Fleißiger Freevo

Freevo ist ein Wortspiel aus den Begriffen "Free" und "Tivo". Beim Tivo handelt es sich um einen in den USA weit verbreiteten digitalen Videorekorder, der dem Zuschauer die Möglichkeit zum zeitversetzten Fernsehen ("Time-Shift") und einen elektronischen Programmführer (EPG) bietet. Das Projekt Freevo [5] will dem geneigten Linux-Anwender die selben Möglichkeiten zur Verfügung stellen.

Wie bei Elisa bildet auch bei Freevo Python die Grundlage. Allerdings greift das System zum Darstellen von Video und Audio auf andere Programme zurück – je nach Wunsch auf die bekannten Mediaplayer Mplayer, Xine oder VLC. Bei den mitgebrachten Funktionen liegen Freevo und MythTV gleichauf: So bieten beide Fernsehen mit Pausefunktion, gleichzeitiges Aufzeichnen einer Sendung, automatisches Entfernen von Werbung, Mediaplayer für Audio/Videodateien und DVDs sowie Plugins für Wetterberichte und News.

Das Frontend – also der Teil, den Sie zu Gesicht bekommen – liest das EPG aus und stellt so eine Liste aller Sendungen bereit, die Sie aufnehmen oder ansehen können. Wählen Sie einen Eintrag zum Anschauen aus, startet Freevo den gewünschten Mediaplayer. Möchten Sie eine Sendung aufzeichnen, dann macht die Software intern einen entsprechenden Vermerk. Da die Entwickler auf eine dateibasierte Datenbank setzen, erspart dies die Installation einer komplizierteren Client/Server-Architektur, wie MySQL bei MythTV.

Das Frontend spricht mit mehreren Serverprozessen, die im Hintergrund unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Der Aufnahmeserver steuert eine oder mehrere TV-Karten an, um zeitgesteuert die vom Nutzer gewählten Sendungen aufzuzeichnen. Ein "Commdetectserver" genannter Prozess interagiert mit dem Aufnahmeserver, um nach dem Aufzeichnen die Werbeblöcke zu entfernen.

Als nächstes tritt der Enkodierungsserver in Aktion, der die Aufnahme in ein platzsparendes Format wie MPEG4 bringt, falls Sie das wünschen. Außerdem greift das Frontend beim Umwandeln von Video-DVDs auf diese Komponente zurück, um die Mediendaten in den Filmbestand aufzunehmen. Ein Webserver, über den Sie Sendungen zum Aufzeichnen markieren, komplettiert den Server-Reigen. Er erweist sich als praktisch, wenn Sie von unterwegs Aufnahmen programmieren wollen.

Alle genannten Serverprozesse müssen nicht zwingend auf dem selben Rechner laufen wie das Frontend. Ein denkbares Szenario wäre, einen leistungsfähigen Rechner ins Kämmerchen zu verbannen, der das rechenintensive Umwandeln und Herausschneiden der Werbeschnipsel übernimmt, während ein wohnzimmertaugliches, leiseres System im Settop-Gehäuse nur leichte Arbeit verrichtet, wie das Anzeigen des Films.

Freevo startet sehr zügig und hinterlässt einen aufgeräumten, im Vergleich zu Elisa fast schon spartanischen Eindruck (Abbildung 3). Die gut lesbaren und hübschen Schriften sowie die einfache Menüstruktur eigen sich sowohl für die Anzeige auf digitalen als auch analogen Fernsehern. Wem die Anzeige von Datei- und Ordnernamen in MythTV zu kurz geraten war, der wird sich darüber freuen, dass Freevo für entsprechende Darstellung die gesamte Breite des Bildschirms ausnutzt. Bevor Sie sich jedoch ins Film- oder Musikvergnügen stürzen, gilt es das System zu konfigurieren.

Abbildung 3: Die Navigation in Freevo fällt sehr übersichtlich und wenig verspielt aus. Die Statusleiste zeigt den verfügbaren Plattenplatz an.

Lohnende Handarbeit

Freevo bietet keinerlei grafische Tools an, um Einstellungen vorzunehmen. Stattdessen nehmen Sie Änderungen direkt in der Python-Datei local_conf.py vor. Mehr zur Konfiguration finden Sie im Kasten "Freevo-Konfiguration". Die Dokumentation dieser Datei erscheint in gemischter Qualität: So ließ sich mithilfe der Anleitung zwar der Support für digitales TV aktivieren, ebenso Youtube und die Apple-Kinotrailer-Sammlung als Video-Quellen. Das Einrichten des Time-Shift ließ ich allerdings anhand der Anweisungen nicht bewerkstelligen – Freevo und das erforderliche Programm Dvbstreamer wollten nicht kooperieren. Als weitere bittere Pille für MythTV-Verwöhnte erweist sich das Fehlen von DVB-EPG. Zwar finden sich in der Freevo-Mailing-Liste [6] Vorschläge für Alternativen, deren Umsetzung jedoch Handarbeit erfordert.

Auch an anderen Stellen verlangt Freevo manuelle Eingriffe, soll alles so klappen, wie man sich das wünscht. Dem gegenüber steht die Fülle an Erweiterungen für Freevo, vom Youtube-Support (siehe Abbildung 4) bis hin zum stets aktuellen Wetterbericht in der Menüleiste. Einen kleinen Überblick darüber gibt die Freevo-Dokumentation [7]. Auch das aufgeräumte Interface weiß besser zu gefallen als das Angebot der Konkurrenz.

Abbildung 4: Die Freevo-Entwickler haben Youtube als Videoquelle so integriert, dass Sie beliebige Suchbegriffe als Ordner ablegen.

Vom Leistungsumfang her nehmen sich MythTV und Freevo nicht jedoch viel. Installieren Sie sie von Hand, ziehen beide viel Konfigurationsarbeit nach sich. MythTV gibt es jedoch in vorkonfigurierter Form in vielen aktuellen Distributionen, wie Knoppmyth, Mythbuntu und Konsorten. Dem steht auf Freevo-Seite einsam Freevo Live [8] gegenüber.

Die Programme in dieser Live-CD befinden sich jedoch nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Im Test wusste das System beispielsweise mit einem DVB-C-Empfänger Modell TT-1501 von Technotrend nichts anzufangen – Mythbuntu 8.10 erkannte die Hardware ohne Nacharbeit. Die geplante Kooperation zwischen dem Freevo- und dem Geexbox-Team, die an einer gemeinsamen Plattform arbeiten wollen, könnte hier künftig die Situation verbessern.

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