Anfang der Achtziger Jahre kam es im Zug der Unternehmensgründung von Adobe zu einer technischen Revolution: Der Informatiker John Warnock hatte eine Seitenbeschreibungssprache entwickelt und diese schließlich in der eigens neugegründeten Firma Adobe unter dem Namen "Postscript" auf den Markt gebracht. Zu den wichtigen Bestandteilen von Postscript gehört der Type1-Font: ein vektorbasiertes, frei skalierbares Schriftformat und damit der Vorgänger dessen, was heute gemeinhin als Font gilt.
Ein Font besteht in der Regel aus der Beschreibung der Buchstaben an sich (in einem Vektorformat), metrischen Informationen (Abstände zwischen den Buchstaben) und geometrischen Zusatzbeschreibungen (für eine bessere Darstellung auf geringauflösenden Geräten). Die junge Firma Adobe hatte mit ihrem Produkt voll ins Schwarze getroffen: Die Nachfrage war riesig, und die großen Verleger zahlten die hohen Lizenzgebühren für die patentierte Technik, ohne mit der Wimper zu zucken.
Truetype vs. Postscript
Um diesen Lizenzgebühren zu entgehen, entwickelte Apple Ende der 80er Jahre für sein Macintosh-Betriebsystem das Konkurrenzprodukt Truetype. Weil jedoch die Nachfrage wegen der Umstellungshürde anfangs sehr gering ausfiel, erteilte Apple zu recht günstigen Bedingungen eine Lizenz an Microsoft. Mit Windows 3.1 erschienen daher drei mit ihren Postscript-Pendants metrisch nahezu identische Truetype-Schriften: Times New Roman (entspricht Times Roman), Arial (entspricht Helvetica) und Courier New (entspricht Courier). Mit diesem Schritt spaltete sich die Welt der Fonts in zwei Lager.
Während sich seither Computernutzer mit zwei Formaten herumschlagen, hatte die Konkurrenzsituation auch positive Effekte: Adobe gab seine restriktive Lizenzpolitik auf und veröffentlichte Postscript als internationalen Standard. Darüber hinaus schaute das Unternehmen zum ersten Mal über den amerikanischen Tellerand hinaus: Während in Type1-Fonts mit ihrer 8-Bit-Kodierung nur 256 Zeichen angesprochen werden konnten, belegen orientalische und asiatische Schriftsysteme locker das 50-fache an Kapazität. Moderne Unicode-kompatible Fonts können daher 16 Bits (also 65 536 Zeichen) direkt ansprechen.
Besonders von Handschriften abgeleitete Schriftsysteme wie das Arabische oder Sanskrit benötigen darüber hinaus eine intelligente Nachsatzstufe: Dort bestimmt der nachfolgende Buchstabe in einem Wort teilweise das Aussehen des Vorgängers mit. Auch in unserer Handschrift enden die Buchstaben "b", "o", "r", "v" und "w" für gewöhnlich oberhalb der Grundlinie, während die restlichen auf der Grundlinie auslaufen. Per Font eine lateinische Schreibschrift zu imitieren, erfordert daher grundsätzlich vier Varianten von jedem Buchstaben erforderlich.
Die Kontrahenten Apple/Microsoft und Adobe entwickeln daher zunächst eigenständig eine Technik, um ihre jeweiligen Schriftformate zu erweitern: das so genannte Smartfont-System. Asiatische oder orientalische Schriftsysteme setzen diese Technik zwingend voraus; sie bringt jedoch auch für die Typographie westlicher Texte enorme Vorteile. Um die Marktkräfte wieder auf ein System zu bündeln, entschlossen sich Microsoft und Adobe im Jahr 1996, ein einheitliches Format zu veröffentlichen [1],[2]. Dies markiert die Geburtsstunde von Opentype (siehe Abbildung 1).
Tatsächlich verstecken sich unter dem Namen Opentype zum einen klassische Truetype-Schriften (mit der Endung .ttf) und zum anderen Adobes Type1-Nachfolger CFF (mit der Endung .otf). Abbildung 2 stellt beide Typen einander gegenüber. Das verbindende Element beider Schrifttypen liegt lediglich im Unicode-Support und der Smartfont-Technik.
Smartfont-Technik
Dank Smartfont-Technik erzeugen auch Heimanwender mit wenig Kenntnis einen professionellen Satz. Gut ausgebaute Opentype-Schriften, wie zum Beispiel die freie Schriftart "Linux Libertine" [3], verfügen beispielsweise über Ligaturen, echte Kapitälchen, verschiedene Ziffernsätze, echte Indizes und viele Funktionen mehr, die unbemerkt zum Einsatz kommen.
Die Technik dahinter funktioniert folgendermaßen: Im Kopf eines Opentype-Fonts befindet sich unter anderem die GSUB-Tabelle ("Glyph Substitution"). Sie enthält Einträge darüber, unter welchen Bedingungen Anwendungen bestimmte Buchstaben und Buchstabenfolgen durch spezielle Zeichen ersetzen sollen. Abbildung 3 zeigt einen typischen Ausschnitt einer Opentype-Ersetzungstabelle.
Manche Opentype-Merkmale sind standardmäßig eingeschaltet – das heißt, dass beim Einsatz des Fonts in einem Opentype-fähigen Programm – beispielsweise XeTeX [4] – ohne Zutun des Anwenders grundlegende Ersetzungen automatisch geschehen. In der Regel gehören vor allem Basisligaturen zu denjenigen Zeichen, die die Applikationen austauschen. Manche Opentype-Merkmale hingegen erfordern die Auswahl des Anwenders, wie etwa der selektive Einsatz von Kapitälchen oder hoch- und tiefgestellten Zahlen.
Wählen Sie beispielsweise die Funktion für Kapitälchen aus, um "LinuxUser" typographisch richtig zu setzen, schlägt XeTeX in den Tabellen nach, welche Zeichen als Kapitälchen für inux und ser definiert hat und tauscht die kleinen Buchstaben gegen die Kapitälchen aus. Lesen Sie dazu auch den Kasten "Echte Kapitälchen und Indices".
Da der Umfang der Zeichen und Tabellen allerdings vom Willen und Aufwand des Herstellers abhängt, verhält sich jeder Opentype-Font am Ende doch nur so "intelligent" wie sein Schöpfer es implementiert hat ("Erster Grundsatz der Typo-Informatik"). Um im Bild zu bleiben: Microsofts "Times New Roman", seit Windows XP eine Opentype-TTF, erweist sich daher als eher dümmlich; Adobes "Minion Pro" dagegen verhält sich gescheit.



