Aufmacher

Licht mit viel Schatten

Bildbearbeitung mit Fotox

01.06.2008
Zu den Highlights der Bildverarbeitung Fotox zählen die HDR- und Panoramafunktionen. Aber wo solcherlei Licht ist, wartet bekanntlich auch Schatten.

Die freie Bildbearbeitung Fotox bietet sowohl gängige Funktionen zum Ausbessern und Bearbeiten von Digitalfotos als auch spezielle Werkzeuge für den Umgang mit HDR-Fotos und Panoramaaufnahmen. Vorkompilierte Pakete für gängige Distributionen gibt es nicht; die Programmierer erklären auf der Fotox-Webseite [1], dass sie das für überflüssige Zeitverschwendung halten. Immerhin lässt sich die Installation von Fotox aus dem Quellcode mit wenigen Handgriffen erledigen (siehe Kasten "Fotox installieren").

Beim ersten Start präsentiert sich Fotox überraschend nüchtern: eine große, leere Fläche, umrahmt von einer waagerechten Symbolleiste mit den wichtigsten Dateifunktionen und einer senkrechten für die Werkzeuge des Programms. Das entspricht schon auf den ersten Blick so gar nicht bekannten und bewährten Bedienkonzepte halten (Abbildung 1). Negativ fällt zudem die mitunter schlampige Rechtschreibung in den Menüs auf ("laufende Funktion abbrechen"), die Zweifel darüber hervorrufen, ob der Rest wohl besser funktioniert.

Abbildung 1: Zwischen aufgeräumt und leer: So präsentiert sich die Oberfläche von Fotox nach dem Start.

Fotox installieren

Laden Sie den Fotox-Tarball in ein beliebiges Verzeichnis herunter, öffnen Sie dort eine Konsole und tippen Sie folgende Befehle ein:

$ tar -xzf fotox.35.tar.gz
$ cd fotox
$ ./ubuild

Sollten Abhängigkeiten nicht erfüllt sein, dann beschwert sich das Build-Skript unter Angabe der fehlenden Komponente. Bringen Sie dann Ihr System auf den geforderten Stand und wiederholen Sie den Befehl ./ubuild. Nach erfolgter Übersetzung landet das Programm standardmäßig im Verzeichnis /home/user/fotox.

Die Installation richtet ein Desktop-Icon namens fotox ein, über das Sie das Programm starten – einen entsprechenden Eintrag im Menü suchen Sie dagegen vergebens. Nach dem ersten Start legt Fotox aber eine Datei mit den wichtigsten Konfigurationsdaten an, die Sie bei Bedarf nachträglich über den Menüpunkt Param. ändern. Die Konfigurationsdatei selbst finden Sie in Ihrem Home-Verzeichnis als .fotox/parameters und können Sie mit jedem Texteditor ändern.

Fotox, der Bildbetrachter

Zu allererst bietet sich Fotox als Bildbetrachter an, mit dem Sie sich einen Überblick über Ihre Digitalfotos verschaffen. Klicken Sie auf Ordner, zeigt Ihnen Fotox die Bildersammlung beliebiger Ordner in der Übersicht. Allerdings verschluckt sich das Programm an größeren Sammlungen und reagiert dann träge bis gar nicht. Nützliche Features wie eine Diashow oder die Möglichkeit, die Bilder nach Kategorien zu sortieren, sucht man bei Fotox vergeblich.

So bleibt nur die Möglichkeit, durch die Bilder zu blättern, um aus der Übersicht per Doppelklick eines zum Bearbeiten auszusuchen (Abbildung 2). Allerdings bietet Fotox keine Scrolleiste an, wenn nicht alle Bilder eines Verzeichnisses ins Fenster passen. Da bleibt nur, die Ansicht zu verkleinern oder reihen- respektive seitenweise durch die Bilder zu blättern. Da Fotox dabei scheinbar die Bilder jedesmal neu lädt, gestaltet sich das recht zäh.

Abbildung 2: Ein Bildbetrachter der reduzierten Art: Mehr als Blättern in Verzeichnissen erlaubt das Werkzeug nicht.

Für intuitives Arbeiten benötigen Sie den Bildbetrachter dennoch: Ärgerlicherweise bietet die Programmschaltfläche Öffnen keinerlei Vorschau auf die Bilddateien – entweder, Sie kennen den Dateinamen des gesuchten Bilds, oder Sie tippen buchstäblich im Dunklen.

Retusche und Verschönerungen

Die linke Symbolleiste präsentiert die Werkzeuge zur Bildbearbeitung. Sie fallen weitgehend selbsterklärend aus (Schnitt, Rotauge, drehen) und öffnen auf Mausklick zusätzliche Fenster mit den wichtigsten Parametern. Das Konzept, Regler und Vorschau in einzelnen Fenstern und unabhängig vom Hauptprogramm zu öffnen, zwingt oft dazu, umständlich zwischen einzelnen Fenstern hin und her zu schalten, um das gerade benötigte in den Vordergrund zu holen.

Die Justiermöglichkeiten präsentieren sich dagegen erfreulich vielfältig. So stehen etwa zum Einstellen der Helligkeit unter abstim. insgesamt neun Regler zur Verfügung, um die einzelnen Bereiche zwischen dunkel und hell zu abzustimmen. Die Schaltflächen neben den Reglern bieten eine Automatisierung: Beispielsweise zieht + - die Regler der dunklen Bereiche nach oben und senkt gleichzeitig die für die helleren. Dagegen erhöht - + - nur die Mittenwerte. Eine regelrechte Gebrauchsanweisung für diese Funktionen gibt es nicht; hier müssen Sie nach Augenschein entscheiden, was Ihren Bildern am besten bekommt.

Im Großen und Ganzen nervt die ungewöhnliche Vorgehensweise von Fotox eher. Bei der Funktion Schnitt etwa legt sich eine Dialogbox störend aufs Bild, bevor man mit gedrückter linker Maustaste einen Bereich ausgewählt hat. Der Zuschnittskasten ist überdies bereits vorhanden und lässt sich nur vergrößern oder verkleinern, nicht aber verschieben oder mit der Maus einfach neu aufziehen. Das ist weder besonders innovativ noch irgendwie intuitiv.

Beispiele für mangelnde Benutzerfreundlichkeit ziehen sich ärgerlicherweise so oder ähnlich auch durch fast alle Funktionen. Das Bild drehen können Sie zum Beispiel nur über die Eingabe von Gradzahlen. Die Einteilung im Zehntelgrad-Bereich fällt zwar hinreichend fein aus, aber dennoch wünschte man sich die Möglichkeit, das Bild einfach per Maus zu drehen oder zu skalieren. Zudem fehlen jegliche Tastenkürzel zum Bedienen des Programms.

HDR/DRI selbst gemacht

Und so ließe sich der Mantel des Schweigens über Fotox breiten; schließlich reißen einen die hinlänglich von anderen Anwendungen bekannten Funktionen ebenso wenig vom Hocker wie das nervige Bedienkonzept. Den Konjunktiv verwenden wir aber dennoch, denn Fotox bietet noch eine andere Seite, die sich durch zwei Spezialfunktionen auszeichnet: HDR und Panoramaaufnahmen.

Als HDR-Bilder bezeichnet man Fotos mit einem sehr großen Dynamikumfang zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Punkt. Das menschliche Auge erkennt bis zu 100 000 solcher Abstufungen, eine Digitalkamera schafft dagegen gerade einmal 1000 Kontrastwerte. Noch einmal deutlich schlechter lösen gängige Monitore diese Differenzierung: Bei mäßigen 256 Stufen ist Schluss [2]. Echtes HDR zu Consumerpreisen gibt es noch nicht: Für geeignete Monitore wandern beispielsweise stolzen 50 000 Euro über den Ladentisch. Die Bilder, die Sie möglicherweise als beeindruckende HDR-Fotos gesehen haben, sind in Wirklichkeit nur Fotos, die sich diesem Ideal über DRI annähern.

"Dynamic Range Increase" [3] ist ein Verfahren, das ein Bild aus mehreren Fotos mit dem selben Motiv, aber unterschiedlichen Belichtungsstufen errechnet. Fast jede moderne Digitalkamera beherrscht solche Belichtungsreihen – unter Umständen in der Bedienungsanleitung auf englisch "Exposure Bracketing" genannt. Das manuelle Herstellen von DRI-Bildern ist kompliziert, weil man aus den Einzelaufnahmen jeweils die besten Kontraste herauskopieren und für das neue Bild verwenden müsste. Glücklicherweise gibt es dafür Spezialanwendungen, die diese mühsame Arbeit erledigen.

Bei Fotox funktioniert das nach folgendem Muster: Sie wählen über Öffnen oder aus der Ansicht Ordner das erste Bild einer Belichtungsreihe aus und fügen über die Schaltfläche HDR anschließend das zweite Bild der Reihe hinzu. Dann rechnet Fotox aus, wie sich die Kontraste beider Bilder ergänzen; je nach Auflösung dauert das bis zu zwei Minuten. Anschließend öffnet Fotox ein Fenster mit dem bürokratischen Namen HDR Bild-Beitragsgewichtung. Hier regeln Sie über Schieberegler oder Schalter das Verhältnis zwischen Ausgangs- und Zusatzbild. Mit fertig übernehmen Sie die Einstellung und wiederholen diese Schritte mit allen weiteren Bildern, die zu Ihrer Belichtungsreihe gehören. Passt alles, erhalten Sie ein Bild von entrückter Schönheit, das Sie in der Realität so sicher noch nicht gesehen haben (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein großer Dynamikumfang sorgt für Bilder von entrückter Schönheit – hier die neue jüdische Synagoge in München bei Nacht.

Am Ergebnis gemessen, funktioniert das Erstellen von DRI-Bildern mit Fotox recht gut, doch was das Tool dabei mit Ihren Bildern anstellt, bleibt komplett im Dunkeln. Das Übereinanderlegen von Bildern ist nur die halbe Miete: Die andere Hälfte besteht aus dem so genannten Tone Mapping, das die übergroßen Dynamikumfänge der Ausgangsbilder für die Ausgabe auf Monitor oder Drucker komprimiert [4]. Programme wie das Gimp-Zusatztool Exposure Blend [5] bieten dafür eigene Werkzeuge an, mit denen man diese Einstellungen nach Sicht vornehmen kann. Fotox verzichtet darauf komplett.

Panoramaaufnahmen

Für das Anfertigen breitbandiger Panoramaaufnahmen gibt es Spezialisten wie Hugin [6]. Dessen ungeachtet bietet auch Fotox dafür eine Funktion, die ähnlich wie das HDR-Tool arbeitet: Sie suchen ein Mutterbild als Grundlage des Panoramas aus und klicken anschließend auf Pano., um weitere Fotos an das Ausgangsbild anzunähen. Damit das möglichst übergangslos geschieht, stellen Sie zusätzliche Parameter für diese Vereinigung ein.

Zunächst rücken Sie das hinzugefügte Bild mit gedrückter linker Maustaste grob an die erste Abbildung heran. Möchten Sie es im Verhältnis zum Mutterbild kippen, fassen Sie es am rechten Bildrand an. Finden Sie das zu grobmotorisch, nehmen Sie stattdessen die Pfeiltasten zuhilfe und bewegen damit das anzufügende Bild millimetergenau an die richtige Position. Anschließend stellen Sie die Werte für Linse mm und Linse Bogen ein, um die beiden Bilder optimal aneinander zu hängen. Linse mm krümmt das Bild am oberen und unteren Rand, Linse Bogen biegt es rechts und links symmetrisch nach innen oder außen.

Über die Schaltfläche Suchen beauftragen Sie das Programm, automatisch die besten Krümmungswerte zu ermitteln. Dann klicken Sie auf Weiter, um zusammenzufügen, was zusammen gehört. Das Bild blinkt für einen Moment an den Nahtstellen rot auf, und anschließend können Sie in einem Extra-Dialog einzelne Farben und Helligkeitswerte einander angleichen. Haben Sie hier alles eingestellt, klicken Sie auf Anwenden und Fertig, um den Vereinigungsprozess abzuschließen. Dieses Prozedere wiederholen Sie anschließend mit allen Teilbildern, die Sie für Ihr Panorama benötigen.

Das Zusammennähen einzelner Bilder auf Kante funktioniert prima, das Resultat kann sich sehen lassen (Abbildung 4). Allerdings sollten Sie das Zielbild über Schnitt an den Rändern noch begradigen.

Abbildung 4: Ansehnliche Ergebnisse: Mit der Panoramafunktion lassen sich leicht einzelne Bilder zu einem raumfüllenden Querformat zusammenfügen.

Linien entkrümmen

Eine weitere nützliche Funktion stellt die Möglichkeit dar, stürzende Linien zu begradigen. Solche Linien entstehen, wenn die Kanten eines abgebildeten Gegenstandes nicht parallel zur Projektionsfläche der Kamera liegen – etwa, wenn Sie an einem Gebäude hochfotografieren, um es komplett ins Bild zu bekommen. Der Effekt: Linien, die eigentlich parallel zueinander verlaufen, scheinen sich im Bild aufeinander zuzubewegen.

Mit Fotox "entkrümmen" Sie solche unerwünschten Effekte ganz leicht: Klicken Sie auf entkrüm. und spielen Sie mit den Werten bei vertikal entkrümmen und horizontal entkrümmen. Allerdings bietet Fotox hier keine Vorschau in Echtzeit: Vielmehr müssen Sie die Einstellungen über Anwenden zunächst aufs Bild übertragen, können diese danach aber jederzeit ändern, bevor Sie sie über fertig endgültig ins Bild übernehmen.

Fazit

Würden wir das Programm nur wegen seiner Spezialfunktionen bewerten, käme es mit einer überdurchschnittlichen Bewertung davon: HDR- und Panoramaaufnahmen funktionieren sehr gut, wenngleich man sich mehr Transparenz in der Ausführung wünschen würde. Die Grundfunktionen von Fotox fallen allerdings mehr als dürftig aus, das ungewöhnliche Bedienkonzept stört eher, und die Arbeitsgeschwindigkeit ließe sich zudem deutlich steigern. Verwenden Sie also besser Gimp, um Ihre Bilder zu retuschieren, und greifen Sie ruhigen Gewissens dann zu Fotox, wenn Sie mit HDR- und Panoramaaufnahmen experimentieren möchten.

Infos

[1] Homepage des Fotox-Projekts: http://kornelix.squarespace.com/fotox/

[2] HDR/DRI-Fotografie: Thomas Pelkmann, "Bild, schöön!", LinuxUser 05/2007, S. 32, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/05/032-hdr/

[3] Wikipedia über DRI: http://de.wikipedia.org/wiki/Dynamic_Range_Increase

[4] Wikipedia über Tone Mapping: http://de.wikipedia.org/wiki/Tone_Mapping

[5] Exposure Blend für Gimp: http://turtle.as.arizona.edu/jdsmith/exposure_blend.php

[6] Hugin und Enblend: Oliver Frommel, "Rundumblick", LinuxUser 12/2004, S. 40, http://www.linux-user.de/ausgabe/2004/12/039-panoramas/

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