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Interview: Sebastian 'sebas' Kügler vom KDE-Projekt

Die Zukunft von KDE 4

Für KDE 4.0 haben die Entwickler nach dem Release ordentlich Prügel eingesteckt – wie steht's nun um das Projekt?

LinuxUser: Wie war die Resonanz der Benutzer auf KDE 4.1?

Sebastian 'sebas' Kügler: Sie hat eigentlich die Beschwerden über 4.0 wieder revidiert. Sowohl Benutzer als auch Entwickler und die Presse haben das Release sehr gut aufgenommen – insofern würde ich 4.1 als ein technisch starkes und sozial versöhnliches Release bezeichnen.

LU: Welche Bonbons gibt es in KDE 4.2 für den einfachen Anwender? Die anvisierten Verbesserungen scheinen hauptsächlich auf KDE-Entwickler abzuzielen?

sebas: Dem würde ich so nicht zustimmen. Auch KDE 4.2 wird für den Benutzer wieder attraktive neue Features mitbringen. Abgesehen von weiter stabilisierten und verbesserten Anwendungen ist zum Beispiel der PowerDevil neu dabei – eine in den KDE-Desktop integrierte Anwendung zur Kontrolle von Powermanagement-Funktionen für Laptops.

Es gibt eine neue Anwendung zur Druckerkonfiguration, die Desktopsuche wurde weiter verbessert und optimaler integriert. KWin-Composite bringt neue und aufpolierte Effekte mit, wie den aus Compiz bekannten Würfel. Die Fensterleiste verbirgt sich auf Wunsch automatisch, Anwendungen lassen sich in der Taskbar gruppieren, und im System Tray kann man Icons verstecken. Es gibt neue Plasma-Applets – zum Beispiel für RSS-Feeds – und vieles mehr.

Wie es derzeit aussieht, versuchen wir in KDE 4.2 auch erstmals, die Compositing-Effekte standardmäßig zu aktivieren – zumindest auf Systemen, die das beherrschen. Für Entwickler wollen wir in 4.2 den Scripting-Support für Plasma voll unterstützen.

LU: Wird Webkit, das etwa in Chrome und Safari zum Einsatz kommt, auch die Engine für den KDE-Browser Konqueror?

sebas: Sicherlich nicht die Browser-Engine. Im Moment ist ein Webkit-KPart für Konqueror in Arbeit, der es hoffentlich in KDE 4.2 schafft. KHTML bleibt aber dabei, zunächst auch als Voreinstellung. Distributionen, die Konqueror an Bord haben, können das allerdings leicht ändern. KHTML ist und bleibt mindestens bis zur Version 5 von KDE (das wir derzeit nicht planen) dabei – allein schon aus Gründen der Binärkompatibilität der Kdelibs.

LU: Auf der Techbase gibt es auch eine Liste mit Programmen und ihrem aktuellen Status [1]. Was passiert mit beliebten Anwendungen wie K3b, Kaffeine und Kdetv? Werden sie überhaupt nach KDE 4 portiert?

sebas: K3bs KDE-4-Portierung ist schon recht weit fortgeschritten, das Programm startet bereits. Beim Brennen scheint es aber noch Probleme zu geben. Bei Kaffeine und Kdetv weiß ich nicht genau, wie der aktuelle Status aussieht. Digikam und Amarok scheinen auch einem KDE-4-Release näher zu kommen – beide Portierungen werden eventuell noch in diesem Jahr abgeschlossen. Selbstverständlich kann man noch nicht portierte Programme unter KDE 4 auch in ihren KDE-3-Versionen benutzen.

LU: Was verändert der semantische Desktop Nepomuk für den KDE-Benutzer?

sebas: Der semantische Desktop vernetzt die Daten der Benutzer miteinander, und erweitert damit den Funktionsumfang, den man von einer "normalen" Desktop-Such-Engine kennt.

Das Taggen von Dateien funktioniert ja bereits (Abbildung 1) und bekommt dann mit Nepomuk eine Funktion. In Zukunft kann ich mir vorstellen, dass sich die Suche nach Daten mehr daran orientiert, wie das menschliche Gehirn diese ordnet. So wird es möglich, Dateien zu suchen, die als Attachment an der E-Mail einer bestimmten Person hingen. Auch kann ich mir vorstellen, dass man einfach Daten zu einer Person abruft, die man eh auf der Festplatte hat – etwa die letzten ausgetauschten E-Mails, Termine mit der Person, Dateien die diese Person geschickt hat, aktuelle Einträge in ihrem Weblog und so weiter.

Abbildung 1: Dolphin erlaubt bereits jetzt das Taggen von Dateien unter KDE 4.

Man kann sich auch vorstellen, über diese Tags Daten und Applikationen zusammenzufassen. Für Nepomuk sähe es dann so aus, dass sich bestimmte Dateien, Webseiten oder Programme einer Aktivität zuordnen lassen. Man startet dann nicht mehr eine Reihe von Programmen, oder öffnet Dateien, sondern startet eine Aktivität. Alle zu ihr gehörenden Dateien oder Programme öffnet KDE 4 dann dank Nepomuk automatisch.

LU: Der Trend geht ja zu mobilen Geräten: Läuft KDE 4 auch auf Netbooks und kleineren portablen Geräten?

sebas: Ja. Mehrere Entwickler haben KDE 4 bereits auf Netbooks wie dem Asus Eee-PC ausprobiert. Von der Performance her gibts da kaum nennenswerte Probleme. Ich habe selbst letztens Plasma auf dem N810, einem Internet-Tablet von Nokia, installiert. Es läuft noch nicht hundertprozentig flüssig, ist aber grundsätzlich benutzbar. Mit Qt 4.5, das wir im Februar nächsten Jahres erwarten, stimmt dann wohl die Performance, wie mir einige Qt-Entwickler verraten haben.

Vom Benutzerinterface her ist ein vollständiger KDE-Desktop, wie wir ihn bisher kennen, nicht unbedingt optimal für mobile Geräte geeignet. Wir haben daher angefangen, ein für Netbooks und Internet Tablets optimiertes System basierend auf Plasma zu bauen. Bei der Entwicklung von Plasma haben wir von Anfang an daran gedacht, es auch für kleinere Geräte benutzbar zu machen. Die Skalierbarkeit von Grafiken in Plasma, aber auch scheinbar triviale Sachen wie das Erreichen verschiedener Funktionen (auf Touchscreens gibt es keinen Rechtsklick), haben sich als sehr vorteilhaft erwiesen. Plasma ist dabei mehr ein Legoset, mit dem man recht einfach verschiedenste Nutzer-Interfaces bauen kann, also mehr als eine "reine Desktopshell".

LU: Das Web wird beim Anwender immer wichtiger. Wie gut arbeitet KDE 4 – jetzt und zukünftig – mit Web-Diensten wie Last.fm, YouTube, Twitter, Flickr und Co. zusammen?

sebas: Wikipedia und Last.fm werden ja bereits seit einigen Jahren in Amarok eingebunden, wir haben da quasi Pionierarbeit geleistet. In Plasma gibt's ein Twitter-Applet, das diesen Dienst auf dem Desktop erschließt. Flickr ist in Digikam integriert, so dass man leicht seine Fotosammlung mit Freunden teilen kann.

Insgesamt sehen wir das Web unabhängig vom Browser. Wir denken, dass der Webbrowser nicht viel mehr als der kleinste gemeinsame Nenner ist. Wir wollen daher das Web in den Desktop integrieren. Netzwerktransparenz auf Bibliotheksebene, aber auch die Integration von Technologien wie Webkit, machen die Verschmelzung von Web und Desktop möglich. Zudem arbeiten wir derzeit an den "Open Collaboration Services", die Frank Karlitschek auf seiner Keynote auf der Akademy vorgestellt hat. Diese Technologie soll die Online-Community und Webservices in den Desktop einbinden.

LU: KDE 4.1 erweist sich bereits als wesentlich stabiler als KDE 4.0, hat aber auch seine Tücken. Wann wird es eine stabile KDE-4-Version geben, die auch in Produktivumgebungen zum Einsatz kommen kann?

sebas: Das liegt selbstverständlich an den Anforderungen, aber auch an den Programmen, die man benutzt. KDE 4.0 war für eine recht kleine Gruppe benutzbar, mit KDE 4.1 sind die meisten Poweruser bereits recht zufrieden. KDE 4.2 erschließt sich wieder eine größere Gruppe von Benutzern – solche mit breiteren und höheren Anforderungen. Wir denken, dass KDE 4.3 auch für Enterprise-Benutzer eine sichere Wahl sein wird. Gleichzeitig pflegen wir weiterhin die KDE-3.5-Reihe, um den Benutzern selbst die Entscheidung zu überlassen, wann sie umsteigen wollen.

LU: Vielen Dank für Deine Zeit und die interessanten Infos! Wir warten schon gespannt auf KDE 4.2!

Glossar

KPart

Ein Teil des Komponentenframeworks KParts, das es ermöglicht, bestimmte Fähigkeiten eines KDE-Programms in ein anderes KDE-Programm einzubetten.

Infos

[1] Portierungsstatus von KDE-Anwendungen: http://techbase.kde.org/Schedules/KDE4/Application_Porting_Status

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