Keine Hexerei

Editorial

15.01.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das Jahr 2009 steht vor der Tür und soll – wer hätte das gedacht? – wieder einmal zum "Jahr des Linux-Desktops" werden. Der sich diesmal mit dieser Theorie aus dem Fenster hängt, ist kein geringerer als Jim Zemlin, seines Zeichens Executive Director der Linux Foundation. Er gibt sich in seinem Blog davon überzeugt, dass Linux 2009 auf mehr Desktops ausgeliefert werden wird als Windows [1].

Damit spielt er auf DeviceVMs Splashtop-Software [2] an, die binnen Sekunden nach dem Einschalten des PCs ein Minimal-Linux samt Browser, Chat-Client, Musikplayer und mehr auf den Bildschirm bringt, während im Hintergrund das eigentliche Betriebssystem des PCs vor sich hin bootet. Etliche Hersteller bietet dieses Feature bereits jetzt oder in naher Zukunft in ihren Motherboards und Geräten an – darunter so namhafte Anbieter wie Asus, Dell, Hewlett-Packard und Lenovo. Andere, wie etwa der BIOS-Entwickler Phoenix Technologies, basteln mit eigenen Linux-basierten Produkten an der selben Idee.

Breitenwirksam sind Splashtop & Co. zweifelsohne: Sogar Massenblätter wie die New York Times (NYT, [3]) beschäftigen sich inzwischen ausführlich mit den ärgerlich langen Zeiträumen, die PCs zum Hochfahren benötigen – oft drei Minuten und mehr. Schuld daran ist, mutmaßen die NYT wie auch die meisten betroffenen Anwender, wohl Microsofts überfettetes Betriebssystem Windows Vista.

Na prima: Dann dient also Linux im kommenden Jahr auf dem Desktop wohl vor allem dazu, über die immanenten Schwächen des schnarchlangsam bootenden Vista hinwegzutäuschen und damit den Redmondschen Betriebsystemflop wenigstens noch so lange am Leben zu halten, bis endlich der Nachfolger Windows 7 erscheint. Dass der schicke Splashtop, den sie derweil so intensiv nutzen, eigentlich ein Linux ist, werden wohl nur die wenigsten Anwender mitbekommen: Versuchen Sie mal, auf der Splashtop-Website das Wort "Linux" zu finden.

Soll einen jetzt wirklich freuen, dass Linux im neuen Jahr ausgerechnet auf diese Weise den Weg auf viele Rechner findet? Jim Zemlin würde diese Frage augenscheinlich bejahen. Ich meine, die Linux Foundation sollte sich lieber um die Bootzeiten echter Linux-Desktops kümmern, statt Splashtop zu hochzujubeln. Dazu könnte sie beispielsweise einmal ihre Mitglieder Dell und Hewlett-Packard [4] dazu animieren, neben Splashtop-armierten Windows-Geräten mal echte Linux-PCs mit angepassten, unter 30 Sekunden bootenden Distributionsvarianten auszuliefern.

Dass das technisch kein Problem ist, hat neulich Jürgen B., ein Mitglied meiner heimischen LUG Erding, in einem klassischen "Wochenend-Projekt" demonstriert. Mit Bootchart [5] bewaffnet, drückte er die Bootzeit des Standard-Gentoo auf seinem Acer-Notebook von ursprünglich 69 auf 22 Sekunden und reduzierte sie dann durch Einbau einer SSD noch einmal um knapp die Hälfte auf 14 Sekunden [6]. Was ein ambitionierter Bastler an einem verregneten Wochenende kann, das sollte die PC-Industrie auch gerade noch schaffen, oder?

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Blog von Jim Zemlin: http://www.linux-foundation.org/weblogs/jzemlin/2008/10/29/linux-to-ship-on-more-desktops-than-windows/

[2] Splashtop-Homepage: http://www.splashtop.com

[3] NYT – "Cutting PC start time" (Registrierung erforderlich): http://www.nytimes.com/2008/10/26/technology/26boot.html

[4] Linux-Foundation-Mitglieder: http://www.linuxfoundation.org/en/Members

[5] Bootchart: http://www.bootchart.org

[6] "Lightning Gentoo": http://home.mnet-online.de/jay/lg/

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 08/2015: Cloud-Speicher

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Grammatikprüfung in LibreOffice nachrüsten
Grammatikprüfung in LibreOffice nachrüsten
Tim Schürmann, 24.04.2015 19:36, 0 Kommentare

LibreOffice kommt zwar mit einer deutschen Rechtschreibprüfung und einem guten Thesaurus, eine Grammatikprüfung fehlt jedoch. In ältere 32-Bit-Versionen ...

Aktuelle Fragen

Empfehlung gesucht Welche Dist als Wirt für VM ?
Roland Fischer, 31.07.2015 20:53, 0 Antworten
Wer kann mir Empfehlungen geben welche Distribution gut geeignet ist als Wirt für eine VM für Win...
Plugins bei OPERA - Linux Mint 17.1
Christoph-J. Walter, 23.07.2015 08:32, 2 Antworten
Beim Versuch Video-Sequenzen an zu schauen kommt die Meldung -Plug-ins und Shockwave abgestürzt-....
Wird Windows 10 update/upgrade mein Grub zerstören ?
daniel s, 22.07.2015 08:31, 5 Antworten
oder rührt Windows den Bootloader nicht an? das ist auch alles was Google mir nicht beantw...
Z FUER Y UND ANDERE EINGABEFEHLER AUF DER TASTATUR
heide marie voigt, 10.07.2015 13:53, 2 Antworten
BISHER konnte ich fehlerfrei schreiben ... nun ist einiges drucheinander geraten ... ich war bei...
PCLinuxOS lässt sich nicht installieren
Arth Lübkemann, 09.07.2015 18:53, 6 Antworten
Hallo Leute, ich versuche seit geraumer Zeit das aktuelle PCLinuxOS KDE per USB Stick zu insta...