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TV selbst gestrickt

Democracy-Nachfolger Miro im Test

01.05.2008
Der Democracy Player ist tot, es lebe Miro: Die Entwickler des Videopodcast-Sammlers gaben endlich die Version 1.0 frei. Wir prüfen, wie gut sie sich im Alltag schlägt.

Der Fernseher gilt dank Satelliten und Kabelanschluss mit all seiner Programmvielfalt nach wie vor als das wichtigstes Informations- und Unterhaltungsmedium der modernen Gesellschaft. Doch die starre Programmstruktur und das Fehlen jeglicher Möglichkeit zur Interaktion (vom Anrufen bei nächtlichen Spielshows abgesehen), bereiten dem Internet immer weiter den Weg. Auf absehbare Zeit verschmelzen vermutlich beide Medien, sodass der Zuschauer irgendwann kaum mehr erkennt, ob er im Internet fernsieht oder mit dem Fernseher durchs Web surft.

Schon jetzt bieten ARD und ZDF ihre Sendungen in akzeptabler Bildqualität im Internet an, und die Tagesschau sehen Sie in der jeweils aktuellen Ausgabe seit längerem unabhängig von Ort oder Zeit mit einem WLAN-Laptop bei Bedarf im Park. Auf der anderen Seite nutzen Privatpersonen das Internet, um mittels Videokamera und einer mehr oder weniger nützlichen Botschaft an die Welt heranzutreten.

Um diese Anfänge einer neuen Medienkultur zu bündeln, erschuf die Participatory-Culture-Stiftung [001] einst das Sammelwerkzeug Democracy Player [002]. Das Programm kam allerdings aus einem andauernden Betastatus nicht heraus, und Version 1.0 ließ auf sich warten. Der etwas sperrige Name wandelte sich zwischenzeitlich in das eingängige Miro, und mittlerweile liegt endlich die Version 1.0 der Software vor [003].

Allerdings setzt sich das Programm nur langsam durch, so dass kaum eine Distribution fertige Pakete der in Python geschriebenen Software in den Repositories bereithält. Wie Sie dennoch zu einer glücklichen Miro-Installation kommen, verrät Ihnen der Kasten "Installation". Neben den dort beschriebenen Abhängigkeiten benötigen Sie in jedem Fall aber ein funktionierendes Videosystem mit den entsprechenden Codecs – Miro nutzt dabei Xine und den VLC-Player.

Die Installation der Videoplayer zieht in den meisten Fällen die Installation der nötigen Codecs automatisch nach sich. Nutzen Sie bei reinen OSS-Distributionen die Repositories, welche mit non-oss gekennzeichnet sind. Unter OpenSuse finden Sie alles wichtige in der Paketquelle Packman [004].

Installation

Miro installieren Sie am besten über binäre Pakete der jeweiligen Distribution. Die Webseite [003] hält neben Versionen für Windows und Mac OS auch Links oder Installationsbeschreibungen für Ubuntu, Fedora und OpenSuse bereit. Laut Hersteller befinden sich die Fedora-Pakete bereits in den Repositories der Versionen 7 und 8. Selbstverständlich stehen auch die Quellen zum Selbstkompilieren bereit.

Ubuntu

Unter Ubuntu starten Sie den Paketmanager Synaptic über System | Administration | Synaptic Paketmanager. Über Einstellungen | Repositories gelangen Sie zum Kartenreiter Drittanbieter und fügen dort folgende Quelle:

deb http://ftp.osuosl.org/pub/pculture.org/miro/linux/repositories/ubuntu Version/

An das Ende der Adresszeile setzen Sie den Namen der Distributionsversion. Zur Auswahl stehen dapper, feisty und gutsy; für Edgy gibt es nur 0.9er-Versionen von Miro. Nach dem Neuladen der Paketinformationen über Refresh steht das Paket zum Download bereit.

OpenSuse

Anhänger des grünen Chamäleons finden ein Miro-Paket im Packman-Repository [004] – allerdings nicht ganz taufrisch in der Version 1.0-2. Installieren Sie Miro entweder über das 1-Click-Install-Symbol auf der Internetseite oder, falls Packman bereits in Ihren Community Repositories in YaST steht, mit dem Befehl zypper install miro im Terminal.

Leider schlich sich hier ein kleiner Fehler ein: Ist das Paket xulrunner bereits in der Version 1.8.1.4 installiert und nutzen Sie die Repository-Quelle Opensuse - Mozilla, dann lädt OpenSuse xulrunner-1.8.1.11 nach, und das Startskript von Miro läuft durch einen falschen Link in /usr/lib/xulrunner-* ins Leere. Entweder legen Sie den Link neu an, oder Sie ändern das Skript. Öffnen Sie dazu in einem Editor die Datei /usr/bin/miro und ändern Sie die Xulrunner-Versionsangaben in 1.8.1, so dass die Datei wie folgt aussieht:

echo /usr/lib/xulrunner-1.8.1
LD_LIBRARY_PATH=/usr/lib/xulrunner-1.8.1 ADDON_PATH=/tmp/empty miro.real $@

Kompilieren

Das Selbstkompilieren des Quellcodes empfiehlt sich nicht. Obwohl es grundsätzlich funktioniert, folgt eine wahre Abhängigkeitsorgie der verschiedensten Quellpakete. Als wichtigste Abhängigkeiten wären Pyrex, Xulrunner-devel, GDK-pixbuf-devel und Libxine-devel zu nennen, welche aber noch einmal allerhand Pakete hinterherziehen.

Können Sie mangels Binärpaket auf das Übersetzen dennoch nicht verzichten, entpacken Sie die heruntergeladene Datei Miro-1.1.1.tar.gz mittels tar xzf Miro-1.1.1.tar.gz und wechseln in den Unterordner */Miro-1.1.1/platform/gtk-x11/. Das dort befindliche Installationsskript starten Sie zum Überprüfen der Abhängigkeiten mit dem Befehl ./run --unittest. Die Ausgabe des Befehls klärt Sie gegebenenfalls über weitere fehlende Devel-Pakete auf. Ist alles im grünen Bereich, installieren Sie das Paket ohne den Zusatz --unittest.

Erstes Zappen

Beim ersten Start empfängt Sie, wie schon in älteren Versionen, ein kleiner Assistent mit den Fragen, ob Sie Miro bei jedem Systemstart mitstarten möchten und welche Bereiche der Festplatte bereits Videos enthalten (Abbildung 1 und 2). Miro sammelt nicht nur Videos aus verschiedenen Podcast-Angeboten des Internet zusammen, sondern eignet sich auch als nützliche Verwaltungssoftware für lokale Videodateien.

Abbildung 1: Ein kleiner Startassistent richtet auf Wunsch einen Autostart der Software ein…
Abbildung 2: …und fragt nach dem Speicherort für lokale Videodateien.

Das Hauptfenster erinnert an iTunes von Apple (Abbildung 3). Die linke Spalte dient zur Navigation durch die verschiedenen Kanäle und lokalen Medien. Im rechten Hauptbereich des Fensters sehen Sie einen Internetbrowser, der auf den Miro-Guide voreingestellt ist. Außerdem dient der Teil zum Anzeigen der Videolisten eines Kanals (siehe Kasten "Video-Podcasts").

Abbildung 3: Die Miro-Oberfläche wirkt aufgeräumt und einfach zu bedienen, erinnert aber an kommerzielle Konkurrenzprodukte.

Video-Podcasts

Ähnlich einem RSS-Feed stehen Video-Podcasts, meist in Kanälen organisiert, als kleine Beiträge bei Nachrichtenportalen zum Abonnieren bereit. Ein Kanal folgt entweder einem Thema (zum Beispiel Musikvideos) oder einem speziellen Format, wie der Tagesschau. So finden Sie beispielsweise im Channel Tagesschau alle um 20 Uhr gesendeten Ausgabe der Tagesschau der letzten sieben Tage. Um nicht stets aufs Neue den Kanal auf neue Beiträge zu durchsuchen, abonnieren Sie diesen und erhalten so automatisch Updates.

Auch Privatpersonen machen regen Gebrauch von Podcasts und nutzen sie zum Beispiel als eine Art Video-Blog. Viele Nutzer bündeln ihre Beiträge ebenfalls in abonnierbaren Kanälen. Um etwa regelmäßig über die Beiträge des Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein zu schmunzeln, suchen Sie im Miro-Guide nach martenstein und abonnieren den angebotenen Kanal WatchBerlin.

Der erste Link, Miro Guide, erlaubt das Zappen durch unzählige Kanäle. Es handelt sich hierbei vor allem um die Angebote verschiedener Verlage und Fernsehsender. Allein in deutscher Sprache finden Sie immerhin über 300 Kanäle. Öffentlich-rechtliche Sender bieten hier teils komplette Sendungen an. So schauen Sie die letzten verpassten Folgen der Wissenschaftsserie "Quarks und Co" ohne Videorecorder so oft und wann Sie wollen an. Auch Kabarettfans kommen dank der Kanäle Extra3 oder Neues aus der Anstalt auf Ihre Kosten.

Einen solchen Podcast-Kanal zu abonnieren, gestaltet sich denkbar einfach: Sie klicken auf das grüne Plus-Symbol, im linken Programmfenster erscheint der Kanal. Aktivieren Sie diesen, zeigt das Hauptfenster im blauen Bereich alle verfügbaren Videos an. Klicken Sie auf einen der blauen Pfeile, lädt Miro die Datei. Es entsteht ein grüner Bereich, der alle bereits heruntergeladenen Videos anzeigt. Übersichtlich gibt die Videotabelle auch die Daten zur Größe, Länge und Erscheinungsdatum an. Ähnlich wie der iTunes-Player bietet die Liste im linken Fensterbereich virtuelle Ordner für neue, ungesehene Videos und gerade im Download befindliche Dateien.

Der erste Abschnitt der linken Spalte enthält außerdem noch die Einträge Videosuche und Medienbibliothek, wobei letztere alle von Miro erfassten Videos sammelt. Die Liste ordnen Sie entweder alphabetisch oder nach Länge der Videobeiträge. Eine Suchfunktion durchforstet sie auf Wunsch nach einem bestimmten Beitrag. Ein kontrolliertes Archivieren, zum Beispiel nach Themen, erlaubt die Software jedoch noch nicht.

Der zweite Abschnitt gehört ganz den Kanälen. Das Programm hält unter Using Miro einige Videoanleitungen zum Benutzen von Miro bereit. Der Ordner Starter Channels schlägt Ihnen vier erste Kanäle zum Durchstöbern vor. Sagt Ihnen das Angebot nicht zu, klicken Sie mit der rechten Maustaste auf den Ordner und wählen im Kontextmenü Entfernen aus. Ebenso leicht fügen Sie einen neuen Ordner für Ihre Podcast-Kanäle hinzu. Klicken Sie im Menü auf Channels und wählen New Folder. Die Kanäle verschieben Sie innerhalb dieses Abschnitts und zwischen den Ordnern frei per Drag & Drop.

Die unschöne Mischung aus deutschsprachigen und englischen Menü-Einträgen gehört zu den herben Kritikpunkten an der ansonsten recht gelungenen Oberfläche des Programms (Abbildung 4). Das Verwalten von Wiedergabelisten im letzten Abschnitt der linken Spalte folgt einer intuitiven Benutzerführung: Ziehen Sie mit der Maus einfach die gewünschten Dateien aus dem Hauptfenster auf den Listeneintrag. Neue Ordner erstellen und bearbeiten Sie über das Menü Playlists.

Abbildung 4: Unverständlicherweise fand sich noch kein Entwickler, um die Menüeinträge komplett zu übersetzen.

Zugaben

Miro beschränkt sich nicht nur auf die vorgefertigten Podcastkanäle, sondern durchsucht zusätzlich die zur Zeit sehr beliebten Video-Portale Youtube, Google Video oder Yahoo Video sowie einige andere mehr. Um diese Inhalte zu betrachten, verwenden Sie entweder die Videosuche im Hauptfenster, die Sie über den Link im linken Programmfenster starten, oder den unteren Abschnitt neben den Bedienungsschaltern des Players.

Über das Dropdown-Menü wählen Sie die gewünschte Videoplattform aus und tragen einen Suchbegriff ein. Die Ergebnisse erscheinen gewohnt übersichtlich im Hauptfenster. Damit umgehen Sie das ressourcenfressende Flash-Plugin der Portalseiten und speichern zudem die Datei auf Festplatte. Über den einfachen Link Save this search as a Channel am Beginn der Anzeigenliste erstellen Sie einen eigenen Kanal zum Thema der Suchanfrage.

Wer beispielsweise auf peinliche Pannen im bewegten Bild steht, startet eine entsprechende Suchanfrage und ergötzt sich von nun an täglich an den neuesten Schmerzen seiner Mitmenschen (Abbildung 5). Das funktioniert natürlich mit den anderen Videoportal-Seiten genauso. Eine Quersuche durch alle Portale erlaubt das Programm allerdings nicht.

Abbildung 5: Suchanfragen aus Youtube und anderen Videoportalen fasst Miro auf Wunsch in einem eigenen Kanal zusammen.

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