Viel Neuland

Pardus Linux ist eine komplette Eigenentwicklung und weicht in vielen Punkten von den Mainstream-Distributionen ab. Bereits der Bootprozess unterscheidet sich grundlegend. Das klassische Init lädt "Mudur" (deutsch etwa: der Direktor), ein Python-Skript, welches die Root-Partition mountet, Module lädt und die eigentlichen Dienste initialisiert. Die Stärke von Mudur liegt im einfachen, schlanken Code: Pardus startet auch auf älteren Rechnern in rund 30 Sekunden vom Bootscreen bis zum Login-Dialog. Ein Blick in die Datei /etc/inittab verrät, dass Pardus die Runlevels 1,2,5 und 6 unterstützt, wobei der Init-Befehl jeweils das Python-Skript /sbin/mudur.py aufruft. Eine detaillierte Übersicht über den Startprozess von Pardus finden Sie auf der Projektseite [5].

Da Pardus weder das traditionelle System-V-Init noch Init-ng benutzt, gibt es unter /etc/init.d auch keine Startskripte. Stattdessen sprechen Sie die traditionellen Linux-Dienste über den service-Befehl an. Um einen Dienst zu starten, benutzen Sie service Dienstname start, zum Beispiel service openssh start, eine Liste sämtlicher Dienste inklusive Statusmeldung liefert service list.

Eng mit dem Direktor zusammen arbeitet der Hirtenhund "Comar". Der Configuration Manager von Pardus versteht sich als Schnittstelle zwischen den verschiedenen Programmen (ähnlich D-Bus) und unterstützt Mudur beim Bootvorgang. Auch die von Pardus entwickelte Firewall arbeitet eng mit Comar zusammen.

Mit PiSi ("packages installed successfully as intended") bringt die türkische Distribution auch einen eigenen Paketmanager mit ebenso eigenem Paketformat mit. Sie erkennen Pardus-Pakete an der Dateiendung .pisi. Bei PiSi-Paketen handelt es sich um gewöhnliche ZIP-Dateien, die aus drei Komponenten bestehen. Die Datei metadata.xml enthält Informationen zur Lizenz, zum Paketbauer und die Beschreibung in beliebigen Sprachen, files.xml bringt eine Dateiliste mit. Die eigentliche Software befindet sich in dem mit dem LZMA-Algorithmus komprimierten Tar-Archiv install.tar.lzma. Pardus-Pakete fallen dank der sehr effizienten Komprimierung etwas kleiner aus als die RPM- oder DEB-Pendants. Dadurch passt zwar mehr Software auf eine CD, der Installationsvorgang dauert aber gerade auf älteren Rechnern deutlich länger.

Das Paketmanagement nehmen Sie entweder über das grafische Frontend (Abbildung 7) oder die Kommandozeile vor. Am einfachsten haben es dabei OpenSuse-Nutzer auf der Kommandozeile, da die Syntax von pisi derjenigen von Zypper stark gleicht: Mit pisi lr erhalten Sie eine Liste der Repositories, pisi ar fügt ein neues hinzu. Nach Paketen suchen Sie mit pisi search Paketname. Ersetzen Sie pisi durch zypper, passen die Befehle auch unter OpenSuse.

Abbildung 7: Das grafische Frontend zum Pardus-Paketmanager PiSi lässt sich sehr einfach bedienen.

Last but not least haben die Pardus-Entwickler der Distribution auch eine eigene, auf das Türkische optimierte Spellcheck-Engine spendiert: Zpspell, das auf den Zemberek-Server zugreift.

Kleine Schwächen

Nach dem anfänglichen Enthusiasmus für den anatolischen Leoparden fanden wir aber auch kleine Schwachstellen. Der Netzwerkmanager benutzt auch beim Verbindungsaufbau über DHCP einen externen Nameserver. In der Datei /etc/resolv.conf stehen bei Pardus immer die drei Einträge

nameserver 193.140.100.210
nameserver 193.140.100.215
nameserver 193.140.100.220

Sie verhindern in einem internen Netz jeglichem Kontakt über Rechnernamen. Hier müsste Pardus klar die Nameservereinträge und die Suchliste des DHCP-Servers übernehmen. Ein weiteres Problem stellen die zahlreichen Eigenentwicklungen dar, die an die Kommandozeile gewöhnten Nutzern das Leben schwer machen, Kommandos wie /etc/init.d/networking restart oder insserv beziehungsweise chkconfig produzieren lediglich eine Fehlermeldung. Andererseits haben die Entwickler die Distribution sehr logisch aufgebaut, und gerade die Diensteverwaltung über service ist sehr einfach zu verstehen und zu handhaben.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

  • Pardus 2008.2 erstmals auch mit KDE 4.2
    Schnellere Bootzeiten, ein aktualisierter Installer und verbessertes Hardware-Mangement: Das sind die Eckdaten von Version 2008.2 der türkischen Linux-Distributon.
  • Pardus GNU/Linux 2009.2 freigegeben
    Das in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Forschungsrat der Türkei (TÜBITAK) und dem türkischen Forschungsinstitut für Elektronik und Kryptologie (UEKAE) entwickelte Pardus GNU/Linux liegt mittlerweile in Version 2009.2 vor.
  • Pardus 2011 im Kurztest
    Pardus gilt unter Kennern schon lange als Geheimtipp. Mit dem neuen Major-Release 2001 schickt sich das türkische Linux an, zu den ganz großen Distributionen aufzuschließen.
  • Pardus 2009.1 ist fertig
    Das Pardus-Projekt hat Relase 2009.1 zum Download freigegeben. Die wichtigsten Neuerungen sind Ext4 als Standard-Dateisystem und KDE 4.3.4 als Desktop.
  • Anatolischer Leopard
    Die türkische Distribution Pardus Linux überzeugt mit einem runden Konzept, hoher Benutzerfreundlichkeit und topaktueller Software.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 11/2014: VIDEOS BEARBEITEN

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Tim Schürmann, 24.06.2014 12:40, 0 Kommentare

Wer mehrere nützliche Live-Systeme auf eine DVD brennen möchte, kommt mit den Startmedienerstellern der Distributionen nicht besonders weit: Diese ...

Aktuelle Fragen

WLAN-Signalqualität vom Treiber abhängig
GoaSkin , 29.10.2014 14:16, 0 Antworten
Hallo, für einen WLAN-Stick mit Ralink 2870 Chipsatz gibt es einen Treiber von Ralink sowie (m...
Artikelsuche
Erwin Ruitenberg, 09.10.2014 07:51, 1 Antworten
Ich habe seit einige Jahre ein Dugisub LinuxUser. Dann weiß ich das irgendwann ein bestimmtes Art...
Windows 8 startet nur mit externer Festplatte
Anne La, 10.09.2014 17:25, 6 Antworten
Hallo Leute, also, ich bin auf folgendes Problem gestoßen: Ich habe Ubuntu 14.04 auf meiner...
Videoüberwachung mit Zoneminder
Heinz Becker, 10.08.2014 17:57, 0 Antworten
Hallo, ich habe den ZONEMINDER erfolgreich installiert. Das Bild erscheint jedoch nicht,...
internes Wlan und USB-Wlan-Srick
Gerhard Blobner, 04.08.2014 15:20, 2 Antworten
Hallo Linux-Forum: ich bin ein neuer Linux-User (ca. 25 Jahre Windows) und bin von WIN 8 auf Mint...