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Schach dem König!

Shredder 11 für Linux im Test

01.01.2008 Nach fast zwei Jahren Entwicklungspause legt Shredder-Entwickler Stefan Meyer-Kahlen mit der Version 11 wieder eine native Engine für Linux auf den Ladentisch.

Schachfans kamen dank der freien Programmier-Community unter Linux eigentlich schon immer auf ihre Kosten. Neben zahlreichen Oberflächen, wie Knights oder Xboard, stehen die sehr zu empfehlende Datenbank Scid [1] sowie zahlreiche freie Engines (Kasten "Schachengines") bereit. Selbst umfangreichere Projekte, wie JoseChess [2], welche deutlich über das profane Schachspielen hinausgehen, buhlen um die Gunst des Anwenders.

Allerdings verrät der Blick über den Tellerrand, was kommerzielle Interessen alles möglich machen: Nicht ohne Grund führen fast ausschließlich kostenpflichtige Programme die Bestenlisten der Schachengines an. Zwar bekam die Linux-Welt dank Fruitchess [3] einen ehemaligen Ranglistenführer Mitte des Jahres quasi geschenkt, doch das Gros bleibt nicht nur kommerziell, sondern in den meisten Fällen – inklusive des Marktführers Chessbase – den Linux-Anwendern gänzlich verschlossen.

Bereits Anfang 2006 versuchte ein Entwickler eine Bresche in Richtung Linux zu schlagen: Der Shredder-Autor Stefan Meyer-Kahlen veröffentlichte seine damals aktuelle Weltmeister-Engine Shredder 9 gleichzeitig unter Windows, Mac OS und Linux [4]. Als grafisches Interface diente unter Mac OS und Linux ein Java-Programm, das jedoch einige Wünsche offen ließ.

Fast zwei Jahre Entwicklungspause deuteten die Linux-Anhänger unter den Shredder-Fans dann aber als Zeichen dafür, dass Meyer-Kahlen sich aus der Linux-Welt verabschiedet hatte. Doch nachdem nur für Windows zwischenzeitlich die Version 10 erschienen war, scheint die neue Linux-GUI (Abbildung 1) soweit gewachsen zu sein, dass Meyer-Kahlen mit der Programmversion 11 wieder einen Dreierwurf wagt.

Abbildung 1: Shredder 11 bringt eine professionelle und verbesserte Oberfläche mit.

Woher nehmen?

Das Programm steht über die Website zum Kauf bereit [5]. Eine für den Handel vorgesehene Box mit Begleitbuch gibt es nicht, auch wenn die Site das suggeriert. Meyer-Kahlen bietet Shredder wieder in drei verschiedenen Versionen an (Tabelle "Shredder zum Kaufen"). Falls Sie Shredder 11 erst einmal ausprobieren wollen, erlaubt der Anbieter auch das Herunterladen einer Demoversion.

Shredder zum Kaufen

Deep Shredder 11 Linux Schach für Doppelprozessor oder Doppelkernmaschinen. Läuft auch auf Einzelkernprozessoren, verhält sich dort aber wie die normale Version rund 100 Euro
Shredder 11 Linux Standardvariante, die nur einen Prozessorkern benutzt rund 50 Euro
Shredder Classic 3 Linux Schach-GUI mit einer deutlich spielschwächeren Shredder-Engine rund 30 Euro
Upgrade Besitzer von Deep Shredder 9/Shredder 9 erhalten Rabatt bei Eingabe des alten Lizenzschlüssels 20 Euro/10 Euro

Der Demoversion fehlen jedoch einige Dienste, wie das Speichern oder Drucken von Partien. Weil gerade letzteres ein herber Kritikpunkt der fast zwei Jahre alten Vorgängerversion war, interessiert die Qualität dieses neuen Features sicher so manchen Schachliebhaber, für dessen Test aber leider erst der Kauf ansteht. Der erfolgt problemlos online und liefert am Ende einen rund 7 MByte großen Tarball. Den entpacken Sie mittels tar -xfj shredder11.tar.bz2 und entdecken im entstandenen Shredder11-Ordner ein Startskript namens Shredder11.

Allerdings startet es unter der aktuellen OpenSuse 10.3 nicht. Wir mussten zuerst die Zeilen 5 und 10 an unser Testsystem anpassen, weil das Script InstallJava ebenso versagte. Die voreingestellten Parameter JREDIR und JVER ändern Sie auf die Vorgaben Ihres Systems. So reichte es im Test aus, die Versionsangabe jre1.6.0_03 in jre1.5.0_13 und die Nummer 1.6.0_ aus Zeile 10 in 1.5.0_ zu wandeln. Die Konsoleneingabe java -version verrät die installierte Java-Version, welche von System zu System gerade in den letzten beiden Ziffern sehr variiert.

Viel Neues?

Obwohl die Classic-Oberfläche auf den ersten Blick kaum Neuerungen bietet, so gibt es doch einiges von neuen Features zu berichten. Als erstes dürften dem spielenden Anwender wohl zwei Dinge ins Auge fallen: Ein weiteres Programmfenster zeigt ein Partieprofil an (Abbildung 2), wie man es aus einigen kommerziellen Windows-Pendants bereits kennt. Anhand einer Balkenstatistik verfolgen Sie so, an welcher Stelle der Partie nach Ansicht der Programmlogik beide Gegner Verluste oder Gewinne erzielt haben. Für glänzende Augen beim Schach-Fan sorgt aber erst der Anblick des neuen Reiters Online EGTB im Fenster Suchinformationen.

Abbildung 2: Eine neue Partieprofilanzeige verrät dem Spieler hier im Zug Nr. 5 einen groben Patzer.

Meyer-Kahlen erlaubt in Shredder 11 nun endlich auch Linux-Kunden den Zugriff auf die gut 1,1 TByte große Endspieldatenbank (siehe Kasten "Endspieldatenbank"), die auch 6-Steiner-Endspiele richtig zu lösen weiß (außer "5 gegen 1"). Befinden Sie sich in einer solchen Spielsituation, so genügt ein Klick auf den Schalter Online (Abbildung 3), um den entsprechenden Tabellenteil anzusehen. Käufern bietet Shredder eine 157 MByte große Endspieltabelle für 3-, 4- und 5-Steiner-Endspiele an. Sie binden diese per Pfadangabe über Ablage | Optionen im Reiter Tablebases ein.

Abbildung 3: Per Klick auf Online greift Shredder nun endlich auch in der Linux-Version auf die 6-Steiner-Endspieltabellen.

Endspieldatenbank

Ab einer bestimmten Endspielsituation ist es inzwischen für einen Computer nur eine Frage der Zeit, die Partie ordnungsgemäß abzuwickeln. Früher war es Spielern möglich, Computer aufgrund der geringen Rechentiefe im Endspiel durch vorausschauende Logik auszutricksen. Heute greifen moderne Programme auf so genannte Endspieltabellen (EGTB) zurück. Diese erlauben es dem Rechner, quasi keinen Fehler mehr in diesem Spielabschnitt zu machen: Sie rufen die korrekte Lösung aus der Datenbank ab.

Alle Positionen eines Endspiels mit sechs verbleibenden Steinen auf dem Feld zu speichern erfordert aber immensen Speicherplatz. Die heimische Festplatte stieße da schnell an ihre Grenzen. Daher gibt es Online-Datenbanken, auf die moderne Schachprogrammme zurückgreifen. Eugene Nalimov gilt quasi als Erfinder der EGTBs. Zumindest war er der erste, der alle legalen 5-Steiner-Endspielpositionen berechnete.

Das mitgelieferte, rund 92 MByte große Eröffnungsbuch binden Sie jedoch im Reiter Buchoptionen über den Schalter Buch wechseln ein. Kaufkunden gewährt der Programmautor hier ebenfalls einen Onlinezugriff auf eine über ein GByte große Eröffnungsdatenbank mit rund 16 Millionen Zügen. Befinden Sie sich beispielsweise in einem kniffligen Eröffnungsspiel, erhalten Sie über den Schalter Online im Fenster Suchinformationen | Buchzüge Informationen darüber, wann, mit welcher Spielerstärke und vorallem, welchem Ergebnis sich die aufgeführten Möglichkeiten bereits bewährt haben.

Insgesamt wirkt die Java-Oberfläche in der aktuellen Version recht flüssig. Desweiteren bietet Shredder 11 über das Menü Ablage zwei Druckfunktionen an: Stellung drucken und Partie drucken. Die passenden Menüs hat der Hersteller zwar beim Übersetzen vernachlässigt (Abbildung 4), die Qualität des Ausdrucks überzeugt aber.

Abbildung 4: Leider reicht die Übersetzung nicht in alle neuen Menüstrukturen hinein. Die Druckerdialoge bleiben englisch.

Die Software bietet die Möglichkeit, die Seite im Hochformat, Querformat und im umgekehrten Querformat auszudrucken. Im nächsten Menü erlaubt Shredder außerdem noch das Drucken in eine Datei im Postscript-Format. Eine solche Datei schauen Sie sich zum Beispiel mit dem Betrachter KGhostview an oder konvertieren sie mit dem Konsolentool Ps2pdf in das portable PDF-Format. Eine kombinierte Druckfunktion mit Diagrammen in einem Partieverlauf bleibt Shredder dem Anwender auch weiterhin schuldig.

Unter dem Menüpunkt Modus finden Sie neue Analysemöglichkeiten. So beurteilt das Programm eine geladene Partie und fügt auch Kommentare in Form von Bauernstärken ein. Es spielt auf Wunsch auch eine beliebige Spielsituation selbstständig aus. Obwohl das im Prinzip schon fast dem Modus "Engine gegen Engine" entspricht, hat Meyer-Kahlen diese beliebte Funktion den Linux-Kunden auch in dieser Programmversion nicht spendiert. Dafür gibt es ein neues digitales Uhrenlayout zu bewundern (Abbildung 5), welches bei Blitzpartien für mehr Übersicht sorgt.

Abbildung 5: Eine digitale Uhr ermöglicht in Blitzpartien ein besseres Ablesen der Zeit.

Die sonstigen Neuerungen zeigen sich eher im Detail: So bietet die Engine von sich aus ein Remis an oder gibt gar auf, wenn die Lage hoffnungslos erscheint. Wollen Sie Shredder 11 aber bis zum finalen Schlag mit einem Schachmatt niederkämpfen, entfernen Sie im Optionen-Menü ([Strg]+[,]) im Reiter Engineoptionen das entsprechende Häkchen. Ein eingebauter Schachtrainer (Abbildung 6) überwacht Ihre Partien und meldet sich bei allzu groben Patzern. Sie beurlauben diesen neuen Freund, indem Sie das Häkchen im Menü Hilfe | Coach passt auf entfernen.

Abbildung 6: Vorsicht! Der neue Coach warnt vor Patzern und zeigt das Problem an.

Leider erlaubt es die Software nicht, seine Empfindlichkeit gegenüber Fehlern einzustellen. Im Spiel erwies er sich aber als zuverlässiger Kiebitz, der sich bei drohendem Bauernverlust (-1.0) auf jeden Fall meldet. Als Enttäuschung gilt weiterhin die Datenbankfunktion. Hier hat sich gar nichts geändert. So gibt es noch immer keine vernünftige Suche beispielsweise nach Stellungsbildern. Zu allem Überfluss riegelt das Programm bei 2000 gespeicherten Partien ab. Das reicht allemal zum Speichern und Verwalten der persönlichen Partien des Nutzers, aber erlaubt keinen sinnvollen Datenbankeinsatz für ein Eröffnungstraining.

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Infos zum Autor

Mirko Albrecht

Mirko Albrecht schreibt seit Ende 2004 regelmäßig Beiträge für die Zeitschriften LinuxUser und EasyLinux. Wenn er nicht gerade eine neue Distribution ausprobiert, spielt er gern Schach oder fotografiert die Welt.
Seine Rechner werden meist von Xubuntu oder Opensuse bevölkert.


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LinuxUser 03/2012

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