Tickt richtig

Mandriva 2008.0 im Test

01.12.2007 Mandriva Linux gilt seit jeher als besonders einsteigerfreundlich. Die neue Version 2008 verspricht darüber hinaus eine bessere Energieeffizienz und kommt gleich mit zwei 3D-Managern.

Mandriva Linux gehört hierzulande seit jeher zu den bekanntesten Linux-Distributionen und genießt aufgrund seiner leichte Bedienbarkeit hohe Wertschätzung bei den Anwendern. Mit dem neuen Mandriva One 2008.0 hat die französisch-brasilianische Softwareschmiede [1] Anfang Oktober eine neue Version vorgestellt, die weit über bloße Aktualisierungen einzelner Komponenten hinausgeht.

Die neue Release ist sowohl auf CD als auch auf DVD erhältlich. Auf den ersten Blick fallen die relativ hohen Systemanforderungen ins Auge, die der Hersteller für sein neuestes Produkt angibt: Als Mindestvoraussetzung gelten eine CPU mit 1 GHz Taktfrequenz, 256 MByte Arbeitsspeicher und 3 GByte freier Platz auf der Platte. Soll KDE 4 als Desktop dienen, steigt der benötigte Plattenplatz gar auf 4 GByte.

Das Live-System

Nach dem Einlegen der LinuxUser-Heft-DVD und einem Warmstart bootet der Rechner in einen grafischen Bootloader, aus dem Sie den Eintrag Mandriva One 2008 - live wählen. Nun fragt das System zunächst verschiedene Daten zur gewünschten Tastatur, Zeitzone und Sprache ab, bevor der Rechner in Mandriva-typischen Blautönen die KDE-Oberfläche aufbaut.

Die einzelnen Komponenten des Systems befinden sich auf aktuellem Stand: Der 3D-Manager Compiz Fusion ist in Version 0.5.2 mit dabei, als Arbeitsumgebung kommt KDE 3.5.7 zum Zug, und unter der Haube werkelt der Linux-Kernel 2.6.22 . Er weist als herausragendes Merkmal den so genannten Tickless Kernel Timer auf: Diese neue Technologie schränkt die Monitoring-Aktivitäten des Systems ein und dient daher der Energieeinsparung, was sich insbesondere auf Notebooks bemerkbar macht.

Auch die Applikationssoftware haben die Entwickler komplett aktualisiert: So sind jetzt Firefox in der Version 2.0.0.6, OpenOffice 2.2.1, GIMP 2.4.0-rc2 und der Multimedia-Player Amarok Version 1.4.7 enthalten.

Installation auf der Festplatte

Auf der KDE-Oberfläche befindet sich für Nutzer, denen das System gefällt und die es daher dauerhaft auf die Festplatte packen möchten, das Icon Live Install, über das man eine grafische Installationsroutine anstößt. Diese geleitet Sie in wenigen Schritten hin zu einem fast fertig installierten System. Im Gegensatz zu vielen anderen Distributionen legt Mandrivas Installer keinen neuen User an, erlaubt jedoch detaillierte Einstellungen des Boot-Managers Grub. Allerdings erkennt Mandriva keine bereits zuvor installierten Linux-Systeme auf der Festplatte, so dass eine manuelle spätere Anpassung von Grub unumgänglich ist.

Umsteiger von anderen Betriebssystemen nimmt ähnlich wie bei Ubuntu ein Migrationsassistent an die Hand, der Daten, Einstellungen und vor allem Fonts per Mausklick in das neue Mandriva-System übernimmt. Dieser Migrationsassistent liest die dazu notwendigen Daten von NTFS-Partitionen aus. Nach Abschluss der Grundinstallation starten Sie den Rechner neu. Im zweiten Durchlauf vergeben Sie das Root-Passwort und legen ein Benutzerkonto an.

Mit "Mandriva Firsttime" hält auch die bereits von Ubuntu und seinen Derivaten her bekannte Hardwarekatalogisierung mit Versand der Daten an einen Mandriva-Server Einzug in das Betriebssystem. Diese Katalogisierung soll es dem Hersteller erleichtern, eine Datenbank mit kompatiblen Hardwarekomponenten zusammenzustellen. Nach einem erneuten Warmstart ist der neue User-Account aktiviert und das System einsatzbereit.

Beim ersten Start fiel uns zunächst positiv auf, dass Mandriva die Firewall Shorewall mit sinnvollen Einstellungen vorkonfiguriert, das System also gegen Angriffe aus dem Internet abgeschirmt bleibt, ohne dass sich der Nutzer zunächst mit den Details der Firewall herumschlagen muss. Völlig unverständlich erscheint es jedoch, dass ab Werk das Autologin aktiviert wird, sich der Rechner also ohne Anmelden eines Nutzers mit Nutzernamen und Passwort starten lässt. Diesen sicherheitstechnischen Schnitzer beheben Sie, indem Sie das Autologin im KDE-Menü Kontrollzentrum | Systemstart deaktivieren.

Alt und neu

Der Desktop von Mandriva 2008 begrüßt den Anwender im typischen blauen Design (Abbildung 1). Ältere Semester unter den KDE-Anwendern dürften erfreut feststellen, dass sich Mandriva auch bei der aktuellen Release an die Freedesktop-Standards hält und KDE in der altbekannten Menüstruktur installiert: Anders als beispielsweise Linux Mint KDE oder Kubuntu verzichtet Mandriva ein modisch neu gestaltetes Startmenü und behält das bewährte Look-and-feel bei. So müssen sich Nutzer früherer KDE-Versionen nicht umgewöhnen, die wichtigsten Einstellungen finden sich am gewohnten Platz. Leider haben es jedoch auch die Mandriva-Programmierer nicht geschafft, KDE zu entschlacken. Direkt nach dem Start, ohne zusätzliche Applikationssoftware belegt der Desktop bereits knapp 260 MByte Arbeitsspeicher – nahezu das Doppelte des RAM-Bedarfs von Gnome (das Mandriva alternativ in der Version 2.20 ebenfalls als Oberfläche anbietet).

Abbildung 1: Keine Experimente – Mandriva 2008 kommt wie immer in dezentem Blau.

Über das Startmenü und dessen Untermenüs Werkzeuge | Systemwerkzeuge | Den Computer konfigurieren gelangen Sie zum Mandriva Linux Kontrollzentrum, das übersichtlich alle wichtigen Einstellmöglichkeiten zusammenfasst. Hier findet sich unter dem Menüpunkt Software verwalten der Paketmanager, der jetzt auch Statistiken entwirft und diese auf Wunsch an einen Mandriva-Server verschickt.

Zudem lassen sich im Kontrollzentrum wichtige Systemdienste und Hardwarekomponenten konfiguriert. Über das Menü Hardware schalten Sie etwa die berühmt-berüchtigten 3D-Effekte ein und aus und passen sie Ihren Wünschen an. Sofern die Grafikkarte im Rechner 3D-Effekte unterstützt, bietet Mandriva neben dem bekannten Compiz Fusion zusätzlich die Metisse-Umgebung [2], die weniger Wert auf spektakuläre dreidimensionale Effekte legt als vielmehr auf Erleichterungen bei der Benutzerführung (Abbildung 2). Das Untermenü Browse and configure hardware wartet in einem zweigeteilten Fenster mit einer übersichtlichen Darstellung aller erkannten Komponenten samt der dazugehörigen Ressourcen auf (Abbildung 3).

Abbildung 2: Darf's ein bisschen mehr sein? Mandriva 2008 offeriert gleich zwei verschiedene 3D-Techniken.

Abbildung 3: Erstklassige Hardware-Erkennung: Es gibt kaum eine Komponente, mit der Mandriva 2008 nicht klar käme.

Wo Licht ist…

Bei unseren Tests auf verschiedenen Notebooks zeigte sich, dass Mandriva nicht umsonst der Ruf einer exzellenten Hardware-Erkennung vorauseilt: So wurden beispielsweise auf einem voll ausgestatteten Thinkpad-R50-Notebook von IBM out of the box alle Komponenten korrekt erkannt und konfiguriert, von WLAN über Bluetooth, Gigabit-Ethernet und Firewire bis hin zum Trackpoint und Touchpad. Sogar die in den meisten Notebooks verbauten, von Haus aus nicht zu Linux kompatiblen Winmodems erkennt das System korrekt und bietet im Fall der Verfügbarkeit einen Treiberdownload an. Einige Winmodems, für die es freie Treiber gibt, konfiguriert Mandriva gar selbständig. Auch für Nutzer neuester Hardware empfiehlt sich das System: Es kommt sowohl mit SATA-Festplatten als auch mit Dual-Core-Prozessoren problemlos klar. Vor allem letztere geben aufgrund der Zweikern-Konstruktion und der noch größeren Caches mit Mandriva ordentlich Gas.

…ist auch Schatten

Weniger erfreulich hingegen gestaltet sich unter bestimmten Voraussetzungen die korrekte Einstellung der Bildschirmauflösung. Bei unseren Notebook-Tests zeigte sich, dass bei Mobilgeräten, die nicht dem Centrino-Standard von Intel entsprechen, durchgängig Probleme mit dem X-Server auftreten. Auf IBM Thinkpads der A- und T-Baureihen älterer Typen wurden zwar die Grafikkarten korrekt erkannt und auch die 3D-Effekte funktionsfähig aktiviert, die korrekt im Kontrollzentrum eingestellten Displayauflösungen jedoch nicht realisiert. Stattdessen mussten wir mit einer Standard-VGA-Auflösung auf SXGA+- und UXGA-Displays vorlieb nehmen.

Diese Fehler lassen sich nur durch eine manuelle Anpassung der Einstellungsdatei xorg.conf beheben, wo man statt des ati- oder radeon-Treibers den vesa-Treiber einstellen muss. Letzterer erlaubt jedoch wegen fehlender OpenGL-Unterstützung keine dreidimensionalen Effekte mit Compiz und arbeitet auch langsamer. Ein Trostpflaster für 3D-Freunde: Metisse [2] kommt auch mit eigentlich nicht 3D-fähigen Grafikkarten und Treibern klar, sodass selbst auf alten Grafikkomponenten Transparenzeffekte und auf- und zuklappende Fenster erscheinen. Beachten Sie jedoch, dass unter Metisse einige Funktionstasten anders belegt und dabei manche Linux-Tastenkombinationen überschreibt.

Auch bei PCs mit bestimmten Intel-Grafikkarten gilt es unter Mandriva händische Nacharbeit zu leisten: Die Grafikkerne von Intel-Chipsätzen der Baureihen i81x, i830 und i845 wollen mit den in X.org 7.2 vorhandenen Treibern nicht zusammenarbeiten, der X-Server lässt sich gar nicht erst starten. Daher müssen Sie auch in diesem Fall auf der Konsole in der Datei /etc/X11/xorg.conf den i810-Treiber gegen den vesa-Treiber austauschen. Diese massiven Probleme gehen nicht auf Mandrivas Kappe, sondern beruhen auf Treibermodifikationen in X.org 7.2.

Ein weiteres Manko der One-Version von Mandriva stellt die fehlende Cups-Installation dar. Durch das Fehlen des Linux-Druckermanagers, der offenbar nicht mehr auf die CD passte, lassen sich im Live-Betrieb und bei einer reinen CD-Installation keine Drucker definieren und ansprechen. Daher sollten Sie Cups sofort nach der Erstinstallation aus den Mandriva-Repositories nachladen .

Fazit

Im Testbetrieb auf einem halben Dutzend Notebooks und Desktops gefiel Mandriva 2008 durch die übliche, sehr einfache Handhabung und große Stabilität. Gegenüber der Vorgängerversion gewinnt die Distribution nicht zuletzt durch den Tickless Kernel Timer, der insbesondere Notebooks zu einer spürbar längeren Laufzeit im reinen Akkubetrieb verhilft. Umsteigern erleichtert zudem der Migrationsassistent den Abschied vom alten Betriebssystem deutlich.

Positiv fällt außerdem die gute Integration der Compiz- und der Metisse-Umgebung auf: Während vor allem Metisse in Mandriva 2007 den Status als Entwicklerversion noch spüren ließ, arbeitet es jetzt zuverlässig und ohne Auffälligkeiten. Allerdings scheint es bei Mandriva allmählich Zeit zu werden, von reinen CD-Distributionen Abschied zu nehmen. Vermutlich aus Platzmangel schaffte es der Cups-Server nicht mehr auf die CD, und die deutschsprachige Lokalisierung lässt in der One-Version mangels vollständiger Sprachdateien ebenfalls zu wünschen übrig.

Mandriva 2008.0 bietet sich aufgrund der einfachen und durchdachten Handhabung und der exzellenten Hardware-Erkennung vor allem für Ein- und Umsteiger an. Ein Softwarefundus von rund 16 000 Paketen lässt auch für Intensivnutzer mit besonderen Softwareanforderungen kaum Wünsche offen. Und wem die Standardoberfläche KDE zu wuchtig und unübersichtlich erscheint, der bekommt Mandriva 2008 auch mit dem deutlich schlankeren Gnome 2.20.

Glossar

Tickless Kernel

Das mit Kernel 2.6.21 eingeführte Feature schaltet im Wesentlichen die sonst 1000 Mal pro Sekunde auftretenden Timer-Interrupts im Idle-Betrieb ab, sodass das System nicht unnötig "aufwacht".

Infos

[1] Website von Mandriva: http://www.mandriva.com

[2] 2,5D-Desktop Metisse: Erik Bärwaldt, "Gefällige Mischung", LinuxUser 05/2007, S.59, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/05/059-metisse/

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