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Virtueller Spielplatz

Software für Kinder in der Vor- und Grundschule

12.01.2009
Wir zeigen Ihnen, welche quelloffene Software sich für Kinder als geeignet erweist, ohne Zeit und Geist zu verschwenden.

Projekte wie Edubuntu, Skolelinux oder Schooltool zeigen, dass sich das im universitären Umfeld entstandene Linux als Open-Source-Software auch in Schulen zunehmend verbreitet. Die freien Entwickler von einst setzen längst selbst Kinder in die Welt und suchen häufig nach computergestützten Bildungsmöglichkeiten für ihre Jüngsten – fernab von jeglichem Kommerz und Merchandising-Zwang.

Zwar bieten Armeen von Softwarefirmen unter Windows jede Menge Bildungssoftware für den Vorschulbereich und die ersten Schuljahre an, aber diese unterliegt häufig den Zwängen des Markts. Manche Programme allen zwar durchaus gelungen aus, müssen aber regelmäßig und kostenpflichtig aktualisiert werden. Andere wirken schnell und lieblos zusammengeschustert und taugen eher nicht dazu, die Fähigkeiten der kleinen Benutzer zu entwickeln. Manche setzen schließlich ganz unverhohlen auf den Wiedererkennungswert beliebter TV- und Kino-Protagonisten und fördern eher eine Armada von Bob-der-Baumeister- und Lillifee-Figuren in den Kinderzimmern. Die pädagogischen Aspekte verkommen dabei schnell zur Nebensache.

Die Unabhängigkeit freier Entwickler erlaubt es, Bildungssoftware zusammenzustellen, die dem eigentlichen Zweck dient: Ohne zu verspielte Details die Handhabung eines Computers zu vermitteln und diesen für das Üben des Umgangs mit Farben, Sprache oder kleinen mathematischen Problemstellungen zu nutzen. Doch steht hinter den freien Projekten auch Qualität und pädagogisches Konzept oder stoßen Sie bei der Suche eher auf lose Spielesammlungen?

Gcompris

Die aus Frankreich stammende Software Gcompris [1] ("j'ai compris", franz.: ich habe verstanden) [2] beweist schon beim ersten Kontakt, dass sie den Kinderschuhen entwachsen ist (siehe Kasten "Kurzinfo Gcompris"). Sie bietet neben einer kindgerechten Optik in zwei Anstrichen (Abbildung 1 und 2), einer ungeheuren Menge an Spielen und überzeugenden Texten in sehr vielen Sprachen auch ein Administrationswerkzeug, das es erlaubt, die Suite auf einzelne Kinder zuzuschneiden und deren Fortschritte abzulesen.

Kurzinfo Gcompris

Gcompris steht als Open-Source-Software unter einer freien Lizenz. Um so witziger betreiben die Hersteller ihr Vermarktungskonzept: Während man alle Linux-Versionen uneingeschränkt und kostenfrei herunterladen und nutzen darf, haben Windows-Benutzer hier das Nachsehen. Sie bekommen nur eine abgespeckte Version der Suite kostenlos, den vollen Umfang gibt es nur gegen eine Gebühr von 20 Euro.

Abbildung 1: Das Standardtheme von Gcompris erscheint in knallbunten Farben.
Abbildung 2: Etwas augenfreundlicher gibt sich der Gartoon-Anstrich von Gcompris.

Die Programm-Icons im roten Menübalken am unteren Bildschirmrand haben die Entwickler mit einer netten Kinderstimme unterlegt, was auch für die Kleinsten eine gute Navigation ermöglicht. Trotzdem sollte der erste Weg der begleitenden Eltern in das Einstellungsmenü führen. Dort regeln Sie die Sprache, die Auflösung und die Geräuschkulisse. Der unentwegte Fahrstuhlmusik-Sound erschwert die Konzentration auf die Ereignisse auf dem Bildschirm. Das Mundsymbol wiederholt akustische Spielanweisungen und der Daumen bestätigt die Spielzüge.

Fahren Sie mit der Maus über die aussagekräftigen Symbole der linken Menüleiste, so blendet Gcompris im blauen Streifen einen kleinen Hilfetext ein. In der Bildschirmmitte erscheinen dann die Spieletafeln oder weitere Untermenüs, die ein grüner Pfeil kennzeichnet. Die Symbole der einzelnen Spieletafeln zeigen zusätzlich ein oder mehrere Sterne in Gelb, Grün und Rot.

Diese Sterne unterscheiden den Schwierigkeitsgrad der einzelnen Aktivitäten, wobei ein einfacher gelber Stern für Stufe 1 steht und drei komplexe Sternsymbole die höchste Stufe 6 darstellen. Vorschulkinder beschäftigen sich aber am besten nur mit den Spielen der Stufen 1 bis 3. Die Zielgruppe für Gcompris gibt der Hersteller mit Kindern zwischen 2 und 10 Jahren an.

Die derzeit fast 90 möglichen Aktivitäten ordneten die Entwickler nach Themengebieten. In jedem der Bereiche regeln die Sternsymbole den ansteigenden Schwierigkeitsgrad. Alle Spiele wirken sehr überlegt und offenbaren den Eltern schnell den Sinn. Sie reichen von kleinen Maus- und Tastaturübungen über Lesetraining bis hin zu Schulhilfen für Geographie oder dem Verstehen von physikalischen Zusammenhängen.

Dabei steht nie der erhobene Zeigefinger im Vordergrund. Die Kinder lernen zum Beispiel, ein U-Boot zu bewegen, um in der Tiefe einen Schatz zu heben. Für die Kleinsten gilt es, zum gleichen Thema einen fallschirmspringenden Tux auf einem Boot zu landen (Abbildung 3). Dabei bewegen die Pfeiltasten die Figur nicht einfach nach oben, unten, rechts oder links, sondern sondern folgen in ihrer Wirkung den Naturgesetzen.

Abbildung 3: Sie steuern den Pinguin beim Fallschirmsprung mit den Pfeiltasten. Dabei gehorcht er in seinen Bewegungen den physikalischen Gesetzen.

Die Vielzahl von Spieletafeln rundet Gcompris mit einigen Alltagsprogrammen in kindgerecht gestalteter Form ab. So haben die Entwickler unter anderem Tuxpaint sowie einen rudimentären Texteditor und ein Chatmodul integriert. Aber keine Sorge: Die Kinder plaudern hier höchstens mit Partnern innerhalb eines lokalen Netzwerks, einen Zugang zum Internet sieht die Software nicht vor.

Befindet sich auf dem Rechner das Schachprogramm Gnuchess, so trainiert Gcompris in der Rubrik Strategiespiele mit Ihrem Wunderkind schon mal ein paar Turm-Endspiele. Eine kleine Übersicht zu der Vielfalt von Gcompris gibt die Homepage des Herstellers [3].

Für Kindergartenerzieher und Lehrer ist das Administrationswerkzeug sehr interessant. Sie finden den Menüeintrag unter dem Namen GCompris Administration in der Rubrik Programme (OpenSuse/KDE) oder unter Education (Ubuntu/Gnome/XFCE).

Mit Hilfe eines äußerst simplen Menüsystems erstellen Sie Klassen und weisen diesen Schüler zu (Abbildung 4). Über den Menüpunkt Profile ändern Sie die Default-Einstellungen ab, indem Sie die Schüler oder ganze Klassen neuen Profilen zuordnen. So bestimmen Sie beispielsweise über den Schalter Filter im Menü Tafeln, dass eine Klasse ausschließlich die Spiele mit zwei bis drei einfachen Sternen nutzt (Abbildung 5).

Abbildung 4: Über ein einfaches Menüsystem erstellen Sie im Handumdrehen Klassen und fügen diesen Schüler hinzu.
Abbildung 5: Schalten Sie für Ihre Schützlinge ungeeignete Spieletafeln einfach ab.

Markieren Sie nun noch das Profil und klicken Sie rechts auf Standard, um das neue Profil zu aktivieren. Der Startbildschirm bietet nun einen Zugang für jeden Account an und Gcompris sammelt im Hintergrund die Lernerfolge, die in diesem auflaufen.

Gcompris beeindruckt durchgängig nicht nur durch die reine Fülle an Programmmodulen, sondern auch mit einer kindgerechten Benutzerführung und einem vernünftigen pädagogischen Konzept. Die Suite wirkt liebevoll zusammengestellt mit sinnvollen Spielen und Lernhilfen. Sie spricht eine breite Zielgruppe an und macht durch den modularen Aufbau Hoffnung darauf, dass noch viele weitere Spieletafeln in der Zukunft erscheinen. Die Tabelle "Lernsoftware im Vergleich" zeigt, wie sich Gcompris im Vergleich zu den beiden folgenden Suiten positioniert.

Childsplay

Die in Python geschriebene Spielesammlung Childsplay [4] versteht sich als schlanke Alternative zu dem nach Ansicht der Entwickler mit C/C++- und Gnome-Bestandteilen überladenen Gcompris. Childsplay bildet einen Baustein des ehrgeizigen Schoolsplay-Projekts, das Sie auf den XO-Laptops des OLPC-Projektes [5] finden. In diesem Test kam allerdings die Desktop-Variante Childsplay_sp zum Einsatz.

Einmal installiert (siehe Kasten "Installation") finden Sie die Software nicht etwa in der Rubrik Education oder Bildungssoftware, sondern unter Spiele. Childsplay verhält sich wie ein Gerüst, das beliebig viele Spiele als Plugin einbindet. Bisher liefern die Repositories der Distributoren 14 solcher Spiele mit (Abbildung 6). Anhand einer Iconansicht müssen Sie erraten, welches Kleinod sich wohl dahinter versteckt, denn erst nach dem Start des Moduls zeigt ein Klick unten auf den Elefanten mit dem Fragezeichen eine Hilfeseite. Missfällt Ihnen der Vollbildmodus, dann rufen Sie das Programm mit dem Parameter --window auf.

Abbildung 6: Bei der Spielesammlung Childsplay verbergen sich 14 verschiedene Lernspiele hinter den großen Icons.

Die Qualität und Sinnhaftigkeit der einzelnen Spiele schwankt: So finden Sie sehr gelungene und vor allem kindgerechte Zeichnungen beim Tierlaut-Erraten. Die Aufgabe besteht darin, dass das Kind einen Tierlaut einer entsprechenden Grafik zuordnet, indem es mit der Maus auf die Figur fährt und klickt. Ein ähnliches Spiel zielt auf noch jüngere Kandidaten ab: Zwei- bis Dreijährige klicken nur auf die verschiedenen Figuren und hören anschließend die Geräusche. Als "Preis" erscheint ein kleiner Pinguin am unteren Bildschirmrand.

Allerdings klingen gerade die Geräusche der zweiten Tafel nicht sehr authentisch. Die Soundausgabe erwies sich auf verschiedenen Systemen als unzureichend. Es gelang nicht, das Knistern im Klang zu entfernen. Auch dürften ähnliche Bilder, wie Auto und Polizeiauto (die sich durch die cartoonähnliche Zeichnung wenig unterscheiden) ein dreijähriges Kind durchaus verwirren. Die Geräusche lassen sich nicht immer klar erkennen und eröffnen so Raum für Spekulationen. Nach einer dritten Tafel, die es Kindern ermöglicht, nicht sehr typische Töne den verschiedenen Musikinstrumenten zu zuordnen, endet die Aufgabe auch schon wieder.

Interessant erscheint die akustische Variante des bekannten Bildermemory-Spiels mit Klängen. Hinter blauen Knöpfen verbergen sich die ulkigsten Geräusche, wobei die Aufgabe für das Kind natürlich darin liegt, zwei identische Töne zu finden. Sie finden aber auch ein herkömmliches Bildermemory mit steigender Anzahl von Paaren in Childsplay.

Für Grundschulkinder liefert Childsplay noch ein Buchstabensuchspiel zum Tastaturerlernen und ein kleines Mathematikspiel. Letzteres geht allerdings weit über die parallel in der Grundschule vermittelten Lerninhalte hinaus. Eine Pacman-Adaption verteilt die Buchstaben eines Wortes im Labyrinth. Der kleine gelbe Punktefresser stürzt sich diesmal auf die Buchstaben, aber bitte in der richtigen Reihenfolge. Eher auf die Geschicklichkeit beim Umgang mit der Maus zielt das Puzzlespiel, bei dem die Kleinen klare, einfache, aber hübsch gezeichnete Bilder zusammensetzen (Abbildung 7).

Abbildung 7: Leichte Puzzles mit nur wenigen Teilen helfen Kinder vor allem, den Umgang mit der Maus zu üben.

Bislang hat sich noch niemand gefunden, um deutsche Buchstabenlernkarten zu erstellen. So bleibt dieser Part in Englisch gehalten, was etwas älteren Schülern für einige erste Schritte in dieser Sprache durchaus unfreiwilligen Nutzen bringt. Die restlichen Softwaremodule widmen sich dem reinen Spiel. So findet sich eine Pong-Implementation, die im Vergleich zum Original von 1972 keine tiefgreifende Modifikation erfahren hat, sowie ein rudimentäres Billiardspiel.

Childsplay steckt in einem frühen Entwicklungsstadium, das zeigt sich an vielen Stellen. Die unvollständige Übersetzung ärgert dabei weniger als die schlechte Soundqualität und einige wirklich nervige Geräusche – so zum Beispiel beim Eintrudeln der Buchstaben im Pacman-Klon. Einige Module machen aber jetzt schon Spaß, und so verspricht Childsplay durchaus Ausbaupotenzial – vorausgesetzt, dass erst einmal ausreichend Freiwillige an dem Projekt mitwirken.

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