Kontrollverlust

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

wie sich jetzt herausstellt, hat die Deutsche Telekom Verbindungsdaten zur Bespitzelung von Journalisten und Aufsichtsräten ausgewertet, über Handy-Daten Bewegungsprofile der Überwachten erstellt und das Ganze augenscheinlich noch mit Bankdaten der Betroffenen abgeglichen. Damit demonstriert ausgerechnet ein ehemaliger Staatsbetrieb, an dem der Bund noch immer ein maßgebliche Beteiligung hält, wozu die Vorratsdatenspeicherung (siehe Tabelle "Vorratsdatenspeicherung") in der Praxis gut ist.

Die ab 2009 voll greifende, totale Kommunikationsüberwachung der Bürgers erzeugt voraussichtlich allein bei der Deutschen Telekom nach Schätzungen 180 Milliarden Datensätze pro Jahr – zum Vergleich: Der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke schätzt die Anzahl so genannter terroristischer Gefährder hierzulande als "zweistellig" ein. Neben der Frage nach der Verhältnismäßigkeit erhebt sich da diejenige nach der Kontrolle der Kontrolleure, die mein Kollege Andreas Bohle im Editorial der Januar-Ausgabe [1] schon einmal aufgeworfen hat.

Die Antwort dazu liefert jetzt die Telekom-Affäre: Niemand kontrolliert die Kontrolleure. Sowohl die für die Telekom als Regulierungsbehörde zuständige Bundesnetzagentur als auch der Bundesdatenschutzbeauftragte hatten offenbar keine Ahnung vom Missbrauch der gespeicherten Verbindungsdaten, ja noch besser: Die Telekom plante womöglich sogar, Personal ihrer Aufsichtsbehörde, der Bundesnetzagentur, zu überwachen [2].

Während sich die Politiker der Regierungsparteien – die unisono das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung im November binnen ganzer drei Minuten verabschiedet haben [3] – noch damit beschäftigen, entweder abzuwiegeln (Union) oder das von Ihnen selbst durchgewinkte (SPD) Gesetz zu beklagen, weiß der Bürger schon, was es geschlagen hat: Laut einer Untersuchung der Meinungsforscher von Forsa [4] verzichtet wegen der Speicherung bereits jetzt jeder Zehnte in sensiblen Situationen auf die Benutzung von Telefon, Handy oder E-Mail – etwa, wenn er den Rat einer Eheberatungsstelle, eines Psychotherapeuten oder einer Drogenberatungsstelle benötigt.

Um sich gegen den allzu neugierigen Staat zu wehren, muss man sich nicht gleich die eigene Überwachungsdrohne basteln [5], um die Schnüffler zu bespitzeln, oder seine Nachrichten nur noch mit der Brieftaube verschicken ([6],[7]). Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung schlägt unter dem Motto "Datenfrei kommunizieren" [8] sechs für jedermann handhabbare Methoden vor, der Vorratsdatenspeicherung ein Schnippchen zu schlagen.

Zudem gibt es derzeit eine gute Gelegenheit, persönlich politisch Einfluss zu nehmen: Nach jüngsten Umfragen [9] laufen den Regierungsparteien derzeit die Wähler in Scharen weg. 2,4 Millionen kamen der Union seit der letzten Wahl abhanden, der SPD sogar satte 6,2 Millionen. Da bietet es sich an, den Bundestagsabgeordneten des lokalen Wahlkreises [3] einmal direkt auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass und warum man die Vorratsdatenspeicherung ablehnt. Im Moment hört er vielleicht einmal genauer hin …

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Vorratsdatenspeicherung

Was gespeichert wird:
Telefon (Festnetz) Telefonnummern, Datum Uhrzeit und Dauer des Gesprächs
Mobiltelefon wie Festnetz, plus: Funkzelle, Handy-Identifikation, SMS-Verbindungsdaten
E-Mail Adressen, Header-Daten der E-Mail
Internet (ab 2009) IP-Adresse, Anschlusskennung, Beginn und Ende der Verbindung
Das "Übereinkommen des Europarats über Computerkriminalität" sieht vor, dass 52 Staaten in Europa und weltweit Zugriff auf die Vorratsdaten erhalten – zur Verfolgung jeglicher mit Strafe bedrohter Handlung.
Infos

[1] Editorial 01/2008: Andreas Bohle, "[wschaeuble@de]$ sudo su", LinuxUser 01/2008, S. 3, http://www.linux-user.de/ausgabe/2008/01/003/index.html

[2] Telekom wollte Bundesnetzagentur überwachen: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,557828,00.html

[3] Abstimmungsergebnis: http://www.bundestag.de/parlament/plenargeschehen/abstimmung/20071109_teleueberwach.pdf

[4] Forsa-Umfrage zur Vorratsdatenspeicherung: http://www.daten-speicherung.de/data/forsa_2008-06-03.pdf

[5] CCC-Rotocopter: http://www.heise.de/newsticker/meldung/108789

[6] RFC1149: http://www.rfc.net/rfc1149.html

[7] Pigeon Project des Sandberg-Instituts: http://www.youtube.com/watch?v=lELAZANXTAw

[8] Datenfrei kommunizieren: http://www.vorratsdatenspeicherung.de/content/view/56/132/lang,de/

[9] ARD-Deutschlandtrend" Juni 2008: http://www.infratest-dimap.de/?id=16

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 08/2017: VIRTUALISIERUNG

Digitale Ausgabe: Preis € 5,95
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Aktuelle Fragen

Bash awk Verständnis-Frage
Josef Federl, 22.07.2017 17:46, 2 Antworten
#!/bin/bash # Skriptdateiname = test.sh spaltennummer=10 wert=zehner awk '{ $'$spaltennummer'...
Bash - verschachtelte Variablenersetzung, das geht doch eleganter als meine Lösung?
Josef Federl, 18.07.2017 20:24, 2 Antworten
#!/bin/bash #Ziel des Skriptes wird sein die ID zu extrahieren hier nur als Consolentest: root@...
Speicherplatzfreigabe mit "sudo apt-get clean" scheitert
Siegfried Böttcher, 16.07.2017 21:16, 2 Antworten
Speicherplatzfreigabe mit "sudo apt-get clean" scheitert, weil aus mir unerfindlichen Gründen im...
Möchte Zattoo vom PC am Fernsehgerät sehen können
Ilona Nikoui, 15.07.2017 18:25, 3 Antworten
Hallo, ich habe mein Fernsehgerät, ein LG 26LE3300 mit dem PC verbunden per HDMI Kabel, wie empfo...
TUXEDO und Hardwareauswahl , fragwürdig / Kritik
Josef Federl, 11.07.2017 12:44, 7 Antworten
Auf tuxedocomputers.com steht: "....Aber wir können auch Linux und das so, dass "einfach" alles...