Wer Musik mit Hilfe eines Computers einspielen möchte, greift eher nicht zuerst zum Linux-PC – professionelle Produkte gibt es vor allem für die Plattformen Windows und Mac OS. Doch mit dem Linux Multimedia Studio (LMMS, [1]) existiert für die digitale Musikproduktion eine echte Open-Source-Alternative zu den kommerziellen Anwendungen. Das Programm vereint verschiedene MIDI-Sequencer mit digitalen Klangerzeugern und LADSPA- sowie VST-Effekten. Bislang hinkte LMMS der Windows- und Mac-Konkurrenz deutlich hinterher, insbesondere in Hinsicht auf Funktionsumfang und Stabilität. Jetzt unternimmt das Projekt mit der Version 0.3.0 einen neuen Anlauf auf dem Linux-Desktop und verspricht, genau diese Schwächen auszubügeln.
Bei einigen Distributionen gehört LMMS bereits zum Lieferumfang: Etwa beim neuen Debian "Lenny", dem ebenfalls jungen Ubuntu "Gutsy" (apt-get install lmms) sowie den OpenSuse-Versionen der 10er-Serie, wo Sie das Programm über das Packman-Repository [2] erreichen.
Wer nicht mit diesen Distributionen arbeitet, übersetzt LMMS 0.3.0 aus den Quellen [3] und richtet das Programm mit Administratorenrechten über configure, make und make install ein. Voraussetzung sind ein funktionierender C-Compiler, die Bibliothek libc6-dev sowie aktuelle Entwicklerversionen von Qt3 oder Qt4.
Nach der Installation starten Sie LMMS wahlweise aus der Konsole über lmms oder – falls vorhanden – über den entsprechenden Eintrag in der Programm-Rubrik Multimedia. Sollte sich bei Ihnen dann aber eine Vorversion von LMMS melden, müssen Sie diese erst deinstallieren und dann die Einrichtung der aktuellen Version wiederholen.
Eine der Neuheiten von LMMS in der Version 0.3.0 stellt die Unterstützung von Plugins dar. Damit ist es jetzt möglich, alle Instrumenten- und Sample-Spuren mit Effekten auszustatten. Dafür können Sie sowohl vorhandene LADSPA- und VST-Effekte wie auch LMMS-eigene Effekt-Plugins nutzen. Allerdings steht an Bordeffekten derzeit nur einer zur Verfügung, ein Bass-Booster-Plugin.
Damit Sie nicht erst etliche LADSPA-Effekte herunterladen und installieren müssen, bringt LMMS eine ganze Reihe von wichtigen Standard-Plugins in Form der LADSPA-Bibliothek CAPS (C* Audio Plugin Suite) mit. Um diese Effekte zu nutzen, geben Sie bei Einstellungen | Einstellungsdialog anzeigen im Reiter Verzeichnisse zunächst den Pfad zu diesen Effekten an. Möchten Sie außerdem vorhandene VST-Effekte nutzen, müssen Sie hier auch diesen Pfad eintragen. Moderne Distributionen beinhalten zusätzliche Sammlungen wie fil-plugins, swh-plugins oder tap-plugins, die Sie über Ihren Paketmanager einrichten.
Um nun einer MIDI-Spur einen dieser Effekte hinzuzufügen, klicken Sie im Song-Editor auf den Instrumenten-Eintrag, zum Beispiel TripleOscillator, und dann auf den kleinen Reiter FX. Dort finden Sie unter dem Titel Effekt-Kette eine noch leere Liste vor. Klicken Sie unter der Liste auf Hinzufügen, um den Effektauswähler-Dialog zu öffnen (Abbildung 1).
Nach der Auswahl eines Effekts per Doppelklick oder über die Schaltfläche Hinzufügen erscheint das Plugin nun einsatzbereit in der Effekt-Kette. Die meisten Effekte besitzen veränderbare Parameter, die Sie entweder direkt oder per Klick auf Regler in einem Extra-Fenster erreichen. Interessant ist die Option Im Automations-Editor öffnen, die Sie per Rechtsklick auf einen Regler aktivieren. In dem Editor zeichnen Sie mit der Maus eine Kurve, die die Regler anschließend wie von Zauberhand steuert.
Fügen Sie über diesen Weg nach Belieben weitere Effekte hinzu, die Sie in der Spur einfach in Reihe schalten. Um diese Kette anschließend zu aktivieren, klicken Sie auf das kleine LED-Symbol neben dem Eintrag Effekt-Kette. Möchten Sie die Effekte testen, nutzen Sie unterhalb des Fensters die kleine Klaviatur.
Für Sample-Spuren gestaltet sich die Auswahl von Effekten ähnlich. Allerdings entfällt der FX-Reiter zugunsten eines Buttons mit Lautsprecher-Symbol, der sich links neben der Spurenbeschriftung befindet. Ein Klick darauf öffnet die bereits bekannte Effekt-Kette.
Zu einem echten Multimedia-Studio gehören natürlich auch Instrumente, und so wartet die Version 0.3.0 mit fünf neuen Plugins auf, die Sie in Abbildung 2 sehen.
Mit dem LB302 kommt ein leistungsfähiger TB303-Klon an Bord, der als erstes LMMS-Plugin überhaupt echte Monophonie bietet. Die ermöglicht dem Nachbau des legendären Bass-Synthesizers von Roland richtig druckvolle Sounds und gehört sicher zu den klanglichen Höhepunkten des LMMS. Wie gut das Plugin sich anhört, können Sie unter [4] selbst testen..
Neu ist auch das Mallets-Plugin, das sich als Frontend für das Synthesis Toolkit Stk versteht und perkussive Klänge wie Xylophon, Glockenspiel oder Marimba hervorbringt. Ebenfalls neu mit von der Partie: Kicker, der das Linux Multimedia-Studio um einen Bassdrum/Kick-Synthesizer bereichert. Obwohl zur Klangformung nur fünf Parameter bereitstehen (Start- und Endfrequenz, Abfallzeit, Verzerrung und Ausgabemultiplikator), lassen sich diesem Synthesizer eine Vielzahl interessanter Klänge entlocken.
Mit dem eher experimentellen Singerbot gibt es nun ein Frontend für die Sprachsyntheseanwendung Festival, die zum Umfang der meisten gängigen Linux-Distributionen zählt. Mit dem Singerbot lassen Sie LMMS englische Wörter sprechen. Geben Sie mehrere Wörter ein, gibt Singerbot die einzelnen Wörter nicht durch eine lange Note aus, sondern fein säuberlich hintereinander – pro Wort eine Note. Damit können Sie Singerbot praktisch zum Singen bringen.
Last but not least sei der Patman erwähnt, der die Verwendung von Patch-Dateien im GUS-Format erlaubt. Patch-Dateien bestehen aus mehreren Samples, wodurch die Qualität in verschiedenen Tonhöhen deutlich höher liegt als bei One-Shot-Samples, die nur transponiert werden. Eine brauchbare Sammlung solcher Patch-Dateien bietet das Freepats-Projekt [5]. Unter Debian/Ubuntu genügt die Installation des Pakets freepats, während Mandriva das Paket timidity-patch-freepats bereitstellt.
Zu den absoluten Highlights von LMMS 0.3.0 zählt die freie VST-Unterstützung. VST steht für Virtual Studio Technology und ist eine kommerzielle Entwicklung des Sequencer-Anbieters Steinberg aus Hamburg. Die Schnittstelle regelt die Kommunikation zwischen dem Sequencer und den virtuellen Instrumenten im Computer. Grundsätzlich liegt die VST-Schnittstelle für Entwickler offen, unterliegt aber proprietären Lizenzbestimmungen.
Die freie Variante wurde möglich, weil ein LMMS-Entwickler erst den VST-Lizenzvereinbarungen nicht zugestimmt und dann per Reverse Engineering eine freie VST-Header-Datei entwickelt hat. Für die Benutzer von LMMS heißt das: Alle LMMS-Binärpakete enthalten nun schon von Hause aus VST-Unterstützung.
Neben dieser wichtigen Änderung bringt LMMS 0.3.0 viele kleine Verbesserungen mit, etwa die Unterstützung von komprimierten Projektdateien, erkennbar an der Endung mmpz. Auch der MIDI-Import-Filter zeigt sich verbessert und beherrscht nun beispielsweise den Import von Tempo-Änderungen innerhalb eines Songs. Zudem haben die Entwickler Kompatibilitätsprobleme beim Import älterer LMMS-Projekte behoben und dem Programm außerdem das lang erwünschte Menü Zuletzt geöffnete Projekte spendiert. Schließlich hielten ausgewählte Projekte, Presets und Samples aus der LMMS Sharing Platform (LSP) [6] Einzug in die LMMS-Distribution.
Mit Version 0.3.0 scheint LMMS die Kinderkrankheiten langsam überwunden zu haben und sich zu einem positiv heranwachsenden Projekt zu entwickeln, das für die digitale Musikproduktion unter Linux eine Fülle interessanter Möglichkeiten bietet. Zudem lässt es sich dank der einfachen Anbindung von VST- und LADSPA-Effekten praktisch beliebig erweitern. Derzeit sind die Entwickler dabei, LMMS nach Qt4 zu portieren und im Zuge dessen weitere Verbesserungen einzubauen [7].
Glossar
LADSPA
Linux Audio Developers Simple Plugin API. Freie Schnittstelle für Audio-Effekte und Filter unter Linux. LADSPA ersetzt unter Linux proprietäre Systeme wie VST von Steinberg.
VST
Virtual Studio Technology. Von der Firma Steinberg entwickelte Schnittstelle für Audio-Software. VST ermöglicht den Dialog zwischen einer Anwendung und als Plugins realisierten virtuellen Instrumenten.
TB303
Bekannter Analogsynthesizer der Firma Roland mit integriertem Step-Sequenzer aus den 1980ern.
[1] LMMS: http://lmms.sourceforge.net
[2] LMMS für OpenSuse 10.x: http://packman.links2linux.de/package/628
[3] LMMS-Quellen: http://downloads.sourceforge.net/lmms/lmms-0.3.0.tar.bz2
[4] Klangbeispiel des LB302-Plugins: http://lmms.sourceforge.net/lsp/index.php?file=minimal_psy.mmp&cat=0000000022&action=see
[5] Sammlung des Freepats-Projekt: http://freepats.opensrc.org/freepats-20060219.tar.bz2
[6] LMMS Sharing Platform (LSP): http://lmms.sourceforge.net/lsp/
[7] Der Fortgang des LMMS-Projekts: http://sourceforge.net/mailarchive/forum.php?thread_name=200708232331.48781.tobias.doerffel%40gmail.com&forum_name=lmms-devel