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Blick nach vorn

Gnome 2.24 unter der Lupe

01.11.2008 Mit dem traditionellen Herbst-Release erfuhr Gnome wieder viele kleine aber nützliche Neuerungen. Mit Gnome 2.24 visieren die Entwickler nun langsam aber sicher auch die nächste Major-Version 3.0 an.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern – der aktuelle Gnome-Zweig [1] kommt langsam in die Jahre und es scheint an der Zeit zu sein, über einen größeren Versionssprung nachzudenken. Auf der Guadec [2], die dieses Jahr Anfang Juli in Istanbul stattfand, loteten die Entwickler die Möglichkeiten für Gnome 3.0 aus – das Ergebnis: Nach Version 2.28 wechselt die Ziffer vor dem Komma.

Damit gehen selbstverständlich notwendige Änderungen an den zugrundeliegenden Glib- und Gtk+-Bibliotheken einher. Jedoch wollen die Hacker in der ersten Major-Version nur Aufräumarbeiten in Form von API-Konsolidierungen vornehmen. Bereits in Glib 2.18 beziehungsweise Gtk+ 2.14, die den Unterbau für Gnome 2.24 darstellen, finden sich die ersten Anzeichen dafür.

Ob nun das neue Gnome wirklich in knapp zwei Jahren kommt, steht noch nicht endgültig fest. Dennoch gehen die Arbeiten an den derzeitigen Gnome-Komponenten zügig weiter. Die seit über sechs Jahren bewährte Architektur, die die Entwickler ständig um neue Komponenten ergänzen, hat noch lange nicht ausgedient. Unternehmen wie Sun, Novell oder Red Hat bauen auf API-stabile Bibliotheken, unter anderem um ältere Software damit zu betreiben.

In Gnome 2.24 konzentrierten sich die Entwickler wieder auf Details und Stabilität der im Frühjahr aufgenommenen Bibliotheken und Programme. Das heißt jedoch nicht, dass es nichts Neues zu sehen gibt – ganz im Gegenteil: Verbesserungen an Nautilus [3], die Aufnahme des Instant Messenger Clients Empathy [4] und eines Zeitverfolgungsapplets mit dem Namen Hamster [5] unterstreichen, dass der Desktop noch kein Moos angesetzt hat.

Dateimanager Nautilus

Die Entwickler rund um den Dateimanager Nautilus schufen in der aktuellen Version mehr sichtbare Änderungen als zuvor. Seit langer Zeit fordern viele Benutzer eine so genannte Splitview (siehe Kasten "Splitview") – die Entwickler und Usability-Experten lehnten das mehrfach ab. Mit dem neuen Reitermodus, der auch im Webbrowser Epiphany [6] und im Texteditor Gedit [7] zum Einsatz kommt, öffnen sich die Entwickler nun doch in gewisser Weise der Idee. Mit der Tastenkombination [Strg]+[T] öffnen Sie – wie zum Beispiel von Firefox gewohnt – einen neuen Reiter (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Die neuen Reiter erleichtert das Arbeiten im Browser-Modus ungemein. Per Drag & Drop ziehen Sie Dateien und Ordner zwischen den einzelnen Tabs hin und her.

Splitview

Gewöhnlich zeigen Dateimanager pro Fenster den Inhalt eines Verzeichnisses an. Im Splitview-Modus, wie ihn unter anderem Gnome Commander [8] beherrscht, bereitet das Programm zwei Ordner nebeneinander in einem einzigen Fenster auf. Dateioperationen fallen in dieser Ansicht nach Meinung vieler Benutzer leichter. Einige Programme bieten die Möglichkeit, mehr als nur zwei Verzeichnisse in einem Fenster darzustellen. Das schränkt aber die Übersichtlichkeit deutlich ein.

Die Ansicht, die allerdings nur im Browser-Modus bereitsteht, bietet das gewohnte Drag & Drop: Sobald Sie eine Datei oder einen Ordner in einen anderen Reiter ziehen, holt Nautilus diesen automatisch in den Vordergrund. So navigieren Sie nie im Blindflug. Selbstverständlich funktioniert die Aktion auch zwischen Fenstern. Die Entwickler spendierten dem Programm zudem eine platzsparende Kompaktansicht (Abbildung 2). Damit beherrscht der Dateimanager alle gängigen Ansichtsmodi, wie sie auch die Konkurrenz unterstützt.

Abbildung 2

Abbildung 2: In der Kompaktansicht bringt Nautilus wesentlich mehr in einem Fenster unter.

Dateien beziehungsweise Ordner mit langen Namen brachten früher regelmäßig das Raster der Symbole durcheinander. Wie Abbildung 3 zeigt, gehört dieses Phänomen der Vergangenheit an, da Nautilus lediglich die ersten drei Zeilen vom Namen einer Datei oder eines Ordners darstellt. Fahren Sie mit der Maus darüber, fördert das einen Tooltip mit dem vollständigen Namen zutage. Mittels GConf verändern erfahrene Benutzer unter dem Schlüssel /apps/nautilus/icon_view den Standardwert für die Zeilenanzahl. Zu den Neuheiten gehört auch das Auswurfsymbol bei entfernbaren Medien – zum Beispiel USB-Sticks oder iPods – in der Seitenleiste. Ein Klick darauf genügt, und der Computer hängt das Medium aus.

Abbildung 3

Abbildung 3: Lange Datei- beziehungsweise Ordnernamen stören nicht mehr das Raster in der Symbolansicht. Zum bequemen Aushängen von Medien stehen darüber hinaus Auswurfsymbole in der Seitenleiste bereit.

In der Vergangenheit sorgte das Kopieren von Daten, die auf FAT32-Partitionen lagen, immer für Ärger, sobald in den Dateinamen spezielle Zeichen vorkamen. Nautilus verschluckte sich dabei und war nicht in der Lage, solche Files zu kopieren. Die neue Version behebt diesen Fehler. Sie setzt außerdem die Freedesktop-Spezifikation für den Papierkorb um: Versehentlich gelöschte Dateien finden bei einer Rettungsaktion wieder ihren alten Platz. Nautilus merkt sich den ursprünglichen Ort im Dateisystem für jede Datei beziehungsweise jeden Ordner.

Zu den weiteren heiß ersehnten Features gehört der vereinfachte Umgang mit Archiven innerhalb des Dateimanagers. Möchten Sie beispielsweise zu einem Archiv namens test.tgz weitere Dateien hinzufügen, genügt es, diese per Drag & Drop auf das entsprechende Icon zu ziehen. Nautilus ruft dazu intern Fileroller [9] auf, der alles weitere für Sie erledigt.

Natürlich korrigierten die Entwickler auch Fehler innerhalb von Nautilus. Das Gespann Gio und GVFS, das im Frühjahr das alte GnomeVFS ablöste, funktioniert nun zuverlässiger als zuvor. Aktuell bauen etwa 90 Prozent der Programme auf die neue virtuelle Dateisystem-Bibliothek auf – beste Voraussetzungen also, GnomeVFS bald endgültig zu Grabe zu tragen.

Multimedialer Genuss

Viele Korrekturen spendierten das Projekt dem Multimediaplayer Totem [10], der neben Filmen und Audiodateien nun auch Youtube-Videos zeigt und Support für das digitale Fernsehen (DVB) bietet. Youtube-Videos spielt Totem nun in hoher Auflösung ab und öffnet auf Nachfrage auch die Webseite zu öffnen, die das aktuelle Video enthält.

Fans von Wohnzimmer-PCs benötigen zukünftig keine komplizierte Konfiguration der Fernbedienung (LIRC) mehr. Der LIRC-Support funktioniert ab sofort für einen Großteil der Fernbedienungen out-of-the-box. Der Thumbnailer des Mediaplayers verwendet das Coverart – so er dieses findet – auch bei Filmen.

Deskbar-Applet

Die Entwickler des Deskbar-Applets, das einem Schweizer Taschenmesser gleicht, besannen sich auf alte Werte zurück. Das Programm zeigt die Chronik wieder in einem separaten Fenster an, wie es bis zur Version 2.18 üblich war. Einzelne Einträge aus der Chronik löschen Sie mit [Entf]. Insgesamt gesellen sich in der neuen Version sechs neue Addons zu den bereits vorhandenen dazu:

  • Taschenrechner: Anfragen wie 2*78-6*1.5 wertet Deskbar direkt aus und gibt das Ergebnis samt Anfrage zurück.
  • Google-Suche: Eine Alternative zur Yahoo-Suche. Beachten Sie, dass Sie dazu ein externes Paket (unter Ubuntu python-simplejson) benötigen.
  • Google-Code-Suche: Ein für Entwickler interessantes Plugin, das nach Funktionen in öffentlichem Quellcode sucht.
  • Yahoo Suggestions: Macht Vorschläge anhand vom Benutzer eingegebener Anfragen.
  • Wikipedia Suggests: Ähnlich wie Yahoo Suggestions, sucht jedoch auf den Wikipedia-Seiten nach Vorschlägen.
  • Twitter und identi.ca: Unterstützung für Blogging-Dienste.

Daneben integrierte Sebastian Pölsterl Capuchin [11]: Dieser Dienst läuft im Hintergrund, lädt bei Bedarf Plugins herunter und installiert diese.

Fernzugriff

Das Duo Vinagre [12] und Vino statteten die Maintainer mit neuen Eigenschaften aus: Im Vollbildmodus blendet Vinagre die Werkzeugleiste erst dann ein, wenn Sie den Mauszeiger in den oberen Fensterbereich bewegen. Zu den Neuheiten gehört aber auch, dass das Tool nun Bildschirminhalte besser verwaltet, wenn der entfernte Rechner mit einer höheren Auflösung arbeitet als der lokale (Abbildung 4). Ein neues Panel-Applet erlaubt einen schnellen Zugriff auf Lesezeichen und Hostsysteme. Ähnlich wie bei etwa bei Virtualbox [13] unterstützt Vinagre die Tastenkombination [Strg]+[Alt]+[Entf], die das entfernte System herunterfährt. Das erleichtert die Fernadministration.

Abbildung 4

Abbildung 4: Der VNC-Betrachter Vinagre skaliert die Auflösung automatisch, falls sich diese zwischen Gast- und Wirtsystem unterscheidet.

Videokonferenz

Nach langer Arbeit erschien nun das Videokonferenzprogramm Ekiga – ehemals bekannt unter dem Namen Gnomemeeting – in der Version 3.0. Neben einer komplett neuen Benutzerschnittstelle arbeiteten die Entwickler an den SIP-Features. Modernere Video-Codecs und eine flüssigere Darstellung – auch im Fullscreen-Modus – verdeutlichen, wie kräftig in den letzten Monaten an dem Programm geschraubt wurde. Erstmals besteht auch die Möglichkeit, Ekiga unter Microsoft Windows zu installieren.

Neue Programme

Im Laufe der letzten Jahren integrierten die Entwickler immer weitere Anwendungen in den Desktop. Auch diesmal kamen zwei neue Programme dazu: Empathy (Abbildung 5), ein Instant Messenger, der auf Gossip aufbaut, und das Hamster-Projekt, das Ihnen dabei hilft, den Zeitaufwand für verschiedene Aufgaben nachzuverfolgen.

Zwar hatten die meisten Benutzer bisher Pidgin – ehemals Gaim – als IM installiert. Jedoch machte der Funktionsumfang mit der Zeit das Bedienen immer schwerer. Empathy besinnt sich wieder auf das KISS-Prinzip, unterstützt dabei aber alle gängigen Protokolle, darunter ICQ, AIM, MSN, Yahoo und Jabber. Empathy baut auf Bibliotheken auf, die sich nach den Freedesktop-Spezifikationen richten, es nutzt aber auch die Pidgin zugrunde liegende Libpurple.

Abbildung 5

Abbildung 5: Das auf Einfachheit getrimmte Empathy arbeitet als neuer Instant Messenger unter Gnome. Es versteht sich mit allen derzeitigen Protokollen.

Mit dem Hamster-Projekt protokollieren Sie auf einfache Weise den Zeitbedarf wichtiger Arbeiten des Tages. Ausgaben in HTML und das Visualisieren der gesammelten Daten vervollständigen den guten Gesamteindruck des noch jungen Projekts (Abbildung 6).

Abbildung 6

Abbildung 6: Mit dem Hamster-Projekt verfolgen Sie den Zeitbedarf für Ihre täglichen Arbeiten. Das Programm wertet die Abläufe in Form von Graphen aus und erzeugt auf Wunsch HTML-Dateien.

Einige Komponenten schafften es trotz einer guten Startphase nicht mehr in Gnome 2.24. Epiphany sollte in der neuen Version auf der von Apple entwickelten Webkit-Rendering-Engine aufsetzen. Zwar ist Webkit mittlerweile Gecko in vielen Bereichen ebenbürtig, jedoch hakt es momentan an einigen Accessibility-Funktionen.

Als Konsequenz sahen die Entwickler von der Integration ab und verschoben die Aufnahme auf das Frühjahr 2009. Abwarten heißt es auch bei Conduit [14], einem einfach zu bedienenden Synchronisationstool. Die Zeichen stehen jedoch gut, dass beide Programme den Sprung ins nächste Gnome schaffen.

Fazit

Verglichen mit der Version 2.22 zeichnet sich deutlich ab, dass die Entwickler wieder einen Gang zurückschalten und sich auf die Stabilität und das Erweitern der Komponenten konzentrierten. Spektakuläre Änderungen der Grundbibliotheken, wie vor einem halben Jahr mit Gio/GVFS, gibt es dieses Mal nicht.

Es fällt auf, dass das Projekt einen neuen Kurs nimmt: Gnome 3 scheint ein sehnlicher Wunsch vieler zu sein, und nicht nur aus diesem Grund arbeiten die Entwickler fieberhaft an einer sanften Migration in Form von konsolidierten Bibliotheken. Abgesehen davon steht bereits fest, dass es noch mindestens zwei Gnome-Release mit einer Zwei vor dem Komma gibt. Gnome 2.26, das Mitte März 2009 erscheint, macht da den Auftakt.

Glossar

KISS

Keep it simple, stupid. Die lapidare Aufforderung, sich auf das wesentliche einer Software zu konzentrieren.

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