Gute Vorsätze

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Linux-Evangelist Ken Stark sammelt im texanischen Austin gebrauchte PCs, überholt sie gründlich, installiert darauf Linux und verteilt die Systeme dann an finanziell oder sozial benachteiligte Kinder [1]. Einer der Empfänger, ein Junge namens Aaron, präsentierte vor kurzem seinen Linux-Laptop den Mitschülern an seiner Middle School und verteilte Linux-CDs an das recht angetane Publikum. Das stach einer Lehrerin ins Auge: Sie konfiszierte kurzerhand die Datenträger und identifizierte bei der Vernehmung des Schülers als deren Quelle Ken Stark.

Dem schrieb die Lehrkraft daraufhin eine geharnischte E-Mail: "Ich bezweifle, dass Sie da etwas legales tun. So etwas wie freie Software gibt es nicht, und es kann nur schaden, derartige Fehlvorstellungen zu verbreiten. Wir leben in einer Welt, auf der auf praktisch jedem Computer Windows läuft, und eine Karnevalssitzung für irgendein Betriebssystem zu veranstalten, hilft den Kindern nicht im geringsten weiter." [2]

Falls Sie nun glauben, sowas gäbe es nur in Amerika, dann lesen Sie einmal die Kommentare zum Blog-Eintrag unseres Autors Falko Benthin [3] über obige Anekdote. "In der Schulbehörde in Mecklenburg (…) sagt man Lehrern auf EDV-Lehrgängen, dass sie die Finger von Linux lassen sollen, da die Legalität nicht gewährleistet ist." weiß einer zu berichten. Ein anderer schreibt: "In der 6. Klasse haben wir gelernt, wie das Dateisystem von Windows aufgebaut ist; von Unix oder Linux keine Spur. Als ich die Lehrkraft darauf ansprach, entgegnete sie mir, das Linux heutzutage sowieso keine Rolle spiele."

Einzelfälle? Keineswegs, so erklärte mir Wolf-Dieter Zimmermann vom Lehrerausbildungsprojekt Seminarix [4], als ich ihn um seine Meinung zum Thema bat. Lehrer bekämen kaum Computerschulung, und was sie wüssten, brächten sie sich meist autodidaktisch auf Microsoft-Basis bei. Für die IT-Ausstattung der Schulen seien in der Regel die Kommunen zuständig, Folge: Microsoft. Schließlich, so Zimmermann, würden auch die Landesmedienzentren offiziell nur Microsoft kennen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Diese Einschätzung bestätigt auch eine Umfrage der DLGI [5], die 2007 zu dem Schluss kam, dass 97 Prozent der Schulen im Informatikunterricht ausschließlich Microsoft-Produkte einsetzen.

Das deckt sich mit den Zahlen des Debian-Edu-Projekts, besser bekannt als Skolelinux [6]. Das freut sich laut Wolf-Dieter Zimmermann über Installationen an rund 500 deutschen Schulen – das entspräche bei gut 15 000 Lehranstalten im Land rund drei Prozent. Noch düsterer zeichnet in einem Interview [7] Skolelinux-Vertreter Stefan Peters die Lage: Er beziffert die Anzahl der Installationen auf nur rund hundert – gegenüber etwa 4000 in Norwegen, einem Land, das es mit knapp 5 Millionen Einwohnern etwa auf die Bevölkerungszahl des Großraums Stuttgart bringt.

Ich weiß nicht, welche guten Vorsätze Sie für 2009 ins Auge gefasst haben. Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr alles mir mögliche zu tun, um Open Source und Linux an mehr Schulen in diesem Land ins Spiel zu bringen. Falls Sie eine Idee haben, wo und wie man konkret anpacken kann – bitte schreiben Sie mir.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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Kommentare
Scool Bash
Meo (unangemeldet), Dienstag, 27. Januar 2009 10:49:02
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Die Antwort auf die Frage liefern sie doch selbst mit!
So geben Kommunen gerne nur Microsoft-Produkte heraus und man kennt ja selbst in den Landesmedienanstalten nur Microsoft.

Meiner Meinung nach sind hier Kommunen und vor allem die Schulbehörden klar eine Stelle der Schuldzuweisung. In Zeiten der Informationellen Selbstbestimmung (jaja es lebe die Vorratsdatenspeicherung ;)) sollten Schüler, Informatikprofessoren und Lehrer denen eine Selbstbestimmung am Herzen liegt auch den Kontakt mit Linux lehren.

Im Kommunalen Kalkulationen sollte sich eh zeigen das Linux (Finanztechnisch) große Forteile hat. Rechnen wir doch einfach mal für einen Beispielrechner die Kosten durch:

Hardwareanschaffungskosten:

Hier können für die meisten Distributionen welche Schulungsanforderungen erfüllen noch Rechner mit 686er Chipsatz verwendet werden. XP oder gar Vista braucht hier schon deutlich mehr (gerade Vista).

Sollte man bei den Kommunen nicht jetzt schon überlegen die gealterte Hardware zu reaktivieren und auf eine geeignete Distribution zu wechseln...hmm nöö

Stattdessen werden noch Softwarepakete gekauft, welche erhebliche Kosten durch Lizenzierung von Softwarepatenten ausmachen. So kostet Vista in einer Einzelplatz Lizenz ja immerhin 100 - 200 Euro. Denkt man nun das Schule und Kommune ja sicherlich Firmenlizenzen kaufen irrt man auch hier. Aus eigener Erfahrung werden hier Einzelplatzlizenzen gekauft (vermutlich um nicht mehr gebrauchte Hardware zusammen mit Windows veräußern zu können, wenn diese Abgeschrieben ist).

Fazit: Man sollte dringend die Einsparungspolitik bei Schulen, Bund, Ländern und Kommunen verschärfen und gerade im Schulbetrieb Linux fördern und vor allem fordern.

Denn gerade in Kommunen und Schulungsstätten wirft man meiner Ansicht nach dem Drachen Microsoft das Geld in den Rachen.


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