Aufmacher

64 Bits aus Transsylvanien

Bluewhite64 12.1 im Schnelltest

01.08.2008 Der 64-Bit-Slackware-Abkömmling Bluewhite64 12.1 besticht durch gute Performance, grafische Administrationstools sowie die gelungene Integration von Java und Flash.

Viele große Distributoren bieten ihre Betriebssysteme nebst Paketversorgung auch für die sich eher schleppend durchsetzenden 64-Bit-Architekturen AMD64/EM64T an. Selbst für die weitverbreiteten AMD64-Systeme verwenden viele Benutzer noch immer lieber die 32-Bit-Pendants ihres Lieblings-Linux-Derivats, weil wichtige Anwendungen wie Java, Flash, Acrobat Reader, Opera oder diverse Codecs bisher nur in 32-Bit-Versionen vorlagen.

Bluewhite64 hat sich zum einen auf die Fahnen geschrieben, ausschließlich die 64-Bit-Architektur zu bedienen und Dabei den Benutzer keinen Einschränkungen auszusetzen. Die auf dem Linux-Urgestein Slackware basierende Distribution erhalten Sie neben der auf unserer Heft-DVD befindlichen Live-DVD auch auf einer etwa 4 GByte großen Installations-DVD respektive auf sechs CDs. Ein nur 257 MByte großes Mini-Live-System für CDs oder USB-Sticks bietet die Projektseite [1] zum Download an und verkauft auch bereits fertige Flash-Bausteine in unterschiedlichen Größen mit installiertem Bluewhite64.

Die neueste Version 12.1 der aus Rumänien stammenden Distribution nutzt den Kernel 2.6.24.7 und setzt auf den X-Server 1.4.0.90 (X.org 7.3). Zum Fensterln kommt das stabile KDE 3.5.9 zum Einsatz. KDE4-Elemente enthält die Live-DVD nicht. Die Aktualität weiterer Software prüfen Sie anhand der Tabelle "Bluewhite64 12.1 im Überblick".

Bluewhite64 12.1 im Überblick

System
Kernel 2.6.24.7 (SMP)
X.org 7.3 (1.4.0.90)
KDE 3.5.9
Swaret 1.6.3
Qtswaret 0.1.5-3
Produktivität/Internet
OpenOffice 2.3
KOffice 1.6.3
Firefox 2.0.0.14
Thunderbird 2.0.0.12
Pidgin (Gaim) 2.4.1
XChat 2.8.4
Multimedia
Xine 1.1.11
MPlayer 1.0rc2
Amarok 1.4.9.1
K3b 1.0.4
Grafik
Gimp 2.4.5
Digikam 0.9.3
Server – LAMP
Apache 2.2.8
MySQL 5.0.51b
PHP 5.2.6
Server – Sonstige
Samba 3.0.28 (3.0.30 per Patch)
OpenSSH 5.0p1
Bind 9.4.2
u.v.m.

Erste Einblicke

Die Live-DVD starten Sie über einen spartanischen Bootmanager, wobei der Bootvorgang erstaunlich flink vonstatten geht. Das System bitte vor dem Start der grafischen Oberfläche höflich mit Do you want to try autoconfigure X.org? um Erlaubnis, den X-Server selbst konfigurieren zu dürfen.

Da Bluewhite64 nicht über andere Tastaturlayouts nachdenkt, drücken Sie hier nach amerikanischem Vorbild das [Z]. Anschließend präsentiert sich der sehr nüchtern gehaltene KDE-Desktop in einem weichen Blau mit weißer Schrift, den Arbeitsplatz ziert kein einziges Icon. Einige wichtige Schnellzugriffe integrierten die Entwickler aber in die Kicker-Leiste, sodass Sie den Dateimanager, die Browser Konqueror und Firefox, das Schwatzwerkzeug Pidgin und die Konsole nicht mühsam über das K-Menü suchen müssen. Selbst den Mülleimer platziert Bluewhite64 in den rechten Bereich der Kontrollleiste. Die Zwischenablage Klipper hingegen müssen Sie selbst hinzufügen.

Die ersten Schritte führen unvermeidlich zur Lokalisierung: Klicken Sie mit der rechten Maustaste in der Kontrollleiste auf das US-Flaggen-Symbol und wählen Sie aus dem Kontextmenü Configure ... aus. Im erscheinenden KDE-Kontrollmodul doppelklicken Sie die deutsche Tastaturbelegung und übernehmen die Änderungen mit Apply. Im Kontextmenü des Flaggen-Icons steht Ihnen nun auch Ihre heimische Tastaturbelegung zur Verfügung.

Im K-Menü wählen Sie den Eintrag Settings | Regional & Accessibility | Country/Region & Language. Im Dropdown-Menü Add language | other ... wählen Sie nun German, um KDE endgültig deutsch sprechen zu lassen. Andere Programme müssen Sie per Hand durch die Installation eines Sprachpaketes oder Language-Files in Ihre Muttersprache zwingen.

TIPP

Die Bluewhite64-Live-DVD lässt sich auch auf Festplatte installieren. Die Distribution liefert dazu jedoch kein Installationsskript, sodass Sie die einzelnen Schritte anhand einer (englischsprachigen) Beschreibung [2] selbst ausführen müssen.

Gut bestückt

Das Software-Angebot der 64-Bit-Lösung kann sich sehen lassen: Alle Bereiche deckten die Entwickler mit einer oder gleich mehreren Lösungen ab. So finden Sie neben dem KDE-Tool KPDF auch noch das ältere XPDF, zum Chatten wählen Sie zwischen KSirc, Kopete, Pidgin, aMSN und XChat. Für die Büroarbeit setzt das blau-weiße 64-Bit-Linux auf Openoffice.org, bietet gleichzeitig aber auch noch KOffice.

Die Hauptprogramme aus dem ungefilterten und fast vollständigem KDE-Angebot doppeln die Bluewhite-Entwickler nicht nur mit Pendants aus der Gtk-Welt, sondern bieten auch den XFCE-Dateimanager Thunar sowie den XFCE-Applikationsfinder an. Warum der Benutzer neben Firefox und Konqueror auch noch die Seamonkey-Suite benutzen sollte, bleibt unklar.

Auf ein Angleichen der Programmoberflächen verzichtete das rumänische Entwickler-Team dabei genauso wie auf etwas mehr Ordnung im K-Menü: Es fördert nicht eben die Orientierung, in einem Untermenü 28 Applikationen aufzuführen (Abbildung 1). Eine ordentliche Sortierung bieten lediglich die Menügruppen Lernprogramme und Spiele, in allen anderen Untermenüs herrscht Chaos.

Abbildung 1

Abbildung 1: Der nächste Task für die Bluewhite-Entwickler: strukturiertere Menüs und eine einheitliche Programmoberfläche bei KDE- und Gtk-Software.

Die 64-Bit-Sorgenkinder Flash und Java integrierten die Entwickler bestens in Bluewhite64, beide Plugins benehmen sich im Browser tadellos. Dabei bedient sich die Distribution der bereits installierten 32-Bit-Emulation linux32. Den äußerst beliebten Browser Opera hingegen bekommen Sie mittlerweile auch nativ als 64-Bit-Programm vom norwegischen Hersteller. Weiterhin Bastelbedarf besteht hingegen bei den fast vollständig in 32 Bit herausgegebenen größeren Spielen. Für Nutzer solcher Software empfiehlt sich nach wie vor ein 32-Bit-Linux.

Who … is Alice?

Bei Alice handelt es sich um ein ganz und gar Slackware-untypisches Frauenzimmer: Statt der traditionsgemäßen Verwaltung via Konfigurationsdateien spendierten die Entwickler Bluewhite64 ein Administrationsframework. Alice umfasst einige grafische Installations- und Verwaltungswerkzeuge, von denen DiskManager, NetManager, PkgManager, ServManager, TimeManager und XorgManager den Weg in die Distribution fanden (Abbildung 2). Die Tabelle "Alice kurz und knapp" zeigt die Funktion der Alice-Tools auf, die Sie im K-Menü unter System finden.

Abbildung 2

Abbildung 2: Der Network Manager hilft bei der Einrichtung Ihrer Verbindung mit der Außenwelt.

Alice kurz und knapp

Komponente Funktion
DiskManager Hilft auf Parted-Basis, die Festplatte zu partitionieren; funktioniert in Version 12.1 nicht.
NetManager Hilft beim Einrichten des Netzwerks; unterstützt auch PPPoE-Verbindungen.
PkgManager Ein einfaches Paketverwaltungstool zum Installieren/Deinstallieren von Software.
ServManager Hilft beim schnellen Aktivieren/Deaktivieren diverser Serverdienste, administriert diese aber nicht.
TimeManager Richtet nur die Zeitzone ein, nicht den NTP-Server
XorgManager Richtet Maus, Tastatur, Grafikkarte und Monitor ein.

Zwei Besonderheiten fielen dabei im Test ins Auge: Der DiskManager ließ sich nicht zur Mitarbeit überreden, da das Programm die libparted-Bibliothek nicht finden konnte. Außerdem müssen Sie nach Eingabe Ihrer Netzwerkdaten in den NetManager das Netzwerk mittels /etc/rc.d/rc.inet1 restart neu starten – erst dann meldet sich der KDE Network Monitor mit einer erfolgreichen Verbindung. Für alle diese Systemeinrichtungen müssen Sie mit Administratorrechten arbeiten, die Sie entweder mit einem kdesu oder in der Konsole mit su erhalten. Die Frage nach dem Passwort quittieren Sie mit [Eingabe], weil in der Live-Version keines gesetzt ist.

Ärgerlich: Im Test funktionierte die Tastatureingabe nach einiger Arbeitszeit nicht mehr und versah jeweils erst nach einem Neustart des Rechners wieder ihren Dienst tat. Diesen unangenehmen Fehler sollten die Entwickler schnellstens beseitigen.

Fazit

Bluewhite64 12.1 hinterlässt gemischte Gefühle. Die Distribution besticht zwar durch Geschwindigkeit und einen schönen Desktop, unangenehm fallen aber die Tastaturprobleme und die mangelnde Stabilität einiger Tools auf. Im Beta-Test der Live-DVD sollten die Entwickler außerdem den Totalausfall des Alice-Werkzeugs DiskManager eigentlich bemerkt haben.

Wer eine ansonsten gut laufende 64-Bit-Distribution sucht, bei der die kommerziellen Plugins keine Sorge mehr darstellen, oder wer auf einer entsprechenden Plattform einen Server aufziehen möchte, sollte Bluewhite64 aber in jedem Fall im Auge behalten.

Tip a friend    Druckansicht beenden Bookmark and Share
Kommentare