Aufmacher

Film ab!

Schulungsvideos selbst anfertigen

01.06.2008
Bildschirmvideos, die in ein neues System oder Programm einführen, steigern den Lerneffekt enorm. Unter Linux klappt das mit RecordMyDesktop.

Wer heute Nutzer zu EDV-Themen schult oder Anwender in IT-Berufen ausbildet, kommt auch an modernen Lehrmaterialien nicht mehr vorbei. Oft gilt es am Rechner notwendige Arbeitsschritte und deren Ergebnisse zu visualisieren. Lange stellte dafür der Overhead-Projektor das Nonplusultra dar. Heute haben sich stattdessen rechnerbasierte Präsentationen durchgesetzt, die man mithilfe eines Beamers an die Wand projiziert und so einem größeren Publikum zugänglich macht. Doch auch diese "modernen" Lehrmittel kranken daran, dass sie statisch sind: Im besten Fall präsentieren sie dem Lernenden neben kurzen Textsequenzen einige Screenshots, anhand derer er die Lehrinhalte nachvollziehen soll.

Seit relativ kurzer Zeit gibt es auch Lehrfilme, die meist als Flash-Animationen realisiert sind und sich im Webbrowser mit installiertem Flash-Plugin abspielen lassen. Da es ursprünglich für Macromedias proprietäres Flash-Format unter Linux keine native Applikation für die Aufnahme gab, waren Ausbilder und Lehrende bislang auf andere Plattformen angewiesen, um solche Filme anzufertigen.

Doch einige Linux-Programmierer haben die Herausforderung angenommen und mit RecordMyDesktop [1] und Istanbul [2] zwei Applikationen entwickelt, die diesem Manko abhelfen sollen. Beide Programme befinden sich derzeit noch in einem frühen Entwicklungsstadium, jedoch gibt sich RecordMyDesktop im Test bereits so ausgereift und stabil, dass es durchaus eine nähere Betrachtung verdient.

Installation

Zum Betrieb von RecordMyDesktop brauchen Sie lediglich einen funktionstüchtigen Linux-PC mit einem der gängigen Videoplayer (Totem, Xine, MPlayer). Das System muss – soll die Aufnahme professionellen Ansprüchen genügen – zudem über eine Soundkarte verfügen. Außerdem benötigen Sie für die Tonaufnahme ein Mikrofon. Wollen Sie die Software über eine grafische Oberfläche bedienen, brauchen Sie neben dem freien Theora-Codec eine komplette Python-Umgebung inklusive der entsprechenden Qt- und Gtk-Anpassungen.

RecordMyDesktop gibt es inzwischen für nahezu alle Linux-Distributionen als Binärpaket, was die Installation ungemein vereinfacht: Für Fedora und Mandriva sowie deren Abwandlungen und kommerzielle Varianten finden sich vorgefertigte Pakete bei Rpmfind [3], für Slackware und dessen Derivate bei Linuxpackages [4]. Debian und Ubuntu bieten das Paket in ihren Repositories an, Freunde von OpenSuse bedienen sich bei Rpmseek [5]. Diejenigen, die eine andere Distribution einsetzen oder selbst zum Compiler greifen wollen, finden bei Sourceforge [6] auch die jeweils aktuellen Quellpakete als Tarball.

Zwar handelt es sich bei RecordMyDesktop um ein Kommandozeilenprogramm, doch haben die Entwickler mit Gtk-recordmydesktop und Qt-recordmydesktop auch zwei äußerlich nahezu identische Frontends für Gnome/XFCE und KDE programmiert. Beide gibt es als fertige Binärpakete für die meisten Distributionen. Synaptic, Rpmdrake und YaST erzeugen bei der Einrichtung der Programme auch gleich die entsprechenden Menü-Einträge, sodass Sie die Software sofort einsetzen können.

Ton ab!

Moderne Rechner bringen üblicherweise ab Werk eine Soundkarte mit. Um mit RecordMyDesktop nicht nur Stummfilme zu drehen, brauchen Sie nur noch ein Mikrofon an den entsprechenden Eingang anschließen. Im Test haben wir die besten Erfahrungen mit Clip-Mikrofonen gemacht, die man vorn am Hemdkragen oder an einem Knopfloch befestigt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die kleinen, handlichen Clip-Mikrofone behindern den Sprecher im Betrieb kaum.

Das Mikrofon muss über einen Stereo-Klinkenstecker verfügen, bei Verwendung von monauralen Steckern nehmen modernen Soundkarten lediglich einen Kanal auf. Außerdem sind PC-Soundkarten nicht für jede Eingangsimpedanz ausgelegt: Mikrofone mit wenigen hundert Ohm Impedanz eignen sich nicht. Die besten Ergebnisse erzielen Sie mit Geräten von etwa 2,5 bis maximal 10 kOhm. Um bei zusätzlich angeschlossenen Lautsprechern Rückkopplungen und die damit einhergehenden äußerst unangenehmen Pfeiftöne zu vermeiden, schalten die meisten Distributionen der Mikrofoneingang standardmäßig erst einmal ab, weswegen Sie ihn in der Regel zunächst im ALSA-Mixer aktivieren müssen (Abbildung 2). Dazu setzen Sie im Reglerfenster Mic bei der Checkbox Aufn. ein Häkchen.

Abbildung 2: Im ALSA-Mixer (hier unter XFCE) passen Sie den Ein- und Ausgangspegel von Tonquellen an. Rot markiert: der Mikrofoneingang.

Kamera läuft!

Nun kann es endlich losgehen: Ein Klick auf den RecordMyDesktop-Eintrag im Menü startet zügig das Programm und zeigt in einem kleinen Fenster den aktuellen Desktop als Vorschaubild an.

Die beiden Schieberegler Video Quality und Sound Quality – beide auf die höchste Stufe mit dem Wert 100 eingestellt – können Sie hier noch verändern. Ein Klick auf die Optionsleiste Advanced gestattet zudem grundlegende Einstellungen wie die Anzahl der aufgezeichneten Frames oder Samplingraten der Soundkarte (Abbildung 3). Hier fallen aber normalerweise keine Modifikationen an.

Abbildung 3: Übersichtlicher geht es kaum: das Einstellungs- und Startmenü von RecordMyDesktop.

Unten links im Programmfenster befindet sich zusätzlich der Schalter Select Window, mit dessen Hilfe Sie ein Fenster eines laufenden Programms auswählen: Nach Anklicken verändert sich der Mauszeiger zu einem kleinen Kreuz, mit dem Sie auf ein geöffnetes Applikationsfenster auf dem Original-Bildschirm klicken. Dieses Fenster versieht RecordMyDesktop in der Vorschau mit einem roten Rahmen, sodass Sie sofort sehen, welche Aktivitäten Sie aufzeichnen. Falls Sie bei mehreren offenen Fenstern versehentlich das falsche aktiviert haben, so macht ein Rechtsklick auf das Vorschaubild Auswahl rückgängig. Daneben lässt sich auch ein bestimmter Bildschirmbereich aufzeichnen, indem Sie diesen in der Vorschau mit der Maus markieren.

Mit einem Mausklick auf den Schalter Record beginnen Sie sofort mit der Aufnahme. Daraufhin "fotografiert" RecordMyDesktop zunächst mit der vorgegebenen Anzahl an Frames pro Sekunde die Arbeitsoberfläche ab und nimmt dazu – sofern Sie die Soundoption aktiviert haben – gleichzeitig den Ton auf. Ein Klick auf Quit beendet RecordMyDesktop.

Platz da!

Bei der Aufnahme fallen recht große Datenmengen an, für die ausreichend Platz auf der Festplatte verfügbar sein muss. Dabei gilt es zu bedenken, dass der benötigte Speicherplatz mit höherer Bildschirmauflösung deutlich zunimmt. Auch eine höhere Audio-Sampling-Frequenz verbraucht zusätzlichen Speicher.

Da RecordMyDesktop üblicherweise die gesammelten Daten nicht während der laufenden Aufnahme encodiert, sondern das erst später erledigt, muss man für das spätere Umwandeln der Aufnahme nochmals die doppelte Menge an Festplattenspeicher einrechnen. Es schadet also nichts, für eine Aufnahme von mehreren Minuten Dauer einige hundert MByte auf der Festplatte frei zu halten.

Zudem liegt selbst mit einem starken Prozessor die CPU-Last während der Aufnahme bei nahezu 100 Prozent. Um keine Aussetzer oder ruckelnde Bilder im späteren Video zu provozieren, sollten Sie daher alle im Hintergrund laufenden Programme – und auch eventuell anfallende Cron-Jobs – vor Beginn der Aufnahme abschalten.

RecordMyDesktop fügt während der Aufnahme im Systempanel einen quadratischen blauen Knopf ein, über den Sie die Aufnahme stoppen können. Sobald Sie diesen Schalter anklicken, endet die Aufnahme der laufenden Bildschirmaktionen und startet die Encodierung der Rohdaten (Abbildung 4). Diesen Vorgang sollten Sie keinesfalls durch Anklicken von Cancel unterbrechen, da sonst die gesamten Rohdaten verloren gehen. Haben Sie eine längere Sequenz bei hoher Videoauflösung und guter Tonqualität aufgenommen, so nimmt das Encodieren auch bei leistungsstarken CPUs weit jenseits der 1-GHz-Grenze mehrere Minuten in Anspruch.

Abbildung 4: RecordMyDesktop zeigt den Fortschritt des Encodiervorgangs an.

Nach Abschluss der Encodierung öffnet sich erneut das Hauptfenster des Programms, und Sie können nun einen Speicherpfad angeben. Per Vorgabe legt RecordMyDesktop im persönlichen Verzeichnis des Nutzers die Datei out.ogg an, die jeder aktuelle Videoplayer unter Linux problemlos wiedergibt: Die Containerdatei verwendet den freien Theora-Codec [7] für die Video-Aufzeichnung und den ebenfalls freien Ogg-Vorbis-Codec für die Audiosignale.

Ansichtssache

Aufgrund der hochqualitativen Codecs bietet RecordMyDesktop sehr ansprechende Ergebnisse. Die Synchronisation der Audio- und Videosignale funktioniert ohne jegliche Einschränkung, und die Wiedergabe des aufgezeichneten Bildschirms geschieht in exzellenter Qualität, und zwar in jeder Auflösungsstufe.

Für unseren Test nahmen wir Videos einmal mit einer Auflösung von 1600 x 1200 Pixeln bei 15 Frames pro Sekunde auf und anschließend mit 1280 x 1024 Pixeln bei ebenfalls 15 Bildern pro Sekunde. Dabei gefiel die anschließende Wiedergabe durch flüssige Bewegungen ohne Aussetzer oder Ruckler bei erstklassiger Schärfe – und das auch im Vollbild-Modus. RecordMyDesktop spielt selbst bei interpolierten Auflösungen ohne Murren mit, und das auch dann, wenn man während der laufenden Aufzeichnung die Bildschirmauflösung modifiziert.

Bei solch hohen Ansprüchen an die Videoqualität fallen freilich auch entsprechende Ansprüche an den Speicherplatz an: 50 MByte pro Minute müssen Sie allein für die Rohdaten einkalkulieren. Daher ist es auch ratsam, insbesondere bei umfangreicheren Bildschirmvideos die Aufzeichnung in mehrere Sequenzen zu unterteilen. Das erhöht nicht nur die Flexibilität bei der Speicherplatzverwaltung, sondern ermöglicht es Ihnen auch, komplexe Sachverhalte in kleinere Kapitel aufzuteilen.

Fazit

Mit RecordMyDesktop lassen sich endlich auch unter Linux Bildschirmvideos in sehr guter Qualität anfertigen. Trotz der relativ niedrigen Versionsnummer arbeitet die Software stabil und bringt bereits alle benötigten Funktionen mit. Die Bedienung gestaltet sich dabei weitgehend selbsterklärend und erfordert keinerlei Einarbeitung. Somit lässt sich RecordMyDesktop auch dort sinnvoll und effizient einsetzen, wo es darum geht, nur in eine neue Software einzuführen.

Lediglich die hohen Anforderungen an den freien Speicherplatz auf der Festplatte sowie der Zwang, für eine flüssige Bildaufzeichnung einen leistungsstarken Prozessor einsetzen zu müssen, trüben die Freude an RecordMyDesktop. In Zeiten, in denen sich die Festplattenkapazität im TByte-Bereich bewegt und die CPU-Taktfrequenzen bei mehreren GHz liegen, lassen sich diese Anforderungen aber verschmerzen.

Infos

[1] RecordMyDesktop: http://recordmydesktop.iovar.org

[2] Istanbul: http://live.gnome.org/Istanbul

[3] Binaries für Fedora und Mandriva: http://rpmfind.net

[4] Binaries für Slackware: http://linuxpackages.net/pkg_details.php?id=12106

[5] Binaries für (Open)Suse: http://rpmseek.com.

[6] Quellpakete: http://sourceforge.net/projects/recordmydesktop.

[7] Theora: Oliver Frommel, "Zur Sonne, zur Freiheit", LinuxUser 07/2006, S. 92, http://www.linux-user.de/ausgabe/2006/07/092-theora/

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