Aufmacher

Die Troll-Keule

01.04.2008

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

warum kauft Nokia Trolltech eigentlich? [1] Auf den Nokia-Handys läuft Symbian, nicht etwa irgendein Windows- oder Linux-Derivat. Opera, der mit Qt entwickelte und für mobile Endgeräte geradezu optimale Webbrowser, kommt auf immer weniger Modellen zum Einsatz. Aus seinen Internet-Tabletts hält Nokia Qt sogar so weit wie möglich heraus: Für das N800 hat man Opera anscheinend sogar von Qt nach GTK+ portiert — eine geradezu wahnwitzige Unternehmung, nur um ja keine Gefahr zu laufen, an irgendjemand Lizenzgebühren bezahlen zu müssen. Und im N810 [2] kommt statt Opera ein Mozilla-Abkömmling zum Einsatz.

Plant Nokia, Linux künftig grundsätzlich als Basis seiner Mobiltelefone zu nutzen? Eher unwahrscheinlich: Alle anderen großen Hersteller von Linux-Mobiltelefonen setzen auf Gnome und GTK+. Dass man sich größere Lizenzumsätze von Qtopia erhofft, ist auch kaum anzunehmen: Die prompte Reaktion von Motorola auf Nokias Zukauf, bei künftigen Modellen auf Qtopia zu verzichten [3], war mehr als vorhersehbar.

Für viel wahrscheinlicher halte ich es, dass Nokia hier einen langfristig angelegten Schachzug macht, der sich gegen die Konkurrenz der Zukunft richtet: Google. Zwar gibt es zurzeit einige Zusammenschlüsse, Konsortien und Gremien, die Linux auf Mobiltelefonen forcieren – doch nichts davon wird so heiß gehandelt wie Android [4]. Dabei spielt das Betriebssystem noch nicht einmal die primäre Rolle: Android bietet eine offene Plattform für jedermann, über die niemand allein die Kontrolle hat.

Doch Google beherrscht das Web, und schon bald werden mehr Leute mit Mobiltelefonen auf das Web zugreifen als mit PCs. Google sahnt dann kräftig ab und kann seine heute schon dominante Marktstellung noch weiter ausbauen. Angesichts Googles zahlreicher und schwergewichtiger Industriepartner muss man kein Hellseher sein, um der Plattform gewaltige Stückzahlen zu prophezeien. Und was, wenn Google seine Dienste gerade auf Android und Linux in besserer Qualität als für Symbian anbietet – oder gar überhaupt nur für Android?

Hier wächst die erste ernsthafte Bedrohung für das finnische Imperium heran, und in Helsinki hat man eine Strategie entwickelt, der sich andeutenden "Rebellion" zu begegnen: Immer mehr dehnt Nokia sein Geschäft in den Bereich webbasierter Dienste aus, was bei Netzbetreibern wie T-Mobile für größten Verdruss sorgt. Insbesondere "location based services" stellen einen Dienst der Zukunft dar. Hier versucht Nokia schon jetzt mit zahlreichen Modellen mit integriertem GPS-Empfänger und vorinstalliertem "Nokia Maps" (selbst auf Modellen ohne GPS-Chip!) die Basis für künftige Kundenbindung zu schaffen.

Trolltech könnte die Rolle des Jokers in diesem globalen Pokerspiel zufallen, denn die kleine Firma eröffnet Nokia mehrere Optionen. Das liegt zum Teil an den hervorragenden Produkten, zum anderen – und das ist viel wichtiger – an der hervorragenden Vernetzung mit der Open-Source-Community, die ein gutes Stück über die Symbiose mit KDE hinaus reicht. Nokia könnte bei Bedarf quasi über Nacht auch Linux-Telefone anbieten. Dank Trolltech würden sich genügend Entwickler finden, die in kürzester Zeit Clients für Nokia-Dienste bereit stellen könnten.

Umgekehrt: Mit Nokia im Rücken kann Qtopia als echter Gegner für Android und LiMo [5] antreten. Diese Variante passt zu (sehr leisen) Äußerungen, dass man mit dem in die Jahre gekommenen Symbian allmählich an Grenzen stößt. Zudem sind unliebsame Konkurrenten an Symbian beteiligt, während man über Qtopia volle Kontrolle hätte. Eine weitere Option wäre, die Qtopia-Oberfläche für Symbian zu portieren. Die Anpassung von Qtopia auf Android/Linux-Telefone könnte man kostengünstig die Community erledigen lassen.

Der nächste logische Schritt für Nokia wäre jetzt noch die Übernahme von Opera – quasi als Strafe für die Mitbewerber, die sich bei LiMo, Android und Co. beteiligen. Bisher träumt der Android noch von elektrischen Schafen [6]. Sobald er aber aufwacht, erwartet der Troll ihn schon mit seiner Hightech-Keule …

Herzliche Grüße,

Alex Bär

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