E17-Fork: Bodhi Linux und der Moksha-Desktop

Aus LinuxUser 10/2015

E17-Fork: Bodhi Linux und der Moksha-Desktop

© Michal Bednarek, 123RF

Erleuchtung

Bodhi Linux 3.1.0 vereint die Vorzüge von Ubuntu mit dem brandneuen Moksha-Desktop, einem Fork von Enlightenment E17. Dabei eignet sich das System ganz ausgezeichnet für den Einsatz auf älterer Hardware.

Bodhi Linux setzt als einzige Ubuntu-basierte Distribution seit Langem auf den schlanken und optisch ansprechenden Enlightenment-Desktop als Standard-Arbeitsoberfläche. Mit dem neuen Release 3.1.0 präsentiert das Projektteam jetzt nicht nur ein runderneuertes System, das auf Ubuntu 14.04 mit LTS-Support aufsetzt, sondern nutzt erstmals auch den Enlightenment-Fork Moksha. Moksha (Sanskrit für “Erleuchtung” oder “Befreiung”) knüpft an die positiven Eigenschaften von Enlightenment E17 an, wie Schnelligkeit, geringen Ressourcenbedarf und Stabilität, und wurde zusätzlich von unnötigem Ballast befreit.

Vorbereitungen

Moksha glänzt trotz der noch sehr niedrigen Versionsnummer 0.1.0 nicht nur durch gute Konfigurierbarkeit und ein elegantes Erscheinungsbild. Aufgrund der moderaten Hardware-Anforderungen gelingt es damit, selbst ältere Computersysteme mit einer ansprechenden und zeitgemäßen grafischen Oberfläche wieder produktiv zu nutzen. Sogar auf sehr betagten Maschinen, auf denen ein originales Ubuntu schon gar nicht mehr starten würde, ist Bodhi Linux noch agil unterwegs.

Sie erhalten das Betriebssystem als ISO von der Projekt-Website [1]. Neben 32- und 64-Bit-Varianten steht auch ein Image für Legacy-Systeme bereit. Letzteres eignet sich insbesondere für Pentium-Systeme der ersten Generationen und unterstützt auch Prozessoren ohne hardwareseitige PAE-Erweiterungen. Als minimale Systemvoraussetzungen geben die Entwickler eine CPU mit mindestens 500 MHz Taktfrequenz an, 128 MByte Arbeitsspeicher sowie 3 GByte freien Speicherplatz auf der Festplatte. Somit lassen sich also auch bereits ausgemusterte Computersysteme mit einem Alter von zehn oder mehr Jahren wieder reanimieren.

Die Images von Bodhi Linux fallen allesamt deutlich kleiner als 600 MByte aus, Sie können sie problemlos auch auf älteren USB-Speichersticks mit geringer Kapazität oder auf CD-R-Datenträgern verwenden. Um das ISO-Image auf einem Speicherstick abzulegen, geben Sie bei angeschlossenem USB-Stick mit Administratorrechten einfach den Befehl aus Listing 1 im Terminal ein, wobei Sie den Laufwerksnamen /dev/sdX durch den aktuell für Ihren Speicherstick vergebenen Device-Namen ersetzen. Viele Systeme sprechen den USB-Stick als zweites Speichergerät (/dev/sdb) an.

Beachten Sie bitte, dass der Installationsvorgang mehrere Minuten Zeit beansprucht, da die Schreibgeschwindigkeiten gängiger USB-Sticks relativ gering ausfallen. Alternativ zur Installation per Terminal können Sie auch ein grafisches Tool wie Unetbootin verwenden [2].

Listing 1

# dd if=/Pfad-zum-ISO/Image of=/dev/sdX bs=512k<C>

Erster Start

Beim ersten Start vom USB-Stick oder vom optischen Datenträger gestattet der Bootloader Grub lediglich den Live-Betrieb des Systems. Die Installation auf einem in den Computer eingebauten Massenspeicher aus Grub heraus ist nicht vorgesehen. Für den Fall, dass das Betriebssystem in der üblichen Live-Variante nicht starten sollte, bietet das Menü einen zusätzlichen Modus an, in dem es Bodhi Linux mit einem VESA-kompatiblen Grafiktreiber lädt.

Nach Auswahl eines der beiden Startmodi präsentiert sich Bodhi Linux erfreulich schnell mit einem überraschend unauffällig wirkenden Moksha-Desktop (Abbildung 1). Außer einer unten auf der Arbeitsoberfläche horizontal angeordneten Leiste befindet sich kein weiteres Element auf dem Desktop. Das Panel selbst beherbergt lediglich ganz links den Knopf für das Startmenü, daneben zwei Applikationsstarter und rechts einen kleinen Systembereich. Dort zeigt es Uhrzeit, Datum, virtuelle Desktops und Netzwerkverbindungen an.

Abbildung 1: Der flinke, unauffällig wirkende Moksha-Desktop lässt sich detailliert an die eigenen Vorstellungen anpassen.

Abbildung 1: Der flinke, unauffällig wirkende Moksha-Desktop lässt sich detailliert an die eigenen Vorstellungen anpassen.

Die einzelnen Untermenüs tragen englischsprachige Bezeichnungen und weisen nur einen sehr begrenzten Softwarebestand auf: So findet sich in den Menüs weder eine Bürosuite noch ein Bildbearbeitungsprogramm. Auch auf einen Mailclient haben die Entwickler verzichtet, als Webbrowser fungiert der aus dem Fundus des XFCE-Desktops stammende schlanke Midori. Die verfügbaren Programme umfassen fast ausschließlich native Applikationen für den Enlightenment-Desktop: ePhoto dient als Bildbetrachter, ePad fungiert als einfacher Texteditor, und der schnelle Dateimanager PcmanFM rundet das grundlegende Angebot ab.

Im Untermenü Settings jedoch manifestiert sich eindrucksvoll die Entwicklungsphilosophie der Moksha-Programmierer: Hier finden Sie unzählige Einträge zum individuellen Anpassen der Arbeitsoberfläche. Entgegen dem derzeitigen Trend von Gnome, Unity und Co., möglichst wenig Konfigurationsoptionen zu bieten, um den Anwender nicht zu verwirren, geht Moksha ähnlich wie KDE den entgegengesetzten Weg: Hier lässt sich das Erscheinungsbild bis in das kleinste Detail individualisieren, sodass jeder Desktop fast ein Unikat darstellt.

Das stationäre Einrichten des Systems stoßen Sie aus dem Live-Desktop über den Schalter Install Bodhi an. Diesen rufen Sie entweder links unten im Panel auf oder über das Menü Applications | Preferences. Der sich daraufhin öffnende grafische Installer führt in wenigen Schritten zu einem einsatzfähigen Betriebssystem auf der Festplatte, wobei das Tool auch verschlüsselte Datenträger und Verzeichnisse sowie das Einrichten eines LVM-Systems ermöglicht.

Im Gegensatz zu anderen Installationsroutinen lässt sich kein nutzbares Root-Konto anlegen, und auch andere Optionen fehlen, wie die Auswahl eines Bootloaders und dessen Konfiguration. Im Test fiel zudem in der 64-Bit-Variante ein Bug der Routine auf: Der Installer ignorierte die von uns angewählte deutsche Lokalisierung, sodass Bodhi Linux nach wie vor in englischer Sprache startete – lediglich die deutsche Tastatureinstellung funktionierte.

Von der Platte

Wie im Live-Betrieb lädt Bodhi Linux auch im Einsatz von der Festplatte direkt nach dem Start automatisch den Webbrowser Midori mit einer lokalen Seite, die Hinweise zum Einrichten und Nutzen des Systems anbietet. Da das Betriebssystem zudem automatisch eine Aktualisierung vornimmt, sollte außerdem eine Internet-Verbindung bestehen.

Das Einrichten eines WLAN-Zugangs erledigen Sie über den Eintrag Network Connections im Untermenü Applications | Preferences. Im Test fiel Bodhi Linux dabei durch eine schwächelnde Hardware-Erkennung auf: So erkannte es die intern in einem Notebook verbaute WLAN/Bluetooth-Combo-Karte beispielsweise nicht. Erst mit einem externen WLAN-Dongle gelang der Verbindungsaufbau.

Das Funktionieren des Netzzugangs zeigt Bodhi Linux nach kurzer Wartezeit im Panel an. Im Menü Applications | System Tools finden Sie eepDater, das Werkzeug zum Aktualisieren des Systems. Der Aufruf des Tools mittels Linksklick führt Sie in ein intuitiv zu nutzendes Programmfenster. Dort erscheint nach Abfrage der Update-Server eine Liste aller Pakete, für die ein Update zur Verfügung steht (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das Update des Systems geht dank eepDater schnell vonstatten.

Abbildung 2: Das Update des Systems geht dank eepDater schnell vonstatten.

Hier wählen Sie durch Setzen eines Kreuzchens in der ersten Spalte (Upgrade) jene Pakete aus, die Sie aktualisieren möchten. Nach einem Klick auf Apply oben rechts im Fenster bringt eepDater die ausgewählten Pakete auf den aktuellen Stand.

Der Desktop

Nach der Migration von Enlightenment E18 auf E19 als Desktop in Bodhi Linux 3.0.0 vollzogen die Entwickler in der neuen Version 3.1.0 mit der Einführung der Moksha-Arbeitsoberfläche erneut eine Wende. Laut Jeff Hoogland, dem führenden Kopf hinter Bodhi Linux, erwies sich der Enlightenment-E19-Desktop insbesondere für ältere Rechner als zu schwerfällig und ressourcenfressend.

Obendrein geriet die Entwicklungsphilosophie des E19-Projekts immer wieder in Konflikte mit derjenigen der Distribution: Während die Bodhi-Entwickler dem Anwender weitgehende Konfigurationsfreiheit geben wollten, amputierte das Enlightenment-Projekt einer vermeintlich besseren Bedienbarkeit wegen in E19 viele Einstelloptionen. Außerdem gestaltete sich die Kooperation zwischen Betriebssystem-Entwicklern und Desktop-Programmierern zunehmend schwierig: Fehlerkorrekturen flossen nur schleppend in den E19-Desktop ein, da das Enlightenment-Team seine ganze Aufmerksamkeit bereits auf die Nachfolgeversion E20 richtete.

Diese unerfreulichen Reibereien führten schließlich zur Abspaltung des Moksha-Projekts [3] von Enlightenment. Die dem Moksha-Desktop zugrundeliegende Arbeitsoberfläche Enlightenment E17 gilt als außerordentlich stabil und – durch jahrelange Pflege – auch als weitestgehend fehlerfrei.

Einstellungssache

Im Untermenü Settings bietet Bodhi Linux mit dem Settings Panel ein zentrales Werkzeug zum Konfigurieren des Systems und des Desktops an. Mit diesem Werkzeug passen Sie das Betriebssystem unter anderem für die deutsche Sprache an. Im zentralen Menü des Settings Panel finden Sie oben horizontal angeordnet eine Reihe von Schaltern zur Systemkonfiguration. Um die deutsche Tastaturbelegung einzustellen, wählen Sie von hier ausgehend das Menü Extensions und anschließend links die Gruppe Modules an, die oben horizontal wiederum eine Gruppe Utilities enthält. Darin finden Sie links den Eintrag Keyboard.

Um die länderspezifischen Tastaturbelegungen zu aktivieren, klicken Sie unten im Fenster auf den Button Load und wählen anschließend das gewünschte Layout aus. Ebenso stellen Sie die deutsche Desktop-Lokalisierung ein, die Sie über das Menü Settings Panel | Extensions | Modules | Settings | Language erreichen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Mit dem Einstellungsdialog konfigurieren Sie Ihr System.

Abbildung 3: Mit dem Einstellungsdialog konfigurieren Sie Ihr System.

Das Settings Panel bietet zusätzlich Einstellmöglichkeiten zum Moksha-Desktop – darunter Hintergründe, Themes, das Erscheinungsbild der Fenster und die Menükonfiguration – sowie zur Hardware (Powermanagement, Cache-Einstellungen). Auf diese Weise nehmen Sie die Konfiguration bequem in einem einzigen Tool mit einheitlicher Oberfläche von.

Module, Gadgets und Shelves

Für alte Linux-Hasen etwas verwirrend: In der Moksha-Nomenklatur handelt es sich bei “Modulen” nicht etwa um Linux-Treiber zum Ansteuern der Hardware, sondern um kleine Applikationen, die der Desktop mit einem Schnellstarter in die Panelleiste integriert. Über den Menüpunkt Extensions | Modules erreichen Sie einen Dialog, in dem Sie aus einer Liste wählen, welche Module Moksha im Panel anzeigt. Dabei fasst die Auswahl die verfügbaren Module funktionell in Untergruppen zusammen. Einige der Miniprogramme lassen sich auch frei auf der Arbeitsoberfläche positionieren (Abbildung 4).

Abbildung 4: Mithilfe des Modul-Dialogs binden Sie kleine Applets in den Moksha-Desktop ein.

Abbildung 4: Mithilfe des Modul-Dialogs binden Sie kleine Applets in den Moksha-Desktop ein.

Aufgrund der hohen Modularität des Moksha-Desktops können Sie diesen selbst im Detail Ihren Wünschen anpassen. Dazu bieten sich die sogenannten Gadgets an. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Info-Anzeigen, die beispielsweise über den Ladestand des Akkus, die CPU-Last sowie über Datum und Uhrzeit informieren. Solche Gadgets wählen Sie ebenfalls im Settings Panel aus, allerdings nur dann, wenn Sie zuvor die dazugehörigen Module installiert haben.

Moksha fasst die Gadgets wiederum in sogenannten Shelves zusammen. Solche Shelves dürfen Sie an allen Bildschirmrändern anbringen, wobei die Auswahl der jeweils darin befindlichen Gadgets und Starter keinen Beschränkungen unterliegt. Den Einstellungsdialog für die Shelves finden Sie unter SettingsShelves.

Softwareinstallation

Da der vorinstallierte Softwarebestand in Bodhi Linux recht schmal ausfällt, kommt meist schnell der Wunsch auf, zusätzliche Applikationen zu installieren. Dazu bringt Bodhi Linux ähnlich wie einige andere Distributionen ein App-Center mit (Abbildung 5). Es ist online verfügbar und startet automatisch, sobald Sie den Standard-Webbrowser Midori aufrufen.

Abbildung 5: Über das App-Center installieren Sie zusätzliche Programme.

Abbildung 5: Über das App-Center installieren Sie zusätzliche Programme.

Die optisch schlichte Oberfläche des App-Centers beinhaltet diverse Software-Kategorien, die Sie per Mausklick öffnen und darin stöbern. Falls Sie bereits wissen, welche Anwendung Sie benötigen, geben Sie deren Namen in ein Suchfeld ein und lassen sich deren Kurzbeschreibung – sofern vorhanden – im App-Center anzeigen. Ein erneuter Klick auf den Programmnamen bringt Sie auf die Installationsseite, wo Sie nochmals auf den Install-Schalter klicken. Das System lädt daraufhin die Applikation herunter und richtet sie nach einer Sicherheitsabfrage auf dem System ein, wobei es Abhängigkeiten automatisch auflöst.

Das App-Center fällt vor allem durch eine teils ungewöhnliche Software-Auswahl auf: So offeriert die Kategorie Office-Anwendungen nicht nur LibreOffice und Apache OpenOffice, sondern auch die aus China stammende Bürosuite WPS/Kingsoft-Office. Findet sich im App-Center mit seinem noch recht überschaubaren Fundus die gewünschte Software nicht, dann packen Sie aus diesem Tool heraus einfach Synaptic auf den Massenspeicher. Damit stehen Ihnen die sehr umfangreichen Ubuntu-Repositories zur Verfügung, die nahezu keine Wünsche offenlassen.

Bodhi Linux bringt im App-Center auch unterschiedliche Multimedia-Software mit. Wie bei den meisten Distributionen müssen Sie zu deren Verwendung jedoch noch die passenden Audio- und Video-Codecs installieren. Eine Ausnahme bildet der Videoplayer VLC, der seine eigenen Codecs mitbringt und daher die meisten Multimedia-Formate problemlos von Haus aus abspielt. Fehlende Codecs ziehen Sie dabei über Synaptic nach, indem Sie dort für Anwendungen, die Gstreamer nutzen, die entsprechenden Plugins auswählen. Möchten Sie auf dem System Anwendungen verwenden, die Xine nutzen, wie etwa Amarok, dann empfiehlt sich zusätzlich das Einrichten der Xine-Plugins, die Sie ebenfalls über Synaptic auf den Massenspeicher packen.

Fazit

Bodhi Linux stellt insbesondere für Anwender, die auf älterer Hardware einen soliden Allround-Desktop mit großem Software-Fundus betreiben möchten, eine brauchbare Alternative zu den gängigen Distributionen dar. Dabei müssen Sie nicht auf ein elegantes Erscheinungsbild verzichten, und der neue Moksha-Desktop kitzelt selbst aus alten Grafikkarten noch sehr ansprechende optische Effekte heraus. Zudem agiert er erfreulich flüssig und lässt sich detailliert konfigurieren.

Den Bodhi-Entwicklern ist es außerdem vorzüglich gelungen, die überragende Stabilität des E17-Desktops auch im Moksha-Zweig beizubehalten, sodass diese Variante der Enlightenment-Oberfläche trotz der niedrigen Versionsnummer bereits sehr ausgereift wirkt. Das einziges Manko stellt die etwas umständliche Lokalisierung dar, die Sie gesondert für den Desktop und die Tastaturbelegung vornehmen müssen. 

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