Seit fast vier Jahren erfreuen sich Ubuntu-Nutzer [1] im Halbjahresrhythmus der in diesem Takt veröffentlichten neuen Versionen der Distribution. Nun ist bereits die achte Ausgabe des Debian-Derivats [2] erschienen – und damit zugleich die zweite Version mit dem Zusatz LTS für Long Term Support.
LTS fungiert als Bindeglied zwischen der terminlichen Zuverlässigkeit der halbjährlichen Ubuntu-Releases und der Debian-Idee, nach der allein die Stabilität den Veröffentlichungstermin bestimmt. Die Ubuntu-Entwickler versehen Ubuntu-Versionen in unregelmäßigen Abständen mit der Garantie auf Sicherheitsupdates für mindestens drei Jahre statt der üblichen 18 Monate. Für denselben Zeitraum verspricht Ubuntu-Hersteller Canonical, kommerziellen Support anzubieten, und bietet damit interessierten Firmen Sicherheit.
An LTS-Versionen stellen die Ubuntu-Entwickler besonders hohe Qualitätsansprüche. Die letzte LTS-Release verletzte als bislang einzige sogar den starren Ubuntu-Release-Rhythmus und kam erst mit zweimonatiger Verspätung heraus, nachdem die letzten Fehler ausgeräumt waren.
Ubuntu 8.04 LTS Hardy Heron
| Kernel | Linux 2.6.24 |
| Desktop | Gnome 2.22 |
| X-Server | X.org 7.3 |
| Bürosuite | OpenOffice 2.4 |
| Webbrowser | Firefox 3 beta 5 |
| Lizenz | GPL |
| Support | 3 Jahre (Desktop), 5 Jahre (Server) |
| Homepage | http://www.ubuntu.com |
Ubuntu-Versionen
Alle bisher erschienen Ubuntu-Versionen tragen wie das neue "Hardy Heron" (Kühner Reiher) ein Adjektiv, das einem englischen Tiernamen desselben Anfangsbuchstabens voransteht. Die erste Version hieß "Warty Warthog" (Warziges Warzenschwein). Seit 2006 "Dapper Drake" (Eleganter Erpel) erschien, folgen die Anfangsbuchstaben dem Alphabet: Die Nachfolger nannten sich "Edgy Eft" (Kribbeliger Molch), "Feisty Fawn" (Munteres Rehkitz) und Gutsy Gibbon (Mutiger Gibbon). Auf "Hardy Heron" soll im Oktober 2008 "Intrepid Ibex" (Unerschrockener Steinbock) folgen.
Die Versionsnummer beginnt stets mit dem Jahr der Veröffentlichung, hinter dem Punkt folgt der Monat. Die neue Versionsnummer 8.04 weist als darauf hin, dass sie im April 2008 veröffentlicht wurde, "Dapper Drake" stammte von Juni 2006 (6.06), die erste Ausgabe "Warty Warthog" von Oktober 2004 (4.10).
Der Desktop
Als grafische Oberfläche setzt Ubuntu seit jeher auf Gnome [3] (Abbildung 1). Wer die Desktop-Umgebung KDE [4] oder das ressourcensparende XFCE [5] bevorzugt, weicht auf die Parallelentwicklungen Kubuntu [6] beziehungsweise Xubuntu [7] aus.
Da Gnome wie Ubuntu neue Versionen im festen Halbjahresrhythmus herausgibt, enthält eine neue Ubuntu-Ausgabe stets auch eine aktualisierte Gnome-Release: Im Fall von Hardy Heron bedeutet das Gnome 2.22. Die Desktopumgebung bestimmt das äußere Erscheinungsbild maßgeblich mit – und die Liste der Neuigkeiten, die allein die neue Gnome-Version mitbringt, ist lang [8].
Dazu zählen zunächst Anpassungen am Dateimanager Nautilus (Abbildung 2): Gleichzeitige Operationen wie das Kopieren oder Verschieben von Dateien fasst er in einem übersichtlichen Fenster zusammen, sie lassen sich außerdem anhalten und rückgängig machen. Spürbare Geschwindigkeitsgewinne weisen auf eine weitere Neuigkeit hin, die sich unter der Haube verbirgt: Dort arbeitet nun das neue virtuelle Dateisystem GVFS, das den Vorgänger GnomeVFS ablöst.
Das virtuelle Dateisystem sorgt dafür, dass Gnome-Programme auf spezielle Geräte und Ordner zugreifen können, als ob es sich dabei um gewöhnliche Verzeichnisse handle. Ein mit GVFS neu eingeführtes Beispiel dafür heißt cdda://. Gibt man diese Adresse im Dateimanager ein, stellt es die Stücke einer Audio-CD als Tondateien im WAV-Format dar, die sich direkt auf die Festplatte kopieren lassen. Dateien auf Netzwerkrechnern behandeln Gnome-Anwendungen beispielsweise über ssh:// ebenso wie lokal gespeicherte Files.
GVFS hebt sich gegenüber seinem Vorgänger vor allem ab, indem es den Zustand einer Netzwerkverbindung intern speichert und der Benutzer daher beispielsweise nur einmal sein Passwort eingeben muss. Es kümmert sich außerdem um Wechselmedien wie CD-ROMs oder USB-Speichersticks und räumt damit bei der letzten Ubuntu-Version auftretende Schwierigkeiten aus.
Daneben beachtet GVFS bei der Behandlung des Mülleimers (trash://) nun die Spezifikation von Freedesktop.org. Danach werden beim Löschen der ursprüngliche Ort und das Datum gespeichert, wodurch sie sich automatisch wiederherstellen lassen. Auch der Wechsel mit anderen Desktop-Umgebungen wie KDE und XFCE funktioniert dank der Umsetzung des Freedesktop-Standards reibungslos. Die früher bekannten Spezialadressen fonts:// und themes:// funktionieren allerdings nicht mehr, sollen aber in künftigen Gnome-Versionen wieder dazugehören.
Gemaßregelt
Mit Gnome 2.22 erhält Ubuntu ein neues System zur fein abgestuften Vergabe von Benutzerrechten. Mit Hilfe von PolicyKit (Abbildung 3) erlaubt man Benutzern, einzelne Systemoperationen auszuführen, auch wenn sie nicht zur Gruppe der Administratoren gehören. Beispielsweise erhält ein Benutzer auf diese Weise die Möglichkeit, Festplatten ein- und auszubinden, auch wenn er nicht über Sysadmin-Rechte verfügt. Die Rechtevergabe lässt sich außerdem mit Bedingungen wie einer lokal am Rechner erfolgten Anmeldung verknüpfen.
Zugleich gestaltet die neue Gnome-Version die Arbeit mit systemrelevanten Einstellungen komfortabler. In entsprechenden Dialogfenstern erscheint nun der Schalter Entsperren, der einen temporären Wechsel in den Systemverwaltungsmodus erlaubt. Abbildung 4 zeigt ihn am Beispiel der Netzwerkeinstellungen. Außerdem ermöglicht Gnome an dieser Stelle einen zeitweiligen Benutzerwechsel, so dass sich Änderungen an den Systemeinstellungen auch von einem fremden Benutzerkonto aus umstandslos erledigen lassen.
Daneben schmückt Gnome 2.22 den Desktop mit allerlei Detailverbesserungen. Die Systemuhr integriert nun eine Wetteranzeige, die das momentane Klima an beliebig definierbaren Standpunkten anzeigt (Abbildung 5). Darüber lässt sich bei Reisen mit dem Laptop auch der eigene Aufenthaltsort per Mausklick festlegen, wobei sich die Zeitzone automatisch anpasst.
Für den Netzwerkzugriff auf andere Desktops über das VNC-Protokoll zeichnet nun das Programm Vinagre verantwortlich, das bei dieser Aufgabe mehr Übersicht bietet. Der E-Mail-Client Evolution liefert eine verbesserte Spam-Erkennung und integriert Google-Kalender in den lokalen Desktop. Der Video-Player Totem zeigt bei DVDs nun auch die Menüs an und unterstützt bei angeschlossenem Empfangsgerät die Wiedergabe von digitalem Fernsehen.
An anderer Stelle weicht Ubuntu 8.04 von den Vorgaben des Gnome-Desktops ab. Zum Herunterladen von Dateien via Bittorrent greift es nicht mehr auf den Gnome-eigenen Client zurück, sondern auf das Programm Transmission ([9], Abbildung 6). Es liefert mehr Informationen über den Download-Status und erlaubt beispielsweise die Priorisierung einzelner Dateien eines Torrents. Wer selbst große Dateien im Netz verteilen möchte, erstellt damit auf einfache Weise eigene Torrent-Angebote.
Einen weiteren neuen Aspekt des Ubuntu-Desktops können sie zwar nicht sehen, wohl aber hören: Für die Tonausgabe ist nun PulseAudio zuständig. Dieser junge Sound-Server löst ESD ab, und dank seiner übersichtlichen Architektur geben ihm auch andere Distributionen wie Fedora Core inzwischen den Vorzug.



