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Bochum grüßt KDE

01.03.2008

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Nokia macht ja derzeit hauptsächlich deswegen Schlagzeilen, weil der finnische Konzern seine von Bund und Land hoch subventionierte Produktionsstätte Bochum trotz bester Gewinne schließen, kalt lächelnd mehr als 2000 Mitarbeiter auf die Straße setzen und die Produktion renditemaximiert und immobiliensteuerbefreit lieber in Osteuropa fortsetzen will. Wiewohl moralisch reichlich fragwürdig, ist das schlicht Globalisierungsnormalität und ganz zweifellos legal. Dem Linux-Anwender könnte es abgesehen von persönlich erwogenen Konsequenzen – "trete ich jetzt mein Nokia-Handy in die Tonne und kauf' mir ein schickes Linux-Motorola" – eigentlich egal sein.

Könnte eigentlich, Konjunktiv: Ende Januar hat Nokia die Absicht bekannt gegeben, Trolltech für 105 Millionen Euro zu übernehmen; der Deal soll Mitte des Jahres abgeschlossen sein [1]. (Ein Schnäppchen: Da bleibt von den 134 Millionen Bochumer Betriebsgewinn 2007 [2] sogar noch was übrig – nicht gerechnet die 88 Millionen, die ja der deutsche Steuerzahler schon für das Nokia-Werk vorgelegt hat.) Trolltechs Qt-Library aber bildet den Grundstein für KDE, und gerade hat sich das K-Desktop-Projekt mit dem Aufsetzen von KDE 4 auf Qt4 für Jahre auf die Trolltech-Bibliotheken festgenagelt.

Eine ausschließlich an Gewinnmaximierung orientierte Globalisierungsheuschrecke wie Nokia, die obendrein noch zu den aggressivsten Lobbyisten für EU-Softwarepatente zählt [3], als neuer Gralshüter eines Kronjuwels der freien Software? Mehr als nur einige wenige Stimmen geben zu Recht zu bedenken [4], dass hier wohl irgendwas nicht ganz zusammen passt, und befürchten, dass Nokia durch Lizenzänderungen an Qt dem KDE-Projekt den Boden unter den Füßen wegziehen könnte. Zwar hat Nokia schon geäußert, Trolltechs Open-Source-Engagement weiterführen und sogar KDE-Patron werden zu wollen sowie Qt weiter unter der GPL zu lizenzieren [5]. Auf der anderen Seite demonstriert der Fall Bochum, dass die Finnen sich angesichts potenzieller Profitsteigerungen recht wenig um ihr Geschwätz von gestern scheren [6].

Dass aber KDE kurzfristig in einer Lizenzfalle sitzen könnte, das muss man trotzdem nicht befürchten – der GNU Public Licence sei Dank. Trolltech hat Qt4 unter der GPLv2/v3 veröffentlicht, und auf dieser Basis könnte die freie Softwaregemeinde notfalls weiter entwickeln – eine GPL-Lizenzierung nachträglich zurück zu nehmen, ist nicht möglich [7]. Daneben steht KDE in Form eines Abkommens mit Trolltech [8] eine zweite Notbremse zur Verfügung: Stellt Trolltech – aus welchem Grund auch immer – die Entwicklung der freien Qt-Version ein, kann die KDE Free Qt Foundation an dieser Stelle übernehmen, die Bibliothek unter einer BSD-Lizenz veröffentlichen und auf dieser Basis weiter arbeiten.

Freilich hilft das Abkommen nicht, falls Nokia die Weiterentwicklung der Qt-Desktop-Bibliothek zugunsten der für seine Mobilgeräte wichtigeren Embedded-Variante Qtopia vernachlässigt oder aus Gründen der Profitabilität die Entwicklung einer der drei PC-Plattformvarianten von Qt (X11, Windows, Mac) auf Kosten der anderen forciert – hier sehen die Kritiker mittelfristig die größte Gefahr für KDE. Hoffen wir, dass Nokia mit seinen Trolltech-Entwicklern nicht so umspringt wie mit den Bochumer Werkern. Zur Not gibt's für den Anwender ja Alternativen – beim Linux-Desktop wie beim Handy.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Nokia kauft Trolltech: http://www.linux-magazin.de/news/nokia_kauft_trolltech

[2] Bochum hoch profitabel: http://www.capital.de/unternehmen/100009545.html

[3] Nokia und Software-Patente: http://eupat.ffii.org/log/04/cons0408/#nokia

[4] Nokia-Diskussion bei KDE: http://dot.kde.org/1201517986/

[5] Offener Brief von Trolltech und Nokia (PDF): http://trolltech.com/28012008/28012008-letter

[6] "Nokia hielt Jobzusagen nicht ein": http://www.derwesten.de/nachrichten/waz/2008/1/31/news-20062228/detail.html

[7] "The Non-Revocable GPL": http://www.groklaw.net/article.php?story=2006062204552163

[8] KDE Free Qt Foundation: http://www.kde.org/whatiskde/kdefreeqtfoundation.php

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Infos zum Autor

Jörg Luther

Jörg Luther

Jörg Luther arbeitet seit 1995 als IT-Journalist. Seine Vorliebe für das freie Betriebssystem lebt er privat in der LUG Erding und beruflich seit 2004 als Chefredakteur des LinuxUser aus.

Zum Blog von Jörg Luther →


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