Aufmacher

Einseitig

Office-Kompatibilität

01.05.2008
Dass die wichtigsten Office-Pakete überhaupt Daten austauschen können, stellen fast ausschließlich die freien Bürosuiten sicher. Markführer Microsoft dagegen nervt mit störrischem Eigensinn.

Für eine globalisierte Welt sollte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, Grenzen zu überwinden. Die Barrieren zwischen Betriebssystemen und Produkten von Microsoft und denen der freien Computerwelt allerdings erweisen sich als allenfalls halbdurchlässig: Mit Linux lesen Sie wie selbstverständlich Windows-Partitionen und beschreiben diese unter gewissen Bedingungen auch – umgekehrt ist das so gut wie ausgeschlossen. Mit OpenOffice arbeiten Sie fast ebenso ungezwungen mit Dateien, die ihren Ursprung in Microsoft Word oder Excel haben, und auch hier – Sie ahnen es – funktioniert das anders herum nicht.

Erst als verschiedene Regierungen dem Quasimonopolisten aus Redmond vor einigen Jahren mit Office-Entzug drohten, bewegte sich der Koloss – wenn auch nur scheinbar und dann auch nur ein Quentchen: Mit WordprocessingML hat Microsoft 2005 ein neues, interoperables Dateiformat freigegeben. "Da dieses Format auf XML basiert,", so die freie Enzyklopädie Wikipedia, "lassen sich Dokumente insbesondere für Fremdprogramme einfacher lesen, verarbeiten und erstellen" [1]. In der Praxis gilt das allerdings vor allem für "Fremd"-Produkte aus dem eigenen Haus: Für ältere Versionen einschließlich Word 2000 bietet Microsoft kostenlose "Compatibility Packs" an, Anwender des freien OpenOffice gucken bei diesem Standard freilich in die Röhre.

Glücklicherweise hat es das OpenOffice-Projekt in der Vergangenheit immer wieder geschafft, eine Kompatibilität wenigstens von dieser Seite aus sicherzustellen. Und das war noch nie eine Kleinigkeit: Allein das PDF für die Formate von Office 97 bis 2007 umfasst 210 Seiten. Zudem mussten die Entwickler Spezifikationen lange Zeit via Reverse Engineering – also über die Rekonstruktion fertiger Systeme – herausdestillieren, weil Microsoft die Dokumente unter Verschluss hielt und erst vor kurzem freigab [2].

Allerdings gilt diese Kompatibilität bislang nicht für das aktuelle Office 2007 von Microsoft (Abbildung 1). Das neue DOCX-Format bleibt für OpenOffice-Anwender schlicht unleserlich. Immerhin hat OpenOffice.org für die Mitte 2008 erwartete Version 3.0 angekündigt, entsprechende Konverter zur Verfügung zu stellen. Angeblich gibt es ein solches Umwandlungstool schon jetzt bei Novell – indes verkündet das Unternehmen auf seiner Webseite, dass der Download nicht länger verfügbar sei.

Abbildung 1: Office 2007 von Microsoft präsentiert sich nicht nur optisch völlig ungewohnt. Auch das Standardformat passt zu keinem anderen Office-Paket auf dem Markt.

Die Wartezeit bis zum Erscheinen des neuen OpenOffice kann man sich aber auch mit Docx2doc verkürzen [3], einem Onlineservice, der aus Office-2007-Dokumenten OpenOffice-kompatible DOC-Dateien macht (Abbildung 2). Auch hier brauchen Sie aber Geduld – zumindest, wenn Sie den Service kostenlos nutzen möchten: Es dauert, gerechnet vom Upload einer DOCX-Datei, 24 Stunden, bis Sie das umgewandelte Dokument herunterladen dürfen. Das Warten lohnt sich, falls Sie auf die Dateien angewiesen sind: Der Dienst konvertiert die Formate sauber, mit dem Ergebnis können Sie sofort arbeiten.

Abbildung 2: Die Webseite Docx2doc bietet die Möglichkeit, Office 2007-Dokumente für andere Anwendungen kompatibel zu machen.

Offene Formate

Das Verarbeiten proprietärer Fremdformate erweist sich also als keineswegs trivial. Dazu kommt, dass bei aller Offenheit eine hundertprozentige Kompatibilität systembedingt unmöglich ist. Zwischen Microsoft Office und OpenOffice gibt es kleine, aber im Detail deutlich spürbare Unterschiede, die oft auch damit zusammenhängen, dass Microsofts Produkte Truetype-Fonts verwenden, die unter Linux nicht zur Verfügung stehen.

Einen umfassenden Austausch verhindert auch die Tatsache, dass beide Office-Pakete einen unterschiedlichen Funktionsumfang aufweisen: Nicht jede Funktion von OpenOffice bietet auch das Kommerzpaket, und umgekehrt. Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Basic-Dialekte der beiden Bürosuiten allenfalls so kompatibel sind wie der Sprachschatz von Bayern und Ostfriesen – im Zweifelsfall also eher gar nicht. Die Folge: Makros funktionieren zwischen den Paketen nur ausnahmsweise – daran ändern auch die Im- und Exportfunktionen der Pakete nichts.

Angesichts dieser systembedingten Hürden erscheint es als die beste Idee, freie Standards unabhängig von konkreten Implementationen zu definieren. Seit 2006 gibt es mit der internationalen Norm ISO/IEC 26300 einen solchen Standard: Das "OASIS Open Document Format for Office Applications" oder kurz ODF, zu deutsch etwa ?Offenes Dokumentformat für Büroanwendungen?. Bei einer ODF-Datei handelt es sich entweder um eine einzelne XML-Datei oder eine Kombination verschiedener XML-Dateien und anderer Objekte (etwa eingebundener Grafiken), die zwecks Speicherplatzersparnis in einer komprimierten Datei lagern. Dank XML lassen sich selbst mit einem einfachen Texteditor Anderungen am Dokument vornehmen, sobald man die Datei entpackt hat.

Die Vorteile einer solchen Offenheit schildert der Artikel zu Open Document bei Wikipedia [4]: Mit ODF "würde die EU unabhängig von einzelnen Anbietern. Damit wäre der Zugriff auf Altdaten auf lange Zeit gesichert. Dies ist unter anderem relevant für die revisionssichere gesetzeskonforme Langzeitablage von Dokumenten. Außerdem soll durch den offenen Standard mehr Wettbewerb ermöglicht werden." Trotz dieser eindeutigen Vorteile konnte sich die EU-Kommission bislang nicht zu einer eindeutigen Empfehlung für ODF durchringen.

Hier spielt die Marktmacht von Microsoft eine wichtige Rolle: Der Konzern versucht, seinen eigenen "offenen Standard" OpenXML durchzusetzen und hat damit bereits erste Erfolge zu vermelden. Zwar verabschiedete etwa der Bundestag vor fast einem Jahr einen Antrag mit dem Titel Den Wettbewerb stärken, den Einsatz offener Dokumentenstandards und offener Dokumentenaustauschformate fördern ([5], Abbildung 3). Fast zeitgleich sprach sich aber das Deutsche Institut für Normung (DIN) für OpenXML als ISO-Standard aus [6].

Abbildung 3: Im Juni 2007 verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Entschließung zum Einsatz offener Dokumentenformate. Zu einem einheitlichen Standard wird das voraussichtlich dennoch nicht führen. (Bild: Deutscher Bundestag / Lichtblick / Achim Melde)

Das Bemühen um einen einheitlichen Standard für den offenen Dokumentenaustausch ist international damit eher zu einem Kampf verschiedener Normen geworden. Und obwohl Microsoft mit seinem OpenXML aufgrund des Umfangs und des Widerspruchs zu Empfehlungen des W3C und zu bestehenden Normen in der Kritik steht [7], plädiert der Deutsche Linuxverband für eine pragmatische Auseinandersetzung mit OpenXML: "Ich befürchte, das wir uns auf mehrere Standards einrichten müssen und sollten. Gerade Anwendersoftware wie Office-Pakete definieren sich über Funktionalität und Features, die letztendlich auch ihren Ausdruck in Dateiformaten finden: Da ist eine gewisse Vielfalt nichts Ungewöhnliches.", so Elmar Geese, Vorsitzender des Linux-Verbandes.

Zwar seien die OpenXML-Spezifikationen so umfangreich, dass nicht einmal Microsoft-Produkte sie vollständig implementierten. Man müsse aber realistischerweise davon ausgehen, das Microsoft mit seiner Lobbymacht genug Einfluss habe, die ISO-Standardisierung auch zu erreichen – das zeige die deutsche Entscheidung deutlich. Deswegen solle man sich auf eine vernünftige Untermenge von Funktionen verständigen und für diese ein Mapping zwischen ODF und OOXML definieren. Dokumente, die ausschließlich das Subset verwenden, gelten dann als interoperabel. So würden auch die Hürden für Softwareprodukte und Projekte jenseits von OpenOffice.org und Microsoft Office gesenkt, ein Dokumentenaustauschformat zu unterstützen [8].

Wie es aussieht, behält Geese Recht: Bis zum 29. März – also kurz vor Drucklegung dieser Ausgabe – müssen die ISO-Mitgliedstaaten verbindlich darüber abstimmen, ob OpenXML die ISO-Zertifizierung erhält. Anders als noch im September 2007 sieht es – auch wegen des Votums der deutschen Jury – ganz danach aus, dass das klappt. Und letztlich ist es gut, wenn Microsoft den Standardisierungszug doch noch erwischt – meint zumindest Patrick Durusau, immerhin einer der Editoren des bereits zertifizierten ODF-Standards: "Ein gut definiertes und öffentlich kontrolliertes OpenXML wird der zukünftigen Arbeit am OpenDocument-Format sehr nützen. Ich sehe keinen Grund, ihm das Scheitern zu wünschen" [9].

Konvertieren in der Praxis

Die praktische Arbeit mit Fremdformaten ist nicht weiter kompliziert. Dennoch gibt es ein paar Kleinigkeiten zu beachten, die den Austausch von Dokumenten erleichtern. Grundsätzlich stellt es kein Problem dar, mit OpenOffice-Anwendungen Microsoft-Office-Formate zu lesen, die mit älteren Versionen als Office 2007 erstellt wurden. Der Importfilter öffnet alle DOC-, XLS- oder PPT-Dateien ohne Zusatzarbeiten oder Nachfragen. Bitten Sie also Geschäftspartner, die bereits mit dem neuen Office 2007 arbeiten, Dateien nicht im Standardformat DOCX bei Word, XLSX bei Excel oder PPTX bei Powerpoint, sondern in den alten, mit 97-2003 gekennzeichneten Formaten zu speichern (Abbildung 4). Diese Dokumente sind fast uneingeschränkt kompatibel zu OpenOffice – praktische Versuche mit verschachtelten Tabellen in Word oder Dokumenten mit Fußnoten jedenfalls brachten durchaus überzeugende Ergebnisse.

Abbildung 4: Um die Kompatibilität mit anderen Office-Anwendungen zu gewährleisten, sollten Office-2007-Anwender die Speicheroptionen der Vorversionen ( 97-2003) nutzen.

Dennoch gibt es im Detail Probleme – etwa, weil Schriften unterschiedliche Laufweite oder grafische Elemente geringfügige Abweichungen im Aussehen aufweisen. Die gute Nachricht: Sie können alle Elemente von Hand nacharbeiten, denn Sie haben vollen Zugriff auf die formatierten Bestandteile eines Dokuments. Allerdings gibt es ein paar Einschränkungen, die Sie kennen sollten, wenn Sie mit Austauschformaten arbeiten.

So können Sie mit OpenOffice zwar Microsoft-Office-Dokumente öffnen, die mit Kennwortschutz versehen sind. Ändern und speichern Sie solche Dokumente aber anschließend aus OpenOffice heraus im Ursprungsformat von Microsoft Office, geht der Kennwortschutz verloren – der Speichern-Dialog macht Sie aber darauf aufmerksam. Legen Sie diese Dokumente trotzdem im Fremdformat ab, kann jedermann sie öffnen. Möchten Sie das nicht, dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als auf OpenOffice-Standardformate zurückzugreifen.

Wählen Sie in der aktiven OpenOffice-Anwendung den Dialog Datei | Speichern unter und bei Filter eines der OpenOffice-Formate – etwa OpenDocument Text (.odt). Nun speichern Sie das Dokument unter neuem Namen. Öffnen Sie es erneut und wiederholen diesen Schritt, dann steht Ihnen im Speichern unter-Dialog die zusätzliche Option Mit Kennwort speichern zur Verfügung. Die aktivieren Sie, geben eine Adresse ein (also einen Dateinamen) und klicken auf OK. Dann vergeben Sie das Kennwort und bestätigen es – nun ist der Kennwortschutz wieder aktiv (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der Kennwortschutz für Dokumente bleibt beim Konvertieren aus Microsoft Office nicht bestehen. Sie können ihn aber in OpenOffice erneuern.

Andere Probleme drohen im Detail; so kann Microsoft Excel beispielsweise Tabellen mit 65 536 Zeilen verwalten, ältere Versionen von OpenOffice Calc vertragen dagegen "nur" 32 000 Zeilen. Abhilfe schafft eine aktuelle Version von OpenOffice [10] – oder die Bitte an den Geschäftspartner, Tabellen gegebenenfalls bereits in Excel zu splitten. Ebenfalls als problematisch erweisen sich Dokumente, die Makros enthalten. Die Makrosprachen von Microsoft Office und OpenOffice sind nur in Ausnahmefällen kompatibel, was in der Regel dazu führt, dass ein Makro nach dem Konvertieren nicht mehr funktioniert. Hier gibt es keine schnelle Abhilfe – im Zweifelsfall bleibt nur, den Code neu zu programmieren.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

  • Vereinzelte Lücken
    OpenOffice kommt zwar mit Office-2007-Formaten klar, das Ergebnis kann jedoch oft nicht überzeugen. Der ODF-Converter-Integrator verspricht mit der Integration von Novells Converter-Plugin in die freie Office-Suite Abhilfe.
  • Ein Kessel buntes
    Jeder Produzent von Office-Paketen nimmt für sich in Anspruch, das optimale Dateiformat zu verwenden. Wie gut die enthaltenen Textverabreitungen mit anderen als den eigenen Formaten umgehen, zeigt dieser Test.
  • Geschlossene Veranstaltung?
    Weil MS Office 2007 auf immer mehr Rechner vordringt, landen nun zunehmend DOCX-, PPTX- und XLSX-Dokumente im elektronischen Briefkasten. Was tun Linuxer mit diesen merkwürdigen Dateien?
  • Open-Document-Addin für Microsoft Office
    Mit dem ODF-Plugin öffnet Microsofts Office auch Dokumente im freien Open-Document-Format. Wie gut es das macht, zeigt ein Kurztest.
  • David gegen Goliath
    Auf den ersten Blick scheint der Kampf aussichtslos: Zu groß ist die Übermacht von Microsoft Office gegen den freien Konkurrenten OpenOffice. Aber OOo birgt das Potenzial für eine überraschende Wende …
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2014: ANONYM & SICHER

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

Nach Ubdates alles weg ...
Maria Hänel, 15.11.2014 17:23, 4 Antworten
Ich brauche dringen eure Hilfe . Ich habe am wochenende ein paar Ubdates durch mein Notebook von...
Brother Drucker MFC-7420
helmut berger, 11.11.2014 12:40, 1 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu 14.04-Nutzer...
Treiber für Drucker brother MFC-7420
helmut berger, 10.11.2014 16:05, 2 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu12.14-Nutzer u...
Can't find X includes.
Roland Welcker, 05.11.2014 14:39, 1 Antworten
Diese Meldung erhalte ich beim Versuch, kdar zu installieren. OpenSuse 12.3. Gruß an alle Linuxf...
DVDs über einen geeigneten DLNA-Server schauen
GoaSkin , 03.11.2014 17:19, 0 Antworten
Mein DVD-Player wird fast nie genutzt. Darum möchte ich ihn eigentlich gerne abbauen. Dennoch wür...