Der Volksmund sagt: "Was lange währt, wird endlich gut." Wie lang die Reifezeit für Funktionen eines Bildbearbeitungsprogramms dauert, erschließt sich daraus nicht direkt. Doch nach fast drei Jahren Entwicklungszeit erscheint die Version 2.4 des GNU Image Manipulation Program Gimp [1] mit vielen Neuerungen. Vor allem in die Benutzbarkeit haben die Entwickler viel Zeit und Mühe investiert. Auf Tagungen und Konferenzen sammelten sie zahlreiche Ideen, die letztendlich zu vielen Verbesserungen führten – aber auch die Benutzer drei Jahre lang auf die Folter gespannt haben.

Benutzbarer und schöner

Schon nach dem ersten Start fallen die komplett überarbeiteten Symbole der Bedienoberfläche auf, die dem Tango-Standard [2] gehorchen. Er soll der Software ein einheitliches Aussehen auf allen Betriebssystemen geben. Dabei stellt die Anwendung zwei Symbolthemen zur Verfügung, die Sie im Einstellungsdialog auswählen. Arbeiten Sie auf einem kleinen Bildschirm oder bevorzugen generell kleinere Symbole, dann wählen Sie das Theme mit den kleineren Symbolen unter Einstellungen | Thema | Small.

Das Bearbeiten von Auswahlen unter Gimp 2.2 beschränkte sich weitgehend auf das Erstellen und Löschen. Ergab sich die Notwendigkeit, einen Bereich ganz präzise auszuwählen, so führte das oft zu Frustration: Man musste die Auswahl so lange löschen und neu markieren, bis man endlich die korrekte Größe getroffen hatte. Mit der neuen Version von Gimp ändert sich das grundlegend: Auswahlen lassen sich vergrößern, verkleinern und verschieben. Die Benutzeroberfläche der Auswahlwerkzeuge haben die Entwickler komplett überarbeitet. Das gilt auch für das Zuschneidenwerkzeug (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das Zuschneidewerkzeug mit hervorgehobener Auswahl und zusätzlichen Hilfslinien.

Nach wie vor ziehen sie mit der gedrückten, linken Maustaste eine rechteckige Auswahl auf. Sie sehen jetzt aber beim Loslassen der Maustaste ein Rechteck mit vier weiteren Indikatoren an den Ecken des markierten Bereichs. Diese kennzeichnen so genannte "Anfasser", mit denen Sie die Auswahl weiter bearbeiten. Sobald Sie den Mauszeiger über die Ecken der Auswahl bewegen, zeigt Gimp die jeweiligen Anfasser an, sodass sie den markierten Bereich vergrößern und verkleinern können. Auch das Verschieben der Auswahl stellt kein Problem mehr dar: Dazu positionieren Sie den Mauszeiger in der Mitte der Auswahl und verschieben diese bei gedrückten linken Maustaste.

Doch nicht nur die Funktion selbst, sondern auch die zugehörigen Werkzeugdialoge haben die Entwickler überarbeitet. So gibt es jetzt eigene Bedienelemente, um die Symmetrie zu beeinflussen oder zusätzliche Hilfslinien anzuzeigen. Denken Sie bei der Arbeit mit Auswahlen aber daran, etwaige Zwischenstadien der bearbeiteten Bilder auf jeden Fall im Gimp-eigenen Dokumentenformat XCF zu speichern: Nur dann bleiben die Auswahlen erhalten und lassen sich nach dem nächsten Öffnen der Datei wieder bearbeiten.

Für zusätzlichen Komfort bei Auswählen und insbesondere Freistellen von Bildbestandteilen sorgt das neue Werkzeug Vordergrundauswahl, das auf Siox basiert, der "Simple Interactive Object Extraction". Diesem Thema widmet sich ein eigener Artikel in diesem Schwerpunkt.

Neben den Auswahlwerkzeugen haben auch die Pinsel deutliche Verbesserungen erfahren. In der alten Version konnte man nur von Gimp angelegte Pinselspitzen skalieren. Basierte ein Pinsel jedoch auf einem Bild, ließ er sich weder vergrößert noch verkleinern. Das lag daran, dass Gimp die beiden Arten von Pinselspitzen intern unterschiedlich behandelte. Das hat sich mit Version 2.4 geändert: Jetzt erlaubt Gimp das Skalieren aller Pinsel. was sogar bei einer animierten Pinselspitze funktioniert, dem so genannten Bilderschlauch.

Für Fotografen und Webdesigner

Ein neues Plugin für Hobby-Fotografen entfernt die berüchtigten "roten Augen" automatisch. Sie finden es Plugin im Bildmenü unter Filter | Verbessern | Rote Augen entfernen. In einem Dialog stellen Sie den Schwellwert ein, ab dem die automatische Erkennung greift. Erhalten Sie nicht die gewünschten Ergebnisse oder "verbessert" die Funktion irrtümlicherweise andere in Rot gehaltene Bildbereiche, dann grenzen Sie den Arbeitsbereich des Filters einfach mit einer Auswahl ein.

Daneben lassen sich mit Gimp nun auch Unregelmäßigkeiten im Bild automatisch bereinigen – das Ganze läuft unter dem Stichwort Heilen. So retuschieren Sie mit wenig Aufwand kleinere Schönheitsfehler wie Staubkörner, Flecken oder Pickel. Das Tool funktioniert ähnlich dem Klonwerkzeug, passt jedoch die Helligkeit der umliegenden, geklonten Pixel selbständig an. Sie finden es unter Werkzeuge | Malwerkzeuge | Heilen. Setzen Sie zuerst einen Referenzpunkt, indem Sie [Strg] gedrückt halten. Danach klicken Sie mit der Maus einfach die störenden Flecken im Bild weg. Abbildung 2 verdeutlicht die Benutzung des Werkzeugs.

Abbildung 2: Die rechte Seite des Tigerkopfes wurde mit dem Werkzeug Heilen entfernt – man kann die Umrisse noch erkennen.

Ein weiteres neues Plugin begradigt unerwünschte Verzerrungen durch Objektivfehler von Kameras. Sie finden den Filter unter Filter | Verzerren | Objektivfehler. Lassen Sie sich nicht durch die sechs einstellbaren Parameter abschrecken: Eine einfache Kissenverzerrung im Bild lässt sich schon durch Verändern des Bildparameters reparieren.

Ebenfalls neu ist das Werkzeug, um Objekte perspektivisch zu klonen. Es kopiert nicht einfach Bildausschnitte und fügt sie wieder ein, sondern setzt sie stattdessen als Pinselspitze ein. So lassen sich Objekte im Bild sehr einfach und präzise wiederverwenden. Dabei überträgt das Werkzeug die vorher durch den Benutzer festgelegte Perspektive beim Malen auf das geklonte Bildobjekt. So etwas können Sie etwa bei der Manipulation von Fotos mit Häuser- oder Straßenszenen einsetzen, um Fenster verschiedener Gebäude auszutauschen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Links im Foto wurde das kleine Fenster in der mittleren Reihe mit dem perspektivischen Klonwerkzeug übertragen. Auf der rechten Seite kam das normale Klonwerkzeug zum Einsatz.

Eine weitere Neuerung kommt vor allem bei der Farbkorrektur zum Zug: die so genannten Prüfpunkte. Sie funktionieren ähnlich wie die Pipette. Mit dieser können Sie allerdings nur genau eine Farbe auswählen, während ein Prüfpunkt die Farben mehrerer Pixel auf einmal erfasst. Sie erstellen Prüfpunkte, indem Sie [Strg] gedrückt halten und mit gedrückter Maustaste eine imaginäre Linie von den Linealleisten in Richtung Bildmitte ziehen. Daraufhin erscheinen zwei Hilfslinien, die sich am Mauszeiger kreuzen. Den Dialog zum Ablesen der Prüfpunkte finden Sie im Bildmenü Dialoge | Prüfpunkte. Derzeit lassen sich zwar nur vier Prüfpunkte simultan im Dialog erfassen – sie können aber sicher sein, dass die Entwickler diesen Dialog bald überarbeiten.

Haben Sie mit Gimp 2.2 schon einmal versucht, Objekte im Bild auszurichten? Das war bislang kein leichtes Unterfangen: Das Programm bot dazu zwar Hilfslinien, aber die Mitte zu finden, gestaltete sich gerade bei großen Bildern nicht ganz einfach. Hier schafft ein neues Werkzeug Abhilfe. Der Dialog Ausrichten erlaubt das präzise Positionieren und Verteilen von Objekten einer ausgewählten Ebene. Den Bezugspunkt für die Ebenenausrichtung legen Sie selbst fest. Standardmäßig wählt Gimp 2.4 dazu das Erste Objekt, womit es die zuletzt ausgewählte Ebene meint. Um eine Ebene Ihrer Wahl auszurichten, wählen Sie diese im Ebenendialog (Dialoge | Ebenen) an und wählen dann aus dem Bildmenü Werkzeuge | Transformationen | Ausrichten. .

Farbmanagement

Für eine möglichst identische Wiedergabe von Farben auf allen Ausgabegeräten sorgt das neu implementierte Farbmanagement: Zum Beispiel soll es vermeiden, dass vom leuchtenden Rot auf dem Bildschirm nur noch ein verwaschenes Rosé auf dem gedruckten Foto bleibt.

Um solche groben Farbunterschiede zu verhindern, nutzt Gimp 2.4 ICC-Farbraumprofile, wie sie jeder Hersteller seinen Ein- und Ausgabegeräten beilegt. Erstellen Sie zum Beispiel ein Foto mit einer Digitalkamera, hinterlegt die ihr Farbraumprofil im digitalen Foto. Laden Sie das Bild anschließend im Gimp geladen, nutzt das Programm zunächst ein Standard-Farbraumprofil.

Um eine optimale Farbwiedergabe sowohl am Bildschirm wie auch am Drucker zu erzielen, laden Sie die vorher auf der Festplatte hinterlegten Farbraumprofile der diversen Ein- und Ausgabegeräte im Werkzeugfenster über den Dialog Einstellungen | Farbverwaltung. Unter Bildschirmprofil geben Sie das ICC-Profil ihres Monitorherstellers an. Zusätzlich geben Sie unter RGB Profil noch ein Profil für andere Eingabegeräte (Scanner, Fotokamera, etc.) an und laden das passende Profil für Ihren Drucker unter Drucksimulationsprofil.

Benutzbarkeit

Viele Neuerungen in Gimp 2.4 sind dem Open-Usability-Projekt [3] zu verdanken. Im Zug der weiteren Entwicklung wird es nicht beim Überarbeiten der Menüs und Werkzeuge bleiben, sondern die Entwickler wollen auch die Ergebnisse einer grundlegende Benutzbarkeitsanalyse umsetzen.

Dafür verantwortlich zeichnen Mitwirkende, die viel von ihrer Freizeit in die Benutzbarkeit von Gimp stecken. Unter anderem hat man auf einer eigens anberaumten Konferenz geklärt, welche Benutzergruppen das Programm ansprechen soll und welche funktionalen Anforderungen daraus resultieren (siehe Kasten "Was ist Gimp, was nicht?").

Zusätzlich hat man Grafikern, Fotografen und Designern über die Schulter geschaut, um zu erfahren, wie der grundlegende Arbeitsstil dieser Zielgruppen aussieht. Aufgrund der Ergebnisse erarbeitete das Projektteam konkrete Aufgaben, deren Umsetzung noch viel Entwicklungszeit verschlingen wird.

An einer kompletten Dokumentation der Funktionen von Gimp 2.4 arbeiten die Autoren im Moment noch. Zusätzlich soll es ausführliche Tutorien geben, um die Benutzern beim Einstieg zu unterstützen. Im Werkzeugfenster-Menü finden Sie unter Hilfe Menüeinträge, die zu solchen Tutorien im Handbuch führen.

Was ist Gimp, was nicht?

Die Entwickler definieren anhand von sechs Punkten [4], was Gimp ist und was nicht. Vorrangig soll das Bildbearbeitungsprogramm freie Software bleiben sowie eine Entwicklungsplattform für neue Bildbearbeitungsalgorithmen bieten. Als primärer Einsatzzweck liegen Fotobearbeitung und die Gestaltung von Icons im Fokus. Zudem soll sich Gimp soweit konfigurieren lassen, dass man damit wiederkehrende Arbeiten schnell erledigen kann. Gesteigerten Wert legen die Entwickler auf die Feststellung, dass Gimp kein Klon einer andern Bildbearbeitungssoftware sein soll – und insbesondere kein Adobe-Photoshop-Imitat.

Blick in die Zukunft

In der näheren Zunft wollen sich die Entwickler vor allem auf die Arbeit an einem neuen Programmkern konzentrieren: Der GEGL ("Generic Graphics Library") genannte neue Gimp-Core soll eine ganze Reihe von Neuerungen mitbringen, wie zum Beispiel eine bessere Unterstützung von hochauflösenden Fotografien (16 Bit und mehr je Farbkanal). Auch die Arbeitsweise beim Bearbeiten von Bilder soll sich verbessern. Den bisher verfolgten Ansatz der sukzessiven Bearbeitung, also des nacheinander erfolgenden Anwendens verschiedener Filter auf ein Bild, verwirft GEGL komplett. Ähnlich wie bei den von Adobe Photoshop bekannten Einstellungsebenen sollen künftig bei der Bildbearbeitung parallele Wege zum Ziel führen, wobei der Benutzer einzelne Funktionen ein- und ausschalten kann. Schon in der nächste stabilen Version 2.6 soll GEGL den bisherigen Kern ersetzen. Bis dahin wollen die Entwickler allerdings nicht noch einmal drei Jahre verstreichen lassen, sondern einen kürzeren Veröffentlichungszyklus realisieren – mal sehen, ob das auch klappt.

80 Minuten Videotraining: Gimp 2.4

Video2brain / Bettina K. Lechner

Video-Training Gimp -- ab Version 2.4

Addison-Wesley 2007

ISBN 978-3-8273-6125-7

DVD, 24 Seiten Bonusmagazin, 39,95 Euro

Sie möchten Sich in Gimp 2.4 einarbeiten? Auf der Heft-DVD zu dieser Ausgabe finden Sie im Verzeichnis video2brain eine Kostprobe von rund 80 Minuten Länge aus dem mehr als sechs Stunden umfassenden, profunden Videotraining von Video2brain, das Addison-Wesley zum Preis von 39,95 Euro anbietet.

Das im Adobe-Flash-Format gehalten Tutorial führt in gut verdaulichen kleinen Happen in die professionelle Bildbearbeitung, Fotoretusche und Webgrafik mit Gimp ein und lässt auch anspruchsvolle Aufgaben von Farbkorrektur über Bildkompositionen mit Ebenen bis hin zu Fotoretuschen und Webgrafiken nicht aus. Anders als es die Website zum Produkt vermuten lässt, kann man das Training nicht nur unter Windows und Mac OS, sondern auch unter Linux im Browser problemlos betrachten.

Den gut strukturierten und mit charmantem k.u.k.-Akzent vorgetragenen Ausführungen der Video-Trainerin Bettina Lechner lässt sich gut folgen. Eine komfortable Lesezeichen-Funktion ermöglicht, besonders interessante Stellen zu markieren oder nach einer Unterbrechung direkt an der zuletzt gesehenen Stelle fortzufahren. Einen Schönheitsfehler für Linuxer allerdings stellt dar, dass die Videos ausschließlich die Windows-Version von Gimp zeigen. Der Funktionalität tut das aber keinen Abbruch, denn das Gezeigte funktioniert ausnahmslos auch mit dem Linux-Gimp.

Glossar

Tango

Ziel des Tango Desktop Projects ist es, durch Stil-Richtlinien, Bibliotheken und ein einheitliches Benennungsschema für Icons ein konsistentes Aussehen der Benutzeroberfläche für freie Software zu erzielen.

ICC

International Color Consortium. Zusammenschluss von Herstellern von Bildbearbeitungsprogrammen mit dem Ziel, ein vereinheitlichtes Farbmanagement zu erzielen.

Infos

[1] Gimp: http://www.gimp.org

[2] Tango Desktop Project: http://tango.freedesktop.org/Tango_Desktop_Project

[3] OpenUsability: http://www.openusability.org

[4] Neugestaltung der Benutzeroberfläche: http://gui.gimp.org

[5] GEGL: http://www.gegl.org

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