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Vorsicht, Standard!

15.01.2009

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

als am 1. April Microsoft die Nachricht in alle Welt posaunte, dass sein Dokumentenformat Office Open XML jetzt die Weihen der ISO/IEC-Standardisierung erhalten habe [1], konnte man noch auf einen Aprilscherz hoffen: Man sollte meinen, es obläge einem supranationalen Standardisierungsgremium, seine Entscheidung bekanntzugeben, und nicht etwa dem Antragsteller. Der Weg der Verlautbarung signalisiert immerhin deutlich, wer sich hier als Entscheider versteht: Microsoft.

Das verwundert auch wenig, sieht man sich an, wie der Softwaremonopolist schon in der Vorrunde versucht hatte, mit Tricks und eingestandenermaßen auch Bestechung [2] das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen. So waren Microsoft-freundliche neue Mitglieder sowohl in den nationalen Standardisierungsgremien wie in auch bei der ISO selbst wie Pilze aus dem Boden geschossen [3]. Trotz dieser vornehm als "Unregelmäßigkeiten" titulierten Vorfälle brachte Microsoft sein OOXML im ersten Anlauf Anfang September 2007 nicht durch.

Auch im Vorfeld das finalen Ballot Resolution Meeting (BRM) Ende März 2008 in Genf kam es wieder zu "Unregelmäßigkeiten". In Norwegen etwa stimmten 19 von 24 Mitgliedern des nationalen Normungskommittees gegen OOXML – dessen ungeachtet signalisierte "Standard Norge" der ISO anschließend Zustimmung! Der Ausschussvorsitzende sah sich deshalb gezwungen, formal bei der ISO und dem norwegischen Wirtschaftsministerium Protest einzulegen [4]. Soviel Rückgrat zeigte das Deutsche Institut für Normung (DIN) nicht: Obwohl man dort dem Microsoft-"Standard" angeblich nur vorbehaltlich von Verbesserungen zustimmen wollte, fuhr die deutsche Delegation mit 24 ungelösten Problemen im Gepäck zur Abstimmung [5].

Die wurden dann wohl zusammen mit den rund 900 Einsprüchen von anderer Seite in den 24 Stunden beraten, die beim BRM für diesen Zweck zur Verfügung standen [6]. Wow – da hat man dann offenbar technische Probleme, für die man in den sechs Monaten seit September keine Lösung finden konnte, im Minutentakt aus der Welt geschafft [7]. Vorausgesetzt, die Delegierten haben 24 Stunden durchgearbeitet – sonst ging's sogar noch schneller.

Diesmal hat Microsoft also sein OOXML der ISO also erfolgreich untergeschoben, wenn auch trotz Nachhilfe aus Redmond äußerst knapp: Sechs Stimmen dafür, vier dagegen, sechzehn Enthaltungen [8]. Damit haben wir nun einen internationalen Dokumenten-"Standard" namens ISO 29500, den:

  • niemand braucht: Mit ODF gibt es bereits einen ISO-Standard für Dokumente (der übrigens im ersten Anlauf ohne Gegenstimmen verabschiedet wurde) inklusive einer ganzen Reihe Implementationen;
  • man erst einmal monatelang debuggen muss [9]: trotz der Verabschiedung bleiben bislang noch rund 3000 technische Schwierigkeiten unausgeräumt, deren Dokumentation über 2500 Seiten umfasst;
  • niemand implementiert: Nicht einmal MS Office schreibt oder liest das Format [10], Drittanbieter können den "Standard" wegen des Umfangs (mehr als 6000 Seiten), diverser Ungereimtheiten und juristischer Probleme praktisch nicht nutzen.

Ich bin schon gespannt, ob es wenigstens Microsoft selbst je gelingen wird, eine funktionierende Implementation dieses "Standards" vorzulegen – wetten würde ich darauf nicht. Meinen naiven Kinderglauben, dass nationale und internationale Standardisierungsgremien ihre Entscheidungen unabhängig, praxisorientiert und technisch fundiert treffen, muss ich wohl aufgeben. Ich hoffe im weiteren Prozedere rund um OOXML aber auf die europäischen Wettbewerbshüter rund um Neelie Kroes, die Microsofts Praxis der Beeinflussung von Standardisierungsgremien bereits seit Januar untersuchen [10].

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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