Aufmacher

Linux für alle!

01.12.2007

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lehnte es eine amerikanische Versicherung ab, Computer in Privathaushalten zu versichern: So ein Gerät mit Ausmaßen eines Wohnzimmerschranks gehöre nicht ins traute Heim, lautete sinngemäß die Begründung. "Braucht der ganz normale Mensch einen persönlichen Computer?", fragt der Spiegel im Sinn des damaligen Zeitgeists: "Vor drei Jahrzehnten schien die Antwort klar: Natürlich nicht! Wozu auch?" [1]

Ausgerechnet der Lieblingsgegner aller Linuxer, Bill Gates, setzte in den 80er Jahren seine Vision dagegen: "A PC on every desktop and in every home", und hat längst Recht bekommen. Es ist ein Teil seines Erfolgsrezeptes, für viele sinnvollen und manche unsinnige Anwendungen zu Hause ein Gerät anzubieten. Der andere Teil ist Geschichte, in der Microsoft mit seinem Betriebssystem MS-DOS einen festen Platz einnimmt: "Weil IBM es anderen Firmen in einem Versuch, einen Industrie-Standard zu etablieren, erlaubte, die grundlegende Architektur des 5150 zu kopieren", so noch einmal der Spiegel, "verbreitete sich der IBM-PC im Doppel mit MS-DOS wie ein Lauffeuer – und verdrängte immer mehr Mainframe-Workstations aus den Büros." So eine Art Open Source, zumindest in der Frage der Distribution, finden Sie nicht?

Später haben sich die ersten Windows- und Office-Versionen über Schulhöfe und Universitäten ebenfalls in ungezählten Kopien verbreitet – Raubkopien, wie man heute völlig unverhältnismäßig sagt. Ohne diese zwar eigentlich illegale, aber stillschweigend und wohl auch gern geduldete Verbreitung seiner Produkte wäre Microsoft heute sicher nicht das größte Software-Unternehmen, und Bill Gates nicht der reichste Mann der Welt. Nicht die schlechteste Form von Marketing, oder?

Ich finde: Ein Hindernis bei der Verbreitung von Linux mit seinen Tausenden von echten Open-Source-Programmen ist die Haltung, wie sie Jörg Luther in der November-Ausgabe von LinuxUser vertritt [2]: Nein, es soll und muss nicht jeder Linux nutzen, so der Chefredakteur von LinuxUser sinngemäß. Für ihn ist Linux nicht einfach nur quelloffene und kostenlose Software, sondern eine Bewegung, die durch den Wunsch nach einem besseren Windows nur geschwächt würde. Linux sei nicht für alle, sondern nur für diejenigen, die bereit seien zum "Umdenken" und die – auch als erfahrene Benutzer – die Bereitschaft mitbrächten, "ständig dazuzulernen", so Luther. Kann ich ihm bei der Bewegung noch folgen, überhole ich ihn bei der Schlussfolgerung. Ich halte sie für falsch.

Linux genießt in Fachkreisen seit langer Zeit einen exzellenten Ruf: Das System ist stabil und bietet Bösewichten prinzipiell so wenig Angriffsfläche, dass die meisten Hacker gleich aufgeben. Die wachsende Popularität von Linux erklärt das nicht. Die rührt von der zunehmend einfachen Bedienung her, von der breiten Hardware-Einbindung, von der Vielseitigkeit der Anwendungen, die Administratoren und Programmierer ebenso anspricht wie Leute, die einfach nur surfen und chatten möchten, Briefe schreiben, Musik hören und Filme gucken oder spielen.

Das hat Linux in letzter Zeit viel mehr nach vorne gebracht, als alles andere. Das gilt es zu vertiefen, damit Linux irgendwann die bessere Alternative zu Windows wird. Das Ziel muss es sein, Linux zu dem Betriebssystem zu machen, das alle für alles verwenden. Dann bieten Hardware-Hersteller wie selbstverständlich für neue Geräte auch Linux-Treiber an, und Softwarefirmen immer auch Versionen ihrer Programme für das freie Betriebssystem. Erst dann haben wir es geschafft, die wir für Linux als freies Betriebssystem eintreten!

"Linux ist mehr als ein Betriebssystem", schreibt Jörg Luther. Das stimmt, ist aber für mich nicht das wichtigste Argument. "Linux – alles, was ein PC braucht": So läuft's Business!

Herzliche Grüße,

Thomas Pelkmann

Redakteur

Infos

[1] Als die Dose unser Leben veränderte, Frank Patalong in Spiegel Online: http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,druck-430636,00.html

[2] Editorial: Jörg Luther, "Linux für alle?", LinuxUser 11/2007, S. 5, http://www.linux-user.de/ausgabe/2007/11/005-editorial/

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