Aufmacher

Digitale Dunkelkammer

Rawtherapee 2.3

01.09.2008
Bilder im RAW-Format bieten ungleich umfangreichere Bearbeitungsmöglichkeiten als JPEG-Formate – Rawtherapee erschließt sie Ihnen.

Der Ärger ist groß: Nach dem Urlaub zu Hause angekommen stellt sich am heimischen PC heraus, dass ausgerechnet beim besten Motiv die Farben nicht stimmen und dunkle Passagen "absaufen". Wurde die Aufnahme im üblichen JPEG-Format aufgenommen, bieten auch die besten Bildbearbeitungsprogramme nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die Aufnahme zu restaurieren. Anders bei Bildern im RAW-Format (siehe Kasten "Digitales Negativ RAW"). Da sie wesentlich mehr Bildinformationen enthalten, ermöglichen sie ein umfangreicheres Nachbearbeiten in vielfacher Hinsicht. So korrigieren Sie beispielsweise problemlos selbst um zwei Blendenstufen unterbelichtete Aufnahmen oder passen die Farbtöne von Bildern an, ohne dass die Qualität des Bildes darunter leidet.

Digitales Negativ RAW

Verlustbehaftete Bild-Formate wie JPEG durchlaufen in der Kamera eine ganze Reihe von Verarbeitungsprozessen – angefangen vom Interpolieren der einzelnen Pixel bis hin zu umfassenden Optimierungsmaßnahmen wie Nachschärfen, Weißabgleich oder Rauschentfernen. Bei der Aufnahme eines Bildes im RAW-Format umgeht die Kamera diesen Workflow und schreibt die Daten, die vom Fotosensor kommen, beinahe unverändert auf die Speicherkarte.

Das hat den Vorteil, dass alle Informationen in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben; der abschließende Optimierungsprozess obliegt dem Fotografen. Der Nachteil dieses Formats liegt im fünf bis sieben Mal höheren Speicherverbrauch der Bilder im Vergleich zu JPEG sowie der langsameren internen Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Den größten Pluspunkt des RAW-Formats stellt die Informationsdichte der Aufnahmen dar: Während JPEG lediglich 256 Helligkeitsstufen je Bildpunkt speichert (8 Bit), sind es bei RAW 4096 (12 Bit). In der Praxis bedeutet dieser erweiterte Farb- und Kontrastraum einen erheblich größeren Spielraum beim Nachbearbeiten der Bilder.

Nach wie vor verwenden die meisten Kamerahersteller wie Canon oder Nikon ihre eigenen, proprietären RAW-Formate, die sich meist nur mit kostenpflichtigen Windows-Programmen öffnen lassen. Abhilfe schafft hier das auf Dcraw [1] basierende Freeware-Programm Rawtherapee ([2], Abbildung 1) , das praktisch alle RAW-Formate öffnet und umfangreiche Funktionen zum Nachbearbeiten bereitstellt. Einen Vergleich mit anderen RAW-Konvertern finden Sie auf der Rawtherapee-Website [3]. Das Programm eignet sich auch zum Editieren von Dateien im JPEG- oder PNG-Format.

Abbildung 1: Das kostenfreie Programm Rawtherapee kennt nicht nur die meisten RAW-Formate sondern bringt umfangreiche Bearbeitungswerkzeuge zum Optimieren der Bilder mit.

Dieser Artikel beschreibt die stabile Version 2.3, die Beta-Version der kommenden Release 2.4 stellt der Autor ebenfalls zum Download bereit. Diese zeichnet sich vor allem durch einen umfangreichen Metadatensupport (EXIF und IPTC) aus, der in Version 2.3 noch gänzlich fehlt.

Erste Schritte

Als erstes laden Sie entweder den für Ihr System passenden Tarball von der Projektseite herunter oder verwenden die auf der Heft-DVD enthaltene Version. Entpacken Sie das Archiv im Anschluss mit dem Aufruf tar xfvz rawtherapeeVersion.tgz und kopieren Sie danach den neuen Ordner in Ihr Heimatverzeichnis. Um das Programm zu starten, klicken sie auf die Datei rt.

Die grundlegenden Einstellungen – wie Lokalisierung, Bildverzeichnis oder Speicherformat – erreichen Sie über Einstellungen in der rechten Fensterecke. Um Bilder zur Voransicht zu laden, öffnen Sie mit dem integrierten Verzeichnis- und Dateibrowser (unten links) das Verzeichnis, das die RAW-Dateien enthält. Alle darin enthaltenen Bilder erscheinen danach in der Vorschauleiste rechts daneben. Klicken Sie auf ein Bild, um es zum Bearbeiten ins Hauptfenster zu laden. Informationen zur Aufnahme wie verwendete Kamera, Blende, Verschlusszeit und Brennweite erhalten Sie beim Klick auf das i-Icon in der Menüleiste.

Am unteren Ende des Bearbeitungsfensters finden Sie die Einstellungen zur Voransicht. Da Rawtherapee alle Änderungen in Echtzeit anzeigt, empfiehlt es sich, die Vergrößerung auf 1:3 bis 1:4 einzustellen, da es andernfalls zu erheblichen Anzeigeverzögerungen kommt. Aktivieren Sie die Checkbox neben Details, so erscheint zum einen im Bild ein roter Rahmen sowie auf der Oberfläche ein Zusatzfenster Detailansicht, das den Bildausschnitt aus dem Rahmen in Originalgröße wiedergibt. Um den Ausschnitt zu verschieben, ziehen Sie den Rahmen mit gedrückter rechter Maustaste an den gewünschten Ort.

Das richtige Profil

Rawtherapee stellt über das Pulldownmenü Bearbeitungsprofil drei verschiedene Vorgaben für die Bildverbesserung zur Auswahl. Während neutral das Bild im Ursprungszustand belässt, schärft default es leicht nach und regelt die Helligkeit. Der Eintrag crisp erhöht zusätzlich den Kontrast.

Für jedes Bild legt das Programm zudem ein eigenes Bearbeitungsprofil an, das es im selben Verzeichnis wie die Bilder abspeichert. Rufen Sie ein bereits bearbeitetes Bild nochmals auf, lädt Rawtherapee automatisch dessen Profil. Möchten Sie die Einstellungen eines Bildes auch auf andere Aufnahmen anwenden, speichern Sie diese in einem eigenen Profil ab und rufen es nach dem Laden der gewünschten Aufnahme auf. Eine Stapelverarbeitung unterstützt das Programm derzeit nicht; der Entwickler gibt sich aber zuversichtlich, noch Ende diesen Sommers eine Beta-Version mit Batch-Support zu veröffentlichen.

Das Tool nimmt an den RAW-Bildern grundsätzlich keine Änderungen vor, sondern speichert die modifizierten Dateien als JPEG, TIFF oder PNG wahlweise mit 8 oder 16 Bit Farbtiefe. Alle zum Bearbeiten notwendigen Werkzeuge finden Sie in der rechten Spalte neben dem Hauptfenster. Die Reihenfolge der Menüpunkte bildet einen sinnvollen Workflow ab, Sie sollten sie daher der Reihe nach abarbeiten. Ein Klick auf das Werkzeug öffnet die zugehörigen Bearbeitungsoptionen.

Weiß bleibt weiß

Einen häufig auftretenden Fehler stellen Farbverfälschungen durch einen mangelhaften Weißabgleich dar. Zur Korrektur wählen Sie beim gleichnamigen Werkzeug den Schalter manuel setzen an. (Kleinere Übersetzungsfehler, wie das hier um einen Buchstaben zu kurz geratene "manuell", ziehen sich durch das ganze Interface des Programms.) Steuern Sie danach mit der eingeblendeten Pipette einen möglichst neutralen Bildabschnitt an, wie etwa eine Wolke oder eine Wand. Am oberen Fensterrand erscheinen währenddessen die RGB-Werte als Zahlen. Übernehmen Sie die Auswahl mit einem Linksklick. Mit den Reglern Farbtemperatur und Farbton korrigieren Sie eventuelle Abweichungen.

Licht und Schatten

Ein Klick auf Belichtung eröffnet eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Einfluss auf die Helligkeit und den Kontrast des Bildes zu nehmen. Ganz oben sehen Sie den Regler Bel.Korrektur. Dieser erlaubt es, das Bild um bis zu fünf Blendenstufen heller oder dunkler zu belichten. Mit Lichter-Kompression schwächen Sie Spitzlichter ab. Noch mehr Kontrolle über die Lichtverteilung des Bildes erhalten Sie über die Tonwertkurve. Sie besteht aus einer diagonalen Linie, auf der Sie an beliebigen Stellen Bearbeitungsknoten anfügen und nach Wunsch anpassen (Abbildung 2) . Über dem Bearbeitungswerkzeug thront stets das RGB-Histogramm: Es zeigt, wie sich die Helligkeits- und Farbanteile im Bild verteilen.

Abbildung 2: Die Tonwertkurve erlaubt Ihnen das Anpassen der Helligkeitsverteilung im Bild, erfordert vom Anwender allerdings etwas Geduld und Erfahrung.

Eine weitere Belichtungskontrolle bieten das weiße und schwarze Warndreieck in der Schalterleiste. Aktivieren Sie diese, so erscheinen zu dunkle Passagen weiß und zu helle schwarz. Die Rubrik Schatten/Lichter enthält Werkzeuge, um Tonwertbereiche einzelner Bildausschnitte zu korrigieren. Beachten Sie, dass Sie diese Rubrik erst über den Eintrag eingeschaltet aktivieren müssen, bevor Sie das Werkzeug verwenden. Das Verschieben des Reglers Schatten (Abbildung 3) sorgt dafür, dass Rawtherapee zu dunkle Bereiche im Bild aufhellt. Ähnliches gilt für Lokaler Kontrast, das den Kontrast in kleinen Bereichen verändert.

Abbildung 3: Mit dem Werkzeug Schatten/Lichter stellt Rawtherapee sogar völlig abgedunkelte Bildelemente wieder her.

Ausgerauscht und nachgeschärft

Das Verändern von Helligkeitswerten im Bild führt oft zu einem erhöhten Bildrauschen, das bei RAW-Dateien allerdings deutlich schwächer ausfällt als bei bei JPEGs. Diese Störungen reduziert der Luminanz-Rauschfilter. Über den Regler Radius legen Sie fest, ab welcher Intensität der Filter Rauschen wahrnimmt. Mit Kanten-Toleranz bestimmen Sie, inwieweit sich ein Pixel vom Nachbarn unterscheiden muss, um als Kante zu gelten. Zwar besitzt das Programm noch eine weitere Rauschunterdrückung namens Farbrausch-Filter, bei der jedoch die Vorschaufunktion nicht funktioniert und die sich deswegen für den Einsatz nicht eignet.

Häufig führt das Verwenden von Rauschfiltern dazu, dass die Bilder etwas an Schärfe einbüßen. Dem wirken Sie mit dem Werkzeug schärfen entgegen. Es enthält die Methoden unscharf maskieren und R-L Bildrestaurierung. Details zur Anwendung und Wirkung der Filter finden Sie im PDF-Tutorial ([4], auf Heft-DVD).

Horizonte ausloten

Um ein Bild vertikal oder horizontal auszurichten, klicken Sie im Reiter Verändern auf die Sektion Drehen. Wählen Sie darin wähle Leitlinie aus und ziehen Sie eine horizontale oder vertikale Linie bei gedrückter Maustaste mit dem Cursor nach. Über der Linie sehen Sie die aktuelle Schieflage in Grad, die Rawtherapee nach dem Loslassen der Maustaste automatisch korrigiert.

Um Bilder von Kissen- oder Tonnenverzerrungen zu befreien, klicken Sie auf den Eintrag Verzerren und ziehen den Schieberegler nach links oder rechts. Vignettierungen (Abdunklungen zum Rand hin) beseitigen Sie über das Werkzeug Korrektur Randlichtabfall. Während der obere Regler Menge die Intensität festlegt, bestimmen Sie mit dem darunter liegenden den Radius.

Störende Farbsäume – so genannte chromatische Aberrationen – entfernen Sie über Farbsaumentfernung. Je nachdem, ob es sich um eine rote oder blaue Verfärbung handelt, schieben Sie den jeweiligen Regler nach links oder rechts, bis die Störung verschwindet.

Zu guter Letzt gilt es, das Beste aus Ihrem Bild herauszuholen, indem Sie den passenden Ausschnitt wählen. Die entsprechenden Konfigurationselemente finden Sie unter Ausschnitt. Zur besseren Orientierung blendet Programm diverse Hilfslinien, etwa Goldener Schnitt oder Diagonale, im Bild ein (Abbildung 4). Die in der Grundeinstellung aktivierte Funktion Festes Format sorgt dafür, dass der Ausschnitt im Seitenverhältnis einem fotokompatiblen Format entspricht. Die Auswahlfläche aktivieren Sie über Wähle Ausschnitt, den Sie mit gedrückter linker Maustaste und [Umschalt] an einen beliebigen Ort auf dem Bild positionieren.

Abbildung 4: Die eingeblendeten Gitternetzlinien unterstützten Sie beim Festlegen des richtigen Bildausschnitts.

Fazit

Rawtherapee stellt derzeit unter Linux das mit Abstand beste Bearbeitungswerkzeug für RAW-Bilder dar: Es kommt mit allen gängigen Formaten klar und steht auch beim Funktionsumfang kommerziellen Programmen kaum nach. Lediglich die fehlende Stapelverarbeitung und die nicht funktionierende Vorschau des Farbrauschfilters geben Anlass zur Kritik.

Glossar

EXIF

Exchangeable Image File Format. Standard für das Dateiformat, in dem moderne Digitalkameras Informationen über die aufgenommenen Bilder speichern.

IPTC

Eingentlich: IPTC-NAA, International Press Telecommunications Council – Newspaper Association of America. Standard zum Speichern von Textinformationen zu Bildinhalten in beliebigen Medien (Text, Fotos, Grafiken, Audio, Video). IPTC ermöglicht es, Hinweise zu den Bildrechten (Autor, Titel, Schlagwörter etc.) direkt in der Bilddatei abzulegen.

Infos

[1] Dcraw: http://www.cybercom.net/~dcoffin/dcraw/

[2] Rawtherapee: http://www.rawtherapee.com

[3] RAW-Converter im Verlgeich: http://www.rawtherapee.com/RAW_Compare/

[4] Rawtherapee-Manual: http://www.rawtherapee.com/?mitem=6

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