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Pantoffelkino

Alternativen zu MythTV auf den Zahn gefühlt

18.12.2008
,
Jenseits von MythTV und VDR gibt es Media-Center, die neue Pfade betreten oder ausgetretene anders hinterlassen.

MythTV und VDR gehören zu den unbestrittenen Platzhirschen unter den Media-Center-Distributionen. Ihr beeindruckender Leistungsumfang speist sich aus deren großen Communities und Entwicklergruppen. Neben diesen bekannten Projekten gibt es, wie in der Open-Source-Welt üblich, kleinere Projekte mit dem selben Zweck. Sie bedienen Nischen, die die Mainstream-Projekte oft übergehen, oder realisieren identische Features etwas anders.

Die Vielfalt bedeutet auch aus ästhetischen und ergonomischen Gesichtspunkten eine bessere Auswahl für den Anwender, denn Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Im Test stellen sich drei Media-Center dem Vergleich untereinander sowie zu MythTV. Als Grundlage dient ein System, bei dem die Treiber der TV-Karte bereits funktionieren. Außerdem sollten die Multimedia-Treiber (siehe Kasten "Multimedia und die Patente") eingebunden sein. Bei der Installation der einzelnen Anwendungen für Ubuntu und OpenSuse hilft der Kasten "Installation der Applikationen".

Zu den Newcomern unter den Linux-Systemen für den Wohnzimmer-PC zählt Elisa [1] von der Firma Fluendo aus Barcelona. Die rührigen Spanier bereichern die Open-Source-Welt nicht nur mir Elisa, sondern betreuen auch das Multimedia-Framework GStreamer und den Flumotion-Streaming-Server. Daneben beteiligen sie sich an fremden Unterfangen wie der Xiph-Foundation (die man hauptsächlich wegen des als freier MP3-Konkurrent antretenden Ogg-Audioformats kennt). Fluendo finanziert sich durch den Verkauf von Linux-tauglichen GStreamer-Codecs[2] für proprietäre Multimedia-Formate wie MP3 oder Windows Media.

Installation der Applikationen

Elisa erlaubt es recht einfach, eine gängige Distributionen als Grundlage zu verwenden. Aufgrund der stetigen Entwicklung durch Fluendo empfiehlt es sich, die aktuelle Software von der Homepage, statt der Version aus dem Repository zu verwenden. Für Ubuntu 8.04 ("Hardy Heron") gibt es eine Launchpad-Seite mit den nötigen Dateien (deb http://ppa.launchpad.net/elisa-developers/ubuntu hardy main).

Für das neue Ubuntu 8.10 ("Intrepid Ibex") bietet Fluendo noch keine aktuellen Pakete an. Für diesen Vergleich übersetzten wir die Hardy-Pakete für Intrepid neu übersetzt und haben sie Online (deb http://selador.de/apt/intrepid intrepid main) bereit gestellt. Zur Installation navigieren Sie zu System | Systemverwaltung | Software-Paketquellen und drücken dann im Reiter Software von Drittanbietern auf Hinzufügen. Im darauf folgenden Dialog tragen Sie die entsprechende Zeile ein. Anschließend stehen die Pakete über das Paketmanagement bereit. Gegebenenfalls installieren Sie das Paket pyLirc nach, das den Einsatz von Fernbedienungen ermöglicht.

Ubuntu-Anwender finden weitere Informationen zu Elisa auf ihrem Betriebssystem im UbuntuUsers.de-Wiki [3]. Für OpenSuse gibt es auf der Susegeek-Seite [4] einen 1-Click-Installer, der für die Versionen 10.2, 10.3 und 11.0 das Packman-Archiv freischaltet, das Elisa beinhaltet.

Unter aktuellen Ubuntu-Systemen seit Version 8.04 gestaltet sich die Installation von Freevo komplizierter als erwartet. Das liegt an Modifikationen der XML-Unterstützung durch die Ubuntu-Entwickler. Um das Problem zu umgehen, erweitern Sie die Umgebungsvariable PYTHONPATH um den der alten XML-Bibliotheken. Dazu tragen Sie in der Datei .bashrc im Home-Verzeichnis folgende Zeile ein:

§§nonumber
export PYTHONPATH=$PYTHONPATH;/usr/lib/python2.5/site-packages/oldxml

Danach melden Sie sich einmalig neu am System an und starten Freevo über ein Terminal. Es empfiehlt sich, neben freevo auch, die Pakete mencoder (zum Umwandeln von Videoformaten), msttcorefonts (Schriftarten für Untertitel) und wahlweise vorbis-tools (zum Umwandeln in Ogg-Audio) oder lame (zum Umwandeln in MP3) zu installieren. Um den vollen Funktionsumfang von Freevo zu nutzen, benötigen Sie außerdem eine Software zum Dekodieren von Film-DVDs. Hier hilft eine entsprechende Internet-Suche weiter.

Unter OpenSuse erfolgt die Installation von Freevo direkt aus dem Packman-Repository. Anschließend erzeugen Sie durch das Ausführen von freevo setup die Datei freevo.conf und müssen außerdem ~/.freevo/local_conf.py anlegen. Der Kasten "Freevo-Konfiguration" beschreibt die Details.

Gerade der Support von DAAP-Servern stellt – zumindest unter Ubuntu 8.10 – noch ein Problem dar: Weder Elisa noch Rhythmbox konnten sich mit einem iTunes verbinden. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwickler das Problem bald beheben.

Schicke Elisa

Mit Elisa liefert Fluendo ein Media-Center, das auf eben dem hauseigenen GStreamer-Framework aufbaut. Das in der Skriptsprache Python verfasste System läuft plattformübergreifend auf Linux, Mac OS X und Microsoft Windows. Rein optisch kommt es am ehesten dem aus der Apple-Welt bekannten "Front Row" nahe. Genau wie dieses Vorbild kennt auch Elisa den Umgang mit Fernsehsignalen nicht: Die Daten sollen alle aus dem Internet oder der eigenen Festplatte kommen.

Elisa startet relativ flott. Das Bedienkonzept des Hauptmenüs (Abbildung 1) ähnelt jenem des "Ring Switchers" von Compiz: Die Menüpunkte liegen auf einer Art unsichtbarem Rad angeordnet. Über die Pfeiltasten navigieren Sie zwischen den einzelnen Funktionen hin und her: Das "Rad" dreht sich, der aktuell ausgewählte Menüpunkt rückt in den Vordergrund. Zur Auswahl stehen Musik, Video, Fotos, und Einstellungen sowie der Menüpunkt Browser, der jedoch bei der aktuellen Version zumindest unter Linux nichts bewirkt.

Abbildung 1: Das kühl-schlichte, aber äußerst markante Interface von Elisa erinnert an Apples "Front Row" und sucht in der Linux-Welt seines gleichen.

Sie bedienen Elisa wahlweise über Tastatur, Maus oder eine bereits konfigurierte Fernbedienung. Im Gegensatz zu MythTV kommen Sie mit [Rückschritt] zurück in übergeordnete Menüs, ein Drücken von [Esc] beendet dagegen das Programm. Auf einem analogen Fernseher mit kleiner Auflösung fallen die Schriftarten teilweise sehr klein und schlecht leserlich aus. Bei besseren Auflösungen hat dies aber den Vorteil, dass mehr Informationen auf den Bildschirm passen. Einen Eindruck der verschiedenen Schriftgrade vermittelt Abbildung 2.

Abbildung 2: Elisas Schriften sind zu klein für analoge Fernseher. Rechts unten befindet sich der Indikator für den aktiven Index-Vorgang.

Grafische Konfiguration

Elisa erkennt von sich aus Daten auf CD/DVD, USB-Speichermedien oder iPod-kompatiblen MP3-Playern. Filme und Musik auf UPnP- oder DAAP-konformen Servern stellt das System automatisch bereit. Um Elisa zum Verwalten der Mediendateien auf der Festplatte zu nutzen, stellen Sie zunächst die gewünschten Ordner in die Mediathek ein. Dazu rufen Sie den Menüpunkt Einstellungen | Ordner hinzufügen auf.

Navigieren Sie zum entsprechenden Ordner und drücken Sie auf das kleine Plus-Symbol hinter dem Ordnernamen. Daraufhin wählen Sie aus, ob dieses Verzeichnis zum Bereich Video, Audio oder Bild gehört. Das geschieht wieder über das kleine Plus neben dem Bereichsnamen. Sie dürfen einen Ordner auch zu mehreren Mediengattungen hinzufügen.

Sobald Sie auf diese Weise die gewünschten Ordner freigeschaltet haben, stehen die darin enthaltenen Dateien in Elisa bereit. Das Programm indiziert diese nun, was eine Sortierung etwa nach Genre oder Erscheinungsjahr ermöglicht. Angenehm fällt auf, dass der Aufbau des Index das System nicht in die Knie zwingt, sondern sich nur dadurch bemerkbar macht, dass in der rechten unteren Bildschirmecke eine Statusanzeige erscheint. Die verschiedenen Bereiche (Bilder, Musik, Video) erreichen Sie über das Hauptmenü. Hinter jedem Menüeintrag bietet Elisa neben den konfigurierten Pfaden auch USB-Speicher, MP3-Player oder Netzwerkserver an.

Über die Option Music Library zeigt Elisa die Alben nach verschiedenen Sortierkriterien an. Falls in einem Ordner JPG-Bilder liegen, verwendet der Indexer diese als Cover für den entsprechenden Ordner. Elisa geht bei der Anzeige dieser "Album Art" noch einen Schritt weiter und versucht, für jedes Album automatisch ein Bild des Covers von Amazon herunterzuladen, falls es kein Bild findet.

Beim Abspielen eines Lieds im Vollbildmodus zeigt Elisa per Voreinstellung einen grafischen Effekt an, der sich mit dem Takt der Musik ändert. Durch Bearbeiten der Konfigurationsdatei schalten Sie das gegebenenfalls ab (durch visualization='' in .elisa-0.5/elisa_0_5_6.conf). Über die Pfeiltasten navigieren Sie im aktuellen Lied vor und zurück. Elisa glänzt mit der Möglichkeit, direkt auf Nullsofts Shoutcast-Webradio zuzugreifen, dessen Titel es nach Genres sortiert.

Der Manager für Videodateien fällt übersichtlich und optisch ansprechend aus. Elisa greift nicht nur auf lokal gespeicherte Filme zu, sondern bedient sich bei Bedarf auch im Fundus des Videohosters Youtube. Dessen Streifen können Sie durchsuchen oder sich von Elisa nach Beliebtheit sortiert auflisten lassen.

Analog dazu führt die Diashow nicht nur die auf der Platte lagernden Bilder vor, sondern wühlt auf Wunsch auch in den Schätzen von Flickr. Geben Sie im Konfigurationsdialog einen Benutzernamen für Flickr an, zeigt Elisa auf Wunsch nur diejenigen Fotos, die für diesen User beim Bilderdienst gespeichert liegen. Häufig gespielte Medien sichert Elisa in den Playlists. Auf diese Weise entsteht mit der Zeit eine persönliche Abspielliste, wie man sie auch von anderen Multimediaplayern kennen.

Insgesamt besticht Elisa durch eine schlichte und elegante, aber leicht unterkühlte Optik. Dank des konsequenten Einsatzes von OpenGL bleibt die Navigation auch auf älteren Rechnern wie einem Athlon XP 2500+ flott. Das Projekt basiert dennoch konsequent auf modernen Techniken: Youtube statt TV, Semitransparenz statt Fenster, OpenGL statt DGA.

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