Aufmacher

Viererbande

Open Movie Editor, Scilab Aurora, Vivia, ZS4

01.08.2008
MainActor ist tot, Kino riecht auch schon etwas, Kdenlive wackelt noch: Der schnittwillige Hobbyfilmer hat es zunehmend schwer. Wir stellen vier interessante Alternativen vor.

Nach dem Tod des kommerziellen MainActor und dem Ausbaustopp beim beliebten Kino wird die Luft für schnittwillige Hobbyfilmer immer dünner. Dem Profi bleibt immerhin noch Cinelerra, dessen Entwicklung jedoch nur recht schleppend voran geht [1]. Bleibt abzuwarten, was das Programmierteam um die Abspaltung Lumiera (ehemals Cinelerra-CV) zustande bringt [2]. Auf der anderen Seite buhlt das vielversprechende Kdenlive um Hobby-Anwender [3], seine erste stabile Version lässt jedoch nach wie vor auf sich warten. Abgesehen von speziellen Videoeffektprogrammen, wie VeeJay oder dem Bedienungsalbtraum Jahshaka, wäre damit das Ende der Fahnenstange schon fast erreicht – aber nur fast, denn das Internet hält noch ein paar unbekanntere Videoeditoren bereit. Vier von ihnen treten zu einem Vergleichstest an, namentlich: Open Movie Editor [4], Scilab Aurora [5], Vivia [6] und ZS4 ([7], das frühere Zweistein).

Aufgrund des geringen Bekanntheitsgrades ignorieren die meisten Distributionen die Viererbande. Bei Ubuntu und Ubuntu Studio findet sich immerhin eine veraltete Version des Open Movie Editors in den Repositories. Ansonsten müssen Sie selbst den Compiler anwerfen, um eine der Anwendungen auszuprobieren. Welche Schritte dazu notwendig sind, zeigt der Kasten "Installation".

Installation

Als erstes brauchen Sie eine vollständige Entwicklungsumgebung – dazu zählen primär der Compiler GCC und alle zugehörigen Bibliotheken. Anschließend geht es ans Auflösen der Abhängigkeiten – mitunter alles andere als einfach, da die Videoeditoren teils recht exotische Pakete verlangen. Sie sollten daher vorab unbedingt alle verfügbaren Repositories zuschalten. Bei Ubuntu ist das standardmäßig der Fall, unter OpenSuse aktivieren Sie sie in YaST unter Software | Community Repositories. Fehlt ein Paket in den Repositories, bleibt nichts anderes übrig, als Google um Hilfe zu bitten.

Open Movie Editor

Ganz besonders anspruchsvoll ist der Open Movie Editor. Er hätte gerne folgende Bibliotheken in den jeweils neuesten Versionen, einschließlich der zugehörigen Entwicklerpakete: FFmpeg, FLTK, Jack Audio Connection Kit, Gavl, GNU C++ Compiler (g++ / gcc-c++), Libavcodec, Libavformat, Libmpeg3, Libquicktime, Libsamplerate, Libswscale-dev, Libsndfile, Portaudio v19 sowie – falls configure später eine fehlende gl.h bemeckert – noch die Mesa-Entwicklungspakete.

Haben Sie alles eingespielt, übersetzen Sie den Open Movie Editor über den bekannten Dreisatz. Nach gelungener Kompilierung starten Sie die Videobearbeitung mittels des Aufrufs openmovieeditor.

Scilab Aurora

Die Ausgangsbasis für Aurora bilden FFmpeg, die Bibliothek Gdk-pixbuf-2.0, OpenCV [8] und für die grafische Oberfläche Tcl/Tk. Hinzu kommt noch das Scilab-Paket ( [9], unter Ubuntu in sivp), das Sie aufgrund seiner halbfreien Lizenz in vielen Fällen per Hand einspielen müssen. Die Übersetzung fällt bei Scilab Aurora flach – zum Start genügt ein Aufruf von ./aurora.sh.

Vivia

Die Abhängigkeiten von Vivia beschränken sich glücklicherweise auf handelsübliche Pakete, die fast allen Distributionen beiliegen: Die Icoutils, NASM, SDL und last not least Qt4 mit Qmake – für letzteres installieren Sie unter Ubuntu einfach libqt4-devel, das alle anderen notwendigen Pakete nachlädt und einrichtet.

Im Gegenzug ist der Übersetzungsvorgang etwas aufwendiger. Zunächst wechseln Sie in das Vivia-Verzeichnis mit dem Quellcode. Dort setzen Sie dann nacheinander folgende Befehle ab:

$ ./build-ffmpeg-linux.sh
$ cd src
$ qmake
$ make

Auch Vivia müssen Sie nicht unbedingt per make install installieren: Sie dürfen es ebenso gleich an Ort und Stelle per ./vivia starten.

ZS4

Den Video-Editor ZS4 gibt es ausschließlich als fertige Anwendung. Sie entpacken lediglich den heruntergeladenen Tarball und rufen das dabei freigeschälte Programm auf. Es meldet sich umgehend ein komfortabler Installationsassistent, der in wenigen Schritten durch die Einrichtung führt.

Verabschiedet sich der Helfer mit einer Fehlermeldung, ist noch etwas Handarbeit angesagt. Dazu wechseln Sie zunächst in das Verzeichnis ~/tmp/t@b/3630484/ – oder so ähnlich. Die kryptische Nummer in der Pfadangabe hängt von der jeweils verwendeten ZS4-Version ab. Im besagten Verzeichnis öffnen Sie die Datei install.sh mit einem Texteditor und entfernen die Zeichenkette LD./menco (in der neunten Zeile). Jetzt sollte der Assistent mit einem Aufruf von ./install.sh endlich die Arbeit aufnehmen.

Forderungen

Bevor Sie mit dem eigentlichen Schnitt beginnen können, muss zunächst einmal der Urlaubsfilm aus der Kamera heraus und irgendwie in die Videobearbeitung hinein. Ein gutes Schnittprogramm stellt dem Anwender zu diesem Zweck einen Assistenten beiseite, der das Band ausliest und jede erkannte Szene in einer eigenen Datei auf der Festplatte ablegt. Alle vier Kandidaten schludern jedoch schon an dieser Stelle und verlassen sich auf externe Programme – meist empfehlen die Entwickler das Kommandozeilenprogramm dvgrab.

Der Anwender muss die Schnittprogramme also mit vorhandenen Videodateien füttern. Dabei zeigten sich die Probanden mitunter äußerst wählerisch. Generell fährt man mit DV-Material am besten, das zudem in AVI-Containern stecken sollte. Aus dem analogen Zeitalter stammt noch das auch bei digitalen Fotokameras beliebte Filmformat Motion JPEG (MJPEG), das vor allem ZS4 bevorzugt. Bei allen anderen Dateiformaten wird die Luft schnell dünn: Sowohl hochaufgelöstes Material wie etwa HDV, als auch MPEG-4 in Form der Ableger DivX und Xvid spielen bei den Testkandidaten nur eine untergeordnete Rolle – falls überhaupt. Ähnliches gilt für MPEG-2-Videos, wie sie beispielsweise auf Video-DVDs oder beim digitalen Fernsehen zum Einsatz kommen.

Sobald die importierten Filme unter der Fuchtel des Videoschnittprogramms stehen, geht es als erstes an den Rohschnitt. Gerade bei Urlaubsfilmen kommt es häufig vor, dass der Anfang oder das Ende einer Szene verwackelt und somit das schöne Alpenpanorama zerstört ist. Folglich müssen Sie den betroffenen Filmclip zunächst zurechtstutzen. Das erledigt entweder die virtuelle Schere oder eine spezielle Trimmen-Funktion. Letztere sorgt dafür, dass nur ein ausgewählter Teilbereich des Videos seinen Weg in die Gesamtkomposition findet. Im Gegensatz zum harten Schnitt arbeitet sie nichtdestruktiv, Sie können also auch noch nachträglich den festgelegten Ausschnitt verschieben.

Alle gesammelten Szenen bringen Sie für gewöhnlich auf einer Zeitleiste, der so genannten Timeline, in die gewünschte Reihenfolge. Die meisten Programme bieten gleich mehrere Videospuren, die aufwendige Überlappungen und Überlagerungseffekte ermöglichen – ganz so wie bei der Tagesschau, bei der ein Sprecher neben einem kleineren Bild mit der Schlagzeile sitzt. Abschließend fügen Sie noch zwischen den Szenen ein paar Überblendungen ("Transitions") ein. Komplettieren sollten Sie den Schnitt am Ende mit einem Titel und einem schmucken Abspann.

Bei der Steuerung der Effekte helfen so genannte Keyframes. Sie markieren die Bilder in einem Clip, an denen sich die Einstellungen eines oder mehrerer Effekte ändern. Auf diese Weise lässt sich beispielsweise das Strandbad langsam und gezielt in ein abendliches Rot tunken. Allerdings erzwingen diese Möglichkeiten auch eine etwas komplexere Bedienung.

Open Movie Editor

Die Benutzeroberfläche des Open Movie Editor orientiert sich, ähnlich wie jene von Kdenlive, am großen Vorbild Adobe Premiere: Links oben suchen Sie über den Media-Browser nach geeignetem Videomaterial. Das verteilen Sie mittels Drag & Drop im unteren Bereich auf mehrere Video- und Audiospuren. Rechts oben thront noch eine abdockbare Vorschau. Der Zuschnitt einzelner Filmsequenzen geschieht ausschließlich nach Augenmaß auf der Zeitleiste. Dementsprechend ungenau fallen die Ergebnisse aus, eine bildgenau arbeitende Trimmen-Funktion suchen wir vergebens.

Filter und Effekte ziehen Sie aus der gleichnamigen Palette auf einen Clip, die zugehörigen Einstellungen beinhaltet der Reiter Clip Inspector. In der Standardauslieferung bringt der Open Movie Editor nur zwei einsame Effekte mit: Einer kümmert sich um die Gamma-, der andere um die Farbkorrektur. Wer mehr möchte, muss die frei0r-Filtersammlung installieren.

Bastelwillige Effekthascher freuen sich über den Spezialeffekt Node Composition. Mit ihm erstellen Sie schnell eigene Videofilter, indem Sie die vorhandenen Effekte nach eigenen Vorstellungen und Wünschen verknüpfen. Ähnlich wie Netzwerkkabel ziehen Sie dabei Strippen zwischen den vorhandenen Effekten, indem Sie einen roten Ausgang mit einem grünen Eingang verbinden (Abbildung 1). Den Aufbau solcher Graphen gestatten sonst nur Profi-Produkte wie etwa Apples Shake.

Abbildung 1: Open Movie Editor: Mit Hilfe der Node Composition klicken Sie sich schnell eigene Effekte zusammen.

Unglücklicherweise lassen sich Effekte und Filter immer nur auf einen ganzen Clip anwenden, eine feine Steuerung per Keyframes gibt es nicht. Immerhin kennen die Audiospuren so genannte Audio-Automations. Die Höhe dieser kleinen Punkte auf der Audiospur regelt die Lautstärke. Dies ist beispielsweise wichtig, um Hintergrundmusik ein- und auszublenden oder das Windrauschen in einer Aufnahme auf dem Berggipfel loszuwerden.

Open Movie Editor kennt genau eine einzige Überblendung: Sobald Sie zwei Videoschnipsel auf der gleichen Spur ineinander rammen, entsteht eine weiche Blende. Harter Schnitt und weiche Blende sind allerdings im professionellen Videoschnitt die einzig wirklich gängigen Schnitteffekte, Effektblenden sollten – falls vorhanden – ohnehin nur sehr spärlich zum Einsatz kommen.

Ähnlich unflexibel wie die Überblendeffekte verhalten sich auch die Titel, die Sie über den gleichnamigen Effekt erstellen. In seinen Einstellungen vergeben Sie Schriftart, Größe, Farbe und Position (Abbildung 1). Den eingetippten Text blendet das Schnittprogramm anschließend automatisch weich ein und auch wieder aus. Wer mehr möchte, muss sich ein transparentes PNG-Bild zusammenbasteln und dieses dann importieren.

Abbildung 2: Open Movie Editor: Die Betitelungsfunktion ist zwar rudimentär, aber immerhin vorhanden.

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