfconf-query, über das jedes Programm mit dem Konfigurationsdaemon kommunizieren kann. So stellt der Befehl

$ xfconf-query -c xfce4-desktop -p /desktop-icons/icon-size -s 48

die Icon-Größe auf 48 mal 48 Pixel um – ob eingetippt oder per Skript aufgerufen. Änderungen auf der Shell übernimmt der Desktop übrigens sofort, der Einstellungseditor passt den Wert jedoch nicht dynamisch an. Für Maus- und Tastatureinstellungen, Zugänglichkeit, Display und Themenauswahl enthält XFCE 4.6 neu geschriebene Tools.

Mehr Features

Auch viele weitere Neuerungen finden sich in der Infrastruktur. So schrieben die Entwickler das Menüsystem komplett neu, was die Performance drastisch befördert: In XFCE 4.4 taucht ein manuell geänderter .desktop-Eintrag aus /usr/share/applications erst nach bis zu einer Minute im Menü auf, in der 4.6er-Beta bereits nach einer Sekunde.

Xfdesktop unterstützt in Kooperation mit einer aktuellen X.org-Version nun das Hotplugging von Monitoren. Stecken Sie das zweite Display an, übernimmt Xfdesktop automatisch dessen Verwaltung. Mithilfe des neuen Dialogs für die Desktop-Einstellungen setzen Sie jetzt zum Beispiel transparente Hintergrundfarben und Sie beeinflussen, welche Icons auf dem Desktop tatsächlich erscheinen. Auch den bislang fehlerhaften XFCE-Mixer schrieben die Programmierer von Grund auf neu: Er nutzt nun das Gstreamer-Framework und unterstützt verschiedenste Sound-Systeme gleichzeitig, darunter Alsa, OSS und Pulse Audio.

Transparentes Netz

KDE und Gnome bieten bekanntlich die Möglichkeit, für den Benutzer transparent auf Speicher im Netzwerk so zuzugreifen, als handele es sich um die lokale Festplatte. Dazu legt man in Konqueror, Dolphin oder Nautilus lediglich einmal eine Verbindung ("Netzlaufwerk") an, um den extrenen Speicherplatz per NFS, SMB, FTP, SSH oder WebDAV zu nutzen. Dieses elegante Verfahren beherrschte der XFCE-Dateimanager Thunar bislang noch nicht, sodass die Benutzer auf dienstespezifische Programme wie PyNeighborhood oder gFTP ausweichen mussten. Das Zusatzprogramm Sion [2] von Enrico Tröger aus dem XFCE-Goodies-Repository [3] beseitigt nun dieses Manko Thunars.

Sion hängt nicht zwingend von XFCE ab, es arbeitet auch mit anderen Desktops zusammen. Allerdings geht ohne das aus dem Fundus des Gnome-Projekts stammende GIO/GVFS gar nichts. GIO/GVFS verwaltet die diversen Netzwerkprotokolle mit Hilfe eines GVFS-Fuse-Daemons. Dieser mountet die eingerichteten Verbindungen bei Bedarf im Ordner .gvfs im Heimatverzeichnis des Benutzers. Sion verwaltet diese Verbindungen in einer grafischen Oberfläche.

Die Software erwartet vom Benutzer den URI des Netzwerkspeichers, den Benutzernamen und eine frei wählbare Bezeichnung für die Verbindung. Einmal angelegt, sehen Sie die Verbindung als Icon in Sion (Abbildung 2). Ein Doppelklick darauf und die Eingabe des Zugangspassworts stellen die Verbindung zum Netzlaufwerk her; der GVFS-Fuse-Daemon mountet es. Anschließend startet Sion den Dateimanager.

Abbildung 2: Für Sion gibt es bislang werde eine Dokumentation noch eine Hilfe-Funktion. Die meisten Funktionen erschließen sich aber von selbst.

Soweit die Theorie – in der XFCE-4.6-Beta unter Zenwalk funktioniert der Aufruf des Dateimanagers Thunar noch nicht, denn Thunar beherrscht kein GVFS. Der Sion-Entwickler Enrico Tröger gibt dazu folgenden Tipp: "Tragen Sie in den Sion-Einstellungen anstelle von Thunar als Dateimanager gvfs-open ein. Das startet Thunar automatisch mit dem richtigen Mountpunkt." Alternativ öffnen Sie manuell den Ordner .gvfs. Die in Sion einmal eingerichteten und aktivierten Verbindungen bleiben auch über die gesamte Login-Session erhalten (Abbildung 3).

Abbildung 3: Steht die Verbindung zum Remote-Dateisystem, kann jede GTK-Anwendung im Speicherdialog darauf zugreifen.

Fazit

Ob die zentrale Verwaltung der Einstellungen im neuen XFCE 4.6 letztlich viele Freunde findet, bleibt ungewiss: Linux-Nutzer sind über Registry-ähnliche Systeme erfahrungsgemäß eher geteilter Meinung. Für die XFCE-Entwickler und die Benutzer des Desktops vereinfacht Xfconf aber viele Arbeiten, die neuen Konfigurationsdialoge und das schnelle Menüsystem werten XFCE in jedem Fall auf.

Der heimliche Megastar des XFCE-Desktops ist aber zweifellos das Addon Sion. Mit seiner Hilfe muss man nicht mehr auf Zusatzsoftware für das Dateimanagement auf Netzlaufwerken zurückgreifen. In der von uns getesteten Beta funktioniert zwar noch nicht alles reibungslos, trotzdem steigert Sion die Benutzerfreundlichkeit enorm.

Glossar

GIO/GVFS

Gnome Input/Output ist die Schnittstelle zum virtuellen Dateisystem, die allen GTK-Anwendungen innerhalb einer Session zur Verfügung steht. Das Gnome Virtual File System enthält die Programmteile für die Verbindungen zu den diversen Dateisystemen (etwa über Fuse).

Fuse

Filesystem in Userspace. Erlaubt normalen Benutzern ohne Root-Rechte das Mounten von Dateisystemen. Durch Einklinken von Treibern gewährt es den Zugriff selbst auf die exotischsten Dateisysteme.

Infos

[1] XFCE: http://www.XFCE.org

[2] Sion: http://www.uvena.de/sion/

[3] XFCE-Goodies-Repository: http://goodies.XFCE.org

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Kommentare
Sion heißt jetzt Gigolo
Enrico Tröger (unangemeldet), Donnerstag, 26. Februar 2009 00:08:46
Ein/Ausklappen

Ein kleiner Hinweis, Sion wurde Ende Januar in Gigolo umbenannt. Die Webseite hat sich entsprechend geändert: http://www.uvena.de/gigolo/.

Gruß Enrico


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