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Der Werwolf im Mondschein

Fedora 8

06.02.2009 Mit dem, für große Linuxdistributoren zwanghaft gewordenen Halbjahres-Release-Karussell, gibt es nun auch bei Red Hat den neuesten Open-Source-Sprössling zu bewundern: Fedora Core 8, Codename Werewolf. Wir zeigen Ihnen, ob der Wolf Zähne hat und ob ein Upgrade auf Fedora 8 lohnt.

Nach den großen Reformjahren auf dem Linux-Markt kristallisiert es sich nun heraus: Es gibt viele kleine Distributionen, die vor allem Nischen suchen, um ihr Dasein zu rechtfertigen und es gibt die großen Derivate für alle. Letztere zerfielen in den letzten Jahren zum großen Teil in einen Basiszweig, dessen offene Quellen eine spezielle Community entwickelt und pflegt und in einen kommerziellen Bereich, hinter dem eine größere Firma steht. Die entwickelt dann aus dem Basisprodukt eine Produktpalette, zum Beispiel im gewerblichen Serverbereich.

Die Community erhält dabei kräftige, vor allem finanzielle, Unterstützung von der Firma, was auf ausgereifte, quelloffene und kostenfreie Produkte hoffen lässt. So auch im Fedora-Projekt [1], das die Grundlage und Ausgangsposition für eine erfolgreiche und leistungsfähige Serverpalette des Sponsors Red Hat bildet. Wir eruieren anhand der beiden installierbaren Live-CDs für Gnome und KDE, ob Fedora auch als Community-Distribution den Nutzern ein angenehmes und sicheres Arbeitsumfeld bietet.

Booten & Testen

Auf unserer Heft-DVD finden Sie beide Live-CDs. Die erlauben es, Fedora in der neuesten Release ausgiebig zu testen und erst bei Gefallen zu installieren. Weitere Download- und Installationsmöglichkeiten listet der Kasten Fedora 8 – Versionen auf.

Fedora 8 – Versionen

Das Community-Projekt lässt Ihnen die Wahl zwischen einem Gnome- und einem KDE-Desktop. Neben den beiden Live-Medien von unserer Heft-DVD bietet die Internetseite [3] Fedora 8 auch für die Architekturen x86_64 und ppc an. Laden Sie die Image-Dateien über einen der zahlreichen Spiegel-Server herunter oder nutzen Sie einen der BitTorrent-Links.

Wollen Sie die ca. 3,2 GByte große DVD zur Installation einsetzen, wählen Sie auch hier zwischen den Architekturen i386, x86_64 und ppc. Der Vorteil: Sie müssen nur wenige Codecs oder proprietäre Software aus dem Internet nachladen. Während der Installation wählen Sie einfach aus, ob Sie Gnome, KDE oder XFCE als Standard-Desktop wählen wollen.

Beide Live-Medien starten zunächst einen spartanisch konfigurierten Boot-Manager Grub (Abbildung 1), der vorschlägt, von CD oder Festplatte zu starten und die Prüfsumme zu verifizieren. Über [Tab] lässt sich der Bootbefehl ändern und erweitern. Drücken Sie bei den Live-CDs während des Bootens [I], um einen interaktiven Bootvorgang auszuführen (Abbildung 2), holt das Boot-Skript bei jedem Dienst eine Starterlaubnis ein. Dies verlängert den Systemstart natürlich erheblich, lässt aber auch die Freiheit, ungenutzte oder problematische Dienste bereits im Vorfeld auszuschließen.

Abbildung 1

Abbildung 1: Ein einfacher Bootscreen im fedoratypischen blau-grau, begrüßt die Anwender beider Desktop-Lager.

Abbildung 2

Abbildung 2: Sie verzichten lieber auf den ein oder anderen Service? Kein Problem: Starten Sie einfach einen interaktiven Bootvorgang.

Je nach Rechenkraft Ihres digitalen Knechtes begrüßt Sie bald ein schicker Login-Manager namens KDM oder GDM. Während die KDE-Version aber noch beharrlich englisch spricht, wählt der Gnome-Nutzer bereits seine Muttersprache aus (Abbildung 3). Wählen Sie den Menüpunkt Language, um Ihre Sprache auszuwählen: Fedora stellt die locales nun auf de_DE.utf8 um und startet GDM neu. Auf Wunsch bringt Fedora Ihren Ordnern beim ersten Anmelden auch Deutsch bei (Abbildung 4).

Abbildung 3

Abbildung 3: Der Loginscreen des GDM erlaubt das Umstellen der Sprache bereits im Vorfeld.

Abbildung 4

Abbildung 4: Auf Wunsch passt Fedoras Gnome-Desktop die Verzeichnisnamen an die Sprache des Benutzers an.

Sie stoßen zunächst auf ein neues Gnome-Theme namens Nodoka (Abbildung 5), das etwas moderner und feiner aussieht, aber ansonsten stark dem bei Red Hat beliebten Curve ähnelt.

Abbildung 5

Abbildung 5: Der aufgeräumte Gnome-Desktop wirkt dank "Nodoka" wieder etwas moderner.

Die Live-CD bietet für die täglichen Aufgaben aktuelle Standards wie Evolution, Pidgin, Gimp und Co. an. Die bürotaugliche Software beschränkt sich auf AbiWord und Gnumeric: Um OpenOffice zu nutzen, müssen Sie Fedora auf Festplatte bannen und die Software nachinstallieren.

Auch in Fedora 8 müssen Sie die Tools zur Systemkonfiguration noch zusammen klauben (Abbildung 6). Die Entwickler versammeln diese zwar logisch in den Menüordnern System | Einstellungen und System | Administration, aber die Benutzerführung der einzelnen Setup-Tools variiert doch stark.

Abbildung 6

Abbildung 6: Fedora bietet auch in seiner 8. Ausgabe keine einheitliche Systemkonfiguration, sondern liefert lediglich einzelne Tools, die sich in der Handhabung deutlich unterscheiden.

Die KDE-basierte Live-CD unterscheidet sich in nur wenigen Punkten vom Gnome-Pendant. Auch er lässt sich interaktiv booten; KDE-typisch landen Sie dann auf dem Desktop mit der einzelnen Kontrollleiste am unteren Bildschirmrand. Die Menüstruktur ist aber nur wenig gelungen: Hier herrscht nicht nur Unübersichtlichkeit, sondern Wirrwarr, weil Einträge in mehreren Menüs auftauchen. Das Fehlen eines zentralen Konfigurations-Tools macht sich unter KDE negativer bemerkbar als unter Gnome.

Zunächst begrüßt Sie KDE in der Version 3.5.8 noch in Englisch. Sie ändern diese Systemvorgabe am besten über den Menüpunkt Administration | Language, wenn Sie bereits über eine funktionstüchtige Internetanbindung verfügen. Anderenfalls holen Sie deren Konfiguration jetzt über Administration | Network nach. Der Paketmanager Pirut lädt die vermissten Programmpakete nach und fordert Sie auf, sich noch einmal einzuloggen. Warum nach der Installation auf Festplatte zumindest die KDE-Umgebung wieder auf Englisch erscheint, bleibt zunächst ein Rätsel. Ein Blick in den Paketmanager Pirut verrät dann den Grund: Das Sprachpaket kde-i18n-german fehlt, es lässt sich aber leicht nachrüsten.

Installieren & Arbeiten

Beiden Live-CDs lassen sich über das Desktop-Icon Auf der Festplatte installieren fest auf dem Computer installieren, ein grafischer Installer hilft dabei. Quasi Schritt für Schritt beantworten Sie Fragen zum Tastaturlayout, partitionieren Ihre Festplatte um Platz für Fedora zu schaffen, richten das Netzwerk ein (Abbildung 7), bestimmen Ihren Standort und legen ein Root-Passwort fest. Während der Installation gibt es keine Unterschiede zwischen Gnome- und KDE-Version.

Während das Programm die meisten Voreinstellungen automatisch richtig und logisch setzt, erlaubt es auch manuelle Eingriffe von Profis, zum Beispiel beim Partitionieren. Dabei bleibt der Installer aber immer intuitiv, wenn Sie die nötigen Grundkenntnisse mitbringen.

Abbildung 7

Abbildung 7: Ein gut gelungener grafischer Installer bannt auf Wunsch mit wenigen Mausklicks Fedora 8 auf die heimische Festplatte.

Nach einem Neustart des Systems sollte Fedora nun problemlos booten und erst einmal den Startassistenten aktivieren (Abbildung 8). Nicken Sie die Lizenzinformationen ab und bestimmen Sie, welche Dienste Ihres Rechners Sie durch die eingeschaltete Firewall hindurch nutzen wollen. Es folgt die Konfiguration von SELinux. Wer das sehr komplexe Sicherheitskonzept nicht versteht, dem sei ein Kapitel dieses Onlinebuches [4] von Ralf Spenneberg ans Herz gelegt [im PDF-Format]. Oder Sie vertrauen Fedora und belassen die Einstellung bei aktiv.

Abbildung 8

Abbildung 8: Der Startassistent hilft Ihnen, das neue System einzurichten.

Nachfolgend bestimmen Sie noch die Uhrzeit des Systems und richten per Mausklick einen NTP-Server ein – vorausgesetzt Ihre Online-Verbindung steht bereits. Smolt, der neue Hardware-Profiler, wünscht nun noch einige Informationen, um die Arbeit des Fedora-Projekts besser auf die Nutzer abzustimmen. Die Daten bleiben anonym und beinhalten tatsächlich nur Informationen zur Systemkonfiguration. Das Erstellen eines Benutzeraccounts schließt die Konfiguration ab und startet, je nach veränderten Einstellungen, den Computer neu.

Erste Schritte

Haben Sie das Netzwerk bereits während der Installation eingerichtet, meldet sich nach dem Start des installierten Systems der Updatemanager, um die bis dato aufgelaufenen Aktualisierungen zu installieren. Der Paketmanager Pirut erledigt den Job und arbeitet anschließend ausgesprochen zügig die Liste der Updates ab.

Über das Menü Anwendungen | Software hinzufügen/entfernen, bzw. System | Software hinzufügen/entfernen unter KDE, erreichen Sie die zentrale Softwareverwaltung, die sich in die sechs Verwaltungsgruppen Desktopumgebungen, Anwendungen, Softwareentwicklung, Server, Basissystem und Sprachen untergliedert. Diese wiederum fassen viele RPMs in Untergruppen zusammmen. So verbergen sich hinter der Verwaltungsgruppe Anwendungen die Programmpakete Bildungssoftware, Grafik oder auch Spiele und Zeitvertreib. Wer einzelne Softwarekomponenten installieren will, klickt ein solches Programmpaket an und betätigt weiter unten den Schalter Optional Packages.

Die Softwareverwaltung lässt sich durch die logischen Untergruppen kinderleicht bedienen: Eine Suchfunktion arbeitet schnell und zuverlässig. Haben Sie das fehlende Sprachpaket kde-i18n-German nachinstalliert, schreiten Sie zur Aktivierung der deutschen Sprache: Klicken Sie auf Control Center | Regional & Accessibility | Country/Region & Language und fügen Sie über den Schalter Add Language, German hinzu. Zugegeben – etwas viel Action für eine Lokalisation.

Der Paketmanager wirkt sehr einfach und schlank. Mit zwei Mausklicks stellen Sie den Standard-Desktop auf Gnome oder XFCE um. Der Download zieht sich hin, aber einfacher lässt sich ein Desktop kaum wechseln. Über das Menü Bearbeiten | Repositories binden Sie neue Paketquellen ein. Fedora bietet die Zweige Fedora, Development, Source, Testing und Update an. Weil Red Hat/Fedora keine Patente verletzen will, fehlen der Distribution viele multimediale Pakete, etwa zum Abspielen von MP3-Dateien. Hier springt das Livna-Projekt in die Bresche.

Für Sound und Bild

Das Livna-Projekt [5] ähnelt dem Packman-Repository unter OpenSuse. Um Ihre Paketverwaltung um die Livna-Quellen zu erweitern, schreiben Sie aber keine langen Adressen in Konfigurationsdateien, laden lediglich die Datei http://rpm.livna.org/livna-release-8.rpm herunter und installieren sie. Das funktioniert auch ganz automatisch, wenn Sie die Adresse im Browser Konqueror eingeben. Fedora öffnet das Paket dann mit Pirut, der es gleich installiert. Von nun an warten im Paketmanager unter Bearbeiten | Repositories auch die Einträge livna, livna-development, livna-source und livna-testing auf Sie. Sie installieren nun auch die MP3-Funktionalität oder diverse Codecs für MPlayer, Vlc und andere ohne weiteren Aufwand nach.

Bei aller Einfachheit beschränkt sich der Paketverwalter aber auch nur auf das Nötigste. Funktionen zum Verwalten unterschiedlicher Paketversionen fehlen beispielsweise.

Neues & Altes

Neu in der Werwolf-Ausgabe ist ein Werkzeug zur Firewall-Konfiguration. Das erreichen Sie über das Administrationsmenü. Der eingebaute Wizard, den Sie über das Menü-Icon starten, fragt nach der Anzahl der Netzwerkzugänge und Ihrem Wissen zum Thema Firewall, informiert Sie aber nicht über seine Zaubereien. Einzelne Ports zu bestimmten Diensten, wie ssh oder ftp schalten Sie zwar problemlos frei, für tiefergehende Konfigurationen brauchen Sie aber weiterhin einen Editor. Über den Menüpunkt für Masquerading richten Sie mit wenigen Mausklicks einen voreingestellten Router ein, den Sie über die Schnittstellen eth, ippp, isdn, ppp und tun betreiben. Im Privatbereich stellt das neue Tool durch seine Einfachheit eine gute Hilfe dar, Profis schreiben die Konfiguration für ihre Firewall sicher weiterhin von Hand.

Laut eigener Aussage arbeitet Suns Java-Umgebung durch eine Änderung am X.org-Server nicht mehr mit Fedora zusammen. Die Community möchte das freie GPL-Java "IcedTea" etablieren. Wer in seinem Produktivsystem also auf Suns Java setzt, sollte auf Fedora 8 verzichten.

Die neue Audio-Schnittstelle PulseAudio, die im Vorfeld auch als das "Audio-Compiz" bezeichnet wurde, bereitete auf unseren Testsystemen keine Probleme. Liest man allerdings die Erfahrungsberichte der User in den einschlägigen Foren, scheint PulseAudio noch nicht mit allen Soundkarten ordnungsgemäß zu kooperieren.

Zahlreiche kleinere Neuerungen und Verbesserungen bringt der aktuelle Kernel 2.6.23 mit: So wartet Fedora bereits jetzt mit neuen Treibern für WLAN-Karten (unter anderem Broadcom und Ralink) auf, welche andere Distributionen noch nicht übernommen haben.

Unerklärlich fanden wir beim Test allerdings, wie sich aus Fedora 7 bekannte Übersetzungsfehler [6] bis in die finale Version 8 der Distribution durchmogeln konnten, wie Abbildung 9 zeigt.

Abbildung 9

Abbildung 9: Alte Fehler, wie hier die unlogische Beschreibung zum Druckernamen, bestehen bereits seit drei Releases.

Im Gegensatz zu OpenSuse, das vor einigen Wochen erschien, gewährt Fedora auch keine Vorschau auf das angekündigte neue KDE 4, sondern setzt konsequent auf die stabile Version 3.5.8. Eine Außnahme bildet hier der eigentlich für KDE 4 bestimmte GoogleEarth-Nachbau Marble, den Sie bereits über Pirut nachinstallieren.

Fazit

Fedoras achter Wurf entpuppt sich als moderne, stabile Distribution mit großem Softwarekatalog auf aktuellem Stand und mit den neuesten Treibern. Die Installation von den Live-Medien klappte anstandslos und das System lief im Test sehr stabil. Die Unterschiede der beiden Live-CDs lassen sich auf Desktop-typische Eigenheiten zurückführen, die Sie aber mit wenigen Handgriffen beseitigen beziehungsweise an Ihre Bedürfnisse anpassen.

Die Neuerungen PulseAudio und IcedTea müssen sich im Alltag erst noch bewähren. Fedora-7-Anwender sollten daher abwägen, ob Sie die besseren und neueren Treiber – etwa für WLAN-Karten – tatsächlich benötigen. Für Fedora 6 hingegen läuft im Dezember der Support aus, wodurch sich ein Upgrade schon aus Sicherheitsgründen empfiehlt.

Was Fedora fehlt, ist ein Killerfeature, das es von den anderen großen Distributionen abhebt. Im Gegenteil: In einigen Bereichen hinkt der Werwolf den aktuellen Releases von Ubuntu und OpenSuse noch etwas hinterher. So verpassen es die Entwickler, mit entscheidenden Usability-Vorteilen (wie einheitliche Systemwerkzeuge) den Werwolf deutlich vom Mondschein abzuheben.

Fedora 8 im Überblick

Komponente   Version
Kernel   2.6.23
GCC     4.1.2
X.org   7.2
Yum     3.2.5
Gnome   2.20
KDE     3.5.8
Openoffice   2.3
Web: Firefox 2.0.0.6
Email: Evolution 2.12.0
Infos

[1] Fedora-Homepage http://fedoraproject.org/de/

[2] Releasenotes http://docs.fedoraproject.org/release-notes/f8/de/

[3] Fedora Download http://fedoraproject.org/de/get-fedora

[4] Grundlagen SELinux http://www.os-t.de/PDFs_SELinux/2363_Kap_12.pdf

[5] Multimedia für Fedora http://rpm.livna.org

[6] Rene Gäbler: "Die saubere Distro"; LU 08/2007, II ff.

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