Bekannte IT-Größen, allen voran Nokia, Red Hat, Novell oder Sun, setzen entweder Teile der modularen Architektur von Gnome [1] in ihren Produkten ein oder integrieren die Oberfläche vollständig in ihre Produkte. Als Anwender haben Sie beispielsweise den Vorteil, dass die Programme auf mobilen Geräten, wie dem Nokia N800, und auf dem Arbeitsrechner reibungslos miteinander kommunizieren.
Diverse Freedesktop-Standards [2] gewährleisten die Interoperabilität selbst mit Software, die nicht aus der Gtk+- oder Gnome-Welt stammt. D-Bus[3] und HAL[4] zählen zu den Beispielen für die mittlerweile gute Zusammenarbeit zwischen Gnome, KDE und XFCE. Auf der anderen Seite erstaunt, dass trotz der teilweise sechs Jahre alten Komponenten innerhalb des Gnome-Stacks die Entwickler immer neue Möglichkeiten finden, den Desktop mit neuen Features auszustatten.
Lokal oder entfernt
Noch einem Monat vor dem Release stritt Mitte Februar eine Gruppe von Entwicklern darüber, ob die neue GVFS-Bibliothek für virtuelle, netzwerktransparente Dateisysteme rechtzeitig fertig würde. Auf der Mailingliste [5] schlugen einige Diskussionsteilnehmer vor, GVFS nicht zu integrieren und stattdessen das alte Gnome-VFS weiter zu verwenden. Dieser Vorschlag stieß allerdings auf den erbitterten Widerstand von Alexander Larsson, der mehr als eineinhalb Jahren an der Bibliothek gearbeitete hatte.
Als mögliche Alternative kam daher auch eine Verschiebung von Gnome 2.22 ins Gespräch. Dies wiederum quittierte der Ubuntu-Hersteller Canonical mit der Anmerkung, dann müsse man wohl in Betracht ziehen, in Ubuntu 8.04 – dem anstehenden LTS-Release mit 3 Jahren Desktop-Support – statt Gnome 2.22 noch einmal die ältere Gnome-Version vom Herbst 2007 auszuliefern.
Die Wogen glätteten sich allerdings sehr schnell wieder, da glücklicherweise Benjamin Otte, ein Entwickler hinter der freien Flash-Implementation Swfdec, für das fehlende GVFS-FTP-Backend in die Bresche sprang. Letzteres wurde nach einem zweiwöchigen Coding-Marathon [6] noch rechtzeitig zur Release fertig. Trotzdem fehlen in der aktuellen Version noch das Themen- und das Schriften-Backend. Die FTP- und HTTP(S)/WebDAV-Implementationen eignen sich zwar bereits für den Alltagsbetrieb – völlig ausgereift sind allerdings beide noch nicht.
GVFS besteht im wesentlichen aus zwei Komponenten: Zum einen stellt GIO als Bestandteil der Glib eine API für GFVS bereit. Zum anderen arbeitet GVFS mit den konkreten Protokollen, wie (S)FTP, ObexFTP, HTTP(S)/WebDAV (Abbildung 1), SMB und SSH. Statt wie früher reine Posix-I/O-Aufrufe zu bedienen – was bei Gnome-VFS viele Probleme verursachte – präsentiert sich GVFS als sehr moderne Schnittstelle.
GVFS bringt nicht nur Methoden zum Lesen und Schreiben mit, sondern auch solche zum Überwachen und zur asynchronen Ein-/Ausgabe. Zwar gab es schon seit längerem einen Hintergrunddienst, der eingehängte externe Speicher überwachte. In der neuen Version kümmert sich nun aber ein eigener Dienst um jeden Speicherort, sodass Abstürze einer Ressource nicht mehr andere Dienste mit in den Abgrund reißen – das Gesamtsystem bleibt davon unberührt.
In der Vergangenheit verursachten vor allem solche Anwendungen Probleme beim Zugriff auf entfernte Rechner, die auf anderen Toolkits als Gtk+ basieren. Der Einsatz von Fuse löst diese Probleme weitgehend: So verbinden Sie sich mit einem beliebigen Mediaplayer, der keinerlei Netzwerkfähigkeit besitzt, via SMB oder SSH auf einen anderen Computer und hören so Ihre Lieblingslieder. Neben den bekannten Protokolle implementierten die Entwickler zwei neue Pseudo-Protokolle: Über cdda:// greifen Sie auf die Audio-Titel einer CD in Form der WAV-Dateien zu. Dank gphoto2:// lesen Sie eine angeschlossene Digitalkamera aus.
Bereits zum Redaktionsschluss haben die Entwickler mehr als zwei Drittel der Gnome-Anwendungen auf GIO/GVFS portiert; für weitere zehn Programme stehen Patches bereit. Bei dem im Herbst angekündigten Gnome 2.24 möchten die Entwickler komplett umgestellt haben, was angesichts der intuitiven API realistisch erscheint.
Nutznießer Nautilus
Allen voran profitiert der Dateimanager Nautilus von der neuen Abstraktionsschicht und bringt eine Reihe neuer Features mit. Beim Kopieren mehrerer Dateien kombiniert Nautilus diese in einem Dialog. Informationen zu Übertragungsrate, Übertragungsvolumen und noch verbleibender Kopierzeit finden sich dort ebenso wie die Möglichkeit, Kopiervorgänge abzubrechen (Abbildung 2).
Eine Neuerung, die dem Anwender erst auf den zweiten Blick auffällt, versteckt sich im Reiter Datenträger des Einstellungsdialogs (Abbildung 3) von Nautilus: Der Dateimanager bietet für externe Medien, wie CDs oder DVDs, eine Auswahl von Programmen an, aus denen Sie eine Aktion konfigurieren. So startet der Dateimanager beispielsweise beim Anschließen eines iPods den Musik-Player Rhythmbox. Nautilus kümmert sich jetzt selbst um das Einhängen der Geräte; die Frage, welche Rolle der Gnome-Volume-Manager in Zukunft spielt, bleibt daher offen.
Der Dateimanager unterstützt aktuell auch die Trashcan-Spezifikation [7] von Freedesktop.org – mit dem Vorteil, dass sowohl Gnome als auch KDE die gelöschten Dateien finden. Neben obligatorischen Fehlerbereinigungen verbesserten die Entwickler auch den Support für die Nautilus-Erweiterungen.
TIPP
Falls Sie Interesse haben, Gnome 2.22 intensiver zu testen, können Sie sich den neuen Desktop anhand des auf der Heft-DVD befindlichen Foresight Linux 2.0 genauer ansehen. Im Lauf des Aprils erscheinen außerdem Mandriva 2008.1, Ubuntu 8.04 und Fedora 9 mit Gnome 2.22 ansehen. Auch das für Juni geplante OpenSuse 11.0 bringt den neuen Gnome-Desktop mit. Auf der Gnome-Torrent-Seite [9] kündigten die Entwickler zu Redaktionsschluss eine Gnome-Live-CD an, die bei Erscheinen dieser Ausgabe verfügbar sein sollte.



