Aufmacher

Linux vom Feinsten

Sabayon 3.5 aus Italien

01.09.2008 Man nehme 3 GByte Gentoo, drei verschiedene Desktops und eine breite Software-Auswahl und rühre das ganze schön schaumig. Die fertige Masse kommt in den Brenner und wird kurz überbacken. Das Resultat heißt Sabayon und schmeckt herrlich italienisch.

Lust auf etwas Süßes? Mit Sabayon 3.5 bekommen Sie Linux vom Feinsten mit einer frischen Programmauswahl auf einer spritzigen Gentoo-Basis. Sie finden Release 3.5 vom 1. Juli 2008 auf der Heft-DVD. Die Distribution lässt sich als Live-Medium testen oder gleich installieren.

Forza Azurra!

Sabayon [1] kommt aus Italien. Das merkt man spätestens, wenn man das mittelmeerblaue Theme des Installers sieht. Der Sabayon-Installer führt Sie über rund zehn Dialoge im klassischen Stil durch die Installation: Sie wählen die Zeitzone aus, richten den Benutzer- und Root-Account ein und legen die Partitionierung fest. Im Unterschied zu den Mainstream-Distributionen bietet Sabayon neben der Systemauswahl (KDE, XFCE, Gnome, EeePC) zwei weitere Paketauswahl-Dialoge an. Der ersten ordnet die Pakete nach Gruppen (Abbildung 1): Hier müssen Sie Gnome, XFCE und weitere Fenstermanager explizit abwählen, falls Sie diese nicht installieren möchten. Scrollen Sie ganz nach unten, finden Sie auch einen Eintrag, um ein schlankes Serversystem einzurichten. Der zweite Dialog (Abbildung 2) listet nochmals sämtliche Pakete auf.

Abbildung 1

Abbildung 1: Auch wenn Sie sich für das KDE-System entschieden haben, installiert Sabayon Gnome und XFCE mit.

Abbildung 2

Abbildung 2: Experten können die Paketliste noch vor der Installation von Hand durchgehen.

Leider kommt der Kontrast bei den Blau-in-Blau-Dialogen manchmal etwas zu kurz, die einzelnen Schritte lassen sich aber trotzdem bewältigen. Als Bootloader setzt Sabayon auf Grub: Weitere Linux-Distributionen auf dem Rechner müssen Sie allerdings von Hand einbinden. Dies gilt auch für bestehende Swap-Partitionen.

Neben den üblichen Installationsvarianten per Live-DVD, im Text- oder Grafikmodus bringt das Bootmenü von Sabayon zwei zusätzliche Einträge mit. Über EeePC Boot startet das System mit der auf den EeePC zugeschnittenen Auflösung von 640 x 480 Bildpunkten eine besonderen Installer. Dieses Feature gilt aber noch als experimentell, und in den Tests gelang es uns nicht, Sabayon auf diese Weise auf dem EeePC zu installieren. Anonymous Internet Browsing startet ein minimales grafisches Live-System für den Internetzugang. Es bringt den Anonymisierungsdienst Tor mit. Um mehr oder minder unerkannt im Internet zu surfen, starten Sie Konqueror hier über den Befehl torify konqueror. Die Geschwindigkeit des Netzanschlusses über Tor lässt allerdings zu wünschen übrig.

Je nach Umfang und Rechnerausstattung dauert das Einspielen der Pakete zwischen 20 Minuten und einer Stunde. Danach erscheint der Login-Bildschirm der ausgewählten Desktop-Oberfläche. Auch er präsentiert sich in einem sehr angenehm gehaltenen Blau (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: Der KDE-Desktop von Sabayon 3.5 mit dem Paketmanager Spritz.

Fette Platte

Wie viele Programme tatsächlich auf eine DVD passen, zeigt Sabayon mit einer normalen Installation. Selbst wenn Sie den KDE-Desktop als primäre Arbeitsumgebung auswählen, richtet das Installationsprogramm auch Gnome und XFCE ein. Ändern Sie die Einstellungen während der Installation nicht, belegt die italienische Distribution rund 10 GByte Plattenplatz mit Beschlag; markieren Sie zusätzlich die 3D-Spiele, steigt die Zahl auf 14 GByte. Nehmen Sie deshalb den Warnhinweis des Installers bezüglich des freien Plattenplatzes ernst (Abbildung 4).

Abbildung 4

Abbildung 4: Das Standardsystem von Sabayon belegt rund 10 GByte Ihrer Festplatte.

Obwohl es zur Strategie von Sabayon gehört, so viele Programme wie möglich zu installieren, lässt sich nicht ganz nachvollziehen, warum die Distribution auch sämtliche Sprachpakete einrichtet. Kaum ein Benutzer benötigt Manpages, OpenOffice, KDE, Gnome und Firefox in 52 Sprachen. Damit ließen sich auf einem Standardsystem rund ein bis zwei GByte sparen. Die Deinstallation der Pakete über den Sabayon-Paketmanager Spritz verlangt hingegen sehr viel Fleißarbeit, da Sie sämtliche Pakete einzeln abwählen müssen. Für Rechner mit kleinerer Festplatte und weniger Leistung gibt es die Version Sabayon Pod (ehemals "Mini Edition") [2]. Sie passt auf eine 700-MByte-CD und setzt auf XFCE als Desktop.

Paketmanagement

Anstelle von Gentoos Portato-GUI nutzt Sabayon den grafischen Paketmanager Spritz (Abbildung 5) als Frontend zum Paketmanagementsystem Portage. Das Python-Tool erleichtert den Umgang mit dem Emerge-System sehr, setzt allerdings trotzdem etwas an Vorwissen voraus. Nachdem Sie ein Paket oder die Updates zur Installation markiert haben, landet dieses zunächst in der Warteschlange. Welche Pakete sich darin befinden, zeigt Ihnen ein Klick auf das Icon Package-Queue an (zweites Symbol von unten).

Um die ausgewählten Pakete zu installieren, wählen Sie hier Process Queue. Spritz lädt dann das Paket mit sämtlichen Abhängigkeiten im Quellcode herunter und kompiliert es. Ein Update dauert deshalb – je nach Paketgröße und CPU-Leistung – deutlich länger als bei einer Distribution, die mit fertigen Binärpaketen arbeitet. Etwas störend wirkt, dass der Update-Manager während des Updates per Popup-Fenster stets auf die Zahl der noch ausstehenden Updates hinweist. Immerhin hat man dadurch einen guten Eindruck, wie lange der Vorgang dauert.

Nach dem Update zeigt der Paketmanager eine Liste von Konfigurationsdateien an. Über Changes und Bearbeiten lassen Sie sich die Unterschiede zwischen der ursprünglichen Datei und der Update-Version anzeigen. Für jede einzelne Datei haben Sie die Wahl zwischen Merge und Delete. Im ersten Fall führt der Paketmanager die zwei Konfigurationsdateien zusammen, im letzten löscht er die alte Konfigurationsdatei. Merge stellt also die beste Wahl dar, wenn Sie nicht genau wissen, was Sie tun. Eine kurze Einführung in das Portage-System finden Sie auch auf der Sabayon-Homepage [3], weitere Tipps liefert ein LinuxUser-Artikel [4] zum Thema.

Abbildung 5

Abbildung 5: Sabayon bringt ein eigenes grafisches Frontend für das Gentoo-Paketmanagement mit.

Gut gelöst

Sabayon legt viel Wert auf ein schönes Design. Der Einsatz von Farben dient dabei aber nicht nur zur Zier, sondern hat auch eine Funktion: So erscheint die Menüleiste von KDE-Programmen für normale Benutzer in Blau, starten Sie hingegen ein Programm als root, sehen Sie eine rote Menüleiste (Abbildung 6). Ebenfalls gut gefällt die Anordnung der zwei KDE-Panel mit dem Systemabschnitt und dem Arbeitsflächen-Umschalter auf dem oberen Panel und dem Menü und der Fensterleiste auf dem unteren.

Abbildung 6

Abbildung 6: Die rote Menüleiste weist Sie darauf hin, dass Sie Kwrite mit Rootrechten gestartet haben.

Funktioniert etwas nicht wie gewünscht oder haben Sie Fragen zu Sabayon, hilft ein Klick auf das Symbol Get Live Help auf dem KDE-Desktop. Dahinter verbirgt sich das Chat-Programm Konversation, das sich automatisch mit dem Sabayon-Channel auf http://irc.freenode.net verbindet. Hier findet sich eigentlich immer jemand, der sich mit dem System gut auskennt und Ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht – allerdings meist nur in englischer Sprache.

Viel Proprietäres

Sabayon spielt nicht nur alle Multimedia-Formate ab, sondern bringt auch eine Menge proprietäre Programme und Treiber mit. So finden Sie auf dem Desktop Schnellstarter für Picasa (Abbildung 7) und Google Earth, und auch Skype, Second Life und der Lightscribe Labeler von Lacie sind mit von der Partie. Für den 3D-Genuss finden Sie auch die proprietären Treiber von ATI und Nvidia auf der DVD. Immerhin gibt es für diese Treiber ein spezielles Bootflag: Möchten Sie Sabayon ohne Closed-Source-Kernelmodule nutzen, starten Sie die Distribution über den Parameter noproprietary.

In den Tests auf einem Rechner mit Intel-Grafik bereiteten die Google-Programme jedoch Probleme. Der Bildschirm wurde beim Start von Picasa mehrmals schwarz, bei Google Earth verabschiedete sich das System bei ersten Mausklick sogar komplett. Das hängt aber weniger an Sabayon als an den Anwendungen. Neben proprietären Programmen gehören auch zahlreiche Anwendungen aus der Grauzone zur italienischen Distribution: So lassen sich sämtliche Multimedia-Formate inklusive verschlüsselter DVDs problemlos abspielen. Als Medienplayer stehen SMPlayer, Xine, Kaffeine und VLC zur Verfügung, auch die Mediacenter-Software Elisa ist bereits vorinstalliert und -konfiguriert.

Abbildung 7

Abbildung 7: Das Google-Fotowerkzeug Picasa gehört zur Standardinstallation von Sabayon.

Fazit

Sabayon zeigt, was mit Linux alles möglich ist. Die Distribution nimmt dabei keine Rücksicht auf die Thematik freie/proprietäre Programme und packt auch manch umstrittenes Programm auf die DVD. Die meisten Anwender freut das wohl, Novell und Canonical können sich solche Freiheiten rechtlich nicht erlauben.

Das Entwicklerteam um Fabio Erculiani leistet dabei sehr gute Arbeit: Version 3.5 arbeitet äußerst stabil und bewährte sich in den Tests auf mehreren Rechnern durch eine sehr gute Hardware-Erkennung. Der vorzügliche Support über den Chat verstärkt diesen Eindruck noch. Sabayon muss man einfach probieren.

Steckbrief Sabayon Linux 3.5

Name Sabayon Linux
Aktuelle Version/Codename 3.5/"I have a dream"
Land Italien
Basiert auf Gentoo
Medien 1 DVD (Sabayon Pod: 1 CD)
Paketmanager Portage, Spritz
Primärer Desktop KDE
Alternative Desktops XFCE, Gnome und viele mehr
Kernel 2.6.25
Entwicklerteam ??
Release-Zyklus unbestimmt
Stärken Sehr umfangreiche Linux-Distribution
Schwächen Gentoo-Know-How von Vorteil
Infos

[1] Projekt-Homepage: http://www.sabayonlinux.org

[2] Sabayon Pod: ftp://mirror.cs.vt.edu/pub/SabayonLinux/Sabayon-Linux-x86-3.5-Pod.iso

[3] Portage-Einführung: http://wiki.sabayonlinux.org/index.php?title=Portage

[4] Portage im Griff: Markus Klimke, "Feinabstimmung", LinuxUser 07/2006, S. 40, http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/07/040-portage/

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