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Gute alte Zeit

01.01.2008

Sehr geehrter Herr Luther, sehr geehrter Herr Pelkmann,

ich erinnere an dieser Stelle einfach mal an die gute alte Zeit, sprich: an die Ausgabe 07/2005 von LinuxUser. Dort stand in einem Beitrag über Ubuntu 5.04 [1] zu lesen: "Um das Kernel-Modul beim Systemstart zu laden, hängen Sie mit Root-Rechten ausgestattet mit einem Texteditor der Datei /etc/modules eine neue Zeile mit dem Eintrag fglrx an. Dann geben Sie auf der Kommandozeile sudo dpkg-reconfigure xserver-xfree86 ein und wählen im Konfigurationsdialog statt ati den Eintrag fglrx."

Diese Ausgabe der LinuxUser ist für mich persönlich ein historischer Anblick: Es war die erste Linux-Zeitschrift, die ich mir jemals gekauft habe. Zu diesem Zeitpunkt nutzte ich noch Suse 9.3 Professional, nach der Ausgabe dann Ubuntu 5.04 von der Heft-CD. Es war der oben zitierte Absatz, der mich zum Wechsel anspornte. Suse ähnelte Windows: Klick, klick, fertig – YaST eben. Warum sollte ich ein Linux nutzen, das wie Windows zu bedienen ist? Sicherlich stellte Suse gegenüber Windows für mich schon einen gewaltigen Fortschritt dar, es lief wesentlich stabiler. Doch ich wollte mehr: Ich wollte ein Linux-User werden!

Als Maßstab diente mir Ihre Zeitschrift. Am Anfang habe ich noch nicht jeden Artikel verstanden. Ich dachte: "Was gehen die Pinguine ab?!?" oder "Ich will Linux auch drauf haben!". Ihre Zeitschrift brachte mich mit dieser einen Ausgabe und vor allem dem zitierten Absatz dazu, drei Entscheidungen zu treffen:

  • Ich will ein Linux-User werden und Linux als Anwender beherrschen,
  • Windows werde ich nur noch in der Übergangszeit benutzen (ich bin seit einem Jahr Windows-frei) und
  • ich werde mir LinuxUser häufiger kaufen.

Aus dem "häufiger" wurde dann jede Ausgabe und schließlich ein Abonnement. Mich reizte Ihre Zeitschrift aus zwei Gründen: Erstens bekam man alles vernünftig erklärt, und zweitens erhielt man Einblick, was man da mit seinem Rechner anstellt. Anfangs verstand ich vieles nicht, doch dann wurde von Ausgabe zu Ausgabe alles klarer und transparenter. Dazu muss man sich allerdings schon mit der Thematik auseinander setzen. Bei Linux ist alles eine Datei, das hat sich mir als Grundsatz eingeprägt. Läuft etwas nicht, dann muss man eben die /etc/modules, /etc/apt/sources.list oder eine andere entsprechende Datei editieren und wissen, was man da tut.

Heute, nur zwei Jahre später, sieht das anders aus: Ubuntu startet mit einem Ladebalken wie Windows XP – vorbei die Zeit, in der man schon beim Start des Systems mitverfolgen konnte, wie gut (oder auch schlecht) das installierte System seinen Dienst versah. Als Windows Vista herauskam, hörte man in diversen Linux-Foren förmlich das Gelächter: Das System schluckt enorme Ressourcen, das grafische Gewackel braucht kein Mensch, und obendrein hat Microsoft da bei Mac OS beziehungsweise Compiz/Beryl abgekupfert. Compiz lief seinerzeit nicht auf meinem Rechner – und darüber war ich froh: Ich möchte, dass mein System schnell ist, schließlich ist es zum Arbeiten da. Ich möchte nicht jedes Mal warten, bis das lächerliche Gewackel der Fenster aufhört.

Vor wenigen Wochen kam Ubuntu 7.10 "Gutsy Gibbon" heraus. Zum ersten Mal funktionierte nicht das direkte Aktualisieren auf die neue Version mit dem Befehl sudo update-manager -c. Das Upgrade lief zwar durch, jedoch bootete das neue, angeblich "kugelsichere" X.org ([2],[3]) nicht. Stattdessen startete ein minimaler grafischer, "abgesicherter" Modus (wie bei Windows) in dem man dann alles konfigurieren soll. Ich kam beim ersten Start des aktualisierten Ubuntu nicht einmal in die Konsole, in der ich sonst immer Hand anlege. Also installierte ich "Gutsy" von CD komplett neu und war erschrocken: Mein Lüfter stellt neue Umdrehungrekorde auf, das System fühlt sich träge an, die Fensterwabbelei à la Vista nervt ebenso wie der X-Server, der in Windows-Manier bei Problemen in den abgesicherten Modus fährt, etc. pp.

Hat hier Canonical den sprichwörtlichen "Griff ins Klo" gemacht und Sie, Herr Luther, hatten eben recht mit Ihrem Editorial [4] in Ausgabe 11/2007? Zumindest bin ich nicht der einzige User, der sich über Gutsy aufregt [5]. Oder trifft Ubuntu etwa doch den Geist der Zeit, wenn es Mac OS und Windows imitiert, und Sie, Herr Pelkmann, meinen zurecht, genau das wollten die meisten Linux-Anwender [6]? Ich finde, es spricht Bände, dass gerade die Team-Mitglieder von Ubuntu-Forum.de und viele langjährige Ubuntu-Nutzer entweder wieder auf "Feisty" downgraden oder Debian ("Lenny" und "Etch") einsetzen. Erlebt Debian möglicherweise deshalb ein Comeback, weil Ubuntu zunehmend zum Klicki-bunti-System mutiert?

Wie dem auch immer sei: Ich denke, Ihre beiden Editorials der Ausgaben 11 und 12/2007 sind wichtig für Ihre Zeitschrift. Sie müssen sich entscheiden, welchen Weg LinuxUser gehen soll. Möchten Sie ein Klicki-bunti-Magazin werden oder das bleiben, was Sie sind: das Magazin für die Praxis? Folgen Sie dem von Canonical eingeschlagenen Weg, werden Sie mich als Leser verlieren (ich wechsle dann zum Linux-Magazin) – aber dafür eventuell viele interessierte Klicki-Buntis als Leser gewinnen. Meine Meinung zu Ihren Editorials können Sie in meinem Blog nachlesen ([7],[8]).

Mit freundlichen Grüßen,

Helmut Roewer

LinuxUser-Leser

Infos

[1] Ubuntu "Hoary": Casten Schnober, "Den Igel auf die Festplatte", LinuxUser 07/2005, S. 6, http://www.linux-user.de/ausgabe/2005/07/006-ubuntu/

[2] "Nie wieder xorg.conf": http://ubuntuusers.de/ikhaya/674/

[3] "Kugelsicher?": http://forum.ubuntuusers.de/post/978077/

[4] Editorial 11/2007: Jörg Luther, "Linux für alle?", LinuxUser 11/2007, S. 5, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/11/005-editorial/

[5] "Was bei euch seit Gutsy nicht mehr geht": http://forum.ubuntuusers.de/topic/123363/

[6] Editorial 12/2007: Thomas Pelkmann, "Linux für alle!", LinuxUser 12/2007, S. 3, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/12/003-editorial/

[7] "Linux ist nicht Windows": http://www.dunkelangst.org/2007/10/29/linux-ist-nicht-windows/

[8] "Erinnerung an die gute alte Zeit":http://www.dunkelangst.org/2007/11/14/erinnerung-an-die-gute-alte-zeit/

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Kommentare
Und Tschüss Ubuntu
Dunkelangst (unangemeldet), Montag, 09. März 2009 04:29:44
Ein/Ausklappen

Die Konsequenz aus diesem Gastkommentar kann man unter [1] nachlesen.

Gruß
Helmut Roewer

[1]: http://www.dunkelangst.org/2008/09/23/und-tschus-ubuntu/


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Re: Hallo Ubuntu?
Dunkelangst (unangemeldet), Samstag, 14. März 2009 00:56:57
Ein/Ausklappen

Ist Linux eine freie Alternative zu Windows oder nur (noch) ein Ersatz?

Angenommen, Microsoft würde morgen Windows Vista für jeden Menschen kostenlos und legal zum Download anbieten. Was bleibt dann von der Ubuntu Community übrig? Was bleibt von der Debian GNU/Linux Community übrig?

Anworten auf diese Fragen und zum vorherigen Blog Beitrag unter [1].

Gruß
Helmut Roewer

[1]: http://www.dunkelangst.org/2009/03/13/hallo-ubuntu/


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