Aufmacher

David gegen Goliath

OpenOffice und Microsoft Office im Vergleich

01.03.2008
Auf den ersten Blick scheint der Kampf aussichtslos: Zu groß ist die Übermacht von Microsoft Office gegen den freien Konkurrenten OpenOffice. Aber OOo birgt das Potenzial für eine überraschende Wende …

Betrachtet man die Jetztzeit, so dominiert monopolartig – insbesondere im gewerblichen Einsatz – die Programmkombination Microsoft Windows und Microsoft Office. Das lässt sich einerseits auf intensives Marketing mit entsprechender Kapitalkraft zurückzuführen, andererseits aber natürlich auch auf gute Produkte.

Wie so oft, ist das Gute der Feind des Besseren – das gilt auch in diesem Falle: Microsoft Office war zu keiner Zeit die beste aller technisch denkbaren Lösungen. Dennoch machte die Marktmacht des Herstellers die Office-Programme aus Redmond zum Quasistandard im Büro. Doch gerade in der jüngsten Vergangenheit weht mit OpenOffice und dem offenen Dokumentenformat ODF ein frischer Wind im Office-Monopoly.

Quartettspiel?

Gängige Office-Suiten sind heute technisch so ausgereift, dass sich mit ihnen alle Aufgaben des Büroalltags mühelos bewältigen lassen. Mehr noch: Kaum ein Nutzer beherrscht die Vielzahl der Möglichkeiten und Funktionen der Pakete komplett. Daher ist es müßig, die Funktionsdetails von Office-Paketen miteinander zu vergleichen.

Die Grundaufgabe eine Tabellenkalkulation etwa stellt das Berechnen von Werten auf der Basis von Variablen dar. Wie umfangreich solche Tabellen sein dürfen, ist tatsächlich eins der Unterscheidungsmerkmale zwischen verschiedenen Tabellenkalkulationen: 65 536 Zeilen, wie bei OpenOffice Calc (Abbildung 1), oder doch 1 048 576 Zeilen, wie bei der neuesten Version von Microsoft Excel?

Abbildung 1: Bei Zeile 65 536 und Spalte IV ist bei OOCalc Schluss: Mehr Zellen gehen nicht. Aber ist das wirklich ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal?

Es mag Anwendungsszenarien geben, in denen diese Zahl eine Rolle spielt, etwa für eine umfangreiche Artikelverwaltung. Aber sofort stellt sich die Frage, ob andere Programme solche Datenfluten nicht besser beherrschten, zum Beispiel eine Datenbank wie Base. Dennoch mag es eine exklusive Nutzergruppe im Promillebereich geben, für die solche Zahlen tatsächlich wichtig sind.

Also gilt es aufzupassen, dass sich ein Produktvergleich nicht auf dem Niveau eines Quartettspiels bewegt. Wichtiger ist es vielmehr, die Relevanz einzelner Leistungs- und Funktionsmerkmale für die tägliche Arbeit zu bewerten. Das gilt auch für den Vergleich der Office-Pakete dieses Artikels.

Konzeptioneller Vergleich

Eine Office-Suite stellt Programme zusammen, die beim Erledigen typischer Büroaufgaben helfen. OpenOffice arbeitet als modulares, integriertes Komplettprogramm: Sie können bei der Installation zwar entscheiden, einzelne Module nicht einzurichten, allerdings spart ein rudimentäres Office nur geringfügig Speicherplatz, weil schon in der Grundausstattung die wichtigsten Funktionen vorhanden sind.

Nutzen Sie im Alltag nur eine der Anwendungen, etwa die Textverarbeitung Writer, erweist sich diese Integration durchaus als kleiner Nachteil: Beim Laden des Programms starten auch nicht direkt benötigte Module der anderen Applikationen und belegen Arbeitsspeicher. Erst wenn Sie zusätzlich zu OOWriter beispielsweise das Präsentationsprogramm Impress öffnen, profitieren Sie davon: Das geht dann spürbar schneller. Die Integration verschiedener Anwendungen unter einem Dach (Abbildung 2) bringt auch Vorteile für die Zusammenarbeit einzelner Komponenten und Module. So lässt sich eine Kalkulationstabelle genau so leicht in ein Textdokument integrieren wie ein Textabschnitt in eine Präsentation.

Abbildung 2: Aus einem Guss: OpenOffice präsentiert die einzelnen Anwendungen hochintegriert unter einer einheitlichen Oberfläche. Die Zusammenarbeit funktioniert problemlos.

Microsoft Office geht hier einen anderen Weg. Bei der Suite aus Redmond handelt es sich um Einzelprogramme, die zwar auch gemeinsame Bibliotheken nutzen, sich aber dennoch einzeln installieren und ausführen lassen – dann mit entsprechend geringem Ressourcenverbrauch. Das "Suiten-Feeling" stellt sich eher durch gemeinsame Oberflächen, Speicherpfade und Möglichkeiten der direkten Zusammenarbeit ein als durch eine gemeinsame Codebasis.

Der Rest ist Marketing: Man packt einfach die Einzelapplikationen auf einen Datenträger, erzeugt ein Installationsprogramm für alle Programme. Für den Benutzer sieht das so aus, als ob er nur eine Anwendung (nämlich die Suite) installiert. Der Vorteil dieser Methode: Microsoft kann eine Vielzahl unterschiedlicher Pakete zu schnüren und den Markt damit punktgenauer bedienen [1]. So gibt es das aktuelle Office 2007 in nicht weniger als acht verschiedenen Ausführungen, von "Basic" über "Standard" und "Ultimate" bis "Enterprise".

Um die teils verwirrenden Bezeichnungen insbesondere der MS-Office-Komponenten aufzulösen, stellt die Tabelle "Aufgabenverteilung" die Teilanwendungen von Microsoft Office und in OpenOffice gegenüber.

Aufgabenverteilung

  OpenOffice-Modul Microsoft-Office-Programm(e)
Textverarbeitung Writer Word
Tabellenkalkulation Calc Excel
Präsentationen Impress Powerpoint
Vektorzeichnungen Draw
Layout / Text / Zeichnungen (Draw) Publisher
Diagramme Calc-Diagramme, Diagrammmodul Excel-Diagramme
Datenbank (Engine) Base (HSQLDB) Access
Datenbank (Frontend) Base Access
E-Mail Client Outlook
Terminverwaltung Outlook, Outlook mit Business Contact Manager, Communicator
Formelsatz Math Formel Editor
HTML-Seiten Writer, alle Module Word, alle Module
Groupware-Funktionen Outlook, Communicator, Groove, InfoPath, Business Contact Manager
Content Management Enterprise Content Management
Erweitertes Rechtemanagement Advanced Information Rights Management and Policy Capabilities

Die Funktionsübersicht von Microsoft Office zeigt, dass Betriebssystem, Server und Büropaket immer stärker zusammenwachsen. Einige der Programme machen zudem nur in größeren Firmen als Teil einer dezidierten IT-Strategie Sinn. Insofern hakt der 1:1-Vergleich beider Suiten in Teilbereichen, weil unter Linux andere Anwendungen etwa für Groupware und Kommunikation oder Enterprise Content Management zur Verfügung stehen.

Die Übersichten zeigt auch die wesentlichen Unterschiede der beiden Systeme: Microsoft bietet mit der Suite Strukturen, die sich in größeren Firmen einfach in die Organisation eingliedern lassen und die dort die Zusammenarbeit unterschiedlicher Arbeitsplätze erleichtern. OpenOffice.org richtet sich dagegen eher an den einzelnen Anwender [2].

In der Bewältigung täglicher Aufgaben – Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation – präsentieren sich beide Suiten vergleichbar: Die Einzelanwendungen erfüllen die Anforderungen hinreichend gut; eine Bewertung hängt also stark vom subjektiven Empfinden ab. OpenOffice gefällt durch das verstärkte Nutzen des Formatvorlagen-Konzepts und lässt sich damit intuitiver zu bedienen. Zwar bietet auch Microsoft Office solche Formatvorlagen; da es sie aber eher versteckt, nutzt der durchschnittliche Anwender sie weniger.

Mit Office 2007 hat Microsoft das Bedienkonzept radikal umgestaltet: Statt der gewohnten Symbol- und Menüleisten präsentiert die neue Suite ihre Funktionen in kontextbezogenen Smarttags, die eine starke Umgewöhnung der Benutzer erfordern (Abbildung 3). Inwieweit sich dieser Paradigmenwechsel im Markt durchsetzen kann, bleibt abzuwarten.

Abbildung 3: Mit Office 2007 hat Microsoft die Benutzerführung radikal geändert. Statt Symbol- und Menüleisten präsentiert sich die Suite mit Smarttags.

Bislang war der Wechsel zwischen den Office-Welten leicht zu bewerkstelligen: Wer etwa mit Word klar kam, hatte auch bei Writer keine Probleme. Das ändert sich mit diesem konzeptionellen Wechsel nachhaltig, was die Frage aufwirft: Kann OpenOffice davon profitieren, dass sich Anwender von Microsoft Office in der freien Variante schneller zurechtfinden, als in der neuen Office-Version (Abbildung 4)? Oder wird OpenOffice sein Bedienkonzept mittelfristig erneut auf die veränderte Benutzerführung von Microsoft Office umstellen müssen?

Abbildung 4: OpenOffice.org Writer bietet traditionelle Menüführung. Für Umsteiger älterer Office-Versionen gibt es daher überhaupt keine Probleme, mit dem Open Source-Paket zurechtzukommen.

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